Wilhelm von Humboldt

Ueber Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung

Mein näherer Umgang und mein Briefwechsel mit Schiller fallen in die Jahre 1794. bis 1797., vorher kannten wir uns wenig, nachher, wo ich mich meistentheils im Auslande aufhielt, schrieben wir uns seltener1. Gerade der erwähnte Zeitraum war aber ohne Zweifel der bedeutendste in der geistigen Entwicklung Schillers. Er beschloss den langen Abschnitt, wo Schiller seit dem Erscheinen des Don Carlos von aller dramatischen Thätigkeit gefeiert hatte, und gieng unmittelbar der Periode voran, wo er, von der Vollendung des Wallensteins an, wie im Vorgefühl seiner nahen Auflösung, die letzten Jahre seines Lebens fast mit ebenso vielen Meisterwerken bezeichnete. Es war eine Krise, ein Wendepunkt, aber vielleicht der seltenste, den je ein Mensch in seinem geistigen Leben erfahren hat. Das angeborene, schöpferische Dichtergenie durchbrach, gleich einem lange angeschwollenen Strome, die Hindernisse, welche ihm zu mächtig angewachsene Ideenbeschäftigung und zu deutlich gewordenes Bewusstseyn entgegensetzten, und es trug aus diesem Kampfe selbst die Form idealer Nothwendigkeit reiner und klarer heraus. Den glücklichen Erfolg dieser Krise verdankte Schiller der Gediegenheit seiner Natur und der rastlosen Arbeit, mit der er auf den verschiedensten Wegen der[357] einzigen Aufgabe nachstrebte, die reichste Lebendigkeit des Stoffs in die reinste Gesetzmässigkeit der Kunst zu binden. Er bedurfte hierzu zugleich der schöpferischen und der beurtheilend formenden Kräfte; so sicher er aber seyn konnte, dass ihm die ersteren nie entstehen würden, so fanden sich doch in ihm Stunden, Tage des Zweifels, der Kleinmüthigkeit, ein scheinbares Schwanken zwischen Poesie und Philosophie, ein Mangel an Zuversicht auf seinen Dichterberuf, wodurch jene Jahre zu einer so entscheidenden Epoche seines Lebens wurden. Denn Alles, was ihm in derselben das leichte Gelingen dichterischer Arbeiten erschwerte, erhöhte die Vollkommenheit der endlich zur Reife gediehenen.

Es war im Frühjahre 1794., als Schiller von einer in sein Vaterland gemachten Reise zurückkam, um sich wieder in Jena häuslich niederzulassen. Die grosse Krankheit, die seine ganze Gesundheit erschüttert hatte, und von der er eigentlich nie ganz wieder genas, hatte, verbunden mit der Reise, eine Unterbrechung in allen seinen Arbeiten zur Folge gehabt, und Schiller kehrte mit dem doppelt regen Streben nach Thätigkeit zurück, das eine solche Unterbrechung und eine neue Niederlassung gewöhnlich hervorbringen. Der damals beginnende Umgang mit Göthe trug noch mehr dazu bei, seine geistige Lebendigkeit anzuregen. Es entstand also nun die Frage, was er unternehmen solle? was er mit Hoffnung des Gelingens unternehmen könne? Eine wirklich angefangene Arbeit hatte er, ausser den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, nicht vor sich. Im Dichten hatte er sich seit dem Jahre 1790. nicht versucht. Die Neigung zur Geschichte war erkaltet, dagegen fühlte er durch zu philosophischen Forschungen hingezogen. Indess standen im Hintergrunde immer die Malteser2 und Wallenstein, allein unter den damaligen Umständen, wie durch eine grosse Kluft selbst[358] von dem Entschlusse, sich für einen beider Plane zu bestimmen, geschieden. Ich hatte, um Schiller nahe zu seyn, meinen Wohnsitz in Jena genommen, und war wenige Wochen vor ihm dort angekommen. Wir sahen uns täglich zweimal, vorzüglich aber des Abends allein und meistentheils bis tief in die Nacht hinein. Alles eben Berührte kam da natürlich zur Sprache, und diese Unterredungen machten die Grundlage zu dem hier dem Publicum mitgetheilten Briefwechsel aus, der auch grösstentheils davon handelt, und schrittweise den Weg sehen lässt, auf dem Schiller sich seiner grossen letzten Productionsepoche näherte. Aus diesem Grunde können, auch noch einzelne vortrefliche und genievolle Entwickelungen in den Schillerschen abgerechnet, die hier nachfolgenden Briefe sich vielleicht Hoffnung machen, Interesse bei denjenigen zu erwecken, welche dem Geiste eines grossen Mannes gern über dasjenige hinaus folgen, was davon seinen Werken aufgeprägt ist.

Es giebt ein unmittelbares und volleres Wirken eines grossen Geistes, als das durch seine Werke. Diese zeigen nur einen Theil seines Wesens. In die lebendige Erscheinung strömt es rein und vollständig über. Auf eine Art, die sich einzeln nicht nachweisen, nicht erforschen lässt, welcher selbst der Gedanke nicht zu folgen vermag, wird es aufgenommen von den Zeitgenossen und auf die folgenden Geschlechter vererbt. Dies stille und gleichsam magische Wirken grosser geistiger Naturen ist es vorzüglich, was den immer wachsenden Gedanken von Geschlecht zu Geschlecht, von Volk zu Volk immer mächtiger und ausgebreiteter emporspriessen lässt. In Schrift gefasste Werke und Literaturen tragen ihn dann gleichsam mumienartig verschlossen über Klüfte hinweg, welche die lebendige Wirksamkeit nicht zu überspringen vermag. Die Völker aber haben schon immer Hauptschritte zu ihrer Geistesentwicklung vor der Schrift gethan, und in diesen dunkelsten, aber wichtigsten Perioden des menschlichen Schaffens und Bildens ist nur die lebendige Einwirkung möglich. Nichts zieht daher die Betrachtung mehr an, als[359] jeder, wenn selbst schwache Versuch, zu erforschen, wie ein merkwürdiger Mann des Jahrhunderts die Bahn alles Denkens: das Gesetz an die Erscheinung zu knüpfen, über das Endliche hinaus nach dem Unendlichen zu streben, in seiner individuellen Weise durchlief. Dies hat mein Nachdenken über Schiller oft beschäftigt, und unsere Zeit hat Keinen aufzuweisen, dessen inneres geistiges Leben in dieser Hinsicht merkwürdiger zu verfolgen wäre.

Schillers Dichtergenie kündigte sich gleich in seinen ersten Arbeiten an; ungeachtet aller Mängel der Form, ungeachtet vieler Dinge, die dem gereiften Künstler sogar roh erscheinen mussten, zeugten die Räuber und Fiesko von einer entschiednen grossen Naturkraft. Es verrieth sich nachher durch die, bei ganz verschiedenartigen philosophischen und historischen Beschäftigungen, immer durchbrechende, auch in diesen Briefen so oft angedeutete Sehnsucht nach der Dichtung, wie nach der eigentlichen Heimath seines Geistes. Es offenbarte sich endlich in männlicher Kraft und geläuterter Reinheit in den Stücken, die gewiss noch lange der Stolz und der Ruhm der deutschen Bühne bleiben werden. Aber dies Dichtergenie war auf das engste an das Denken in allen seinen Tiefen und Höhen geknüpft, es tritt ganz eigentlich auf dem Grunde einer Intellectualität hervor, die Alles, ergründend, spalten, und Alles, verknüpfend, zu einem Ganzen vereinen möchte. Darin liegt Schillers besondre Eigenthümlichkeit. Er forderte von der Dichtung einen tieferen Antheil des Gedanken, und unterwarf sie strenger einer geistigen Einheit, letzteres auf zweifache Weise, indem er sie an eine festere Kunstform band, und indem er jede Dichtung so behandelte, dass ihr Stoff unwillkührlich und von selbst seine Individualität zum Ganzen einer Idee erweiterte. Auf diesen Eigenthümlichkeiten beruhen die Vorzüge, welche Schiller charakteristisch bezeichnen. Aus ihnen entsprang es, dass er, um das Grösseste und Höchste hervorzubringen, dessen er fähig war, erst eines Zeitraums bedurfte, in welchem sich seine ganze Intellectualität, an die sein Dichtergenie unauflöslich geknüpft war, zu der von ihm[360] geforderten Klarheit und Bestimmtheit durcharbeitete. Diese Eigenthümlichkeiten endlich erklären die tadelnden Urtheile derer, die in Schillers Werken, ihm die Freiwilligkeit der Gabe der Musen absprechend, weniger die leichte glückliche Geburt des Genies, als die sich ihrer selbst bewusste Arbeit des Geistes zu erkennen meinen, worin allerdings das Wahre liegt, dass nur die wirkliche intellektuelle Grösse Schillers die Veranlassung zu einem solchen Tadel darbieten konnte.

Ich würde es für überflüssig halten, zur Rechtfertigung dieser Behauptungen in eine Zergliederung der Schillerschen Werke einzugehen, die jedem zu gegenwärtig sind, um nicht, welches auch seine Meinung seyn möchte, die Anwendung selbst zu machen. Dagegen ist es vielleicht dem Leser des Briefwechsels angenehm, wenn ich mit Wenigem zu entwickeln versuche, wie diese meine Ansicht von Schillers Eigenthümlichkeit zugleich und besonders durch meinen Umgang mit ihm, durch Erinnerungen aus seinen Gesprächen, durch die Vergleichung seiner Arbeiten in ihrer Zeitfolge und die Nachforschungen über den Gang seines Geistes entstand.

Was jedem Beobachter an Schiller am meisten, als charakteristisch bezeichnend, auffallen musste, war, dass in einem höheren und praegnanteren Sinn, als vielleicht je bei einem Anderen, der Gedanke das Element seines Lebens war. Anhaltend selbstthätige Beschäftigung des Geistes verliess ihn fast nie, und wich nur den heftigeren Anfällen seines körperlichen Uebels. Sie schien ihm Erholung, nicht Anstrengung. Dies zeigte sich am meisten im Gespräch, für das Schiller ganz eigentlich geboren schien. Er suchte nie nach einem bedeutenden Stoff der Unterredung, er überliess es mehr dem Zufall, den Gegenstand herbeizuführen, aber von jedem aus leitet er das Gespräch zu einem allgemeineren Gesichtspunkt, und man sah sich nach wenigen Zwischenreden in den Mittelpunkt einer den Geist anregenden Discussion versetzt. Er behandelte den Gedanken immer als ein gemeinschaftlich zu gewinnendes Resultat, schien immer des Mitredenden zu[361] bedürfen, wenn dieser sich auch bewusst blieb, die Idee allein von ihm zu empfangen, und liess ihn nie müssig werden. Hierin unterschied sich sein Gespräch am meisten von dem Herderschen. Nie vielleicht hat ein Mann schöner gesprochen als Herder, wenn man, was, bei Berührung irgend einer leicht bei ihm anklingenden Saite, nicht schwer war, ihn in aufgelegter Stimmung antraf. Alle seltenen Eigenschaften dieses mit Recht bewunderten Mannes schienen, so geeignet waren sie für dasselbe, im Gespräch ihre Kraft zu verdoppeln. Der Gedanke verband sich mit dem Ausdruck mit der Anmuth und Würde, die, da Sie in Wahrheit allein der Person angehören, nur vom Gegenstande herzukommen scheinen. So floss die Rede ununterbrochen hin in der Klarheit, die doch noch dem eignen Erahnden übriglässt, und in dem Helldunkel, das doch nicht hindert, den Gedanken bestimmt zu erkennen. Aber wenn die Materie erschöpft war, so gieng man zu einer neuen über. Man förderte nichts durch Einwendungen, man hätte eher gehindert. Man hatte gehört, man konnte nun selbst reden, aber man vermisste die Wechselthätigkeit des Gesprächs. Schiller sprach nicht eigentlich schön. Aber sein Geist strebte immer in Schärfe und Bestimmtheit einem neuen geistigen Gewinne zu, er beherrschte dies Streben, und schwebte in vollkommener Freiheit über seinem Gegenstande. Daher benutzte er in leichter Heiterkeit jede sich darbietende Nebenbeziehung, und daher war sein Gespräch so reich an den Worten, die das Gepräge glücklicher Geburten des Augenblicks an sich tragen. Die Freiheit that aber dem Gange der Untersuchung keinen Abbruch. Schiller hielt immer den Faden fest, der zu ihrem Endpunkt führen musste, und wenn die Unterredung nicht durch einen Zufall gestört wurde, so brach er nicht leicht vor Erreichung des Zieles ab.

So wie Schiller im Gespräch immer dem Gebiete des Denkens neuen Boden zu gewinnen suchte, so war überhaupt seine geistige Beschäftigung immer eine von angestrengter Selbstthätigkeit. Auch seine Briefe zeigen dies deutlich. Er kannte sogar keine andre. Blosser Lecture[362] überliess er sich nur spät Abends und in seinen, leider so häufig schlaflosen Nächten. Seinen Tag nahmen seine Arbeiten ein, oder bestimmte Studien für dieselben, wo also der Geist durch die Arbeit und die Forschung zugleich in Spannung gehalten wird. Das blosse, von keinem andren unmittelbaren Zweck, als dem des Wissens, geleitete Studiren, das für den damit Vertrauten einen so unendlichen Reiz hat, dass man sich verwahren muss, dadurch nicht zu sehr von bestimmterer Thätigkeit abgehalten zu werden, kannte er nicht, und achtete es nicht genug. Das Wissen erschien ihm zu stoffartig, und die Kräfte des Geistes zu edel, um in dem Stoffe mehr zu sehen, als ein Material zur Bearbeitung.

Nur weil er die allerdings höhere Anstrengung des Geistes, welche selbstthätig aus ihren eignen Tiefen schöpft, mehr schätzte, konnte er sich weniger mit der geringeren befreunden. Es ist aber auch merkwürdig, aus welchem kleinen Vorrath des Stoffes, wie entblösst von den Mitteln, welche andren ihn zuführen, Schiller eine sehr vielseitige Weltansicht gewann, die, wo man sie gewahr wurde, durch genialische Wahrheit überraschte; denn man kann die nicht anders nennen, die durchaus auf keinem äusserlichen Wege entstanden war. Selbst von Deutschland hatte er nur einen Theil gesehen, nie die Schweiz, von der sein Teil doch so lebendige Schilderungen enthält. Wer einmal am Rheinfall steht, wird sich beim Anblick unwillkührlich an die schöne Strophe des Tauchers erinnern, welche dies verwirrende Wassergewühl malt, das den Blick gleichsam fesselnd verschlingt; doch lag auch dieser keine eigne Ansicht zum Grunde. Aber was Schiller durch eigne Erfahrung gewann, das ergriff er mit einem Blick, der ihm hernach auch das anschaulich machte, was ihm bloss fremde Schilderung zuführte. Dabei versäumte er nie, zu jeder Arbeit Studien durch Lecture zu machen, auch was er in dieser Art Dienliches zufällig fand, prägte sich seinem Gedächtniss fest ein, und seine rastlos angestrengte Phantasie, die in beständiger Lebendigkeit bald diesen, bald jenen Theil des irgend je gesammelten[363] Stoffes bearbeitete, ergänzte das Mangelhafte einer so mittelbaren Auffassung.

Auf ganz ähnliche Weise eignete er sich den Geist der Griechischen Dichtung an, ohne sie je anders, als aus Uebersetzungen zu kennen. Er scheute dabei keine Mühe, er zog die Uebersetzungen vor, die darauf Verzicht leisten, für sich zu gelten, am liebsten waren ihm die wörtlichen lateinischen Paraphrasen. So übersetzte er die Scenen und die Hochzeit der Thetis aus dem Euripides. Ich gestehe, dass ich diesen Chor immer mit grossem Vergnügen wiederlese. Es ist nicht bloss eine Uebertragung in eine andre Sprache, sondern in eine andre Gattung von Dichtung. Der Schwung, in den die Phantasie von den ersten Versen an versetzt wird, ist ein verschiedner, also gerade das, was die rein poetische Wirkung ausmacht. Denn diese kann man nur in die allgemeine Stimmung der Phantasie und des Gefühls setzen, die der Dichter, unabhängig von dem Ideen-Gehalte, bloss durch den seinem Werke beigegebenen Hauch seiner Begeisterung im Leser hervorruft. Der antike Geist blickt, wie ein Schatten, durch das ihm geliehene Gewand. Aber in jeder Strophe sind einige Züge des Originals so bedeutsam herausgehoben, und so rein hingestellt, dass man dennoch vom Anfang bis zum Ende beim Antiken festgehalten wird. Ich meinte indess nicht vorzugsweise diese Uebersetzung, wenn ich von Schiller's Eingehen in Griechischen Dichtergeist sprach, sondern zwei seiner späteren Stücke. Auch hierin hatte Schiller bedeutende Fortschritte gemacht. Die Kraniche des Ibycus und das Siegesfest tragen die Farbe des Alterthums so rein und treu an sich, als man es nur irgend von einem modernen Dichter erwarten kann, und zwar auf die schönste und geistvollste Weise. Der Dichter hat den Sinn des Alterthums in sich aufgenommen, er bewegt sich darin mit Freiheit, und so entspringt eine neue, in allen ihren Theilen nur ihn athmende Dichtung. Beide Stücke stehen aber wieder in einem merkwürdigen Gegensatz gegen einander. Die Kraniche des Ibycus erlaubten eine ganz epische Ausführung, was den Stoff dem[364] Dichter innerlich werth machte, war die daraus hervorspringende Idee der Gewalt künstlerischer Darstellung über die menschliche Brust. Diese Macht der Poesie, einer unsichtbaren, bloss durch den Geist geschaffenen, in der Wirklichkeit verfliegenden Kraft gehörte wesentlich in den Ideenkreis, der Schiller lebendig beschäftigte. Schon acht Jahre, ehe er sich zur Ballade in ihm gestaltete, schwebte ihm dieser Stoff vor, wie deutlich aus den Künstlern aus den Versen hervorgeht:


vom Eumenidenchor geschrecket,

zieht sich der Mord, auch nie entdecket,

das Loos des Todes aus dem Lied.


Diese Idee erlaubte aber auch eine vollkommen antike Ausführung; das Alterthum besass Alles, um sie in ihrer ganzen Reinheit und Stärke hervortreten zu lassen. Daher ist Alles in der ganzen Erzählung unmittelbar aus ihm entnommen, besonders das Erscheinen und der Gesang der Eumeniden. Der Aeschylische bekannte Chor ist so kunstvoll in die moderne Dichtungsform in Reim und Sylbenmaass verwebt, dass nichts von seiner stillen Grösse aufgegeben scheint. Das Siegesfest ist lyrischer und betrachtender Natur. Hier konnte und musste der Dichter aus der Fülle seines Busens hinzufügen, was nicht im Ideen- und Gefühlskreise des Alterthums lag. Aber im Uebrigen ist Alles im Sinne der Homerischen Dichtung ebenso rein, als in dem andren Gedicht. Das Ganze ist nur, wie in einer höheren, mehr abgesondert gehaltenen Geistigkeit ausgeprägt, als dem alten Sänger eigen ist, und erhält gerade dadurch seine grössesten Schönheiten. An einzelnen, aus den Alten entnommenen Zügen, in die aber oft eine höhere Bedeutung gelegt ist, sind auch frühere Gedichte Schillers reich. Ich erwähne hier nur die Schilderung des Todes aus den Künstlern,


den sanften Bogen der Nothwendigkeit,


der so schön an die agana belea (die sanften Geschosse) bei Homer erinnert, wo aber die Uebertragung des Beiworts[365] vom Geschoss auf den Bogen selbst dem Gedanken einen zarteren und tieferen Sinn giebt.

Die Zuversicht in das Vermögen der menschlichen Geisteskraft, gesteigert zu einem dichterischen Bilde, ist in den Columbus überschriebenen Distichen ausgedrückt, die zu dem Eigenthümlichsten gehören, was Schiller gedichtet hat. Dieser Glaube an die dem Menschen unsichtbar inwohnende Kraft, die erhabene und so tief wahre Ansicht, dass es eine innere geheime Uebereinstimmung geben muss zwischen ihr, und der das ganze Weltall ordnenden und regierenden, da alle Wahrheit nur Abglanz der ewigen, ursprünglichen seyn kann, war ein charakteristischer Zug in Schiller's Ideensystem. Ihm entsprach auch die Beharrlichkeit, mit der er jeder intellectuellen Aufgabe so lange nachgieng, bis sie befriedigend gelöst war. Schon in den Briefen Raphaels an Julius in der Thalia in dem kühnen, aber schönen Ausdruck: »als Columbus die bedenkliche Wette mit einem unbefahrenen Meer eingieng« findet sich der gleiche Gedanke an dasselbe Bild geknüpft.

Dem Inhalte und der Form nach, waren Schillers philosophische Ideen ein getreuer Abdruck seiner ganzen geistigen Wirksamkeit überhaupt. Beide bewegten sich immer im nämlichen Gleise und strebten dem gleichen Ziel zu, allein auf eine Weise, dass die lebendigere Aneignung immer reicheren Stoffs, und die Kraft des ihn beherrschenden Gedanken sich unaufhörlich zu wechselseitiger Steigerung bestimmten. Der Endpunkt, an den er Alles knüpfte, war die Herstellung der Totalität in der menschlichen Natur durch das Zusammenstimmen ihrer geschiedenen Kräfte in ihrer absoluten Freiheit. Beide dem Ich, das nur Eins und ein Untheilbares seyn kann, angehörend, aber die eine Mannigfaltigkeit und Stoff, die andre Einheit und Form suchend, sollten sie durch ihre freiwillige Harmonie schon hier auf einen über alle Endlichkeit hinaus liegenden Ursprung hindeuten. Die Vernunft, unbedingt herrschend in der Erkenntniss und Willensbestimmung, sollte die Anschauung und Empfindung mit[366] schonender Achtung behandeln und nirgends in ihr Gebiet übergreifen, dagegen sollten diese sich aus ihrem eigenthümlichen Wesen, und auf ihrer selbstgewählten Bahn zu einer Gestalt emporbilden, in welcher jene, bei aller Verschiedenheit des Princips, sich der Form nach wiederfände. Diese, nicht auf entdeckbaren Wegen entstehende, sondern wie durch plötzliches Wunder überraschende Uebereinstimmung zu vermitteln, den in sich unabweisbaren Widerspruch beider Naturen durch einen in ihrer Wechselbeziehung auf einander gegründeten Schein aufzuheben, und dem Menschen dadurch in der Erscheinung ein Bild desjenigen zu geben, was ausser aller Erscheinung liegt, vermag allein die Richtung in ihm, welche wir die ästhetische nennen. Denn sie behandelt den Stoff mit einer, auf dem Gebiete der Sinnlichkeit entsprungenen, nicht von der Idee erborgten, und dennoch als Freiheit erscheinenden Selbstthätigkeit.

In Anmuth und Würde und in den Briefen über die aesthetische Erziehung des Menschen ist diese Vorstellungsweise ausführlich dargelegt. Ich zweifle, dass diese, mit den gehaltreichsten Ideen und einer seltenen Schönheit des Vertrags ausgestatteten Aufsätze jetzt noch häufig gelesen werden, aber es ist in vieler Rücksicht zu bedauern. Zwar sind beide Werke, und namentlich die Briefe, nicht von dem Vorwurfe frei zu sprechen, dass Schiller, um seine Behauptungen fest zu begründen, einen zu strengen und abstracten Weg gewählt, und es sich zu sehr versagt hat, seinen Gegenstand auf eine in der Anwendung fruchtbarere Weise zu behandeln, ohne doch dadurch den Forderungen einer Deduction bloss aus Begriffen wirklich zu genügen. Aber über den Begriff der Schönheit, über das Aesthetische im Schaffen und Handeln, also über die Grundlagen aller Kunst, so wie über die Kunst selbst enthalten diese Arbeiten alles Wesentliche auf eine Weise, über die es niemals möglich seyn wird hinauszugehen. In diesem ganzen Gebiet dürfte schwerlich eine Frage vorkommen, deren richtige Beantwortung sich nicht würde bis zu den in diesen Abhandlungen[367] aufgestellten Principien hinaufführen lassen. Dies liegt nicht bloss in der scharfen Absonderung und Begränzung der Begriffe, sondern fliesst bei weitem mehr aus dem viel seltneren Verdienst, alle in ihrem ganzen Umfange, ihrem vollen Gehalte, schon mit der Ahndung aller aus ihnen hervorgehenden Folgerungen hingestellt zu haben. Ueberhaupt werden die Ideen in diesen Aufsätzen nicht sowohl gespalten und zerlegt, als, wenn mir das Gleichniss erlaubt ist, gewissermassen in Facetten geschnitten, von denen jede ein neues Licht empfängt und zurückwirft. Dies gilt vorzüglich von der letzten Hälfte von Anmuth und Würde, wo die Unterschiede zwischen verschiedenen Arten der Gesinnung und des Betragens geschildert sind.

Niemals vorher sind diese Materien so rein, so vollständig und lichtvoll abgehandelt worden. Es war aber damit unendlich viel nicht bloss für die sichere Scheidung der Begriffe, sondern auch für die aesthetische und sittliche Bildung gewonnen. Kunst und Dichtung waren unmittelbar an das Edelste im Menschen geknüpft, dargestellt als dasjenige, woran er erst zum Bewusstseyn der ihm inwohnenden, über die Endlichkeit hinaus strebenden Natur erwacht. So waren beide auf die Höhe gestellt, welcher sie wirklich entstammen. Sie auf dieser vor der Entweihung jeder kleinlichen und herabziehenden Ansicht, jeder nicht aus ihrem reinen Element entsprungenen Empfindung zu sichern, war im eigentlichsten Verstande Schillers beständiges Bemühen, erschien als seine wahre, ihm durch seine ursprüngliche Richtung gegebene Lebensbestimmung. Seine ersten und strengsten Forderungen ergehen daher an den Dichter selbst, von dem er nicht bloss gleichsam abgesondert wirkendes Genie und Talent, sondern eine, der Höhe seines Berufs zusagende Stimmung des ganzen Gemüths, nicht bloss eine augenblickliche, sondern eine zum Charakter gewordene Erhebung verlangt. »Ehe er es unternimmt, die Vortrefflichen zu rühren, soll er es zu seinem ersten und wichtigsten Geschäft machen, seine Individualität selbst zur reinsten,[368] herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern.« Die Recension der Bürgerschen Gedichte, aus welcher diese Stelle genommen ist, hat Schiller'n den Vorwurf der Ungerechtigkeit gegen diesen mit Recht beliebten Dichter zugezogen. Allerdings ist sie streng. Denn solange der ungefähr gleiche Zustand der Sprache den Gedichten unsrer Zeit in Deutschland allgemeinen Eingang verstattet (eine Bedingung, an welche das Wirken aller Dichtung geknüpft ist), wird Bürger gewiss jede Phantasie auf das poetischste anregen, und jedes Gemüth mit einer ihm ganz eignen Wahrheit und Innigkeit ergreifen. Schiller gesteht in einem seiner späteren Briefe auch selbst ein, in jener Kritik das Ideal zu unmittelbar auf einen besonderen Fall angewendet zu haben. Allein an den darin aufgestellten allgemeinen Forderungen würde er darum gewiss nichts nachgelassen haben, und diese verdienen gerade hier, als wahrhaft individuelle und persönliche Ansicht Schillers, herausgehoben zu werden. An niemand richtete er diese Forderungen so streng, als an sich selbst. Man kann von ihm mit Wahrheit sagen, dass, was auch nur von fern an das Gemeine, selbst an das Gewöhnliche gränzte, ihn niemals berührte, dass er die hohen und edeln Ansichten, die sein Denken erfüllten, auch ganz in seine Empfindungsweise und sein Leben übertrug, und im Dichten immer mit gleicher Lebendigkeit, auch bei kleinen Productionen, vom Streben nach dem Ideale begeistert war. Daher findet sich in seinen Werken so Weniges, was man matt oder mittelmässig nennen müsste. Allerdings trug dazu auch das, was ich früher berührte, sehr viel bei, dass nämlich seine Geisteskraft immer mit gleicher Anstrengung arbeitete, und dass es ihm durchaus fremd war, sie bei einer gleichsam erholenden Arbeit eine Abspannung finden zu lassen. Es mag Individualitäten geben, welchen seine ganze Dichtungsweise, und seine ganze philosophische Ansicht minder zusagt. Allein nur wenig Einzelnes wird man, als seiner nicht würdig, ausstossen, indem man das Andre enthusiastisch erhebt, und der Tadel selbst, um dies hier im Vorbeigehen zu bemerken, wird gerade seine individuellsten[369] Seiten treffen, und also die hohe Einheit seiner Natur in ein noch helleres Licht stellen. Die Strenge seines Urtheils über seine frühesten Productionen spricht eine Stelle in der Bürgerschen Recension klar und mit Stärke aus, und noch deutlicher die zwei Jahre vor seinem Tode geschriebene Vorerinnerung zu der Sammlung seiner Gedichte. Allein was darin seinen grossen und zarten Sinn verletzte, der in dem, was man die zweite Epoche seines Lebens nennen kann, im Don Carlos so hell leuchtend hervortrat, und seitdem nie durch einen Flecken getrübt ward, gieng nicht die Individualität, nicht die Persönlichkeit des Dichters an. Seine hohe, reine, nach Totalität strebende Ansicht der menschlichen Natur und des Lebens spricht auch aus jenen Productionen. Das in ihnen Verletzende bedurfte nur einer künstlerischen Berichtigung, entsprang nur aus misverstandenen Begriffen von poetischer Wahrheit, aus noch nicht hinlänglich gefühlter Nothwendigkeit der Unterordnung der Theile unter die Einheit des Ganzen, dann im Einzelnen aus nicht gehörig geläutertem Geschmack. Zugleich trugen die gewählten Stoffe dazu bei. Im Carlos befand sich Schiller, wie in einer anderen Sphäre. Hier stellte sich ihm der grosse Gegensatz weltbürgerlicher Ansicht und sich tief dünkender, beengter Staatsklugheit dar, und zeigte ihm von aller Erfahrung absehende Ideen im Kampf mit einer Beschränktheit, die Erfahrung ohne Ideen möglich hält. Unmittelbar daran hieng das Schicksal in ihren Volks- und Gewissensrechten gekränkter, in gerechtem Abfall begriffener Provinzen, und in dies grosse politische Interesse war eine in ihrem ersten Aufwallen reine und schwärmerische, und schuldlos und zart erwiederte Liebe verwebt. So umgab dieser Stoff den Dichter, wie mit einem höher emportragenden Element. Allerdings entsprang die Wahl desselben aus der ihr vorangehenden Stimmung des Gemüthes. Diese zeigt sich auch in der veränderten äusseren Form, dem Verlassen der Prosa, zu der er zwar in den ersten Entwürfen zum Wallenstein zurückkehrte, bald aber, wieder zum Verse hingerissen, seinen Irrthum, und nun für immer, erkannte.[370] Die erste Scene zwischen Max und Thekla, früher ausgearbeitet, als die ihr vorangehenden, widerstrebte dem prosaischen Ausdruck; sie war die erste in Versen.

Der Poesie unter den menschlichen Bestrebungen die hohe und ernste Stellung, von der ich oben gesprochen, anzuweisen, von ihr die kleinliche und die trockene Ansicht abzuwehren, welche, jene ihre Würde, diese ihre Eigenthümlichkeit, verkennend, sie nur zu einer tändelnden Verzierung und Verschönerung des Lebens machen, oder unmittelbar moralisches Wirken und Belehrung von ihr verlangen, ist, wie man sich nicht genug wiederholen kann, tief in Deutscher Sinnes- und Empfindungsart gegründet. Schiller sprach, nur auf seine individuelle Weise, darin aus, was seine Deutschheit in ihn gelegt hatte, was ihm aus den Tiefen der Sprache entgegenklang, deren geheimes Wirken er so trefflich vernahm, und so meisterhaft wieder zu benutzen verstand. Es liegt in der grossen Oekonomie der Geistesentwicklung, welche die ideale Seite der Weltgeschichte, gegenüber den Thaten und Ereignissen, ausmacht, ein gewisses Mass, um welches der Einzelne, auch am günstigsten Bevorrechtete, sich nur über den Geist seiner Nation erheben kann, um, was dieser ihm unbewusst verlieh, durch Individualität bearbeitet, in ihn zurückströmen zu lassen. Die Kunst nun, und alles ästhetische Wirken von ihrem wahren Standpunkte aus zu betrachten, ist keiner neueren Nation in dem Grade, als der Deutschen, gelungen, auch denen nicht, welche sich der Dichter rühmen, die alle Zeiten für gross und hervorragend erkennen werden. Die tiefere und wahrere Richtung im Deutschen liegt in seiner grösseren Innerlichkeit, die ihn der Wahrheit der Natur näher erhält, in dem Hange zur Beschäftigung mit Ideen und auf sie bezogenen Empfindungen, und in Allem, was hieran geknüpft ist. Dadurch unterscheidet er sich von den meisten neueren Nationen, und in näherer Bestimmung des Begriffes der Innerlichkeit, wieder auch von den Griechen. Er sucht Poesie und Philosophie, er will sie nicht trennen, sondern strebt sie zu verbinden, und solange dies Streben nach[371] Philosophie, auch ganz reiner, abgezogener Philosophie, das auch sogar unter uns nicht selten in seinem unentbehrlichen Wirken verkannt und gemisdeutet wird, in der Nation fortlebt, wird auch der Impuls fortdauern, und neue Kräfte gewinnen, den mächtige Geister in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts unverkennbar gegeben haben. Poesie und Philosophie stehen, ihrer Natur nach, in dem Mittelpunkte aller geistigen Bestrebungen, nur sie können alle einzelnen Resultate in sich vereinigen, nur von ihnen kann in alles Einzelne zugleich Einheit und Begeisterung überströmen, nur sie repraesentiren eigentlich, was der Mensch ist, da alle übrigen Wissenschaften und Fertigkeiten, könnte man sie je ganz von ihnen scheiden, nur zeigen würden, was er besitzt und sich angeeignet hat. Ohne diesen zugleich erhellenden und Funken weckenden Brennpunkt, bleibt auch das ausgebreitetste Wissen zu sehr verstückelt, und wird die Rückwirkung auf die Veredlung des Einzelnen, der Nation und der Menschheit gehemmt und kraftlos gemacht, welche doch der einzige Zweck alles Ergründens der Natur und des Menschen und des unerklärbaren Zusammenhanges beider seyn kann. Das Forschen um der Wahrheit und das Bilden und Dichten um der Schönheit willen werden zum leeren Namen, wenn man Wahrheit und Schönheit da aufzusuchen flieht, wo ihre verwandten Naturen sich nicht zerstreut an einzelnen Gegenständen, sondern als reine Objecte des Geistes offenbaren. Schiller kannte keine andre Beschäftigung, als gerade mit Poesie und Philosophie, und die Eigenthümlichkeit seines intellectuellen Strebens bestand gerade darin, die Identität ihres Ursprungs zu fassen und darzustellen. Die obigen Betrachtungen knüpfen sich daher unmittelbar an ihn an.

Eine Idee, mit der Schiller vorzugsweise gern sich beschäftigte, war die Bildung des rohen Naturmenschen, wie er ihn annimmt, durch die Kunst, ehe er der Cultur durch Vernunft übergeben werden konnte. Prosaisch und dichterisch hat er sie mehrfach ausgeführt. Auch bei den Anfängen der Civilisation überhaupt, dem Uebergange vom[372] Nomadenleben zum Ackerbau, bei dem, wie er es so schön ausdrückt, mit der frommen, mütterlichen Erde gläubig gestifteten Bund verweilte seine Phantasie vorzugsweise gern. Was die Mythologie hiermit Verwandtes darbot, hielt er mit Begierde fest; ganz den Spuren der Fabel getreu bleibend, bildete er Demeter, die Hauptgestalt in diesem Kreis, indem er sich in ihrer Brust menschliche Gefühle mit göttlichen gatten liess, zu einer ebenso wundervollen, als tief ergreifenden Erscheinung aus. Es war lange ein Lieblingsplan Schiller's, die erste Gesittung Attika's durch fremde Einwanderungen episch zu behandeln. Das Eleusische Fest ist an die Stelle dieses unausgeführt gebliebenen Planes getreten.

Hätte Schiller das Aufleben der Indischen Literatur erlebt, so würde er eine engere Verbindung der Poesie mit der abgezogensten Philosophie kennen gelernt haben, als die Griechische Literatur aufzuweisen hat, und die Erscheinung würde ihn lebhaft ergriffen haben. Die Indische Poesie, in ihrer früheren Epoche nämlich, hat überhaupt einen mehr feierlichen, frommen und religiösen Charakter, als die Griechische, ohne darum, gleichsam unter fremder Herrschaft stehend, an eigner Freiheit einzubüssen. Nur am Vorzug des Plastischen möchte sie dadurch wirklich verlieren.

Es ist in hohem Grade zu beklagen, aber auch gewissermassen zu verwundern, dass Schiller bei seinen Raisonnements über den Entwicklungsgang des Menschengeschlechts auch nicht Einmal der Sprache erwähnt, in welcher sich doch gerade die zwiefache Natur des Menschen, und zwar nicht abgesondert, sondern zum Symbole verschmolzen, ausprägt. Sie vereinigt im genauesten Verstande ein philosophisches und poetisches Wirken in sich, letzteres zugleich in der im Wort liegenden Metapher und in der Musik seines Schalles. Zugleich bietet sie überall einen Uebergang ins Unendliche dar, indem ihre Symbole die Kraft zur Thätigkeit reizen, allein dieser Thätigkeit nirgends Gränzen stecken, und auch das höchste Mass des in sie Gelegten durch ein noch grösseres überboten[373] werden kann. Sie hätte daher gerade in Schiller's Ideenkreis als ein willkommener Gegenstand erscheinen müssen. Indess gehört die Sprache allerdings der Nation und dem Geschlecht, nicht dem Einzelnen an, und der Mensch kann sie, ehe er sie begreifen lernt, lange, als ein todtes Werkzeug gebrauchen, ohne von dem sie durchdringenden Leben ergriffen zu werden. Unbedingt kann sie daher nicht als ein Bildungsmittel gelten. Es giebt aber dennoch eine, zwar nicht ursprünglich schaffende, allein doch still fortbildende Einwirkung des Menschen auf seine Sprache, und die Sprachen haben ihren höchsten poetischen und musikalischen Gehalt immer in ihrer früheren, dann mit einem besondren Schwunge der Phantasie der Völker, die sie reden, verbundenen Formung. Sie verlieren von diesem Gehalt im Laufe der Zeit, allein ihr Aufsteigen dazu ist wenigstens uns selten sichtbar, und bleibt eher problematisch. Wenn man daher von der Betrachtung des wundervollen Baues von Sprachen ganz culturloser Nationen, sich ihrer Zergliederung, wie der eines Naturgegenstandes, mit offnem und unbefangnem Sinne hingebend, zur Erwägung des in ewiges Dunkel gehüllten ursprünglichen Zustandes des Menschengeschlechts übergeht; so sollte man, da die Sprache mit dem Menschen gegeben ist, und vor ihr nichts Menschliches in ihm gedacht werden kann, eher ahnden, dass dieser Zustand ein friedlicher, besonnener, sich keinem tieferen und zarteren Eindruck verschliessender gewesen sey, und dass gesellschaftliche Verwilderung erst einer späteren Periode angehörte, wo der Kampf widriger Ereignisse mit wilder Leidenschaft die Stimme der eignen Brust übertäubte. Wenigstens würde Schiller auf diesem Wege schwerlich die Schilderung eines Naturstandes, wie sie die aesthetischen Briefe enthalten, nothwendig erachtet, und überhaupt weniger scharf getrennt haben, was in der entschieden primitivsten Emanation der menschlichen Natur, in der Sprache, als fest vereinigt und innig verschmolzen erscheint.

Der Trieb nach Beschäftigung mit abstracten Ideen, das Streben, alles Endliche in ein grosses Bild zu fassen, und[374] es an das Unendliche anzuknüpfen, lag von selbst, und ohne fremden Anstoss in Schiller; es war mit seiner Individualität gegeben. Es entwickelte sich am freiesten und lebendigsten in der zweiten und dritten Periode seines Lebens, wenn man die erste seine drei früheren, die vierte seine letzten Trauerspiele, vom Wallenstein an, einnehmen lässt. Von Don Carlos habe ich in dieser Rücksicht schon gesprochen. Die zuerst in der Thalia abgedruckten philosophischen Briefe, mit welchen die Resignation, die ein Product desselben Jahrs ist, in dem kühnen Schwünge einer leidenschaftlich philosophirenden Vernunft eine auffallende Verwandtschaft hat, sollten den Anfang einer Reihe philosophischer Erörterungen machen. Aber die Fortsetzung unterblieb, und eine neue Epoche des Philosophirens begann für Schiller in Anmuth und Würde, hauptsächlich begründet durch seine Bekanntschaft mit Kantischer Philosophie. Jene beiden Stücke könnte man nur mit Unrecht als einen Ausdruck wirklicher Meinungen des Dichters selbst ansehen, sie gehören aber zu dem Besten, was wir von ihm besitzen. Die Briefe sind mit hinreissendem Feuer geschrieben, und mit einem, noch vom Zwange keiner Schule, auch nur von fern, berührten Geiste. Die Resignation trägt Schillers eigenthümlichstes Gepräge in der unmittelbaren Verknüpfung einfach ausgedrückter grosser und tiefer Wahrheiten und unermesslicher Bilder, und in der ganz originellen, die kühnsten Zusammenstellungen begünstigenden Sprache an sich. Den durch das Ganze durchgeführten Hauptgedanken kann man nur als vorübergehende Stimmung eines leidenschaftlich bewegten Gemüths ansehen, aber er ist darin so meisterhaft geschildert, dass die Leidenschaft ganz in der Betrachtung aufgegangen, und der Ausspruch nur Frucht des Nachdenkens und der Erfahrung zu seyn scheint.

Kant unternahm und vollbrachte das grösseste Werk, das vielleicht je die philosophirende Vernunft einem einzelnen Manne zu danken gehabt hat. Er prüfte und sichtete das ganze philosophische Verfahren auf einem Wege, auf dem er nothwendig den Philosophieen aller Zeiten[375] und aller Nationen begegnen musste, er mass, begränzte und ebnete den Boden desselben, zerstörte die darauf angelegten Truggebäude, und stellte, nach Vollendung dieser Arbeit, Grundlagen fest, in welchen die philosophische Analyse mit dem durch die früheren Systeme oft irre geleiteten und übertäubten natürlichen Menschensinne zusammentraf. Er führte im wahrsten Sinne des Worts die Philosophie in die Tiefen des menschlichen Busens zurück. Alles, was den grossen Denker bezeichnet, besass er in vollendetem Masse, und vereinigte in sich, was sich sonst zu widerstreben scheint; Tiefe und Schärfe, eine vielleicht nie übertroffene Dialektik, an die doch der Sinn nicht verloren gieng, auch die Wahrheit zu fassen, die auf diesem Weg nicht erreichbar ist, und das philosophische Genie, welches die Fäden eines weitläufigen Ideengewebes nach allen Richtungen hin ausspinnt, und alle vermittelst der Einheit der Idee zusammenhält, ohne welches kein philosophisches System möglich seyn würde. Von den Spuren, die man in seinen Schriften von seinem Gefühl und seinem Herzen antrifft, hat schon Schiller richtig bemerkt, dass der hohe philosophische Beruf beide Eigenschaften (des Denkens und des Empfindens) verbunden fordert. Verlässt man ihn aber auf der Bahn, wo sich sein Geist nach Einer Richtung hin zeigt, so lernt man das Ausserordentliche des Genies dieses Mannes auch an seinem Umfange kennen. Nichts weder in der Natur noch im Gebiete des Wissens lässt ihn gleichgültig, alles zieht er in seinen Kreis, aber da das selbstthätige Princip in seiner Intellectualität sichtbar die Oberhand behauptet, so leuchtet seine Eigenthümlichkeit am strahlendsten da hervor, wo, wie in den Ansichten über den Bau des gestirnten Himmels, der Stoff, in sich erhabner Natur, der Einbildungskraft unter der Leitung einer grossen Idee ein weites Feld darbietet. Denn Grösse und Macht der Phantasie stehen in Kant der Tiefe und Schärfe des Denkens unmittelbar zur Seite. Wieviel oder wenig sich von der Kantischen Philosophie bis heute erhalten hat, und künftig erhalten wird, masse ich mir nicht an zu entscheiden;[376] allein dreierlei bleibt, wenn man den Ruhm, den Kant seiner Nation, den Nutzen, den er dem speculativen Denken verliehen hat, bestimmen will, unverkennbar gewiss. Einiges, was er zertrümmert hat, wird sich nie wieder erheben; Einiges, was er begründet hat, wird nie wieder untergehen; und was das Wichtigste ist, so hat er eine Reform gestiftet, wie die gesammte Geschichte der Philosophie wenig ähnliche aufweist. So wurde die, bei dem Erscheinen seiner Kritik der reinen Vernunft, unter uns kaum noch schwache Kunde von sich gebende speculative Philosophie von ihm zu einer Regsamkeit geweckt, die den deutschen Geist hoffentlich noch lange beleben wird. Da er nicht sowohl Philosophie, als zu philosophiren lehrte, weniger Gefundenes mittheilte, als die Fackel des eigenen Suchens anzündete, so veranlasste er mittelbar mehr oder weniger von ihm abweichende Systeme und Schulen, und es charakterisirt die hohe Freiheit seines Geistes, dass er Philosophieen, wieder in vollkommner Freiheit und auf selbstgeschaffnen Wegen für sich fortwirkend, zu wecken vermochte.

Ein grosser Mann ist in jeder Gattung und in jedem Zeitalter eine Erscheinung, von der sich meistentheils gar nicht, und immer nur sehr unvollkommen Rechenschaft ablegen lässt. Wer möchte es wohl unternehmen zu erklären, wie Göthe plötzlich da stand, der Fülle und Tiefe des Genies nach, gleich gross in seinen frühesten, wie in seinen späteren Werken? und doch gründete er eine neue Epoche der Poesie unter uns, schuf die Poesie überhaupt zu einer neuen Gestalt um, drückte der Sprache seine Form auf, und gab dem Geiste seiner Nation für alle Folge entscheidende Impulse. Das Genie, immer neu und die Regel angebend, thut sein Entstehen erst durch sein Daseyn kund, und sein Grund kann nicht in einem Früheren, schon Bekannten gesucht werden; wie es erscheint, ertheilt es sich selbst seine Richtung. Aus dem dürftigen Zustande, in welchem Kant die Philosophie, eklektisch herumirrend, vor sich fand, vermochte er keinen anregenden Funken zu ziehen. Auch möchte es schwer seyn zu[377] sagen, ob er mehr den alten, oder den späteren Philosophen verdankte. Er selbst, mit dieser Schärfe der Kritik, die seine hervorstechendste Seite ausmachte, war sichtbar dem Geiste der neueren Zeit näher verwandt. Auch war es ein charakteristischer Zug in ihm, mit allen Fortschritten seines Jahrhunderts fortzugehen, selbst an allen Begegnissen des Tages den lebendigsten Antheil zu nehmen. Indem er, mehr, als irgend einer vor ihm, die Philosophie in den Tiefen der menschlichen Brust isolirte, hat wohl niemand zugleich sie in so mannigfaltige und fruchtbare Anwendung gebracht. Diese in alle seine Schriften reichlich verstreuten Stellen geben ihnen einen ganz eigenthümlichen Reiz.

Eine solche Erscheinung konnte an Schiller nicht unbemerkt vorübergehen. Ihn, der immer über seiner jedesmaligen Beschäftigung schwebte, der die Poesie selbst, für welche die Natur ihn bestimmt hatte, und die sein ganzes Leben durchdrang, doch auch wieder an etwas noch Höheres anknüpfte, musste eine Lehre anziehen, deren Natur es war, Wurzel und Endpunkt des Gegenstandes seines beständigen Sinnens zu enthalten. Plötzlich emporgegangen, und Jahrelang unbeachtet, wurde sie ausserdem gerade in der Zeit und der Gegend, wo sich Schiller damals befand, mit einem Enthusiasmus ergriffen, der noch in der Erinnerung erfreut. Auf welche Weise Kant von Schiller gewürdigt ward, hat Schiller in mehreren Stellen seiner Schriften geäussert, noch mehr aber durch die That gezeigt. Er eignete sich die neue Philosophie, seiner Natur gemäss, an. In den eigentlichen Bau des Systems gieng er wenig ein; er heftete sich aber an die Deduction des Schönheitsprincips und des Sittengesetzes. Hier musste es ihn mächtig ergreifen, das natürliche, menschliche Gefühl in seine Rechte eingesetzt, und in seiner Reinheit philosophisch begründet zu finden. Gerade hier hatten die unmittelbar vorher herrschend gewesenen Theorieen die wahren Gesichtspunkte verrückt, und das Erhabne entadelt. Dagegen fand Schiller, seinem Ideengange nach, die sinnlichen Kräfte des Menschen theils[378] verletzt, theils nicht hinlänglich geachtet, und die durch das aesthetische Princip in sie gelegte Möglichkeit freiwilliger Uebereinstimmung mit der Vernunfteinheit nicht genug herausgehoben. So geschah es, dass Schiller, als er zuerst Kant's Namen öffentlich aussprach, in Anmuth und Würde, als sein Gegner auftrat.

Es lag in Schillers Eigenthümlichkeit, von einem grossen Geiste neben sich nie in dessen Kreis herübergezogen, dagegen in dem eignen, selbstgeschaffenen durch einen solchen Einfluss auf das mächtigste angeregt zu werden; und man kann wohl zweifelhaft bleiben, ob man dies in ihm mehr als Grösse des Geistes, oder als tiefe Schönheit des Charakters bewundern soll. Sich fremder Individualität nicht unterzuordnen, ist Eigenschaft jeder grösseren Geisteskraft, jedes stärkeren Gemüths, aber die fremde Individualität ganz, als verschieden, zu durchschauen, vollkommen zu würdigen, und aus dieser bewundernden Anschauung die Kraft zu schöpfen die eigne nur noch entschiedner und richtiger ihrem Ziele zuzuwenden, gehört Wenigen an, und war in Schiller hervorstechender Charakterzug. Allerdings ist ein solches Verhältniss nur unter verwandten Geistern möglich, deren divergirende Bahnen in einem höher liegenden Punkte zusammentreffen, aber es setzt von Seiten der Intellectualität die klare Erkenntniss dieses Punkts, von Seiten des Charakters voraus, dass die Rücksicht auf die Person gänzlich zurückbleibe hinter dem Interesse an der Sache. Nur unter dieser Bedingung gehen Bescheidenheit und Selbstgefühl, wie es die Bestimmung ihres idealischen Zusammenwirkens ist, wahrhaft in Unbefangenheit über. So nun stand Schiller auch Kant gegenüber. Er nahm nicht von ihm; von den, in Anmuth und Würde und den aesthetischen Briefen durchgeführten Ideen ruhen die Keime schon in dem, was er vor der Bekanntschaft mit Kantischer Philosophie schrieb, sie stellen auch nur die innere, ursprüngliche Anlage seines Geistes dar. Allein den noch wurde jene Bekanntschaft zu einer neuen Epoche in Schiller's philosophischem Streben, die Kantische Philosophie gewährte[379] ihm Hülfe und Anregung. Ohne grosse Divinationsgabe lässt sich ahnden, wie, ohne Kant, Schiller jene ihm ganz eigenthümlichen Ideen ausgeführt haben würde. Die Freiheit der Form hätte wahrscheinlich dabei gewonnen.

Bei der Art, wie ich hier von der Form rede, meine ich natürlich nicht den Styl. Diesen hat im Historischen und Philosophischen, wie im Poetischen, Schiller sich ganz eigen geschaffen. Was er in einer Stelle seiner Schriften über die Art sagt, wie die Sprache den Ausdruck umhüllen soll, das hat er selbst in hohem Grade erreicht. Wer einen Styl zu würdigen versteht, der nicht den gleichsam schon fertigen Gedanken nüchtern auszudrücken strebt (ein nothwendig mislingendes Bemühen, da der Gedanke erst im Ausdruck seine Vollendung erhält), sondern mit dem er, in jedem Augenblick selbstthätig erzeugt, zugleich hervorzuspringen scheint, der wird den Schillerschen bewundern. Denn indem er den Stempel der Originalität an sich trägt, giebt er zugleich die Regel des, nur auf jedes eigene Weise, allgemein zu Erringenden.

Was ich hier von Schiller's Styl sage, gilt in noch viel praegnanterem Sinne von denjenigen seiner Gedichte, welche vorzugsweise der Ausführung philosophischer Ideen gewidmet sind. Sie erzeugen die Idee, umkleiden sie nicht bloss mit einem dichterischen Schmuck. Sie erfüllen dadurch die Forderung dieser Gattung der Poesie. Der Leser gewinnt die Ueberzeugung, dass die sich ihm darbietende Idee jenseits einer Kluft liege, über welche der Verstand keine Brücke zu schlagen, die nur die dichterisch begeisterte Einbildungskraft zu überspringen vermag. Der Dichter, der immer nur hervorbringt, was er selbst empfindet, muss, um jene Ueberzeugung zu bewirken, erst in sich die geeignete Stimmung erzeugen, er muss die Kraft besitzen, die Idee, als gedacht, rein in der dichterischen Darstellung aufgehen zu lassen, und seinen Stoff in die Sphäre des Unendlichen hinüberführen, in welchem allein, nicht auf dem Gebiet des Verstandes, die poetischen Kräfte mit den erkennenden zusammentreffen. Schiller klagt irgendwo, dass es noch kein wahres didaktisches[380] Gedicht gebe. Aber einige der seinigen können, gerade in der von ihm aufgestellten Idee, dafür gelten. Unter diesen spricht vielleicht der Spaziergang, in dem sich Schiller zugleich in malerischen Naturschilderungen selbst übertroffen hat, am meisten die Phantasie und das allgemeine Gefühl an. Sonst möchte man in dieser Gattung einige frühere, die Götter Griechenlands, die Künstler, späteren vorziehen, welche der Ausführung der darin angeregten Ideen auf philosophischem Wege nachfolgten. Denn in Schiller selbst entwickelten sich, wie es in einem Dichter nicht anders seyn konnte, die philosophischen Ideen aus dem Medium der Phantasie und des Gefühls.

Schillers historische Arbeiten werden vielleicht von Einigen nur als Zufälligkeiten in seinem Leben, und als durch äussere Umstände hervorgerufen angesehen. Dazu, dass sie eine grössere Ausdehnung erhielten, trugen diese Ursachen unläugbar bei, allein an sich musste Schiller durch seine Geisteseigenthümlichkeit ebensowohl zu historischem, als philosophischem Studium hingezogen werden. Nur um dies mit wenigen Worten anzudeuten, berühre ich diesen Punkt hier. Wer, wie Schiller, durch seine innerste Natur aufgefordert war, die Beherrschung und freiwillige Uebereinstimmung des Sinnenstoffes durch und mit der Idee aufzusuchen, konnte nicht da zurücktreten, wo sich gerade die reichste Mannigfaltigkeit eines ungeheuren Gebietes eröffnet; wessen beständiges Geschäft es war, dichtend, den von der Phantasie gebildeten Stoff in eine, Nothwendigkeit athmende Form zu giessen, der musste begierig seyn zu versuchen, welche Form, da das Darstellbare es doch nur durch irgend eine Form ist, ein durch die Wirklichkeit gegebener Stoff erlaubt und verlangt. Das Talent des Geschichtschreibers ist dem poetischen und philosophischen nahe verwandt, und bei dem, welcher keinen Funken dieser beiden in sich trüge, möchte es sehr bedenklich um den Beruf zum Historiker aussehen. Dies gilt aber nicht bloss von der Geschichtschreibung, sondern auch von der Geschichtforschung. Schiller pflegte zu behaupten, dass der Geschichtschreiber, wenn[381] er alles Factische durch genaues und gründliches Studium der Quellen in sich aufgenommen habe, nun dennoch den so gesammelten Stoff erst wieder aus sich heraus zur Geschichte construiren müsse, und hatte darin gewiss vollkommen Recht, obgleich allerdings dieser Ausspruch auch gewaltig misverstanden werden könnte. Eine Thatsache lässt sich ebensowenig zu einer Geschichte, wie die Gesichtszüge eines Menschen zu einem Bildniss bloss abschreiben. Wie in dem organischen Bau und dem Seelenausdruck der Gestalt, giebt es in dem Zusammenhange selbst einer einfachen Begebenheit eine lebendige Einheit, und nur von diesem Mittelpunkt auslässt sie sich auffassen und darstellen. Auch tritt, man möge es wollen oder nicht, unvermeidlich zwischen die Ereignisse und die Darstellung die Auffassung des Geschichtschreibers, und der wahre Zusammenhang der Begebenheiten wird am sichersten von demjenigen erkannt werden, der seinen Blick an philosophischer und poetischer Nothwendigkeit geübt hat. Denn auch hier steht die Wirklichkeit mit dem Geist in geheimnissvollem Bunde. Im Sammeln der Thatsachen, im Studium der Quellen, so weit es ihm vergönnt war, in sie hinabzusteigen, war Schiller sehr genau und sorgfältig. Auch bei seinen poetischen Arbeiten versäumte er nie, sich die historische oder Sachkunde, welche sie erforderten, zu verschaffen. Wenn ihm etwas in dieser Art mislang, so lag es gewiss nicht an der Emsigkeit seines Strebens, sondern am Mangel von Hülfsmitteln, an seiner Kränklichkeit und anderen zufälligen Umständen. Nur muss man einzelne factische Unrichtigkeiten nicht immer als Instanzen gegen die Allgemeinheit dieser Behauptung ansehen. Er eignete sich bei diesen Studien zu poetischen Arbeiten natürlich vorzugsweise das Ganze des Eindrucks an. Mit welcher Liebe er sich dem Geschichtsfache widmete, geht aus einem seiner Briefe an Körner hervor. Nur wo er historische Arbeiten bloss für äussere Zwecke, wie für die Horen, übernehmen musste, wurden sie ihm lästig. Sonst war auch gerade in seiner spätesten Zeit die Lust zur Geschichte nicht in ihm erloschen. Er sprach[382] mir, noch als ich ihn das letztemal im Herbst 1802. sah, mit leidenschaftlicher Wärme von dem Plan einer Geschichte Roms, den er sich für höhere Jahre aufsparte, wenn ihn vielleicht das Feuer der Dichtkunst verlassen hätte. In der That kommt wohl keine andere Geschichte dieser an dramatischer Grösse gleich. Besonders wurde Schiller so lebendig durch die Idee ergriffen, wie sich die grössesten welthistorischen Verhängnisse im Alterthum und der neueren Zeit gerade an die Oertlichkeit dieser Stadt anknüpften. Man erinnert sich hierbei an Göthe's schonen Ausspruch, dass sich von Rom aus die Geschichte ganz anders, als an jedem Orte der Welt liest. »Anderwärts liest man von aussen hinein, in Rom glaubt man von innen hinaus zu lesen; es lagert sich Alles um uns her, und geht wieder aus von uns.«

Das Genie in jeder Art der Hervorbringung ist die Spannung der ganzen Intellectualität auf den Einen ihr von der Natur angewiesenen Punkt. Von der Beschaffenheit dieses Ganzen hängen zwei, bei jeder intellectuellen Charakterisirung nothwendige Bestimmungen ab: das besondre Gepräge des Genies, da es sich in jeder Gattung wieder sehr verschieden gestalten kann, und die Freiheit des Geistes neben und ausser demselben zu allgemeinerer Ueberschauung des intellectuellen Standpunkts. In den Gränzen dieses Typus und dem Verhältniss der darin zusammenwirkenden Potenzen liegen, was jedoch hier nicht der Ort zu entwickeln ist, alle Verschiedenheiten der menschlichen Intellectualität, die in jedem Menschen, wie verdunkelt es immer seyn mag, vorzugsweise auf Einen Punkt hin bezogen ist. Darum schien es mir nothwendig, um Schiller, den jeder als Dichter fühlt, auch soviel das möglich ist, dem Begriff nach, als Dichter zu schildern, vorzüglich von seiner ganzen Geistesrichtung, und namentlich von seiner philosophischen zu sprechen. Gerade um sein Dichtergenie zu charakterisiren, redete ich von dem, worin er die Bahn des Dichters zu verlassen schien. Die Schilderung einer grossen geistigen Natur setzt nothwendig wieder einen genialen Blick in das[383] Wesen und Zusammenwirken aller, sich individuell vertheilenden Intellectualität voraus. Ich darf daher nicht die Hoffnung nähren den Leser wirklich ganz auf den Standpunkt geführt zu haben, Schiller's Eigenthümlichkeit, wie er sie bisher empfunden hat, nunmehr auch klar und entschieden in ihrem Zusammenhange zu übersehen. Bin ich hierin aber auch nur einigermassen glücklich gewesen, so können Schiller's philosophische und historische Bestrebungen nicht bloss als eine vielseitige Geistesbildung, noch weniger aber als ein unsichres Umhersuchen nach seinem wahren Beruf, sondern beide nur als mit der poetischen aus einer und ebenderselben tiefen, reichen und mächtigen Urquelle in ihm hervorbrechend erscheinen. Wie in den Körpern die Stoffe nach Wahlverwandtschaften verschiedenartige Verbindungen eingehen, so war in Schiller die Dichtung innig an die Kraft des Gedanken gebunden. Sie strömte darum nicht weniger frei aus der Anschauung und dem Gefühle hervor. Sie schöpfte vielmehr gerade aus dieser, die Einbildungskraft schon durch den zu überwindenden Contrast steigernden Verbindung ein Feuer, eine Tiefe und Stärke, wie sie auf diese Weise kein andrer älterer, noch neuerer Dichter bewiesen hat. Gedanke und Bild, Idee und Empfindung treten immer in ihm in Wechselwirkung, und in den gelungenen Stellen durchdringen sie einander, ohne von ihrer Eigenthümlichkeit aufzugeben. Man kann sich im Geiste nichts, als ruhend, und gelegentlich zur Thätigkeit übergehend, nichts getrennt und abgesondert auf einander einwirkend denken. Was in ihm ist, ist nur durch Thätigkeit, was er in sich fasst, ist Eins, nur verschieden durch Spannung und Richtung, die oft durch den Impuls verschiedener, ja entgegengesetzter Kräfte gegeben wird. Der Gedanke jedes Augenblicks trägt den ganzen in diese Gestaltung gegossenen Geist. Dies energische Erscheinen der ganzen Intellectualität in dem einzelnen Gedanken macht Schiller, was nur aus der Energie der wirklichen Verknüpfung in ihm selbst entsprang, vorzugsweise fühlbar. Das schöne Bild, durch das er in der Macht des Gesanges die[384] Dichtung überhaupt charakterisirt: ein Regenstrom aus Felsenrissen u.s.w. steht in besonderer Beziehung auf die seinige. Was ihn aber daneben, wenn es auch für seinen Dichterberuf als gleichgültig erscheinen könnte, auszeichnet, ist die Höhe, in der er sich über jeder einzelnen Bestrebung in ihm, selbst über seinem Dichtergenie befindet, einem der mächtigsten und gewaltigsten, welche je die menschliche Brust bewegt haben. Es ist nicht Freiheit bloss, sondern ganz eigentlich Uebermacht.

Wenn gleich diese ihn sichtbar, auch als Dichter, hob und empor trug, so musste ebendarum unläugbar auch sein Dichten aus einer doppelt energischen Kraft hervorgehen. Alles Künstlerische und Dichterische trägt zwar den Charakter des Freiwilligen an sich, darum aber fällt doch auch dem Künstler und Dichter nicht ganz ohne Mühe ihr glücklich Loos. Auch sie bedürfen der Arbeit, nur einer Arbeit ganz eigner Natur, und diese war Schiller'n gerade durch die Vorzüge seiner Eigenthümlichkeit erschwert. Sein Ziel war ihm höher gesteckt, weil er das Ziel aller Dichtung klarer vor sich sah, ihre verschiedenen Bahnen sicherer übermass, das ganze Getriebe des geistigen Wirkens, wenn dieser Ausdruck auf das Walten der höchsten Freiheit übergetragen werden kann, heller durchschaute. Er erkannte das Ideal in seiner ganzen, von ihm aber immer erhebend, nicht niederdrückend empfundenen Grösse, und indem er, nach seiner eignen lichtvollen Eintheilung, durchaus zur Classe der sentimentalischen Dichter gehörte, so steigerte seine Individualität noch den Begriff dieser Gattung. Zugleich schwebend über seinen eignen und den Leistungen andrer, war er nicht bloss Schöpfer, sondern auch Richter, und forderte Rechenschaft von dem poetischen Wirken auf dem Gebiete des Denkens. Es war daher doppelt zu bewundern, dass die den Dichter unbewusst und unerklärbar mit sich fortreissende wahre Naturkraft darum nichts an ihrer Macht in ihm verlor. Hier aber, wie in Allem, wirkte wieder die Totalitaet seiner Natur. Niemand drang so sehr, als er, auf die absolute Freiheit des sinnlichen Stoffs, auf seine[385] vollendete und von der Idee ganz unabhängige Ausbildung vor der Anschauung und der Phantasie, und dass er dies that, war nicht etwa Folge theoretischer Ideen. Er schöpfte vielmehr diese erst selbst aus dem gleichen, ihn beherrschenden, mächtigen innern Drange. Was andren sentimentalischen Dichtern begegnete, ebendarum, weil sie dies waren, in ihren Werken weniger plastisch zu seyn, ihnen weniger sinnliche Gestaltung zu geben, konnte für ihn nie eine Klippe werden. Vielmehr war er wieder in höherem Grade naiv, als es die entschiedene Hinneigung zur sentimentalischen Gattung zuzulassen schien. Seine sich selbst überlassene Natur führte ihn mehr der höheren Idee zu, in welcher sich der Unterschied zwischen jenen Gattungen wieder von selbst verliert, als sie ihn in eine von beiden verschloss, und wenn er dieses Vorrecht mit einigen der grössesten Dichtergenies theilte, so gesellte sich dazu noch in ihm, dass er schon in die Idee selbst die Forderung absoluter Freiheit des sich idealisch bildenden Sinnenstoffs legte.

Das bloss Rührende, Schmelzende, einfach Beschreibende, kurz die ganze unmittelbar aus der Anschauung und dem Gefühle genommene Gattung der Dichtung findet sich bei Schiller in unzähligen einzelnen Stellen und in ganzen Gedichten. Ich brauche hier nur an die Ideale, des Mädchens Klage, den Jüngling am Bach, Thekla, eine Geisterstimme, an Emma, die Erwartung, u.a.m. zu erinnern, die nur den empfangenen Eindruck wiederzugeben scheinen, und in denen man Schiller's intellectuelle Eigenthümlichkeit nur wie in einem sanften Wiederscheine erkennt. Die wundervollste Beglaubigung vollendeten Dichtergenies aber enthält das Lied von der Glocke, das in wechselnden Sylbenmassen, in Schilderungen der höchsten Lebendigkeit, wo kurz angedeutete Züge das ganze Bild hinstellen, alle Vorfälle des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens durchläuft, die aus jedem entspringenden Gefühle ausdrückt, und dies alles symbolisch immer an die Töne der Glocke heftet, deren fortlaufende Arbeit die Dichtung in ihren verschiednen Momenten begleitet.[386] In keiner Sprache ist mir ein Gedicht bekannt, das in einem so kleinen Umfang einen so weiten poetischen Kreis eröffnet, die Tonleiter aller tiefsten menschlichen Empfindungen durchgeht, und auf ganz lyrische Weise das Leben mit seinen wichtigsten Ereignissen und Epochen, wie ein durch natürliche Gränzen umschlossenes Epos zeigt. Die dichterische Anschaulichkeit wird aber noch dadurch vermehrt, dass jenen der Phantasie von fern vorgehaltenen Erscheinungen ein als unmittelbar wirklich geschilderter Gegenstand entspricht, und die beiden sich dadurch bildenden Reihen zu gleichem Ende parallel neben einander fortlaufen.

Wenn man sich vergegenwärtigt, was ich hier über Schiller's rastlose Geistesthätigkeit und die enge Verbindung seines dichterischen Genies mit der mächtigen Kraft gesagt habe, die in ihm Alles in das Gebiet ihres Denkens zog, so wird man jetzt besser die Epoche verstehen, in welche der nachfolgende Briefwechsel fällt, und die ich im Vorigen als die kritische in seiner poetischen Laufbahn ansah. Jede grosse poetische Arbeit fordert eine Stimmung und Sammlung des Gemüths, die Schiller, als er nach Jena zurückkehrte, seit Jahren vermisste. Zum Theil lag die Schuld davon wohl in dem Plane zum Wallenstein, den er lange bei sich trug, ehe er wirklich Hand an die Arbeit legte. Dieser Stoff war in seinem Umfange zu gewaltig, und, seiner Beschaffenheit nach, zu spröde, um nicht der grössesten Zurüstungen vor seiner Ausführung zu bedürfen. Wer dies Gedicht richtig zu würdigen versteht, wird erkennen, dass es eine wahre poetische Riesenarbeit ist; selbst Schiller's formender Geist vermochte diesen weit ausgreifenden Stoff doch nur in drei zusammenhängenden Studien zu bezwingen. Allein auch die Forderungen, welche Schiller an seine theatralischen Werke machte, hatten sich gesteigert, da das schöpferische Genie augenblicklich feierte, trat desto geschäftiger die richtende Kritik, und nicht ohne Besorgnisse, an ihre Stelle. In allem künstlerischen Schaffen verlangt die Zuversicht das Beispiel des schon wirklich Gelungenen. Dies fehlte Schiller'n[387] hier, nicht nach dem Urtheil seiner Nation, aber nach seinem eignen. Die früheren Stücke konnten ihm nicht als Beglaubigungen des Talentes gelten, dessen Entwicklung ihm jetzt allein seiner und der Kunst würdig erschien. Don Carlos war durch äussere Umstände in einem langen Intervalle gedichtet worden, und die Einheit und Glut der ersten Auffassung hatten die Länge der Arbeit nicht überdauert. So glaubte Schiller am Anfange einer neuen Laufbahn zu stehen, und wirklich drückte er, da er sich einmal der Fesseln entledigt hatte, die seinen neuen Aufflug hemmten, der Tragödie ein Gepräge auf, mit dem sie niemals vorher die Bühne betreten hatte. Zugleich fiel dies in eine Zeit, wo Schiller's inneres Bestreben vorzüglich ein philosophisches war. Denn es ist nicht zu verkennen, dass zur Zeit unmittelbar nach der Arbeit am Don Carlos er bemüht war, die in ihm rege gewordnen philosophischen Ideen zur Klarheit und Bestimmtheit zu bringen. Schon die Wahl des Don Carlos zum Gegenstand einer Tragödie war, wie man aus den Briefen über ihn sieht, nicht frei vom Antheil dieses innern, auf Ideen gerichteten Triebes, und dies in seiner Art einzige, im Einzelnen mit der ganzen Fülle des Schillerschen Genies ausgestattete, wenn gleich in der Form und Zusammenfügung des Ganzen nicht, gleich den späteren, gelungene Stück verräth die Spuren dieses Ursprungs. Ein innerer auf Ideen gerichteter Trieb war es in der That; da er aber in dem Erscheinen der Kantischen Philosophie Nahrung fand, und nachdem er sich einmal in Anmuth und Würde in bestimmter Klarheit auszusprechen begonnen hatte, lag die vollendete Ausbildung des in diesem Aufsatze angedeuteten und theilweise ausgeführten Systems als eine innere Aufgabe in Schiller, die, seiner Individualität nach, gelöst seyn musste, ehe er in ein andres Gebiet übergehen konnte. Es war ihm unmöglich, etwas Unklares oder Ungewisses in seinem Geiste zurückzulassen, solange er nicht die Hoffnung aufgeben musste, es zur Klarheit und Gewissheit zu bringen, die Ideen, welche die Grundsäulen seines ganzen intellectuellen[388] Strebens ausmachten, mit denen er sein poetisches Schaffen – das Element seines Lebens – unauflöslich verschwistert sähe, sobald es ihm Gegenstand der Betrachtung und des Nachdenkens wurde, mussten bis zu ihren Endpunkten hin rein ausgesponnen vor ihm liegen. Beharrlichkeit der Ausdauer war ein charakteristischer Zug bei jeder Arbeit in Schiller, und so ruhte er nicht eher, bis die ihm von seiner innersten Natur gestellte Aufgabe in den Briefen über die aesthetische Erziehung des Menschen gelöst war. Bis dahin konnte er aber auch nichts Anderes ergreifen. Was seinen Geist anzog, beschäftigte ihn immer ausschliesslich und ganz.

Es ist sehr merkwürdig, wie in der Periode, von welcher hier die Rede ist, die beständig in Schiller fortlebende Sehnsucht nach dramatischer Dichtung langsam, aber immer allmählich sich Luft machend, die Oberhand über das philosophische Streben gewann. Im ersten Jahre seiner Rückkehr nach Jena beschäftigten ihn noch ausschliesslich die aesthetischen Briefe und gelegentliche historische Arbeiten. Dann blühte die Poesie zuerst nur in kleineren lyrischen und erzählenden Gedichten ihm auf, und die Philosophie näherte sich in den Abhandlungen über naive und sentimentalische Dichtung in mehr leichter und heiterer Form der nun schon herrschend werdenden Arbeit der Phantasie. Endlich begann der Wallenstein. So trat Schiller, wie in ein leichteres, ihm eigenthümlicheres Element, in die glänzende dichterische Periode seiner letzten Jahre, die dann durch nichts weiter unterbrochen wurde. Sein, wie er uns auch schmerzlich bewegt, grosser und schöner Tod führte ihn mitten in einer schon herrlich zurückgelegten und mit immer weiterstrebender Kraft verfolgten Laufbahn hinweg.

In jene Periode der Rückkehr Schiller's zur dramatischen Dichtung fällt auch der Anfang seines vertrauteren Umgangs mit Göthe, und gewiss als die am stärksten und bedeutendsten mitwirkende Ursach. Der gegenseitige Einfluss dieser beiden grossen Männer auf einander war der mächtigste und würdigste. Jeder fühlte sich dadurch[389] angeregt, gestärkt und ermuthigt auf seiner eigenen Bahn, jeder sähe klarer und richtiger ein, wie auf verschiedenen Wegen dasselbe Ziel sie vereinte. Keiner zog den Andern in seinen Pfad herüber, oder brachte ihn nur ins Schwanken im Verfolgen des eignen. Wie durch ihre unsterblichen Werke, haben sie durch ihre Freundschaft, in der sich das geistige Zusammenstreben unlösbar mit den Gesinnungen des Charakters und den Gefühlen des Herzens verwebte, ein bis dahin nie gesehenes Vorbild aufgestellt, und auch dadurch den Deutschen Namen verherrlicht. Mehr aber darüber zu sagen, würde theils überflüssig seyn, theils verbietet es eine natürliche und gerechte Scheu. Schiller und Göthe haben sich in ihren Briefen selbst so klar und offen, so innig und grossartig über dies einzige Verhältniss ausgesprochen, dass so Gesagtem noch etwas hinzuzufügen niemand versucht werden kann.

In dem Briefwechsel mit mir giebt es Stellen, wo Schiller seinem Dichterberufe zu mistrauen scheint, und Aehnliches findet sich in Körner's Lebensbeschreibung angeführt. Ich erwähnte auch dessen schon im Anfange dieser Vorerinnerung. Solche augenblicklichen Aufwallungen, so wie der sonderbare Misgriff, sich mehr für epische, als dramatische Dichtung geboren zu halten, werden niemanden irre machen, der mit dem menschlichen Kopfe und Herzen vertraut ist. Nie hat einer, wenn man Momente einzelner Verstimmung ausnimmt, so klar und entschieden gewusst, was er durch seine Natur gedrungen wollen und suchen musste, nie einer sein Streben und sein Gelingen so richtig und unbefangen gewürdigt, als Schiller; nie war einem mehr, als ihm, unsichres Umhertappen nach seiner naturgemässen Bestimmung fremd und verhasst. Seine Bestimmung aber war offenbar die dramatische Dichtung. Die Schärfe der Einbildungskraft, die Alles auf Einen Punkt hinführt, die Fähigkeit, auf einen gewaltigen Effect hinzuarbeiten, die höchste Spannung in der Wirklichkeit hervorzubringen, und die erhabenste Lösung in der Idee daran zu knüpfen, welches Alles durch Schiller's Individualität unmittelbar gegeben war, sagt vorzugsweise dieser Dichtungsart[390] zu, deren Charakter sich, nach Goethe's treffender Bemerkung, daraus ableiten lässt, dass sie ihren Gegenstand in die Gegenwart versetzt. Denn auch sie sammelt ihre ganze Wirkung auf Einen Endpunkt, verfolgt mehr eine Linie, als sie sich auf eine Fläche verbreitet, und steht, wie auch der Gedanke, in engerem Bunde mit der Zeit, als mit dem mehr der Anschauung zusagenden Raume. Wenn Schiller dies, und selbst den dichterischen Genius in ihm augenblicklich zu verkennen schien, so war es, in den besten Momenten dieses Mistrauens, die Höhe des Ideales, die den Blick schwindeln macht, und die immer am Erreichen des erwünschten Ziels zweifelnde Heftigkeit der tiefen inneren Sehnsucht.

Des Einflusses, den äussere Umstände auf den Wechsel in Schiller's Beschäftigungen ausüben mochten, habe ich mit Absicht gar nicht erwähnt. Allerdings zwar wurden die prosaischen Aufsätze grossentheils durch die Thalia und die Horen, die Gedichte durch die Musenalmanache hervorgerufen. Der erste von 1796. veranlasste geradezu alle, die er von Schiller enthält; keines stammt aus einer früheren Periode. Demungeachtet lag dieser wechselnde Uebergang von poetischen zu philosophischen, prosaischen zu rhythmischen Arbeiten hauptsächlich und im Ganzen allein in der oben geschilderten Geistesstimmung Schillers. Nur weil das Grosse, was er in sehnender Erwartung in sich trug, noch nicht seine Reife erlangt hatte, weil die Sammlung und Stimmung des Gemüths noch nicht vollkommen war, welche die einzig mögliche Zurüstung zu künstlerischem Schaffen und Dichten ist, liess er sich zu Unternehmungen dieser Art gehen, die ihm hernach allerdings bisweilen störend erschienen, allein mehr schienen, als in der That waren. Bewundernswürdig blieb dabei, wie diese äusseren Motive ihm niemals Anlass zu mittelmässigen Arbeiten wurden, und wie die Nöthigung (denn so musste man es oft bei Arbeiten, zu bestimmten Zeiten zugesagt, nennen), sobald sich die glücklich empfangene Idee dem Geiste darstellte, in schöne Freiwilligkeit übergieng, die jede Spur des äusseren Ursprungs in dem Werke selbst austilgte.[391] Denn niemand wird selbst den weniger bedeutenden unter den Almanachs- und Horen-Gedichten den Stempel ächter Genialität abzusprechen vermögen.

Was seine späteren dramatischen Werke vorzugsweise auszeichnet, ist erstlich ein sorgfältigeres und richtiger verstandenes Streben nach einem Ganzen der Kunstform, dann eine tiefere Bearbeitung der Gegenstände, durch die sie in eine grössere und reichere Weltumgebung treten, und höhere Ideen sich an sie anknüpfen, endlich eine mehr vollendete Austilgung alles Prosaischen durch einen reineren Schwung des Poetischen in Darstellung, Gedanken und Ausdruck. In allen Punkten ist der Begriff der von einem Gedicht zu fordernden Kunst in ihnen gesteigert, und indem die lebendige poetische Form den Stoff vollkommner durchdringt, wird dieser wieder auch in höherem Sinne Natur. In mehreren Stellen seiner Briefe giebt Schiller die grössere Rücksicht auf die Form des Ganzen als den eigentlichen von ihm gemachten Fortschritt an, und tadelt das Hängen am Einzelnen und die durch Vorliebe geleitete Behandlung der Theile. Viel früher aber spricht er dies höchste Erforderniss eines Kunstwerks wundervoll klar und schön in den Künstlern aus. Was er unter einer solchen Behandlung eines dramatischen Stoffes verstand, zeigte er gleich an dem schwierigsten in dieser Hinsicht, am Wallenstein. Alles Einzelne in der grossen, so unendlich Vieles umfassenden Begebenheit sollte der Wirklichkeit entrissen, und durch dichterische Nothwendigkeit verbunden erscheinen, alle Grundlagen, auf welche der kühne Held sein gefahrvolles Unternehmen stützen wollte, alle Klippen, an welchen es scheiterte, die politische Lage der Fürsten, der Gang des Krieges, der Zustand Deutschlands, die Stimmung des Heers, sollte vor den Augen des Zuschauers dichterisch und anschaulich dargestellt werden. Selten hat ein Dichter grössere Forderungen an sich und seinen Stoff gemacht, wenn man Shakspeare ausnimmt, nicht leicht ein zweiter eine solche Welt von Gegenständen, Bewegung, und Gefühlen in Einer Tragödie umfasst.

Die auf Wallenstein folgenden Stücke zeigen, dass Schiller[392] in gleicher Art fortarbeitete. In der That bestand sein Leben darin, dass er als Dichter übte, was er irgendwo vom idealisch gebildeten Menschen überhaupt sagt, soviel Welt, als er mit seiner Phantasie zu erfassen vermochte, mit der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen in sich zu ziehen und in die Einheit der Kunstform zu verschmelzen. Daher sind seine Tragödien nicht Wiederholungen eines zur Manier gewordnen Talents, sondern Geburten eines immer jugendlichen, immer neuen Ringens mit richtiger eingesehenen, höher aufgefassten Anforderungen der Kunst. Tiefer in sie einzugehen ist meine Absicht nicht. Die in dieser Vorerinnerung niedergelegten Betrachtungen haben nur den Endzweck, den hier nachfolgenden Briefwechsel in den ganzen Entwicklungsgang Schiller's einzupassen. Sie finden daher ihren natürlichen Endpunkt in dem entschiednen Beginn der Periode seiner letzten Trauerspiele. Diese haben längst das Urtheil der Mitwelt erfahren; sie können mit Ruhe das der nachfolgenden Geschlechter erwarten. Lange noch werden sie die Bühne beschäftigen, dann ihren Platz in der Geschichte Deutscher Dichtung einnehmen. Der Dichter führt nicht neue Wahrheiten ans Licht, sammelt nicht Thatsachen. Er wirkt in der Art, wie er schafft; der Phantasie aller Zeiten führt er Gestalten vor, die erheben und bilden, er leistet dies in der Form, in die er seine Gegenstände kleidet, in den Charakteren, mit welchen er die Menschheit idealisch bereichert, in seinem eignen, aus allen seinen Werken wiederstrahlenden Bilde. So begeisternd, und bildend durch Erhebung und Rührung wird auch Schiller lange und mächtig auf seine Nation fortwirken.

Er wurde der Welt in der vollendetsten Reife seiner geistigen Kraft entrissen, und hätte noch Unendliches leisten können. Sein Ziel war so gesteckt, dass er nie an einen Endpunkt gelangen konnte, und die immer fortschreitende Thätigkeit seines Geistes hätte keinen Stillstand besorgen lassen; noch sehr lange hätte er die Freude, das Entzücken, ja wie er es in einem der hier folgenden Briefe bei Gelegenheit des Plans zu einer Idylle so unnachahmlich beschreibt,[393] die Seligkeit des dichterischen Schaffens geniessen können. Sein Leben endete vor dem gewöhnlichen Ziele, aber so lange es währte, war er ausschliesslich und unablässig im Gebiete der Ideen und der Phantasie beschäftigt; von Niemand lässt sich vielleicht mit soviel Wahrheit sagen, dass »er die Angst des Irdischen von sich geworfen hatte, aus dem engen, dumpfen Leben in das Reich des Ideales geflohen war«; er lebte nur von den höchsten Ideen und den glänzendsten Bildern umgeben, welche der Mensch in sich aufzunehmen und aus sich hervorzubringen vermag. Wer so die Erde verlässt, ist nicht anders als glücklich zu preisen.

Tegel, im Mai, 1830.

W. v. Humboldt.[394]


Fußnoten

1 Die gegenwärtige Sammlung enthält alle von uns noch vorhandene Briefe, einige wenige ganz uninteressante ausgenommen. Es fehlt aber dennoch eine gute Anzahl. Schiller muss meine Briefe nicht vollständig aufbewahrt haben, und ein grosser Theil der Schillerschen an mich ist auf dem Landsitz, wo ich dies schreibe, in den unglücklichen Kriegsereignissen des Jahres 1806. verloren gegangen.


2 Ein Schauspiel, zu welchem Schiller den Plan lange mit sich herumtrug, und von dem auch in dem nachfolgenden Briefwechsel die Rede seyn wird.

Quelle:
Wilhelm von Humboldt: Werke in fünf Bänden. Band 2, Darmstadt 1963.
Erstdruck als »Vorerinnerung« in: Briefwechsel zwischen Schiller und Wilhelm von Humboldt, Stuttgart und Tübingen (Cotta) 1830.
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