Kapitel XV.

Von der Dauer und der Ausdehnung zusammengenommen

[128] § 4. Philalethes. Man läßt leichter eine unendliche Zeitdauer zu, als eine unendliche Ausdehnung des Raumes, weil wir eine unendliche Dauer in Gott denken, und Ausdehnung[128] nur der Materie, die endlich ist, zuschreiben, die Räume außerhalb des Weltalls aber als bloß eingebildete betrachten. Aber (§ 2) Salomon scheint andere Gedanken zu haben, indem er von Gott redend sagt: Die Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht; und ich für meinen Teil glaube, daß sich derjenige eine zu hohe Vorstellung von der Fassungsgabe seines eigenen Verstandes macht, welcher sich einbildet, mit seinen Gedanken weiter gehen zu können als an den Ort, wo Gott ist.

Theophilus. Wenn Gott ausgedehnt wäre, würde er Teile haben. Aber die Dauer gibt nur seinen Wirkungen Teile. Indessen muß man ihm rücksichtlich des Raumes die Unmöglichkeit zuschreiben, welche auch den unmittelbaren Wirkungen Gottes Teile und Ordnungen gibt. Er ist die Quelle der Möglichkeiten wie der Wirklichkeiten, der einen durch sein Wesen und der anderen durch seinen Willen. So hat der Raum wie die Zeit ihre Wirklichkeit nur von ihm, und er kann das Leere nach seinem Belieben ausfüllen. In dieser Hinsicht ist er also überall.

§ 11. Philalethes. Wir wissen nicht, welche Beziehungen die Geister zu dem Raum haben, noch wie sie daran teilnehmen. Wir wissen aber, daß sie an der Dauer teilnehmen.

Theophilus. Alle endlichen Geister sind immer mit irgend einem organischen Körper verbunden und stellen die übrigen Körper durch Beziehung zu den ihrigen dar. So ist ihre Beziehung zum Raum ebenso offenbar, als die der Körper. Übrigens möchte ich, ehe wir diesen Gegenstand verlassen, eine Vergleichung der Zeit und des Orts zu den von Ihnen gegebenen hinzufügen, daß man nämlich, wenn es im Raum ein Leeres gäbe (wie z.B. wenn eine Kugel innerlich hohl wäre), man die Größe davon bestimmen könnte; aber wenn es in der Zeit eine Leere gäbe, d.h. eine Dauer ohne Veränderungen, deren Länge zu bestimmen unmöglich sein würde. Deshalb kann man denjenigen widerlegen, welcher sagen würde, daß zwei Körper, zwischen denen es eine Leere gibt, sich berühren, denn zwei einander entgegengesetzte Pole einer leeren Kugel können sich nicht berühren, das verbietet die Geometrie; man würde aber denjenigen nicht widerlegen[129] können, welcher sagte, daß zwei Welten, von denen die eine nach der anderen ist, sich hinsichtlich der Dauer berühren, dergestalt, daß die eine notwendig beginnt, wann die andere endet, ohne daß es dabei einen Zwischenraum gibt. Man würde ihn nicht widerlegen können, sage ich, weil dieser Zwischenraum sich nicht bestimmen läßt. Wenn der Raum nur eine Linie und der Körper unbeweglich wäre, so würde es ebensowenig möglich sein, die Länge des leeren Raumes zwischen zwei Körpern zu bestimmen.

Quelle:
Gottfried Wilhelm Leibniz: Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. Leipzig 21904, S. 128-130.
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