V. Von einem Blindgebornen, dem der Staar gestochen wurde.

[165] 1. Chezelden, ein berühmter Londoner Chirurg, hat mehrmals Gelegenheit gehabt, Blindgeborne, denen er den Staar gestochen, zu beobachten. Da er bemerkte, dass ihm alle ungefähr dasselbe sagten, so hat er sich[165] darauf beschränkt, über den zu berichten, aus welchem er die meisten Einzelheiten herausgebracht hat.

Dieser war ein junger Mann von 13 bis 14 Jahren. Es wurde ihm schwer, sich zu der Operation zu entschliessen; er konnte sich nicht denken, was ihm mangeln sollte. Werde ich, sagte er, meinen Garten darum besser kennen lernen? Werde ich mich freier darin bewegen? Habe ich übrigens nicht vor den Andern den Vortheil voraus, dass ich bei Nacht mit grösserer Sicherheit gehe? So setzte er wegen der Entschädigungen, die er in seinem Zustande fand, voraus, er sei eben so gut bedacht, wie wir. Offenbar konnte er den Mangel eines Gutes, welches er nicht kannte, nicht empfinden.

Als er aufgefordert wurde, sich den Staar stechen zu lassen, damit es ihm vergönnt sei, Abwechselung in seine Spaziergänge zu bringen, so erschien es ihm bequemer, an den Orten zu bleiben, die er vollkommen kannte; denn er konnte nicht begreifen, dass es ihm jemals eben so leicht sein könne, sich da mit dem Auge zurechtzufinden, wo er noch nicht gewesen. Er würde also nicht in die Operation gewilligt haben, hätte er nicht gewünscht, lesen und schreiben zu können. Dieser Grund allein bestimmte ihn, und man begann damit, ihm den Staar an dem einen seiner Augen zu stechen.

2. Bemerkt muss werden, dass er nicht so ganz blind war, dass er nicht den Tag von der Nacht unterschieden hätte. Bei hellem Lichte erkannte er sogar Weiss, Schwarz und Roth. Allein diese Empfindungen waren so verschieden von denen, die er späterhin hatte, dass er sie nicht wiedererkennen konnte.

3. Als er zu sehen begann, schienen ihm die Dinge die äussere Fläche seines Auges zu berühren. Der Grund davon ist leicht zu begreifen.

Ehe man ihm den Staar stach, hatte er oft bemerkt, dass er, sobald er die Hand auf seine Augen legte, das Licht nicht mehr sah. Er gewöhnte sich also daran, es nach aussen zu verlegen. Allein weil er nur ein schwacher und undeutlicher Schimmer war, so unterschied er die[166] Farben nicht hinlänglich, um die Körper, von denen sie ausgingen, entdecken zu können. Er verlegte sie also nicht in eine bestimmte Entfernung, es war ihm also nicht möglich, Tiefe zu erkennen, und folglich musste es ihm vorkommen, als berührten sie seine Augen unmittelbar. Nun konnte aber die Operation keine andere Wirkung hervorbringen, als dass sie das Licht stärker und deutlicher machte. Jener junge Mann musste es also auch jetzt noch da sehen, wohin er es bisher verlegt hatte, nämlich dicht an seinem Auge. Demzufolge nahm er nur eine Fläche von der Grösse dieses Organs wahr.

4. Er bestätigte jedoch die Wahrheit der von uns gemachten Beobachtungen; denn Alles, was er sah, erschien ihm erstaunlich gross. Da sein Auge noch nicht Grössen unter einander verglichen hatte, so konnte es in dieser Hinsicht keine relativen Vorstellungen haben. Es vermochte also die Grenzlinien der Dinge noch nicht herauszufinden, und die Fläche, von der es berührt wurde, musste ihm, wie der Statue, unermesslich gross erscheinen. Auch versichert man uns, es sei einige Zeit vergangen, ehe er begriff, dass hinter dem Gesehenen etwas sei.

5. Er nahm alle Dinge in buntem Gemisch und in dem wirrsten Durcheinander wahr und unterschied sie nicht, so verschieden auch ihre Gestalt und Grösse sein mochte. Hatte er doch noch nicht gelernt, mit dem Gesichte mehrere Ganze aufzufassen. Wie hätte er es auch lernen sollen? Seine Augen, die nie etwas analysirt hatten, verstanden es nicht, anzuschauen, und folglich auch nicht, verschiedene Dinge zu bemerken und sich von jedem deutliche Vorstellungen zu bilden.

In dem Maasse jedoch, als er sich daran gewöhnte, dem Lichte Tiefe zu geben und so zu sagen vor seinen Augen einen Raum zu schaffen, setzte er jedes Ding in[167] verschiedene Entfernungen, wies er jedem den Ort an, den es einnehmen sollte, und begann er, mit dem Auge Gestalt und relative Grösse zu beurtheilen.

6. So lange er sich mit diesen Vorstellungen noch nicht vertraut gemacht hatte, wurde es ihm schwer, sie zu vergleichen, und er konnte sich ganz und gar nicht vorstellen, wie wohl die Augen Richter über Grössenverhältnisse sein könnten. Darum sagte er auch, als er noch nicht aus dem Zimmer herausgekommen war: obgleich er wisse, dass es kleiner als das Haus sei, so begreife er doch nicht, wie es ihm beim Sehen würde kleiner erscheinen können. Sein Auge hatte in der That bisher Vergleiche dieser Art nicht angestellt. Aus eben diesem Grunde erschien ihm ein zolllanger Gegenstand, an sein Auge gebracht, eben so gross als das Haus.

7. So neue Empfindungen, bei denen er jeden Augenblick Entdeckungen machte, konnten nicht verfehlen, in ihm das Verlangen zu erregen, Alles zu sehen und Alles mit dem Auge zu erforschen. Auch beobachtete er, als man ihm Dinge zeigte, die er am Gefühl wiedererkannte, diese sorgfältig, um sie ein ander Mal am Aussehen wiederzuerkennen. Er verwandte sogar darum um so mehr Aufmerksamkeit darauf, weil er sie anfänglich weder an ihrer Gestalt noch an ihrer Grösse wiedererkannt hatte; aber er hatte so viel zu behalten, dass er das Aussehen mancher Dinge vergass, je mehr er andere sehen lernte. Ich lerne, sagte er, an einem Tage tausenderlei Dinge und vergesse eben so viele.

8. In dieser Lage mussten die Dinge, welche das Licht am besten zurückwerfen, und deren Gesammtbild sich leichter auffassen lässt, ihm vor anderen gefallen. Solche sind die glatten und regelmässigen Körper. Auch versichert man uns, dass sie ihm angenehmer dünkten, aber er konnte keinen Grund dafür angeben. Sie gefielen ihm sogar bereits zu einer Zeit besser, als er noch nicht recht sagen konnte, welche Gestalt sie hätten.21[168]

9. Da das Relief der Dinge in der Malerei nicht so bemerkbar ist, wie in der Wirklichkeit, so hielt der junge Mann die Gemälde längere Zeit nur für bunt gefärbte Flächen. Erst nach Verlauf zweier Monate schienen sie ihm feste Körper vorzustellen, und zwar schien er diese Entdeckung plötzlich zu machen. Ueberrascht von dieser Erscheinung betrachtete, befühlte er sie und fragte: Welcher Sinn täuscht mich, das Gesicht oder das Gefühl?

10. Ein wahres Wunder aber war für ihn das Miniaturbild seines Vaters. Dasselbe erschien ihm eben so wunderlich, als »wenn man einen Scheffel in eine Kanne stecken wollte«, wie er sich ausdrückte. Sein Erstaunen hatte seinen Grund in der von seinem Auge angenommenen Gewöhnung, die Form mit der Grösse eines Dinges in Verbindung zu bringen. Er hatte sich noch[169] nicht an den Gedanken gewöhnt, dass Beides getrennt sein kann.

11. Wir haben einen Hang zu vorgefassten Meinungen und nehmen gern an, dass an einem Objekte, das uns gefallen hat, Alles gut sei. So schien auch dieser junge Mann davon überrascht, dass die Personen, die er am meisten liebte, nicht die schönsten waren, und dass die Gerichte, die ihm am besten schmeckten, nicht auch die angenehmsten für das Auge waren.

12. Je mehr er sein Gesicht übte, desto mehr schätzte er sich glücklich, dass er eingewilligt hatte, sich den Staar stechen zu lassen, und er sagte, jedes neue Objekt sei für ihn ein neuer Genuss. Besonders entzückt schien er, als man ihn nach Epsom führte, wo eine sehr schöne Fernsicht ist. Er nannte dieses Schauspiel eine neue Art des Sehens. Er hatte nicht Unrecht; denn es giebt wirklich so viele Arten des Sehens, als verschiedene Urtheile in den Sehvorgang eingehen, und wie viele müssen nicht in den Anblick einer sehr weiten und mannichfaltigen Landschaft eingehen! Er fühlte es besser als wir, weil er sie nicht ohne Schwierigkeit bildete.

13. Man giebt an, dass Schwarz ihm unangenehm war, und dass er sich sogar von Schauder erfasst fühlte, als er zum ersten Mal einen Neger sah; vielleicht darum, weil ihn diese Farbe an seinen ersten Zustand erinnerte.

14. Ueber ein Jahr später machte man endlich die Operation auch am andern Auge, und sie gelang gleicherweise. Er sah mit diesem Auge Alles gross, aber kleiner als mit dem ersten. Ich glaube den Grund dieser Verschiedenheit[170] darin zu erkennen: Der junge Mann, der im Voraus wusste, dass er mit diesem ebenso sehen müsse, vermengte mit den Empfindungen, die es ihm übermittelte, die Urtheile, in denen er sich mit dem zuerst operirten eine Fertigkeit erworben hatte. Allein da er beim ersten Anblick noch nicht mit der gleichen Bestimmtheit verfahren konnte, so sah er die Dinge mit diesem Auge noch zu gross. Dieselbe vorgefasste Meinung konnte auch davon der Grund sein, dass er sie weniger verworren sah, als mit dem ersten, doch sagt man darüber nichts.

Als er zum ersten Male ein Objekt mit beiden Augen sah, meinte er es noch einmal so gross zu sehen, weil es naturgemässer war, dass das kleinse hende Auge zu den wahrgenommenen Grössen etwas hinzusetzte, als dass das grosssehende etwas hinwegnahm.

Seine Augen sahen jedoch nicht doppelt, weil der Tastsinn, der das eben dem Lichte geöffnete Auge die Dinge herausfinden lehrte, es diese da sehen liess, wo er sie dem andern zeigte.

15. Uebrigens bemerkt Chezelden, in grosse Verlegenheit seien die Blindgebornen, denen er den Staar gestochen, darüber gerathen, wie sie die Augen auf die Dinge, die sie ansehen wollten, zu richten hätten. Das musste so sein; denn da sie bis dahin nicht nöthig hatten, sie zu bewegen, so hatten sie sich in ihrer Leitung keine Fertigkeit erwerben können, und dadurch wird das bestätigt, was ich nachgewiesen habe.

Es ist nicht möglich, dass bei Beobachtungen, die man zum ersten Male an Erscheinungen macht, zu denen tausenderlei schwer erkennbare Einzelheiten gehören, nichts zu wünschen übrig bleibe. Allein sie dienen wenigstens dazu, Gesichtspunkte zu schaffen, von denen aus man ein anderes Mal mit mehr Erfolg beobachten kann. Mit den meinigen will ich mich im folgenden Kapitel vorwagen.

Quelle:
Condillac's Abhandlung über die Empfindungen. Berlin 1870, S. 165-171.
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