Kapitel XCVII.
De theologia scholastica
oder
Von der päpstlichen Schullehrertheologie und Wissenschaft von Gott

[143] Endlich ist noch übrig von der Theologie zu reden; ich will aber allhier vorbeigehen der Heiden ihre, welche von dem Musäo, Orpheo und Hesiodo längst Ist beschrieben worden; und kann nicht geleugnet werden, dass dieselbe eine poetische und erdichtete Theologie ist, welche auch allbereits Eusebius und Lactantius und andere christliche Lehrer mit starken Beweisgründen verfolget haben. Dann wollen wir hier auch nicht viel Redens machen von des Platonis und anderer Weltweisen ihrer Theologie, welche allesamt Meister des Irrtums, wie wir oben gemeldet, gewesen sind, sondern wir wollen nur von der christlichen Theologie etwas herfürbringen; diese, welches gewiss ist, hänget von nichts anders ab als von dem Vertrauen zu ihren Lehrern und Doktoren; denn unter keine Kunst kann sie gerechnet werden.[143]

Wir wollen aber von der Theologia Scholastica, welche zu Paris in der Sorbonne teils aus göttlichen Heilsprüchen, teils aus philosophischen Gründen zu sammengemischet und eine wie die Zentauren zweigestalte Disziplin worden, erst etwas sagen. Diese nun wird heutiges Tages auf eine neue und von der alten ganz separierte Art durch verzwickte Fragen und scharfsinnige Argumenta ohne Zierlichkeit der Rede gelehret, übrigens zu Überwindung der Ketzer bei der Kirchen nicht wenig brauchbar. Ihre Urheber und die darinnen exzellieret haben, sind gewesen der Meister der Wissenschaften, der Thomas Aquinas, Albertus mit dem Zunamen der Grosse und andere fürtreffliche Leute; ferner Johannes Scotus, ein Mann subtilen Verstandes, aber zum Disputieren und Zank sehr geneiget. Dahero ist die Theologie scholastica allmählig durch Sophismata oder betrügliche Reden heruntergekommen, indem die neuen Theosophisten und Krämer des Wortes Gottes, welche bloss dem erkauften Titul nach Theologi sind, aus einer sonderlichen hohen Gewalt sich unterstanden haben, solche Schwätzereien in Schulen aufzubringen, frivole Quaestiones zu movieren, selbsterdichtete Meinungen zu schmieden, der Schrift ihre Deutung auf-zuzwingen, mit intrikaten Worten ihr einen ganz andern Sensum anzudichten und Ursache zu Zank und Streit auszusinnen.

Sie waren so frech, den Samen der Zwietracht auszusäen und den streitsüchtigen Sophisten Anlass zu ihren Debatten zu geben. Sie ziehen die Formen von den Gegenständen ab, sie zergrübeln die Gabe des Verstandes, sie nennen die gleichen Wörter bald Gattungen, bald Arten, die einen halten sich an die Sachen, die andern an die Namen (was sie diesen nehmen, geben sie jenen); ihre Schüler reden das nach, dadurch sich ein jedweder seinen ketzerischen Glauben zu behaupten beflissen hat. Und haben dergestalt unseren heiligen Glauben bei den Gelehrten unserer Zeiten (worüber auch schon Thomas Aquinas[144] geklaget) dem Spott und Misstrauen preisgegeben, indem sie die Schriften des Heiligen Geistes hinter dem Rücken angesehen und von göttlichen Sachen solchen unnützen Streit erwecket haben, womit sie ihre Gelehrsamkeit die Zeit ihres Lebens haben wollen sehen lassen, und haben ihre Lehre so feste darauf gegründet, also dass, wann einer wider dieselbe, gestützt auf das Wort Gottes, was sprechen wollte, der hatte alsobald hören müssen: der Buchstabe an sich selbst tötet, er ist schädlich, er ist unnützlich; aber was dahinter stecket, darnach muss man forschen und grübeln. Da kommen sie auf das Interpretieren, auf das Exponieren, auf das Glossieren und Syllogistizieren und streichen der Sache ganz eine andere Farbe an. Bleibest du aber fest und urgierest etwas stark, da bekömmst du lose Worte und wirst ein Esel gescholten, weil du nicht verstündest, was hinter dem Buchstaben stäke; du kriechest nur auf der Erden wie die Schlange, sprechen sie.

Sehet, das sind die rechten Theologi bei ihnen, die wacker streiten und disputieren, auf alle Fragen gute Instanzien geben, geschwinde etwas erfinden, einen andern Verstand andichten und mit prächtigen Worten nichts als ein bloss Geräusche machen können, dergestalt, dass oftermals wegen Dunkelheit der Worte, nicht wegen der Diffikultät der Sachen, niemand nichts davon verstehen kann. Ja, die werden Doctor subtilis, angelicus, seraphicus und divinus genennet, welche das vorbringen, was von den wenigsten oder gar von niemanden nicht verstanden wird; da kommt eine Menge Zuhörer zugelaufen, welche meinen, wann sie etwan was erschnappen, es wäre aus dem Abgrund der Theologie hergeholet; schwören auf die Lehre ihres Lehrmeisters und liessen sich dafür erschlagen. Ist etwas, das der Lehrer nicht ahnet, so meinen sie, dass niemand es wisse, so werden sie von der Meinung ihrer Meister eingenommen, und lassen sich vom Gegenteil nicht überreden, sondern berufen sich auf deren Autorität und suchen[145] aus ihr alle ihre Kräfte, gleichsam als wie aus dem Busen ihrer Mutter, nach Art des Antäi, wie der Dichter saget: Alsdann fleuget der räuberische Stossvogel, nachdem er den Rest des Luders den Hunden überlassen hat, nach seinem Horste zurück, und bringet den Raub heim, den er zu seiner Speise brauchet.

Daher ist es kommen, dass auch die Fürstenschulen von dem Irrtum dieser scholastischen Theologie nicht frei sind. Sehet, soviel Sekten und soviel Ketzer haben diese elenden Heuchler und frechen Sophisten eingeführet, welche (wie Paulus spricht) nicht aus gutem Willen und Vorsatz, sondern aus lauter Streitlust Christum predigen. Eher gibt es noch unter den Philosophen Einigkeit als unter diesen Theologen, welche allen Ruhm und Ehre der alten Theologie mit ihren Menschensatzungen und irrigen Meinungen ausgelöschet haben, und mit ihrem vielfältigen Exponieren und verwirreten Auslegungen eine verfluchte Lehre profitieret; da gebrauchen sie sich des Namens der heiligen Theologie, nur zum Raube und Diebstahl; sie missbrauchen der heiligen Namen und führen also greuliche Sekten ein, wie vor Zeiten in der Kirche ist gesaget worden: Ich folge dem Apollo, ich dem Paulus, ich denn Cephas; von denen haben sie es gelernet. Auf ihre Worte schwören sie und nehmen nicht in acht, was gesaget oder gelehret wird, sondern nur von wem es gesaget oder gelehret worden.

Heute wird keiner als ein gelehrter Theologus geachtet, der nicht auf eine Sekte geschworen hat, der nicht hartnäckig sich auf ihre Lehre festbeisset und sie verteidiget und ihren Namen nicht beständig im Munde führet; der nicht nach ihrer Fahne gerufen wird als Thomist, Albertist, Skotist, Okkamist. Es ist diesen berühmten Doctoribus nicht anständig, einfach Christ zu heissen; denn so dürfen sich auch alle Metzger, Köche, Bäcker, Schuster, Barbiere, Marketender nennen, ja sogar alle Weiberchen und der ungelehrte Pöbel.[146]

Und diese Lehrer und Spalterer haben unter sich viel neue Spaltungen angerichtet. Denn etliche unter ihnen, welchen der Dreck sehr hoch lieget und hohen Verstandes, auch gelehrter als die Propheten und Apostel zu sein sich dünken lassen, die bilden sich ein, dass auch dasjenige, was durch den Glauben nur alleine kann begriffen werden, mit ihren Schlüssen und Folgerungen könnte herausgefunden und demonstrieret werden; und philosophieren von den göttlichen Fragen mit einer solchen ungeheuren Sicherheit, auch mit so unterschiedenen, ja oft ganz absurden Meinungen, also dass etliche das göttliche Wesen nach Relationen distinguieren, etliche nach dem Gegenstande, etliche nach dem Verstande, etliche benützen unendliche Realitäten wie die platonischen Ideen, etliche wieder leugnen das und lachen darüber; sie bilden solche Wundergeschichten von dem heiligen Gott, auch unterschiedliche Formen des göttlichen Wesens durch ihre phantastischen Gedanken und Erinnerungen, lästern Christum, unsern Seligmacher, mit ihren abscheulichen Einfallen, und bekleiden ihn mit vielen Larven ihrer spitzfindigen Reden und drehen ihn, wie ein wächsern Bild nach ihrem Gefallen herum, und formieren und reformieren diese heilige Doctrin mit ihren absurden Einschiebungen, also dass ihre ganze Lehre nichts anders ist als ein Götzendienst.

Ich übergehe andre Streitigkeiten und Ketzereien, welche die Sakramente, das Purgatorium, den Primat und die Verordnungen der Päpste, den Ablass, den künftigen Antichrist und andres betreffen, worin sie ihre törichte Weisheit zeigen, von der geschwollen, wie die fabulosen Giganten sie Quästionen aus Quästionen und Argumente aus Argumenten erzeugen; so erheben sie ihre Sätze gegen Gott, dessen Zorn gegen ihre Verruchtheit nicht ausbleiben wird.

Andere aber, die sich so hoch in der Theologie nicht verstiegen haben, die sammeln die Historien[147] der Heiligen zusammen und lügen aus Liebe der Religion nicht wenig darzu, schieben Reliquien unter, erdichten Wunderwerke, erzählen angenehme und bisweilen erschröckliche Fabeln (welche sie Exempel nennen), zählen, der Heiligen Gebete auf und betrachten ihre Meriten und Verdienste, stellen sich heilig, verkaufen Ablass und Indulgentien, teilen Vergebung der Sünde aus, verkaufen ihre guten Werke und verschlucken bettelnd also des Volkes Sünde; da machen sie ein Haufen Dicentes von Erscheinungen, von Beschwörungen der Toten, von ihrer gegebenen Antwort und machen ein heilig Gesetz draus, und spielen aus des Tundali und Brandarii Büchern und aus des heiligen Patricii Höhle Tragödien vom Fegfeuer, agieren Komödien vom Ablass der Sünden; vom Predigtstuhl aber, gleich als von einem Theatro donnern sie wie die Marktschreier auf das Volk herunter, stellen sich einem kühnen Soldaten gleich mit einer Thrasonischen Ruhmredigkeit, mit aufgesperreten stolzen Augen, mit verändertem Gesichte, mit aufgehobenen Armen, mit wunderlichen und oft veränderlichen Gebärden, gleichwie die Poeten den Proteus beschrieben, und gebärden sich ganz närrisch und ungestalt. Welche aber unter ihnen sich noch mehr dünken, befleißigen sich um ihrer Kenntnisse willen einer zierlichen Eloquenz und bringen mit ihrem Geschrei (ich hätte sagen sollen Deklamation) schöne Poëmata und Verse herfür, erzählen Historien, disputieren, zitieren den Homerum, Virgilium, Iuvenalem, Persium, Titum Livium, Strabonem, Varronem, Senecam, Ciceronem, Aristotelem und Platonem; und anstatt des heiligen Evangelii und Gottes Worts bringen sie nichts als Märchen vor oder predigen ein neu Evangelium und verfälschen Gottes Lehre, kündigen es nicht an als eine Gnade, sondern nur bloss zu ihrem Nutzen und Gewinst; sie leben nicht, wie es Gott haben will, sondern nach ihrer Fleisches Lust; und wann sie des Tages von dem Predigtstuhl herunter ein wenig von einer Tugend,[148] jedoch nach ihrem Gehirne, geschwatzet, so liegen sie des Nachts in ihren Schlupflöchern und Hurenhäusern, und verrichten mit ihren Hintern ihre Arbeit. Sehet, das ist ihre Strasse zum Himmel.

Endlich wann sie die Laster strafen sollen, so erzürnet sich ihre vermaledeite Zunge dergestalt, dass sie nicht wissen, wie sie sich anstellen und mit was für greulichen Reden und unverschämten Worten sie auf das Volk herunterspeien sollen, gleich als wann Christus die Prediger seines Worts, nicht als Fischer mit einem weichen Netze zu sich gezogen, sondern als blutdürstige Jäger gewollet hätte; gleich als wann sie nicht auch selber Menschen und oftermals mit dergleichen und noch wohl grösseren Sünden behaftet wären als die, gegen die sie so heftig losziehen. Diese Menschenfänger nun, welche die Zunge für das Netz brauchen sollten, um die Bösen zur Seligkeit zu ziehen, diese sind wie Jäger und jagen auch die Frommen ins Verderben. Die haben ein Maul wie einen gespannten Bogen der Lügen und eine schneidende Zunge wie ein Pfeil.4 Aber wir wollen uns bei diesen nicht länger aufhalten, sondern zu der rechten Theologie eilen, welche zweierlei ist, die prophetische und die interpretativa, oder die auslegerische. Von der letzten wollen wir zuerst handeln.[149]

4

Hier ist in der alten Übersetzung die folgende furchtbare Anklage fortgelassen:

Doch genug davon; es ist unvorsichtig, sie auf so freie Art anzugreifen. Denn sie pflegen sich im Zorn zu verschwören und ihre Angreifer vor das Inquisitionsgericht zu schleppen, wo sie zum Widerruf gewungen oder gar dem Scheiterhaufen überliefert werden; oder die Angreifer werden auch durch Gift aus der Welt geschafft, denn es gehört ja auch zu diesem geheimen Glaubensbekenntnis, dass es ein erlaubtes und frommes Werk sei, Leute, die in der Religion ein Ärgernis geben, heimlich zu vergiften, damit die Ordnung nicht durch eine öffentliche Anklage gestört werde.

Quelle:
Agrippa von Nettesheim: Die Eitelkeit und Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. München 1913, Band 2, S. 143-150.
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