IV

Das Blumen-Kapitel

[627] 44

Wer wird diese Welt überwältigen,

Dies Todesreich mit seiner Götterschar?

Wer wird den leuchtenden Wahrheitpfad

Wie der Edle eine Blume, sich erpflücken?


45

Wer kämpft, wird die Welt überwältigen,

Dies Todesreich mit seiner Götterschar,

Wer kämpft, wird den leuchtenden Wahrheitpfad

Wie der Edle eine Blume, sich erpflücken.


46

Als Schaumgebild betrachte diesen Körper,

Erkenne wohl sein trügerisches Dasein,

Zerbrich des Todeskönigs Blumenpfeile,

Entschwinde dem Bereiche seiner Herrschaft.


47

Den holde Blumen Pflückenden,

Den Herzenslust-Gefesselten

Ergreift, wie Hochflut überfällt

Ein schlafend Dorf, der jache Tod.


48

Den holde Blumen Pflückenden,

Den Herzenslust-Gefesselten,

Noch ungesättigt im Genuß,

Zwingt ihn der Tod in seine Macht.


[628] 49

Wie eine Biene Honigseim

Aus milder Duftesblüte saugt

Und dann, gesättigt, weiter fliegt:

So wandle mittags auch der Mönch.


50

Nicht andrer Fehler, andrer Pein,

Nicht ihr Getan und Nichtgetan:

Blick' dir ins eigne Herz hinein,

Sieh' dein Getan und Nichtgetan.


51

Wie köstlich aufgeblühter Kelch,

Duftlos, doch voller Farbenreiz:

So ist ein schön gesprochnes Wort

Unwirksam, wenn kein Handeln folgt.


52

Wie köstlich aufgeblühter Kelch,

Voll Duft und voller Farbenreiz:

So ist ein schön gesprochnes Wort

Erwirksam, wenn das Handeln folgt.


53

Gleichwie aus reichem Blumenkorb

Viel Kränze man erflechten kann:

So flechte viel Verdienstliches

Der Sterbliche ins Leben ein.


54

Dem Wind entgegen ziehn nicht Blütendüfte,

Noch Sandelhauch, noch Blumenwohlgerüche:

Doch selbst den Sturm durchweht der Duft der Guten,

Der Duft des Edlen dringt nach allen Seiten.


55

Das Sandelholz, den Evabaum,

Die Lotusblüte, den Jasmin:

All diese Düfte übertrifft

Der Wohlgeruch des Tüchtigen.


[629] 56

Nicht weit erstreckt sich jener Duft

Vom Sandelholz, vom Evabaum:

Der Wohlgeruch der Tüchtigen

Weht über alle Götter hin.


57

Die Fährte dieser Tüchtigen,

Der ernstergriffen Wandelnden,

Der völlig klar Vollendeten,

Ist unsichtbar dem Todesgott.


58

Gleichwie auf einem Haufen Mist,

Geschichtet an dem Straßenrand,

Ein Lotushaupt erstehen mag,

Wohlriechend, herrlich anzuschaun:


59

So strahlt aus wirrer Welt hervor,

Weit über alles Blindenvolk,

In weisheitklarer Heiligkeit

Ein Jünger des erwachten Herrn.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 627-630.
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