Elftes Bruchstück

Streit und Hader

[200] Ein Anhänger:


862

Von wannen ist entstanden Streit und Hader

Und Weh und Qual, zusammen mit der Selbstsucht,

Hochmut und Übermut und Übelrede:

Woher entstammen die? O das verkünde!


Der Herr:


863

Aus Liebem ist entstanden Streit und Hader

Und Weh und Qual, zusammen mit der Selbstsucht,

Hochmut und Übermut und Übelrede:

Bei Selbstsucht ist erfunden Streit und Hader,

Wo Hader anhebt eifert Übelrede.


Der Anhänger:


864

Was lieb ist in der Welt, woher doch stammt es,

So daß man durch die Welt begehrsam wandert:

Wo stammt die Hoffnung her, woher Erfüllung,

Um weiter noch den Menschen wegzuleiten.


Der Herr:


865

Aus Willen stammt was in der Welt man lieb hat,

So daß man durch die Welt begehrsam wandert:

Da stammt die Hoffnung her, daher Erfüllung,

Um weiter noch den Menschen wegzuleiten.


[201] Der Anhänger:


866

Der Wille in der Welt, von wannen stammt der,

Und Auserlesen ist woher gekommen,

Der Zorn, das Lügenwort und Vielerfragen,

Und was für Dinge der Asket noch deutet.


Der Herr:


867

Was »hold«, was »unhold« in der Welt geheißen,

Daran sich hangend wächst empor der Wille;

Wo Sein und Nichtsein kund wird an den Körpern

Ist Auserlesen in der Welt erkoren.


868

Der Zorn, das Lügenwort und Vielerfragen,

Auch diese Dinge, doppelt nur bestehn sie;

Wer viel erfragt, um Wissen wird er kämpfen,

Und weiß er, der Asket, entdeckt er Dinge.


Der Anhänger:


869

Was »hold«, was »unhold« ist, woher entstammt es,

Und wenn da was vergeht, entsteht es nimmer?

Nichtsein und Sein, was dieses dann bedeute,

Das künde mir, und wie es ist geworden.


Der Herr:


870

Berührung läßt empfinden »hold« und »unhold«,

Vergeht Berührung ist auch das geschwunden;

Nichtsein und Sein, was dieses dann bedeute,

Das künd' ich an dir als von hier entstanden.


[202] Der Anhänger:


871

Berührung in der Welt, von wannen stammt sie,

Und wo sind hergekommen doch die Schranken?

Was muß vergehn und nicht mehr gibt es Meinheit,

Entweichen was und nimmer rührt Berührung?


Der Herr:


872

Begriff und Bild bedingen da Berührung,

Und aus Verlangen baun sich auf die Schranken;

Verlangen wo entschwindet endet Meinheit,

Wo Bild entwichen rührt Berührung nimmer.


Der Anhänger:


873

Wie einig worden läßt man Bild entweichen,

Entweichen dann wie läßt man Wohl und Wehe?

Das künde mir, von hinnen wie es weiche,

›Erkennen kann ich's‹: also hab' ich hier gehofft.


Der Herr:


874

Gewärtig nicht und auch nicht ungewärtig,

Nicht ungewahr, nicht was verwichen wahren:

So einig worden läßt man Bild entweichen;

Gewahr der wird, er sondert, unterscheidet.


Der Anhänger:


875

Um was wir da gefragt, es ward erklärt uns;

Noch frag' ich eines dich, o das verkünde:

Ist also nun das höchste Ziel erfunden,

Des Helden Reine, wie hier Weise rühmen,

Ein andres oder wäre noch zu deuten?


[203] Der Herr:


876

Es sei das höchste Ziel erfunden also,

Des Helden Reine, hört man Weise rühmen,

Und mancher sagt, man find' es nur zuweilen:

Die nirgend an mehr hangen heißen kundig.


877

Von manchen weiß man, daß sie Wurzel fassen,

Und weiß man forscht der Denker nach den Wurzeln;

Und weiß man liebt erlöst man keinen Hader:

Um Sein, um Nichtsein steht nicht an der Starke.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 200-204.
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