Siebentes Capitel.

Prüfung einiger der vorhergehenden Lehre entgegenstehender Meinungen.

[314] §. 1. Polemik ist dem Plan dieses Werkes fremd, aber eine Ansicht, die vielseitiger Erläuterungen bedarf, erhält dieselben oft in der wirksamsten und wenigst ermüdenden Weise in der Form einer Vertheidigung gegen Einwürfe. Auch thut ein Schriftsteller seine Schuldigkeit nur halb, wenn er in Beziehung auf Gegenstände, worüber die Meinungen der Philosophen noch getheilt sind, nur seine eigene Lehre vorbringt, und nicht auch die anderer Denker nach seinen besten Kräften prüft und beurtheilt.

Einer in mancher Beziehung höchst philosophischen Abhandlung hat Herr Herbert Spencer eine, wie ich glaube, sehr unphilosophische Dissertation angehängt, in welcher er einige Lehren der zwei vorhergehenden Capitel kritisirt und für die er seine eigene Theorie der ersten Principien in Vorschlag bringt. Hr. Spencer stimmt darin mit mir überein, dass er die Axiome als a einfachste und frühzeitigste »Inductionen aus der Erfahrung« betrachtet. Aber »in Beziehung auf den Werth der Probe der Unbegreiflichkeit« weicht er bedeutend von mir ab. Er hält dieselbe für die letzte und oberste Probe allen Glaubens. Zu diesem Schluss gelangt er über zwei Stufen. Erstlich, wir können niemals einen starkem Grund haben, Etwas zu glauben, als dass der Glaube an es »unveränderlich (beständig) existirt«. Wenn eine Thatsache oder ein Urtheil unveränderlich geglaubt, d.h. wenn ich Herrn Spencer recht verstehe, wenn sie von allen Menschen und von einem selbst zu allen Zeiten geglaubt wird, so kann sie beanspruchen, als eine der primitiven Wahrheiten oder ursprünglichen Prämissen unseres Wissens angenommen zu[314] werden. Zweitens, das Kriterien, wonach wir entscheiden, ob etwas beständig als wahr geglaubt wird, ist unsere Unfähigkeit es als falsch zu begreifen. »Die Unbegreiflichkeit seiner Negation ist die Probe, wodurch wir bestimmen, ob ein gegebener Glaube unveränderlich existirt oder nicht.« »Für unsern primären Glauben ist die Thatsache der beständigen Existenz, die durch ein misslungenes Bemühen, ihre Nichtexistenz zu verursachen, erprobt ist, der einzige anführbare Grund.« Er hält dies für den einzigen Grund unseres Glaubens an unsere eigenen Sensationen. Wenn ich glaube, dass ich friere, so nehme ich dies nur für wahr an, weil ich nicht begreifen kann, dass ich nicht friere. »So lange als das Urtheil wahr bleibt, bleibt die Negation desselben unbegreiflich.« Es giebt noch gar manchen andern Glauben, der nach Herrn Spencers Ansicht auf derselben Basis ruht, hauptsächlich der Glaube, den die Metaphysiker der Schule von Reid und Stewart als Wahrheiten der unmittelbaren Anschauung betrachten. Dass eine materielle Welt existirt; dass dies die Welt ist, die wir direct und unmittelbar wahrnehmen, und dass es nicht bloss die verborgene Ursache unserer Wahrnehmungen ist; dass Zeit, Raum, Kraft, Ausdehnung, Gestalt, nicht blosse Modi unseres Bewusstseins, sondern objective Realitäten sind: betrachtet Hr. Spencer als Wahrheiten, die durch die Unbegreiflichkeit ihrer Negation erkannt werden. Durch keine Anstrengung, sagt er, können wir diese Gegenstände des Gedankens als blosse Geisteszustände begreifen, denen keine Existenz ausserhalb unserer zukommt. Ihre reale Existenz ist daher so gewiss als unsere Sensationen selbst. Da nach dieser Lehre die Wahrheiten, welche der Gegenstand der directen Erkenntniss sind, nur durch die Unbegreiflichkeit ihrer Negation als Wahrheiten erkannt werden, und da die Wahrheiten, welche nicht Gegenstand der directen Erkenntniss sind, als Folgerungen aus solchen, die es sind, erkannt werden; und da man nur glaubt, dass diese Folgerungen aus den Prämissen folgen, weil man nicht begreifen kann, dass sie nicht folgen: so ist die Unbegreiflichkeit der letzte Grund von allem gewissen Glauben.

Bis hierher ist kein sehr grosser Unterschied zwischen dieser und der gewöhnlichen Lehre der Philosophen von der intuitiven Schule, von Descartes an bis auf Dr. Whewell, aber in Beziehung[315] auf diesen Punkt weicht Herr Spencer von ihnen ab, denn er hält nicht wie jene die Probe der Unbegreiflichkeit für unfehlbar. Er ist im Gegentheil der Ansicht, dass sie trügen kann, nicht wegen eines Fehlers in der Probe selbst, sondern weil »die Menschen Dinge für unbegreiflich hielten, die nicht unbegreiflich waren«; und er verneint in seinem Buche nicht wenige Urtheile, die man gewöhnlich als markirte Beispiele von Wahrheiten ansah, deren Negation unbegreiflich ist. Aber gelegentliches Fehlschlagen, sagt er, ist allen Proben eigen. Wenn ein solches Fehlschlagen »die Probe der Unbegreiflichkeit ungültig macht, so muss es in ähnlicher Weise eine jede andere Probe ungültig machen. Wir halten eine logisch aus Prämissen gezogene Folgerung für wahr; aber in Millionen Fällen irrten sich die Menschen in den Folgerungen, welche sie für wahr gezogen hielten. Argumentiren wir deshalb, dass es absurd ist, eine Folgerung auf keimen andern Grund hin für wahr zu halten, als dass sie logisch aus festgesetzten Prämissen gezogen ist? Nein; wir sagen, dass obgleich die Menschen für logische Folgerungen gehalten haben mögen, was nicht logische Folgerungen waren, so giebt es nichtsdestoweniger logische Folgerungen, und wir dürfen so lange als wahr annehmen, was uns wahr scheint, bis wir eines bessern belehrt sind. In gleicher Weise kann es immer noch unbegreifliche Dinge geben, wenn auch die Menschen einige Dinge für unbegreiflich hielten, die es nicht waren, und die Unfähigkeit, die Negation eines Dinges zu begreifen, kann immer noch die beste Gewähr sein, es zu glauben.... Sie kann sich zwar gelegentlich als eine unvollkommene Probe erweisen, da aber unser gewisseste Glaube keiner bessern fähig ist, so heisst irgend einen Glauben bezweifeln, weil wir keine höhere Garantie dafür haben, wirklich allen Glauben bezweifeln.« Herrn Spencer's Lehre errichtet daher nicht die heilbaren, sondern die unheilbaren Beschränkungen des menschlichen Begriffsvermögens zu Gesetzen des äussern Universums.

§. 2. Die Lehre dass »ein Glaube wahr ist, von dem durch die Unbegreiflichkeit seiner Negation bewiesen ist, dass er beständig existirt,« wird von Hrn. Spencer durch zwei Argumente dargethan, wovon man das eine als positiv und das andere als negativ unterscheiden kann.[316]

Das positive Argument ist, dass ein jeder derartige Glaube das Aggregat der ganzen vergangenen Erfahrung repräsentirt. »Die ganze Wahrheit des Satzes zugegeben, dass in einer jeden Phase des menschlichen Fortschritts die Fähigkeit oder Unfähigkeit einen specifischen Begriff zu bilden, gänzlich von der Erfahrung abhängt, welche die Menschen gehabt haben; und dass die Menschen durch die Erweiterung ihrer Erfahrung allmälig fähig werden, Dinge zu begreifen, die ihnen vorher unbegreiflich waren: so kann man noch immer schliessen, dass, da zu jeder Zeit die beste Gewähr für einen Glauben in der vollkommnen Uebereinstimmung mit aller vorhergehenden Erfahrung liegt, hieraus folgt, dass zu jeder Zeit die Unbegreiflichkeit seiner Negation die beste Probe ist, welche ein Glaube zulässt....Objective Thatsachen prägen sich uns stete ein; unsere Erfahrung ist ein Register dieser objectiven Thatsachen; und die Unbegreiflichkeit eines Dinges schliesst ein, dass es mit dem Register gänzlich in Widerspruch ist. Sogar wenn dies alles wäre, so ist nicht klar wie, wenn jede Wahrheit ursprünglich inductiv ist, irgend eine bessere Probe der Wahrheit existiren könnte. Man muss sich aber erinnern, dass während viele der sich uns einprägenden Thatsachen gelegentlich, während wiederum andere ziemlich allgemein, einige universell und unveränderlich sind. Diese universellen und unveränderlichen Thatsachen sind der Hypothese nach sicher, einen Glauben zu begründen, dessen Negation unbegreiflich ist, während die anderen dies nicht mit Sicherheit thun können, und wenn sie es thun, so werden spätere Thatsachen ihre Wirkung aufheben. Wenn daher nach einer maasslosen Anhäufung von Erfahrungen ein Glaube bleibt, dessen Negation immer noch unbegreiflich bleibt, so muss er grösstentheils, wenn nicht gänzlich, universellen objectiven Thatsachen entsprechen. Wenn es.... gewisse absolute Gleichförmigkeiten in der Natur giebt; wenn diese Gleichförmigkeiten, wie sie es müssen, absolute Gleichförmigkeiten in unserer Erfahrung hervorbringen; und wenn...diese absoluten Gleichförmigkeiten in unserer Erfahrung uns unfähig machen, die Negationen derselben zu begreifen: dann muss entsprechend einer jeden absoluten Gleichförmigkeit in der Natur, welche wir erkennen können, in uns ein Glaube sein, dessen Negation unbegreiflich und der absolut wahr ist. In diesem weiten Bereich von Fällen muss subjective Unbegreiflichkeit[317] objectiver Unmöglichkeit entsprechen. Spätere Erfahrung wird das entsprechende Verhältniss (die Correspondenz) herstellen, wo sie noch nicht existirt, und wir dürfen erwarten, dass die Correspondenz zuletzt vollständig wird. In nahezu allen Fällen muss diese Probe der Unbegreiflichkeit nun gültig sein« (ich möchte glauben können, wir wären der Allwissenheit so nahe), »und wo sie es nicht ist, drückt sie immer noch das netto Resultat unserer Erfahrung bis zur gegenwärtigen Zeit aus, was das höchste ist, was eine Probe zu leisten vermag.«

Auch sogar wenn es wahr wäre, dass die Unbegreiflichkeit »das netto Resultat« aller vergangenen Erfahrung repräsentirt, warum sollen wir bei dem Repräsentanten stehen bleiben, wenn wir zu dem repräsentirten Ding gelangen können? Wenn unsere Unfähigkeit, die Negation einer gegebenen Voraussetzung zu begreifen, ein Beweis von deren Wahrheit ist, weil sie beweist, dass unsere Erfahrung bisher gleichförmig zu ihrer Gunst war, so ist der wirkliche Beweis der Voraussetzung, nicht die Unbegreiflichkeit, sondern die Gleichförmigkeit der Erfahrung, und er ist, als der wesentliche und einzige Beweis direct zugängig; wir sind nicht gezwungen, ihn aus einer zufälligen Folge zu vermuthen. Wenn alle Erfahrung zu Gunsten eines Glaubens ist, so gebe man dieses an und stütze den Glauben offen auf diese Grundlage; hernach erst entsteht die Frage, was diese Thatsache als Beweis von dessen Wahrheit werth sein kann? Denn Gleichförmigkeit der Erfahrung beweist in sehr verschiedenem Grad; in einigen Fällen ist sie ein strenger Beweis, in anderen ein schwacher, und wieder in anderen ist sie kaum Beweis. Dass alle Metalle im Wasser sinken, war vom Ursprung des Menschengeschlechts bis zur Entdeckung des Kaliums durch Humphry Davy in diesem Jahrhundert eine gleichförmige Erfahrung. Dass alle Schwanen weiss sind, war eine gleichförmige Erfahrung bis zur Entdeckung von Australien. In den wenigen Fällen, in denen die Gleichförmigkeit der Erfahrung zum möglichst starken Beweis wird, wie bei solchen Sätzen, Zwei gerade Linien können keinen Raum einschliessen, Eine jede Begebenheit hat eine Ursache, geschieht dies nicht, weil die Negation derselben unbegreiflich ist, was in der That nicht immer der Fall ist: sondern weil die Erfahrung, die in dieser Weise gleichförmig war, durch die ganze Natur geht. In[318] dem nächsten Buch wird gezeigt werden, dass weder die Schlüsse der Induction noch der Deduction als gewiss betrachtet werden können, wenn ihre Wahrheit nicht nachweisbar mit Wahrheiten dieser Classe verbunden ist.

Ich behaupte demnach erstens, dass die Gleichförmigkeit der vergangenen Erfahrung weit entfernt ist, ein allgemeines Kriterion der Wahrheit zu sein; dass aber zweitens die Unbegreiflichkeit noch weiter entfernt ist, sogar eine Probe dieser Probe zu sein. Gleichförmigkeit von entgegengesetzter Erfahrung ist nur eine der vielen Ursachen der Unbegreiflichkeit. Die aus einer in Kenntnissen beschränkteren Periode überlieferte Tradition ist die gewöhnlichste. Die blosse Vertrautheit mit der Erzeugungsweise einer Erscheinung reicht oft hin, um eine jede andere Erzeugungsweise unbegreiflich zu machen. Was zwei Ideen durch eine starke Association verbindet, kann ihre Trennung in Gedanken unmöglich machen, und thut dies auch, wie Herr Spencer anderweitig häufig anerkennt. Es War nicht Mangel an Erfahrung, was die Cartesianer unfähig machte zu begreifen, dass ein Körper bei einem andern ohne Berührung Bewegung hervorrufen kann. Sie hatten von anderen Erzeugungsweisen der Bewegung soviel Erfahrung als von dieser; in einer jeden Stunde ihres Lebens vollzogen die Planeten ihren Umlauf, und waren schwere Körper, gefallen. Aber sie glaubten, die Naturerscheinungen würden durch eine verborgene, ihnen nicht sichtbare Maschinerie erzeugt, weil sie ohne dieselbe unfähig waren, zu begreifen, was sie sahen. Die Unbegreiflichkeit, anstatt ihre Erfahrung zu repräsentiren, beherrschte und überritt dieselbe. Es ist nutzlos, bei dem positiven Argument von Herrn Spencer noch länger zu verweilen, und ich gehe zu seinem negativen über, auf das er mehr Gewicht legt.

§. 3. Das negative Argument ist, dass, die Unbegreiflichkeit sei ein guter oder ein schlechter Beweis, eben kein stärkerer Beweis zu erlangen ist; dass das, was unbegreiflich ist, nicht wahr sein kann, in jedem Denkact postulirt wird. Dies ist die Grundlage aller unserer ursprünglichen Prämissen; noch mehr aber wird es bei allen unseren Schlüssen aus diesen Prämissen angenommen. Die durch die Unbegreiflichkeit ihrer Negation erprobte Unveränderlichkeit des Glaubens »ist unsere einzige Gewähr für eine[319] jede Demonstration. Die Logik ist einfach eine Systematisirung des Verfahrens, durch welches wir diese Gewähr indirect für solchen Glauben erlangen, der sie nicht direct besitzt. Um die möglichst strenge Ueberzeugung bezüglich einer complexen Thatsache zu erlangen, steigen wir entweder durch successive Schritte, von denen wir einen jeden unwissentlich durch die Unbegreiflichkeit seiner Negation erproben, analytisch von ihr herab bis wir zu einem Axiom oder zu einer Wahrheit gelangen, die wir in ähnlicher Weise erprobt haben; oder wir steigen von solchem Axiom oder solcher Wahrheit durch derartige Schritte synthetisch hinauf. In beiden Fällen verbinden wir durch eine Reihe von intermediären Glauben, die unveränderlich existiren, einen isolirten Glauben mit einem Glauben, der unveränderlich existirt.« Die folgende Stelle fasst die ganze Theorie zusammen: »Wenn wir wahrnehmen, dass die Negation des Glaubens unbegreiflich ist, so haben wir alle mögliche Garantie, um die Unveränderlichkeit seiner Existenz zu behaupten; und indem wir dies behaupten, drücken wir unsere logische Rechtfertigung deshalb und zugleich die unerbittliche Nothwendigkeit aus die uns zwingt, ihn zu hegen... Wir haben gesehen, dass dies die Annahme ist, auf welcher zuletzt ein jeder Schluss beruht. Wir haben keine andere Garantie für die Realität des Bewusstseins, der Empfindungen, der persönlichen Existenz; wir haben keine andere Garantie für irgend ein Axiom, für irgend eine Stufe in einer Demonstration. Da sie demnach in einem jeden Verstandesact als zugestanden genommen wird, so muss sie als das Universale Postulat betrachtet werden.« Da aber dieses Postulat, das uns eine »unerbittliche Nothwendigkeit« zwingt für wahr zu halten, manchmal falsch ist; da »Glauben, von denen einst die Unbegreiflichkeit ihrer Negation zeigte, dass sie unveränderlich existiren, seitdem als unwahr befunden wurden«, und da »Glauben, die gegenwärtig diesen Charakter besitzen, eines Tages dasselbe Schicksal haben können«: so ist die von Herrn Spencer aufgestellte Glaubensregel, dass »der gewisseste Schluss« derjenige ist, »welcher das Postulat am seltensten (die wenigstenmale) einschliesst.« Daß Schliessen sollte daher niemals gegen einen der unmittelbaren Glauben (den Glauben an die Materie, an die äussere Realität der Existenz und dergleichen) prävaliren, weil ein jeder derselben das Postulat nur einmal enthält, während[320] es ein Argument, ausserdem dass zu dasselbe in der Prämisse enthält, auch noch in einer jeden Stufe des Syllogismus enthält indem keiner der successiven Folgerungsacten aus einem andern Grund als gültig erkannt wird, als weil wir nicht begreifen können, dass der Schluss nicht aus den Prämissen folge.

Der Bequemlichkeit wegen wollen wir den letzten Theil dieses Arguments zuerst vornehmen. In einem jeden Schliessen wird nach Herrn Spencer die Annahme des Postulats bei jedem Schritt erneuert. Bei einer jeden Folgerung urtheilen wir, dass der Schluss aus den Prämissen folgt, während die ganze Garantie für dieses Urtheil darin liegt, dass wir nicht begreifen können, dass er nicht daraus folge. Wenn folglich das Postulat trüglich ist, so werden die Schlüsse durch diese Ungewissheit mehr entkräftigt als die directen Anschauungen, und das Missverhältniss wird um so grösser, je zahlreicher die Stufen des Arguments sind.

Um diese Lehre zu erproben, wollen wir zuerst ein Argument annehmen, das nur aus einer einzigen Stufe besteht und daher durch einen Syllogismus repräsentirt wird. Dieses Argument beruht auf einer Assumtion, und worin diese besteht, haben wir in den vorhergehenden Capiteln gesehen, nämlich dass was ein Merkmal hat, auch das bat, wovon es ein Merkmal ist. Den Beweis dieses Axioms werde ich hier nicht weiter in Betracht ziehen;71 wir wollen mit Herrn Spencer annehmen, er bestände in der Unbegreiflichkeit seines Gegentheils.

Wir wollen nun dem Argument eine zweite Stufe hinzufügen; wir fragen, was für eine? Eine zweite Assumtion? Nein, dieselbe Assumtion zum zweitenmal, und so fort zum dritten und viertenmal. Ich gestehe, dass ich nicht einsehe, wie nach Hrn. Spencer's eigenen Grundsätzen die Wiederholung der Assumtion die Stärke des Arguments überhaupt schwachen kann. Wenn es nöthig wäre, beim zweitenmal ein anderes Axiom anzunehmen, so würde das Argument ohne Zweifel geschwächt werden, indem es für die Gültigkeit dieselben nothwendig wäre, dass beide Axiome wahr[321] sind, und es könnte sich treffen, dass das eine wahr wäre, das andere aber nicht, was zwei Wahrscheinlichkeiten des Irrthums anstatt einer ergiebt. Da es aber dasselbe Axiom ist, so muss es jedesmal wahr sein, wenn es einmal wahr ist; und wenn das aus hundert Gliedern bestehende Argument das Axiom hundertmal als wahr annimmt, so würden diese hundert Assumtionen dem Irrthum nur eine einzige Gelegenheit bieten. Es ist befriedigend, dass wir nicht gezwungen sind, die Deductionen der reinen Mathematik für die unsichersten argumentativen Processe zu halten, was sie nach Herrn Spencer's Theorie eigentlich sein müssten, da sie die längsten sind. Aber die Anzahl der Stufen in einem Argument vermindern nicht dessen Verlässlichkeit, wenn keine neuen Prämissen von einem Ungewissen Charakter unterwegs aufgenommen werden.

Um zunächst von den Prämissen zu reden, so ist unsere Ueberzeugung von ihrer Wahrheit, sie mögen allgemeine oder individuelle Thatsachen sein, nach Herrn Spencer's Ansicht auf die Unbegreiflichkeit ihres Falschseins gegründet. Es ist nöthig, eine doppelte Bedeutung des Wortes unbegreiflich zu beachten, die Herr Spencer wohl bekannt ist, und worauf er zwar ein Argument zu gründen von der Hand weisen würde, die aber nichtsdestoweniger seinem Fall sehr zu Statten kommt. Unter Unbegreiflichkeit wird zuweilen die Unfähigkeit verstanden, eine Idee zu bilden oder los zu werden, zuweilen die Unfähigkeit, einen Glauben zu bilden oder los zu werden. Die erstere Bedeutung ist am meisten in Uebereinstimmung mit der sprachlichen Analogie, denn ein Begriff bedeutet immer eine Idee und niemals einen Glauben. Die unrichtige Bedeutung von »unbegreiflich« findet sich indessen in philosophischen Erörterungen eben so häufig als die richtige, und die intuitive Schule von Metaphysikern könnte sie beide nicht entbehren. Um den Unterschied klar zu machen, wollen wir zwei entgegengesetzte Beispiele wählen. Die frühere physikalische Forschung betrachtete die Antipoden als unglaublich weil unbegreiflich. Aber in dem ursprünglichen Sinne des Wortes waren die Antipoden nicht unbegreiflich; man konnte sich ohne Schwierigkeit eine Idee von ihnen machen, dem geistigen Auge konnte man ein vollständiges Bild von ihnen vorführen. Was schwierig und damals unmöglich schien, war, sie für glaublich[322] zu halten. Man konnte sich die Idee von Menschen bilden, die mit den Füssen an der untern Seite der Erde hängen, aber es folgte ihr der Glaube, dass sie herabfallen müssen. Antipoden waren nicht undenkbar, aber sie waren unglaublich.

Wenn ich von der andern Seite versuche, ein Ende der Ausdehnung zu begreifen, so wollen die zwei Ideen nicht zusammenkommen ; wenn ich versuche, mir einen Begriff von dem letzten Punkt im Raum zu bilden, so muss ich mir immer wieder einen weiten Raum über diesen Punkt hinaus vorstellen. Die Combination ist unter den Bedingungen unserer Erfahrung undenkbar. Es ist von Wichtigkeit, dass man sich dieser doppelten Bedeutung des Wortes unbegreiflich erinnere, denn das auf die Unbegreiflichkeit gestützte Argument dreht sich fast immer um die abwechselnde Substitution der einen dieser Bedeutungen für die andere.

Herr Spencer lässt uns nicht in Zweifel, welche von den zwei Bedeutungen er dem Worte beilegt, wenn er zur Probe der Wahrheit eines Urtheils macht, dass dessen Negation unbegreiflich ist; er meint unglaublich. Dies ist das wahre Fundament seiner Lehre; die Unveränderlichkeit des Glaubens ist ihm die einzige Garantie. Der Versuch das Negative zu begreifen wird gemacht, um die Unvermeidlichkeit des Glaubens zu erproben; er sollte ein Versuch das Negative zu glauben genannt werden. Wenn Herr Spencer sagt, dass ein Mensch, während er nach der Sonne sieht, nicht begreifen kann, dass er in die Finsterniss blicke, so meint er, er könne nicht glauben, dass er dies thue, denn es ist ihm wohl bekannt, dass man sich bei hellem Tageslicht einbilden kann, man blicke in Finsterniss. In Beziehung auf den Glauben an unsere eigene Existenz sagt er: »dass er möglicherweise nicht existiren könnte, kann er ziemlich gut begreifen; aber dass er nicht wirklich existire, findet er unmöglich zu begreifen,« d.h. zu glauben. Sein Ausspruch löst sich demnach in den folgenden auf: dass ich existire und Empfindungen habe, glaube ich, weil ich nicht anders glauben kann; und in diesem Fall wird ein jeder die reale Nothwendigkeit zugeben. Eines jeden gegenwärtige Empfindungen oder andere Zustände des subjectiven Bewusstseins, dass Jemand unvermeidlich glaubt, es sind dies per se erkannte Thatsachen, und es ist unmöglich, über sie weiter hinauszugehen. Ihre Negation ist wirklich unglaublich,[323] und es entsteht daher niemals ein Zweifel wegen dieses Glaubens. Für diese Wahrheiten ist Herrn Spencer's Theorie unnöthig.

Aber nach Herrn Spencer giebt es noch andere Glauben die sich auf andere Dinge als unsere subjectiven Gefühle beziehen, und für welche wir dieselbe Garantie haben, – welche in einer ähnlichen Weise unveränderlich und nothwendig sind. Was nun diese anderen Glauben betrifft, so können sie nicht noth wendig sein, da sie nicht immer existiren. Es hat viele Menschen gegeben und giebt deren noch jetzt, welche nicht an die Realität einer äussern Welt und noch weniger an die Realität von Ausdehnung und Gestalt als die Formen dieser äussern Welt glauben, welche nicht glauben, dass Raum und Zeit eine von dem Geist unabhängige Existenz haben – die auch nicht an eine andere von Herrn Spencer's objectiven Anschauungen glauben. Die Negationen dieser angeblichen unveränderlichen Glauben sind nicht unglaublich, denn sie werden geglaubt; und die einzige Farbe, welche Herr Spencer besitzt, um sie als unbegreiflich auszumalen, ist der andern Bedeutung des Worts entnommen. Ohne in einem offenbaren Irrthum zu sein, kann er behaupten, dass wir uns fühlbare Gegenstände nicht als blosse Zustände unseres Bewusstseins denken können; dass uns die Wahrnehmung derselben die Idee von etwas ausserhalb unserer unwiderstehlich aufdringt, und ich finde mich ausser Stand zu sagen, dass dies nicht der Fall sei (obgleich ich keinen für berechtigt halte, es von jemand anders zu behaupten, als von sich selbst). Aber viele Denker haben gedacht, ob sie es begreifen konnten oder nicht, dass was wir uns als materielle Gegenstände vorstellen, blosse Modificationen des Bewusstseins, complexe Gefühle des Tastens und der Muskelthätigkeit sind. Herr Spencer mag die Folgerung von dem Undenkbaren auf das Unglaubliche für richtig halten, weil er der Ansicht ist, der Glaube selbst sei bloss die Persistenz einer Idee, und wir müssten das was uns zu denken gelingt, auch in dem Augenblick für glaublich halten. Aber was hat unser Dafürhalten in dem Augenblick zu bedeuten, wenn der Augenblick im Widerspruch mit dem dauernden Zustand unseres Geistes ist? Ein Mensch, der in seiner Kindheit durch Gespenstergeschichten geängstigt worden ist, wird in späteren Jahren, wo er nicht mehr an dieselben glaubt, unter[324] Umständen, welche die Phantasie erregen, nicht an einem dunklen Orte sein können, ohne dass sein Geist in Verwirrung gerathe. Die Idee von Gespenstern mit allen damit verbundenen Schrecken wird durch die äusseren Umstände unwiderstehlich in seinem Geiste auferweckt. Herr Spencer kann sagen, während er unter dem Einfluss dieses Schreckens steht, glaube er vorübergehend und unwiderstehlich an Gespenster. Es sei so; aber zugegeben es sei so, was wäre im Ganzen am wahrsten von diesem Menschen zu sagen, er glaube an Gespenster oder er glaube nicht daran? Sicher, er glaube nicht daran. Es verhält sich ähnlich mit denjenigen, welche nicht an eine materielle Welt glauben. Obgleich sie die Idee nicht los werden können; obgleich sie bei dem Anblick eines festen Gegenstandes die Vorstellung, und daher nach Herrn Spencer's Metaphysik den momentanen Glauben an dessen Aeusserlichkeit nicht verhindern können: so würden sie in demselben Augenblick den Glauben aufrichtig verläugnen, und es wäre falsch, sie anders zu nennen, als ohne Glauben an die Lehre. Der Glaube ist daher nicht unveränderlich, und die Probe der Unbegreiflichkeit schlägt auch in den einzigen Fällen fehl, auf welche man jemals Gelegenheit haben dürfte, sie anzuwenden.

Dass ein Ding vollkommen glaublich sein kann, ohne begreiflich geworden zu sein, und dass wir aus Gewohnheit die eine Seite einer Alternative glauben und die andere begreifen können, zeigt sich in dem Geisteszustande gebildeter Menschen bezüglich des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs. Alle gebildeten Menschen wissen durch Forschung oder glauben auf die Autorität der Wissenschaft hin, dass sich die Erde bewegt, und nicht die Sonne; es giebt aber wahrscheinlich nur wenige, die das Phänomen aus Gewohnheit anders begreifen oder sich vorstellen, denn als den Auf- und Untergang der Sonne. Sicher kann das andere nur nach langer Prüfung geschehen und ist wahrscheinlich jetzt nicht leichter als zur Zeit des Copernicus. Herr Spencer sagt nicht: »Beim Anblick des Sonnenaufgangs ist es unmöglich nicht zu begreifen, dass es die Sonne ist, die sich bewegt, daher ist es dies, was jedermann glaubt, und wir haben allen Beweis dafür, den wir für irgend eine Wahrheit haben können.« Dies wäre indessen eine genaue Parallele zu seiner Lehre von dem Glauben an die Materie.[325]

Die Existenz der Materie und anderer, als von der Welt der Erscheinungen unterschiedener Noumena bleibt wie vorher ein Gegenstand der Argumentation; und der sehr allgemeine, aber weder nothwendige noch universelle Glaube an sie verbleibt als ein psychologisches Phänomen, das entweder auf die Hypothese seiner Wahrheit, oder auf irgend eine andere Hypothese hin zu erklären ist. Der Glaube ist kein bündiger Beweis seiner eigenen Wahrheit, es müsste denn keine solche Dinge geben wie idola tribus, aber als eine Thatsache fordert er die Gegner auf zu zeigen, aus was Anderem, wenn nicht aus der realen Existenz des geglaubten Dings, ein so allgemeiner und augenscheinlich spontaner Glaube entsprungen sein kann. Und seine Gegner haben niemals gezögert, die Herausforderung anzunehmen. Die Summe ihrer Erfolge bei diesem Zusammentreffen wird wahrscheinlich den letzten Ausspruch der Philosophen über diese Frage bestimmen.

§. 4. Sir William Hamilton behauptet wie ich, dass Unbegreiflichkeit kein Kriterien der Unmöglichkeit ist. »Es ist kein Grund eine gewisse Thatsache als unmöglich zu folgern, bloss wegen unserer Unfähigkeit deren Möglichkeit zu begreifen.« »Es giebt Dinge, welche wahr sein können, sogar müssen, von denen der Verstand ganz unfähig ist, sich die Möglichkeit zu construiren.«72 Sir Hamilton glaubt indessen fest an den aprioristischen Charakter vieler Axiome und der aus ihnen abgeleiteten Wissenschaften, und er ist soweit entfernt, diese Axiome als auf dem Erfahrungsbeweis beruhend zu betrachten, dass er einige derselben sogar von Noumena – von dem Unbedingten – für wahr hält, während es einer der Hauptzwecke seiner Philosophie ist, zu beweisen, dass die Natur unserer Fähigkeiten uns von einer Kenntniss derselben ausschliesst. Die Axiome, denen er diese ausnahmsweise Befreiung von den Grenzen, welche alle unsere anderen Möglichkeiten der Erkenntniss beschränken, zuschreibt; die Spalten, durch welche nach seiner Darstellung ein Lichtstrahl von hinter dem Vorhang, der uns die mysteriöse Welt der Dinge an sich verhüllt, zu uns dringt, – sind die zwei Grundsätze, welche er nach den Scholastikern den Grundsatz des Widerspruchs, und den Grundsatz des[326] ausgeschlossenen Mittleren (oder Dritten) nennt; der erstere ist, dass zwei contradictorische Urtheile nicht zugleich wahr sein können, der andere, dass sie nicht beide falsch sein können. Mit diesen logischen Waffen versehen, können wir den Dingen an sich dreist gegenübertreten und ihnen die doppelte Alternative anbieten; wir sind sicher, dass sie durchaus die eine oder die andere Seite wählen müssen, wenn es uns auch für immer versagt ist zu entdecken, welche. Um sein Lieblingsbeispiel zu nehmen: wir können nicht die unendliche Theilbarkeit der Materie begreifen, und wir können nicht ein Minimum oder ein Ende der Theilbarkeit begreifen, aber die eine, oder die andere muss wahr sein.

Da ich bisher nichts über die zwei fraglichen Axiome, über das des Widerspruchs und das des ausgeschlossenen Mittleren, gesagt habe, so ist es nicht aus der Ordnung, sie hier zu betrachten. Das erstere behauptet, dass ein bejahendes Urtheil und das entsprechende negative Urtheil nicht zugleich wahr sein können, was man allgemein als intuitiv bewiesen annahm. Sir William Hamilton und die Deutschen betrachten es als die Angabe in Worten einer Form oder eines Gesetzes unseres Denkvermögens. Andere nicht weniger beachtenswerthe Philosophen halten es für ein identisches Urtheil, für eine in der Bedeutung der Wörter enthaltene Behauptung, für einen Modus, die Negation oder das Wort Nicht zu definiren.

Mit den letzteren kann ich einen Schritt weiter gehen. Eine bejahende Behauptung und deren verneinende sind nicht zwei unabhängige Behauptungen, die nur als gegenseitig unverträglich mit einander verknüpft sind. Dass wenn das Negative wahr ist, das Affirmative falsch sein muss, ist wirklich ein bloss identisches Urtheil; denn das negative Urtheil behauptet nichts als die Falschheit des affirmativen, und hat in keiner Weise einen andern Sinn oder Bedeutung. Das Principium contradictionis sollte daher die ehrgeizige Phraseologie ablegen, welche ihr das Ansehen einer die Natur durchdringenden Antithese giebt, und sollte daher in der einfacheren Form ausgesagt werden, dass dasselbe Urtheil nicht zugleich wahr und falsch sein kann. Weiter kann ich aber mit den Nominalisten nicht gehen, denn ich kann dieses letztere nicht als ein bloss wörtliches Urtheil betrachten; ich betrachte es[327] wie andere Axiome als eine unserer ersten und geläufigsten Generalisation aus der Erfahrung. Die Bedeutung desselben ist nach mir, dass Glaube und Unglaube zwei verschiedene Geisteszustände sind, die einander ausschliessen. Dies erkennen wir aus der einfachsten Beobachtung unseres eigenen Geistes. Und wenn wir unsere Beobachtung nach aussen tragen, so finden wir auch, dass Licht und Finsterniss, Schall und Stille, Bewegung und Ruhe, Gleichheit und Ungleichheit, Vorausgehendes und Folgendes, Succesion und Gleichzeitigkeit, irgend ein positives Phänomen und dessen negatives, Verschiedene scharf contrastirte Phänomene sind, und dass das eine immer abwesend, wenn das andere gegenwärtig ist. Ich betrachte den fraglichen Grundsatz als eine Generalisation aus allen diesen Thatsachen.

So wie der Grundsatz des Widerspruchs (dass einer von zwei Gegensätzen falsch sein muss) bedeutet, dass eine Behauptung nicht beides wahr und falsch sein kann, so bedeutet der Grundsatz des ausgeschlossenen Mittleren, oder dass einer von zwei Gegensätzen wahr sein muss, dass eine Behauptung eines von beiden, dass sie entweder wahr oder falsch sein muss; entweder die affirmative ist wahr, oder aber die negative ist wahr, was soviel heisst als dass die affirmative falsch ist. Ich kann nicht umhin, diesen Grundsatz für eine überraschende Probe einer sogenannten Gedankennothwendigkeit zu halten, da er nicht einmal wahr ist, es sei denn mit einer bedeutenden Beschränkung. Ein Urtheil muss entweder wahr oder falsch sein, vorausgesetzt das Prädicat sei so, dass es dem Subject in einem verständlichen Sinne beigelegt werden kann (und da dies in Abhandlungen über Logik immer so angenommen wird, so wird das Axiom immer daselbst als eine absolute Wahrheit aufgestellt). »Abracadabra ist eine zweite Intention« ist weder wahr noch falsch. Zwischen dem wahren und dem falschen steht hier eine dritte Möglichkeit, das Bedeutungslose, und diese Alternative wird verhängnissvoll für Sir William's Ausdehnung des Grundsatzes auf Noumena. Dass die Materie entweder ein Minimum von Theilbarkeit besitzen, oder dass sie abendlich theilbar sein muss, ist mehr als wir jemals wissen können. Denn erstens mag die Materie in einem anderen als dem phänomenalen Sinne des Worte vielleicht gar nicht existiren, und man wird kaum sagen, eine Nonentität sei unendlich[328] oder endlich theilbar.73 Zweitens, obgleich die Materie, als die verborgene Ursache unserer Sensationen betrachtet, existiren mag, so kann dennoch das, was wir Theilbarkeit nennen, nur ein Attribut unserer Sensationen des Gesichts und des Getastes und nicht ihrer unerkennbaren Ursache sein. Theilbarkeit ist vielleicht von den Dingen an sich, und daher von der Materie an sich in einem verständlichen Sinne gar nicht aussagbar, und die angenommene Notwendigkeit, dass sie entweder unendlich oder endlich theilbar sei, ist vielleicht eine unbrauchbare, unanwendbare Alternative.

Ich muss hier dieses supplementäre Capitel schliessen und mit ihm das zweite Buch. Die Theorie der Induction in dem umfassendsten Sinne des Worts wird den Gegenstand des dritten Buches bilden.[329]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 314-331.
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