XXII

Das Höllen-Kapitel

[680] 306

Wer Falsches aussagt steigt hinab zur Hölle,

Und wer getan als ungetan verleugnet;

Sie beide sind gleichwertig nach dem Tode,

Elende Menschen werden sie im neuen Dasein.


307

Gar mancher trägt das Mönchgewand

Und ist ein Schurke, ist ein Lump;

Die Schlechten steigen selbst hinab

Durch schlechtes Tun zu schlechtem Sein.


308

Weit besser eine Stahlkugel

Verschlingen, die rotglühend ist,

Denn milde Speisung nehmen an

Als schlechter, sittenloser Mönch.


309

Vier Dingen fällt anheim ein Weiberjäger,

Der Frauen andrer zu verführen trachtet:

Unrechtem Tuen, unerquicktem Schlafe,

Dem Tadel und zuletzt dem Höllenwege.


310

Unrecht begeht man und man mehrt die Sündenlast,

Des ängstlich still versteckten Paares Lust ist kurz,

Der König läßt verhängen schwere Strafe;

So jage denn ein Mann nicht Weiber andrer.


[681] 311

Gleichwie durch scharfes Rispengras

Die blöde Hand zerschnitten wird,

So zerrt zum Höllenweg hinab

Mißleitetes Asketentum.


312

Was taugen Taten, lässig, lau,

Gelübde, listig abgelegt?

Asketentum in Säumigkeit

Hat karge Süße, kargen Lohn.


313

Die Pflicht erfülle, unverzagt

Vollbringe, was der Orden heischt;

Ein listig schlau-verschlagner Mönch

Bestäubt sich immer mehr und mehr.


314

Nicht auszuführen böse Tat

Ist besser: später reut es uns;

Wohl auszuführen gute Tat

Ist besser: denn sie reuet nicht.


315

Wie steile Burg im Grenzgebiet

Bewacht wird innen, außen stets,

So hüte du dein eignes Herz

Beharrlich jeden Augenblick:

Wer oft nur einen Augenblick

Verpaßt, erholt sich Höllenpein.


316

Die Menschen, die Schamfreies schämt

Und nicht beschämt, was schamvoll ist,

Verkehrter Lehre zugetan

Beschreiten sie den schlechten Weg.


[682] 317

Die Menschen, die Furchtloses schreckt

Und Fürchterliches nicht ergreift,

Verkehrter Lehre zugetan

Beschreiten sie den schlechten Weg.


318

Die Tadelloses tadlig sehn

Und Tadliges untadelig,

Verkehrter Lehre zugetan

Beschreiten sie den schlechten Weg.


319

Die Tadliges als Tadel sehn

Und Untadliges tadelfrei,

Der rechten Lehre zugetan

Beschreiten sie den guten Weg.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 680-683.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Wieland, Christoph Martin

Geschichte der Abderiten

Geschichte der Abderiten

Der satirische Roman von Christoph Martin Wieland erscheint 1774 in Fortsetzung in der Zeitschrift »Der Teutsche Merkur«. Wielands Spott zielt auf die kleinbürgerliche Einfalt seiner Zeit. Den Text habe er in einer Stunde des Unmuts geschrieben »wie ich von meinem Mansardenfenster herab die ganze Welt voll Koth und Unrath erblickte und mich an ihr zu rächen entschloß.«

270 Seiten, 9.60 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon