911[480] 18

Das Lied gehört zu den spätesten Liedern des Rig-Veda. Auch die mannichfachen Bestandtheile, aus denen es zusammengesetzt ist, verrathen ein sehr spätes Alter.


1-5. An den als Mond gedachten Soma. Die in späterer Zeit geläufige Auffassung des Soma als des Mondes taucht erst in den spätesten Liedern des Rig-Veda auf.


1. Durch Wahrheit steht die Erde fest, | der Himmel durch den Sonnengott, | durch Recht stehn die Aditja's fest; | und Soma steht am Himmel da.

2. Aditja's sind durch Soma stark, | durch Soma ist die Erde weit; | darum ist Soma hingesetzt | in dieser Sterne Mittelpunkt.

3. Wenn man das Somakraut zerstampft, | denkt mancher seines Somatrunks; | und doch geniesset keiner je | den Soma, den der Priester kennt.

4. Mit Schutz versehen stehst du da, | durch Sprüche, Soma, wohl beschirmt | und hörend auf der Steine Schall; | kein irdischer geniesst von dir.

5.19 Wenn man zu trinken dich beginnt, | dann schwillst, o Gott, du wieder an; | des Soma's Hüter ist der Wind; | der Monat ist's, der Jahre schafft.


6-17. Vermählung der Suriā. Während sonst die beiden Açvinen als Gatten der Suriā (der Tochter des Sonnengottes oder des Savitar) erscheinen (vgl. z.B. 339), so scheinen sie hier zu Brautwerbern herabzusinken, während Soma, der hier wol als Mond[480] gedacht ist, sich mit ihr vermählt. Vers 14 hat anderes Versmass und ist vielleicht eingeschoben. Vers 17 bildet den Abschluss.


6.20 Die Raibhī-strophe war ihre Mitgift, die Nārāçansī-strophe ihr Schmuck; schön fürwahr war das Kleid der Suriā; sie erlangte das mit Gesang ausgeschmückte.

7. Weisheit war ihr Polster, Sehkraft ihr Geschmeide, Himmel und Erde ihr Wagenkasten, als Suriā zum Gatten fuhr.

8. Loblieder waren die Wagenschwengel, das Zauberlied ihr Diadem und Lockenschmuck, der Suriā Brautwerber waren die beiden Açvinen, Agni war ihr Vorreiter.

9. Soma war der Bräutigam, die Açvinen waren die beiden Brautwerber, als Savitar dem Gatten die von Herzen zustimmende Suriā gab.

10. Ihr Herz war der Wagen und der Himmel das Verdeck darauf; zwei Lichtflammen ihre Zugstiere, als Suriā in das Haus [des Gatten] fuhr.

11. Durch Lied und Sang angeschirrt gehen vereint deine beiden Stiere; ganz Ohr waren deine beiden Räder, leicht gangbar der Pfad am Himmel.

12.21 Leuchtend waren deine beiden Räder als du fuhrst, eilend die hineingesteckte Achse, den durch ihr Herz erzeugten Wagen bestieg Suriā, als sie zum Gatten fuhr.

13. Der Brautzug der Suriā setzte sich in Bewegung, welchen Savitar entsandte; im Sternbild der Aghā's [oder Maghā's AV.] werden die Zugstiere geschlagen [gepeitscht, Sāy.], im Sternbild der beiden Ardschunī [der Phalgunī's AV.] wird die neuvermählte heimgeführt.

[14. Als ihr, o Açvinen, voll Verlangen auf eurem dreirädrigen Wagen zu der Hochzeit der Suriā fuhrt, da gewährten euch das alle Götter, und Puschan erwählte als Sohn euch zu seinen Aeltern.]

15. Als ihr, o Herrn des Glanzes, zur Werbung hin zur Suriā fuhrt, wo war da das eine Rad eures Wagens? wo zeigtet ihr euch eurer Zusage treu?

16. Zwei Räder deines Wagens, o Suriā, kennen die Brahmanen der Wahrheit gemäss; das eine, was verborgen ist, das kennen nur die tiefforschenden.

17. Der Suriā, den Göttern, dem Mitra und Varuna, welche des Seienden kundig sind, denen habe ich dies Anbetungslied gemacht.


18. 19. Diese beiden Verse, welche an Sonne und Mond gerichtet sind, stehen nur in einem sehr losen Zusammenhange mit dem Liede. Suriā erscheint wol als Repräsentantin der Sonne und Soma als Repräsentant des Mondes.


18. Nacheinander umwandern mit ihrer Zaubermacht diese beiden munteren Kinder [Sonne und Mond] das Opfer; der eine beschaut alle Wesen, der andere, die Zeiten vertheilend, wird wieder und wieder geboren.

19. Immer wieder neu wird er geboren, als der Tage Banner geht er den Morgenröthen voran; indem er ankommt vertheilt er den Göttern ihren Antheil; lange lässt der Mond das Leben fortdauern.


[481] 20-33. Hochzeitssprüche namentlich (nach A. Weber) Vers 20-22 beim Besteigen des Wagens durch die vermählte Braut, 23-26 (31-33) beim Fortfahren in die neue Heimat, 27 bei der Ankunft, 28-30 bei Ablegung des befleckten Brauthemdes nach der Brautnacht. Diese Sprüche sind lose aneinander gereiht und wechseln im Versmass. Sie beziehen sich, wenn man einige ungehörige Verse ausnimmt, vorzugsweise auf die Braut, welche von den Ansprüchen des Gandharven, der hier als Viçvāvasu bezeichnet wird, losgesprochen, von aller Krankheit und Hexerei befreit wird, und mit dem Gatten ein glückliches, an Kindern gesegnetes Leben führen soll. In 20 wird Suriā angefleht, dem Gatten eine glückliche Hochzeit zu Wege zu bringen. Viçvāvasu (21. 22), der Gandharve (40. 41), ist als Beschützer der Jungfrauschaft gedacht. – Vers 31-33 sind hinter 26 zu stellen.


20. Besteige, o Suriā, den Wagen, der mit schönen Kimçuka-Blüten geschmückt und aus Çalmali-Holz gebaut ist, den allgestaltigen, goldfarbenen, schönrollenden, schönrädrigen, hin zur Welt der Unsterblichkeit [fahrend], verschaffe dem Gatten eine glückliche Hochzeit.

21. Erhebe dich von hier; denn diese ist vermählt; ich ehre dich, Viçvāvasu, ehrfurchtsvoll mit Liedern; suche dir eine andere schöne, die noch bei dem Vater weilt; denn das ist von Hause aus dein Loos, das wisse.

22. Erhebe dich von hier, o Viçvāvasu, wir verehren dich in Demuth; eine andere üppige suche, die Gattin überlasse dem Gatten.

23. Dornenlos und gerade seien die Pfade, auf denen unsere Freunde zur Vermählung gehen; Arjaman und Bhaga möge uns insgesammt leiten, leicht zu verwalten sei der Hausstand.

24. Ich löse dich [o Braut] von dem Stricke des Varuna, mit dem dich der sehr theure Savitar gebunden hat, in den Schooss des Heiligthums an den Ort des schön vollbrachten Werkes übergebe ich dich als unversehrte deinem Gatten.

25. Von hier mache ich dich frei, nicht von dort; schön verbunden mache ich dich dort, damit diese, o gnädiger Indra, reich an Söhnen sei und reich an Glück.

26. Puschan führe dich von hier, dich an der Hand ergreifend; die beiden Açvinen mögen dich auf ihrem Wagen fahren; zieh nach dem Hause, damit du Hausfrau werdest, und du als Gebieterin zu der Hausgemeinde redest.

27. Hier möge dir liebes zu Theil werden durch Kinderschar; sei in diesem Hause für den Hausstand wachsam; mit diesem Gatten vermische deinen Leib, und noch als Greise mögt ihr eurer Hausgemeinde gebieten.

28. Dunkelroth ist die Farbe, die sich anhängende Hexe wird fortgetrieben; es gedeihen die Verwandten dieser [Braut], der Gatte wird mit festen Banden gebunden.

29. Gib hinweg das wollene Hemde; den Priestern theile Geschenk aus; diese Hexe hat sich davon gemacht und ist als Weib zu ihrem Mann gegangen (?).

30. Hässlich wird der glänzende Leib [des Gatten], wenn auf[482] jene verkehrte Weise der Gatte mit dem Kleide der Gattin seinen Körper umhüllen will.

31. Die Krankheiten, welche von ihrem Stamme her dem glänzenden Zuge der Braut nachfolgen, die mögen die ehrwürdigen Götter wieder dahin zurückführen, von wo sie gekommen sind.

32. Nicht mögen Wegelagerer, welche im Hinterhalte liegen, das Ehepaar erreichen, auf wohlgebahnten Pfaden mögen sie alles Ungemach durchschreiten, hinweg eilen mögen alle, die Unheil bringen.

33. Schöngeschmückt ist diese Braut; kommt alle, beschauet sie; nachdem ihr derselben Glück zuertheilt habt, geht nun wieder nach Hause.


34. 35. Beim Ablegen des Brauthemdes und Uebergabe desselben an den Priester (nach A. Weber.)


34. Rauh ist dies, scharf ist dies, mit Widerhaken, mit Gift versehen, nicht zu essen ist dies; der Brahmāne, welcher das Suriālied kennt, der verdient das Brauthemd.

35. Das Ausschlachten, das Zerschneiden, das weitere Zertheilen; – so [blutig wie diese sind] sieh diese Erscheinungen der Suriā; doch der Brahmāne läutert sie.


36-41. Vermählungsfeier. In Vers 36 spricht der Bräutigam bei dem Vermählungsact der Handergreifung. Ebenso wie die Suriā (vgl. Vers 8. 9) zuerst dem Soma (dem Monde, der die monatliche Regel der Weiber beherrscht) vermählt ist, so gehört auch die Jungfrau ihm ursprünglich an, dann dem Gandharven (dem Beschützer der Jungfrauschaft), dann dem Agni (um den die Braut bei der Vermählung herumgeführt wird), der sie endlich dem menschlichen Gatten ausliefert.


36. »Ich ergreife deine Hand zum Glücke, damit du mit mir als deinem Gatten das Greisenalter erreichst; Bhaga, Arjaman, Savitar, Puramdhi, die Götter haben dich mir zur Begründung des Hausstandes gegeben.«

[37. Schaffe uns, o Puschan, diese heilbringendste herbei, in die die Menschen ihren Samen streuen, welche uns lüstern ihre Hüften auseinander thun, in die wir lüstern unser Glied vorstossen].

38. Dir, o Agni, führte man zuerst die Suriā nebst dem Hochzeitsgeleite zu, so gib du nun andrerseits dem Gatten die Gattin, und Nachkommenschaft obenein.

39. Jetzt hat Agni die Gattin zurückgegeben in blühender Lebenskraft, lange lebe ihr Gatte, hundert Jahre lang.

40. Soma erhielt dich zuerst; der Gandharve erhielt dich als der zweite, dein dritter Gemahl wurde Agni, dein vierter der Menschgeborene.

41. »Soma gab sie dem Gandharva, Gandharva gab sie dem Agni, und darauf hat mir Agni dies Weib gegeben, und mit ihr auch Reichthum und Söhne.«


42-47. Beim Empfange der Braut in ihrer neuen Heimat (A. Weber.) In Vers 47 spricht der Bräutigam in seinem und der Braut Namen.
[483]

42. Hier mögt ihr beide weilen, trennt euch nicht, erreicht die volle Lebensdauer, spielend mit Kindern und Enkeln, euch freuend im eigenen Hause.

43. Nachkommenschaft zeuge uns der Herr der Nachkommenschaft, Arjaman statte uns reich aus bis ins Greisenalter; du (o Weib) gehe, ohne Unheil zu bringen, ein zu dem Ort des Gatten; Heil möge sein unserm zweifüssigen und vierfüssigen Hausstand.

44. Kein Unglück im Auge führend, den Gatten nicht verletzend, sei glückbringend dem Vieh, wohlgesinnt, glanzreich, Helden gebärend, Götter liebend, erfreuend; Heil möge sein unserm zweifüssigen und vierfüssigen Hausstand.

45. Diese Gattin mache du, o gnädiger Indra, reich an Kindern und an Glück; verleihe ihr zehn Kinder, und als elften lasse ihr den Gatten am Leben.

46. Sei Oberherrin über den Schwäher, Oberherrin über die Schwieger, Oberherrin über des Mannes Schwester, Oberherrin über des Mannes Brüder.

47. »Zusammenfügen mögen alle Götter, zusammen die Wasser unser beider Herzen; uns beide möge Mātariçvan vereinen, uns Dhātar und Desthtrī uns.«

Quelle:
Rig-Veda. 2 Teile, Leipzig 1877, [Nachdruck 1990], Teil 2, S. 480-484.
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