III

Das Herz-Kapitel

[625] 33

Das aufgeregte, schwanke Herz,

Das schwer sich festigt, schwer gehorcht,

Vom Weisen wird es schlicht gemacht,

Wie Pfeilholz von des Bogners Hand.


34

Wie Fischlein aus der Wasserflut

Gelockt, geschleudert auf das Land:

So zuckt und zappelt dieses Herz

In Todesangst und Todesfurcht.


35

Des raschen, schwer bezwingbaren,

Des ungezügelt schweifenden,

Des wilden Herzens Bändigung

Ist gut: gebändigt wirkt es Heil.


36

Das äußerst schwer ergründliche,

Das heimlich tief verborgene,

Das jedem Wunsch gefüge Herz,

Das, Weise, habet wohl in Acht:

Das wohlgewahrte wirket Heil.


37

Weit wandert, einsam schweift es hin,

Das Körperlose, Innerste,

Das Herz – wer das bezwingen kann,

Entkommt aus diesem Todesreich.


[626] 38

Das unstete, zerstreute Herz,

Der wahren Lehre unkundig,

Das flatterhaft befriedigte,

Das reift zur Weisheit nicht heran.


39

Geklärt von Herzens Glutenstrom,

Befreit von Geistes Ungestüm,

Dem Guten und dem Bösen fern,

Kein Fürchten kennt der Wachende.


40

Dem irdnen Krug vergleiche diesen Körper,

Worin dein Herz als Festung du verteidigst;

Zertriff den Tod mit vollem Weisheitstrahle

Und hüte den Besiegten, sei unnahbar.


41

Gar bald wird dieser Körper da

Am Boden liegen, unbewußt,

Der elende, erbärmliche,

Gleich unnützbaren Abfällen.


42

Was Feind dem Feinde tuen kann,

Was Haß dem Haß erdenken mag:

Das schlechtem Sinn ergebne Herz

Fügt Schlimmeres dem Eigner zu.


43

Was Vater und was Mutter auch,

Was auch Verwandte, Freunde tun:

Das rechtem Sinn ergebne Herz

Fügt Besseres dem Eigner zu.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 625-627.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Angelus Silesius

Cherubinischer Wandersmann

Cherubinischer Wandersmann

Nach dem Vorbild von Abraham von Franckenberg und Daniel Czepko schreibt Angelus Silesius seine berühmten Epigramme, die er unter dem Titel »Cherubinischer Wandersmann« zusammenfasst und 1657 veröffentlicht. Das Unsagbare, den mystischen Weg zu Gott, in Worte zu fassen, ist das Anliegen seiner antithetisch pointierten Alexandriner Dichtung. »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.«

242 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon