Zehntes Kapitel

[43] Man reißt sich um mich, ich bekomme zwei Weiber auf einmal und werde endlich gar entführt.


Unterdessen wurden die häuslichen Umstände meines Vaters immer schlimmer. Er sah sich also gezwungen, nach der Residenzstadt N ... zu reisen und sich da um eine Lehrstelle zu bewerben, wohin auch ich ihm folgen mußte. Hier legte er unter sehr vorteilhaften Bedingungen eine eigene Schule an, wo er mich als Gehilfen brauchen konnte.

Eine sowohl ihrer vorzüglichen Talente als ihres xantippenartigen Charakters wegen berühmte Witwe hielt ein[43] eigenes Wirtshaus am Ende der Vorstadt K ... Sie hatte eine Tochter bei sich, die ihr in keiner der gedachten Eigenschaften nachgab, und die ihr zur Führung der Wirtschaft unentbehrlich war. Madam Rissia (so hieß die Witwe), durch meinen immer zunehmenden Ruf bewogen, bestimmte mich zum Gemahl für ihre Demoiselle Tochter Sara. Ihre Familie stellte ihr die Unmöglichkeit der Ausführung dieses Planes vor. Meines Vaters Stolz und die daher rührenden unzubefriedigenden Forderungen, meinen Ruf, der schon die Aufmerksamkeit der Vornehmsten und Reichsten dieser Stadt rege gemacht hatte, und endlich ihre eigenen mittelmäßigen Vermögensumstände, die bei weitem zur Ausführung eines solchen Vorhabens nicht hinlänglich wären. Alle diese Vorstellungen aber halfen bei ihr nichts; sie hatte sich einmal in den Kopf gesetzt, mich, es möchte kosten was es wolle, zum Schwiegersohn zu haben, und meinte: es müsse mit dem Teufel zugehen, wenn sie diesen Jungen nicht bekommen sollte.

Sie ließ meinem Vater einen Vorschlag tun, ließ ihn die ganze Zeit über, da er sich in dieser Stadt aufhielt, nicht ruhen, unterredete sich selbst zu verschiedenen Malen mit ihm darüber und versprach, allen seinen Forderungen Genüge zu leisten. Mein Vater aber suchte Zeit zur Überlegung zu gewinnen und die Sache in die Länge zu ziehen.

Nun kam die Zeit, daß wir wieder nach Hause reisen sollten. Mein Vater ging mit mir nach diesem Wirtshause, um daselbst, da es das letzte Haus auf dieser Straße war, eine dahin abgehende Fuhre zu erwarten. Madame Rissia machte sich diese Gelegenheit zunutze, fing an, mich zu karessieren, stellte mir meine Braut vor und fragte, wie sie mir gefiele. Endlich drang sie auf eine entscheidende Antwort von meinem Vater. Dieser war noch immer damit zurückhaltend und suchte ihr auf allerhand Art und Weise die mit dieser Sache verknüpften Schwierigkeiten vorzustellen.

Indem sie noch auf diese Art kapitulierten, stürzten auf[44] einmal der Oberrabbiner, der Prediger und alle Ältesten dieses Ortes mit einer Menge der angesehensten Personen in die Stube. Es ging mit dieser plötzlichen Erscheinung ohne alle Zauberei auf folgende Weise zu. Diese Herren waren in ebendieser Vorstadt zu einem Beschneidungsfest bei einem vornehmen Mann gebeten. Madame Rissia, die dieses sehr wohl wußte, schickte sogleich ihren Sohn dahin und ließ die ganze Gesellschaft gleich nach Tische zu sich auf ein Verlobungsmahl einladen. Sie kamen also halb berauscht, und da sie nicht anders glaubten, als daß alle Präliminarien des Ehekontrakts schon ins reine gebracht worden wären und nichts als die Aufsetzung des Kontrakts und seine Unterschreibung fehlte, so setzten sie sich an den Tisch, nahmen meinen Vater in die Mitte, und der Oberrabbiner fing an, dem Schreiber der Gemeinde den Ehekontrakt zu diktieren.

Mein Vater beteuerte, daß er in Ansehung der Hauptsache noch gar nichts entschieden habe und noch viel weniger die Präliminarartikel des Ehekontrakts schon ins reine gebracht wären. Der Oberrabbiner geriet darüber in Zorn, weil er glaubte, daß dieses bloß Schikane sei und man seine hohe Person und die ganze ehrwürdige Gesellschaft zum besten haben wolle. Er wandte sich daher zu der Gesellschaft und sagte mit einer stolzen Miene: »Wer ist dieser Rabbi Josua, der soviel Wesens aus sich macht?« Mein Vater erwiderte hierauf: »Der Rabbi ist hier überflüssig – ich bin zwar ein gemeiner Mann, aber wie ich glaube, kann mir niemand das Recht streitig machen, für das Wohl meines Sohnes zu sorgen und sein zukünftiges Glück auf einen festen Fuß zu setzen.«

Dem Oberrabbiner fiel die Zweideutigkeit des Ausdrucks: der Rabbi ist hier überflüssig, sehr auf. Er sah wohl ein, daß er kein Recht habe, meinem Vater hierin Gesetze vorzuschreiben, und daß es eine Übereilung von Madame Rissia war, eine Gesellschaft zu einem Verlobungsmahl einzuladen, ehe die Parteien unter sich über die Präliminarartikel[45] einig geworden. Er fing daher an, seinen Ton herunterzustimmen, stellte bloß meinem Vater die Vorteile dieser Partie vor, die hohe Abkunft der Braut (ihr Großvater, Vater und Onkel waren Gelehrte und bekleideten Oberrabbinerstellen), ihre persönlichen Vorzüge, und daß Madame Rissia allen seinen Forderungen Genüge leisten wolle und könne.

Mein Vater, der in der Tat dagegen nichts einwenden konnte, mußte sich also ergeben. Der Ehekontrakt wurde nun ausgefertigt und Madame Rissia verschrieb darin ihrer Tochter ihr Wirtshaus mit allem Zubehör zum Brautschatz, machte sich auch auf sechs Jahre zu Kost und Kleidung für das neuvermählte Ehepaar verbindlich. Außerdem erhielt ich als ein Geschenk das ganze Werk des Talmuds mit Zubehör, welches auch ein paar hundert Taler zu stehen kommt, usw. Mein Vater machte sich zu nichts verbindlich und bekam noch fünfzig Taler Geld im Beutel dazu. Sehr weislich hatte er nämlich über diese Summe keine Verschreibung annehmen wollen, sondern sie mußte ihm, noch vor der Verlobung, ausgezahlt werden.

Nachdem man dieses alles in Richtigkeit gebracht hatte, wurde brav geschmaust und der Branntweinbouteille fleißig zugesprochen. Gleich den andern Tag reiste mein Vater mit mir nach Hause. Meine Schwiegermutter versprach die sogenannten kleinen Geschenke und Kleidungen für mich, die sie in der Eile noch nicht hätte können verfertigen lassen, so bald als möglich nachzuschicken. Es vergingen aber viele Wochen, ohne daß man davon etwas zu hören oder zu sehen bekam. Mein Vater wurde darüber stutzig, und da ihm der Charakter meiner Schwiegermutter schon längst verdächtig war, so konnte er nichts anderes denken, als daß diese ränkevolle Frau Ausflüchte suche, sich von ihrem beschwerlichen Versprechen loszumachen. Er beschloß daher, Gleiches mit Gleichem zu bezahlen.

Folgender Umstand bestärkte ihn in diesem Entschluß.[46] Ein reicher Arendant, der sehr oft nach N. Branntwein zum Verkauf zu bringen und bei seiner Durchreise durch M. in unserm Hause zu logieren pflegte, warf gleichfalls ein Auge auf mich. Er hatte eine einzige Tochter, zu deren Gemahl er mich in seinen Gedanken bestimmte. Er wußte aber, welche Schwierigkeiten er zu überwinden haben würde, wenn er hierüber mit meinem Vater direkte traktieren sollte. Er wählte daher den indirekten Weg, nämlich meinen Vater zu seinem Schuldner zu machen und ihn dann, wenn er wegen seiner mißlichen Umstände seine Schuld nicht abtragen könnte, gleichsam zu zwingen, daß er in diese Verbindung einwilligen müßte, um mit der für seinen Sohn bedungenen Summe seine Schuld tilgen zu können. Er bot also meinem Vater einige Kufen Branntwein auf Borg an, welches Anerbieten dieser mit Freuden annahm.

Bei Herannahung des bestimmten Zahlungstermins kam Hersch Dukor (so hieß dieser Arendant) und mahnte meinen Vater. Dieser beteuerte, daß er für jetzt nicht imstande sei, diese Schuld abzutragen und bat ihn, sich noch einige Zeit zu gedulden. »Herr Josua,« sagte der Arendant, »ich will mit Ihnen hierüber ganz offenherzig reden. Ihre Umstände werden täglich schlimmer, und wenn sich nicht ein günstiger Zufall ereignet, sehe ich keine Möglichkeit, wie Sie Ihre Schuld werden abtragen können. Das beste für uns beide ist also dieses: Sie haben einen Sohn und ich eine Tochter, die die einzige Erbin meines ganzen Vermögens ist. Lassen Sie uns eine Verbindung eingehen; dadurch soll nicht nur Ihre Schuld getilgt, sondern eine von Ihnen selbst zu bestimmende Summe Ihnen noch dazu ausgezahlt werden, und ich werde überhaupt dafür Sorge tragen, Ihre Umstände, soviel in meinem Vermögen ist, zu verbessern.«

Wer war froher über diesen Vorschlag als mein Vater. Es wurde sogleich darüber ein Kontrakt geschlossen, worin sowohl der Brautschatz als auch die erforderlichen Geschenke[47] nach meines Vaters Angabe bestimmt und ich zum Universalerben des ganzen Vermögens dieses reichen Arendanten eingesetzt wurde. Die Schuldobligation, die sich auf fünfzig Taler Polnisch belief, wurde meinem Vater zurückgegeben, auf der Stelle zerrissen und ihm noch fünfzig Taler dazu bezahlt.

Darauf reiste mein neuer Schwiegervater nach N., um daselbst Schulden einzukassieren. Zum Unglück mußte er bei meiner vorigen Schwiegermutter logieren. Diese, die eine große Schwätzerin war, erzählte ihm von freien Stücken von der guten Partie, die ihre Tochter gemacht habe. »Der Vater des Bräutigams,« sagte sie, »ist selbst ein großer Gelehrter und der Bräutigam ein Junge von elf Jahren, der seinesgleichen kaum hat.« »Auch ich,« erwiderte der Arendant, »habe, gottlob, für meine Tochter gut gewählt. Sie werden vermutlich von dem berühmten Gelehrten Rabbi Josua in Mohilna gehört haben, wie auch von seinem jüngsten Sohne Salomo, dieser ist jetzt meiner Tochter Bräutigam.«

Kaum hatte er dieses ausgesprochen, so fing jene schon an zu schreien: »Das ist eine verdammte Lüge. Salomo ist meiner Tochter Bräutigam und hier, mein Herr, ist der Ehekontrakt.« Der Arendant zeigte ihr nun auch den seinigen, und sie gerieten darüber in einen Wortwechsel, dessen Resultat war, daß Madame Rissia meinen Vater vor Gericht zitieren ließ und eine kategorische Erklärung von ihm forderte. Mein Vater stellte sich aber nicht, ohnerachtet sie ihn zweimal zitieren ließ.

Unterdessen starb meine Mutter und wurde nach N. zur Beerdigung gebracht. Meine Schwiegermutter legte bei den Gerichten dieses Orts Arrest auf den toten Körper, wodurch dessen Bestattung bis zur Endigung des Prozesses verboten wurde. Mein Vater sah sich also gezwungen, vor Gericht zu erscheinen; meine Schwiegermutter gewann natürlicherweise den Prozeß, und ich wurde abermals Bräutigam meiner ersten Braut. Um nun in der Zukunft[48] dergleichen Rückfälle zu verhüten und meinem Vater alle Veranlassung dazu zu benehmen, suchte meine Schwiegermutter allen Forderungen desselben ihrem Versprechen gemäß Genüge zu leisten, ließ mich vom Kopf bis Fuß ganz neu kleiden und bezahlte sogar meinem Vater für meine Beköstigung von der Verlobung bis zur Hochzeit. Meine Mutter wurde nun auch bestattet und wir kehrten wieder nach Hause zurück.

Mein zweiter Schwiegervater kam nun auch und forderte meinen Vater zur Bestätigung seines Kontraktes auf. Dieser aber zeigte ihm die Nullität desselben, weil er nämlich einem vorhergegangenen Kontrakt zuwider sei und von ihm bloß in der Meinung geschlossen worden, daß meine Schwiegermutter jenen nicht zu erfüllen gesonnen wäre.

Der Herr Arendant schien zwar diesen Vorstellungen Gehör zu geben, der Notwendigkeit zu weichen und sich über seinen Verlust zufriedenzustellen, dachte aber doch auf Mittel, mich in seine Hände zu bekommen. Zu diesem Behuf stand er des Nachts auf, ließ seine Pferde anspannen, nahm mich in der Stille von dem Tisch, worauf ich schlief, packte mich ganz behende in seinen Wagen und fuhr mit seiner Beute zum Tore hinaus. Da dieses aber nicht ohne einiges Geräusch bewerkstelligt werden konnte, so erwachten die Leute im Hause, entdeckten den Diebstahl, verfolgten den Räuber und rissen mich aus seinen Händen. Mir kam damals die ganze Begebenheit als ein Traum vor.

Auf diese Art wurde mein Vater seiner Schuld los und bekam noch dazu fünfzig Taler als ein freiwilliges Geschenk; ich aber wurde gleich darauf von meiner rechtmäßigen Schwiegermutter abgeholt und Gemahl meiner rechtmäßigen Braut. Ich muß freilich gestehen, daß die Handlung meines Vaters sich nicht ganz moralisch rechtfertigen läßt. Nur die große Not, worin er sich damals befand, kann ihm einigermaßen zur Entschuldigung dienen.

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 43-49.
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