Viertes Capitel.

Von den Naturgesetzen.

[372] §. 1. Bei der Betrachtung jener Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur, auf die man sich bei jeder Folgerung aus der Erfahrung stützt, beobachten wir sogleich, dass diese Gleichförmigkeit eigentlich aus einzelnen Gleichförmigkeiten besteht; die allgemeine Regelmässigkeit ist das Resultat einzelner Regelmässigkeiten; der Gang der Natur im allgemeinen ist beständig, weil der Gang einer jeden der einzelnen Naturerscheinungen, welche sie zusammensetzen, beständig ist. Eine gewisse Thatsache kehrt unveränderlich wieder, wenn gewisse Umstände vorhanden sind; sie bleibt aus, wenn diese fehlen; dasselbe gilt von anderen Thatsachen u.s.w. Aus diesen einzelnen Fäden, welche die Theile des grossen Ganzen, das wir Natur nennen, miteinander verbinden, webt sich unausweichbar ein grosses Netz, durch welches das Ganze zusammengehalten wird. Wenn A immer von D, B von E, C von F begleitet ist, so folgt, dass A B von D E, A C von D F, B G von E F, und endlich A B C von D E F begleitet wird; auf diese Weise wird der allgemeine Charakter der Regelmässigkeit erzeugt, welche inmitten einer unendlichen Verschiedenheit die ganze Natur durchdringt.

Das Erste also, was in Beziehung auf das, was wir die Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur nennen, zu bemerken ist, ist, dass diese selbst eine aus den einzelnen Gleichförmigkeiten, welche in Beziehung auf die einzelnen Phänomene stattfinden, bestehende complexe Thatsache ist. Wenn diese Gleichförmigkeiten durch das, was man eine genügende Induction nennt, bestimmt worden sind, so heissen sie in gewöhnlicher Sprache Naturgesetze. In der Sprache der Wissenschaft wird dieses Wort im engern[372] Sinne gebraucht, um damit die auf ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführten Gleichförmigkeiten zu bezeichnen. In dem oben angeführten Beispiele waren rieben Gleichförmigkeiten enthalten, und eine jede von ihnen würde, wenn man sie als hinlänglich gewiss betrachtete, in dem weniger strengen Sinne des Worts ein Naturgesetz genannt werden. Aber von diesen sieben sind nur drei eigentlich verschieden und unabhängig, wenn diese drei vorausgesetzt werden, so folgen die anderen daraus; in der strengeren Bedeutung des Wortes heissen daher nur die drei ersteren Naturgesetze, nicht die übrigen; diese sind in der That nur Fälle von den drei ersteren, sie sind in ihnen enthalten, sind ein Resultat derselben, wer die drei ersteren affirmirt, hat dies auch in Beziehung auf alle übrigen gethan.

Wenn wir wirkliche Beispiele statt symbolischer wählen, so haben wir in dem Folgenden drei Gleichförmigkeiten oder Naturgesetze: das Gesetz, dass die Luft Schwere besitzt, das Gesetz, dass der Druck auf Flüssigkeiten gleichmässig nach allen Richtungen hin fortgepflanzt wird, und das Gesetz, dass der in einer Richtung wirkende Druck, wenn er nicht durch einen in entgegengesetzter Richtung wirkenden gleichen Druck aufgehoben wird, eine Bewegung hervorbringt, welche nicht eher aufhört, als bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist. Von diesen drei Gleichförmigkeiten ausgehend, können wir eine andere Gleichförmigkeit voraussagen, nämlich das Steigen des Quecksilbers in der Torricellischen Röhre. Dies ist jedoch in dem strengem Sinne des Ausdrucks kein Naturgesetz, es ist nur ein Resultat von Naturgesetzen, ein Fall von einem jeden der drei Gesetze, und die einzige Gelegenheit, durch welche sie alle erfüllt werden konnten. Wenn das Quecksilber in dem Barometer nicht auf einer solchen Höhe zurückgehalten würde, dass das Gewicht der Quecksilbersäule dem Gewichte einer Luftsäule von gleichem Durchmesser gleich ist: so bestände ja hier der Fall, entweder dass die Luft nicht auf die Oberfläche des Quecksilbers mit der Kraft, welche man ihr Gewicht nennt, drückte, oder dass der Druck auf das Quecksilber in der Richtung abwärts nicht auch in einer Richtung aufwärts fortgepflanzt werden könnte, oder dass ein Körper in nur einer und nicht in der entgegengesetzten Richtung einen Druck erlitte, indem er sich entweder nicht in der Richtung bewegte, in welcher er[373] Druck erleidet, oder indem er stillstände bevor er ins Gleichgewicht gekommen ist. Wenn wir daher mit den drei einfachen Gesetzen bekannt wären, so könnten wir, ohne das Torricellische Experiment gemacht zu haben, das Resultat desselben aus diesen Gesetzen ableiten. Das bekannte Gewicht der Luft, verbunden mit der Stellung des Apparates, würde das Quecksilber unter die erste der drei Inductionen bringen; die erste würde es unter die zweite bringen und diese unter die dritte in der Weise, wie wir sie bei dem Abhandeln des Syllogismus charakterisirt haben. Auf diese Weise würden wir, unabhängig von dem specifischen Experiment, durch unsere Kenntniss von den einfachen Gleichförmigkeiten die complexe Gleichförmigkeit, welche ein Resultat derselben ist, erkennen; es wäre indessen aus später anzugebenden Gründen die Verification durch das specifische Experiment wünschenswerth und möglicherweise sogar unentbehrlich.

Complexe Gleichförmigkeiten, die wie die genannten blosse Fälle von einfacheren Gleichförmigkeiten sind, mögen passenderweise Gesetze genannt werden; sie können jedoch in einer strengen, wissenschaftlichen Sprache schwerlich als Naturgesetze bezeichnet werden. Es ist die Gewohnheit der Gelehrten, in allen Falten, wo sie irgend eine Gesetzmässigkeit nachweisen können, den allgemeinen Satz, welcher die Natur dieser Gesetzmässigkeit ausdrückt, ein Gesetz zu nennen; so sprechen wir in der Mathematik von dem Gesetze der Abnahme der aufeinanderfolgenden Glieder einer convergirenden Reihe. Der Ausdruck Naturgesetz wird aber von den Männern der Wissenschaft mit einer Art stillschweigender Beziehung auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Gesetz, nämlich als der Ausdruck des Willens eines Höheren gebraucht. Ale es daher schien, dass einige in der Natur beobachteten Gleichförmigkeiten von selbst und ohne dass es nöthig gewesen wäre, den Act eines schöpferischen Willens zu supponiren, aus gewissen anderen Gleichförmigkeiten hervorgingen, so nannte man die ersteren gewöhnlich nicht Naturgesetze. Nach einer andern Ausdrucksweise kann die Frage, was sind Naturgesetze? in folgender Weise gestellt werden: – Welches sind die wenigsten und einfachsten Annahmen, aus welchen, wenn sie einmal zugegeben sind, die ganze bestehende Ordnung der Natur hervorgehen würde? Oder auch wie folgt: welches ist die geringste[374] Anzahl von allgemeinen Urtheilen, aus denen alle in der Natur bestehende Gleichförmigkeiten auf deductive Weise gefolgert werden können?

Ein jeder grosse, in der Entwickelung der Wissenschaft Epoche machender Fortschritt war ein Schritt zur Lösung dieser Aufgabe. Sogar eine einfache Verbindung schon gemachter Inductionen, ohne eine weitere Ausdehnung des inductiven Schlusses, ist ein Fortschritt in dieser Richtung. Wenn Kepler die Gesetzmässigkeit in den beobachteten Bewegungen der Himmelskörper durch die drei allgemeinen Sätze, welche er seine Gesetze nannte, ausdrückte, so deutete er damit drei einfache Voraussetzungen an, durch welche der ganze Plan der himmlischen Bewegungen, so weit sie zu jener Zeit bekannt waren, hinreichend construirt werden konnte. Ein ähnlicher und noch grösserer Schritt wurde gemacht, als man von diesen Gesetzen, die anfänglich nicht in noch allgemeineren Wahrheiten eingeschlossen zu sein schienen, entdeckte, dass sie Fälle wären von drei grossen Gesetzen der Bewegung, die sich aus der Betrachtung von Körpern, welche sich mit einer gewissen Kraft gegeneinander bewegen und welche ursprünglich einen augenblicklichen Stoss erhalten haben, ableiten lassen. Nach dieser grossen Entdeckung konnten die Sätze Kepler's, obgleich noch Gesetze genannt, von Niemandem, der an eine präcise Sprache gewöhnt ist, Naturgesetze genannt werden; dieser Ausdruck wäre den einfacheren Gesetzen, in die sie Newton zerlegte, zu bewahren.

Nach dieser Ausdrucksweise ist jede wohlbegründete inductive Generalisation entweder ein Naturgesetz, oder ein Resultat von Naturgesetzen, welches, im Falle diese wahr sind, aus ihnen vorausgesagt werden kann. Die Aufgabe der inductiven Logik kann daher in folgende zwei Fragen zusammengefasst werden: Wie werden Naturgesetze bestimmt? Und wie verfolgt man, nachdem sie festgesetzt sind, ihre Resultate? Wir dürfen uns indessen nicht einbilden, dass diese Darstellungsweise eine wirkliche Analyse, oder dass sie etwas Anderes als eine bloss wörtliche Umformung der Ausgabe sei; denn der Ausdruck Naturgesetz bedeutet nichts als Gleichförmigkeiten, welche unter den Naturerscheinungen (oder, mit anderen Worten, in den Resultaten der Induction) bestehen, wenn sie auf ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführt[375] worden sind. Wir haben indessen schon etwas gewonnen, wenn wir so weit vorgeschritten sind, um einzusehen, dass das Studium der Natur ein Studium von Gesetzen, nicht von einem Gesetze ist, ein Studium von Gleichförmigkeiten, in der Mehrzahl; dass die verschiedenen Naturerscheinungen nach besonderen Regeln oder Modi stattfinden, welche, obgleich miteinander vermischt und verwickelt, bis zu einem gewissen Grade einzeln studirt werden können; dass (um unsere frühere Metapher zu Wiederholen) die Regelmässigkeit der Natur ein Gewebe von unterschiedenen Fäden ist, und nur verstanden werden kann, wenn wir den einzelnen Fäden nachgehen. Zu diesem Ende ist es häufig nöthig, einen Theil des Gewebes aufzulösen und die Fäden voneinander zu sondern. Aus den Regeln der experimentellen Forschung ergeben sich die Kunstgriffe für die Zerlegung des Gewebes.

§. 2. Wenn wir so versuchen, die allgemeine Ordnung der Natur durch die Erforschung der besonderen Ordnungen der einzelnen Naturerscheinungen zu ermitteln, so kann das wissenschaftliche Verfahren nur eine verbesserte Form des Verfahrens sein, welches der menschliche Verstand befolgt hat, ehe er noch durch die Wissenschaft geleitet wurde. Als man zuerst den Gedanken fasste, die Naturerscheinungen nach einer strengem und sicherem Methode, als die anfangs mehr spontan angenommene, zu studiren, ging man nicht, der wohlgemeinten aber unbrauchbaren Lehre Descartes' zufolge, von der Voraussetzung aus, dass noch nichts erforscht wäre. Viele von den in den Naturerscheinungen bestehenden Gleichförmigkeiten sind so beständig und der Beobachtung so offen, dass sie sich der menschlichen Erkenntniss gegen ihren Willen aufdrängen. Manche Erscheinungen sind so stetig und so gewöhnlich mit anderen verbunden, dass die Menschen, wie die Kinder noch thun, die eine zu erwarten lernten, wo sie die andere fanden, und dies lange bevor sie ihre Erwartungen durch die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen diesen Erscheinungen in Worten auszudrücken wussten. Es war keine Wissenschaft nöthig, um die Menschen zu lehren, dass Brod nährt, dass Wasser den Durst stillt, dass die Sonne leuchtet und wärmt, dass schwere Körper auf die Erde fallen. Dies und Aehnliches nahmen die ersten wissenschaftlichen Forscher als bekannte Wahrheiten an, und gingen[376] von diesen aus, um andere unbekannte Wahrheiten zu entdecken. Dieses Verfahren war auch nicht unrichtig, sie sahen sich jedoch später, als die vorschreitende Wissenschaft ihnen zeigte, dass ihre Wahrheiten begrenzt, oder dass sie andere Umstände berührten, welche sie anfänglich nicht beachtet hatten, genöthigt, diese spontane Verallgemeinerungen einer Revision zu unterwerfen. Aus dem folgenden Theile unserer Untersuchung wird, glaube ich, hervorgehen, dass in diesem Verfahren keine logische Täuschung liegt, wir können aber jetzt schon sehen, dass ein jedes andere Verfahren unbrauchbar ist. Indem es unmöglich ist, eine wissenschaftliche Methode der Induction oder eine Probe für die Genauigkeit von Inductionen zu erfinden, die nicht auf die Hypothese, dass schon einige Inductionen von unzweifelhafter Gewissheit gemacht sind, gegründet wäre.

Wir wollen zu einem unserer früheren Beispiele zurückkehren und betrachten, warum wir, in beiden Fällen mit demselben Grade von positiver und negativer Zuverlässigkeit, die Behauptung, dass es schwarze Schwanen giebt, nicht zurückwiesen, während wir demjenigen, welcher behauptet, dass es Menschen giebt, die den Kopf unter den Schultern haben, allen Glauben versagen. Die erste Behauptung war glaubwürdiger als die letztere. Aber warum glaubwürdiger? Welcher Grund war vorhanden, das Eine glaubwürdiger als das Andere zu finden so lange man über keine dieser Erscheinungen eine Erfahrung hatte? Augenscheinlich weil weniger Beständigkeit in der Farbe der Thiere, als in dem Bau ihrer innern Anatomie herrscht. Aber woher wissen wir dies? Offenbar aus der Erfahrung. Es scheint also, dass wir der Erfahrung bedürfen, damit sie uns lehre, in welchen Fällen oder in welchen Arten, von Fällen wir uns auf die Erfahrung verlassen dürfen. Wir müssen die Erfahrung fragen, um von ihr zu lernen, unter welchen Verhältnissen die aus ihr gezogenen Argumente gültig sind. Wir haben keine anderweitige Probe, der wir die Erfahrung unterwerfen könnten; wir müssen sie selbst zu ihrer eigenen Probe machen. Die Erfahrung zeigt, dass unter den Gleichförmigkeiten, welche sie darbietet oder darzubieten scheint, es solche giebt, auf die man sich eher verlassen kann, als auf andere; es kann daher die Gleichförmigkeit im Verhältniss als der Fall einer Classe von bisher gleichförmiger befundenen Gleichförmigkeiten[377] angehört, aus einer gegebenen Anzahl von Beispielen mit einem höheren Grade von Gewissheit gemuthmaasst werden.

Das Verfahren, eine Generalisation durch die andere, eine engere Generalisation durch eine weitere zu corrigiren, welches der gesunde Menschenverstand an die Hand giebt und in der Praxis anwendet, ist der wirkliche Typus der wissenschaftlichen Induction. Alles, was die Kunst zu thun vermag, ist, dass sie diesem Verfahren Genauigkeit und Sicherheit verleiht, und dass sie es ohne wesentliche Aenderung des Princips einer Mannigfaltigkeit von Fällen anpasst.

Es giebt natürlich keinen Weg, die oben beschriebene Probe anzuwenden, wenn wir nicht schon eine allgemeine Kenntniss des vorherrschenden Charakters der durch die ganze Natur bestehenden Gleichförmigkeiten besitzen, und es ist daher ein prüfender Ueberblick über die Inductionen, zu welchen die Menschheit durch die unwissenschaftliche Praxis geführt worden ist, die unentbehrliche Grundlage einer wissenschaftlichen Formel der Induction; diese Prüfung hat den besondern Zweck, zu bestimmen, welche Arten von die ganze Natur durchdringenden Gleichförmigkeiten vollkommen unveränderlich, und welche in Zeit, Ort und anderen Umständen veränderlich befunden worden sind.

§. 3. Die Nothwendigkeit einer solchen Prüfung wird durch die Betrachtung bestätigt, dass die strengeren Inductionen der Prüfstein sind, an welchen wir uns immer bemühen die schwächeren zu bringen. Wenn wir ein Mittel finden, eine der weniger strengen Inductionen von strengeren abzuleiten, so erlangt sie auf einmal die ganze Strenge derjenigen, von welchen sie abgeleitet wurde; sie vermehrt sogar diese Strenge, da die unabhängige Erfahrung, auf welcher die schwächere Induction vorher beruhte, ein neuer Beweis der Wahrheit des besser begründeten Gesetzes ist, in welchem sie sich nun eingeschlossen findet. Wir mögen aus dem historischen Beweis folgern, dass die unumschränkte Regierung eines Monarchen, einer Aristokratie oder einer Majorität oft missbraucht werden wird, aber wir sind berechtigt, dieser Generalisation noch mehr zu vertrauen, wenn es gezeigt worden ist, dass sie nur ein Folgesatz einer noch besser bewiesenen Wahrheit ist; es ist dies der geringe Grad von Charaktergrösse, den die[378] Menschen noch durchschnittlich besitzen, und die meistens geringe Wirksamkeit der bisher üblichen Erziehungsweisen um die Herrschaft der Vernunft und des Gewissens über die selbstsüchtigen Neigungen zu erhalten. Es ist zugleich einleuchtend, dass sogar diese allgemeineren Thatsachen durch das Zeugniss, welches die Geschichte den Wirkungen des Despotismus ertheilt, strenger bewiesen werden. Die strenge Induction wird noch strenger, wenn eine schwächere mit ihr verbunden wird.

Wenn von der andern Seite eine Induction anderen strengeren Inductionen, oder Schlüssen, die in richtiger Weise von letzteren abgeleitet werden können, widerstreitet, so muss sie, wenn nicht einige dieser strengeren Inductionen bei wiederholter Betrachtung als zu weit ausgedehnt erscheinen, aufgegeben werden. Die so lange herrschende Meinung, dass ein Komet oder eine andere ungewöhnliche Erscheinung am Himmel der Vorbote grosser Unglücksfälle, wenigstens für denjenigen wäre, der sie beobachtet hatte; der Glaube an die Wahrhaftigkeit des Orakels zu Delphi oder zu Dodona, das Vertrauen auf die Astrologie oder die Wetterprophezeiungen der Kalender, waren ohne Zweifel Inductionen, von denen man voraussetzte, dass sie auf die Erfahrung gegründet wären;81 und der[379] Glaube schien bei diesen Täuschungen ganz fähig, gegen eine grosse Anzahl von fehlschlagenden Fällen Stand zu halten, vorausgesetzt, dass er durch eine mässige Zahl von zufälligen Uebereinstimmungen zwischen Voraussetzung und Ereigniss unterstützt wurde. Es ist die Unverträglichkeit mit strengeren Inductionen, zu welchen die wissenschaftliche Forschung in Beziehung auf die Ursachen, von denen terrestrische Ereignisse abhängen, gelangt ist, welche diesen unzureichenden Inductionen wirklich ein Ende machte; da, wohin diese wissenschaftlichen Wahrheiten noch nicht gedrungen sind, herrschen noch immer dieselben oder ähnliche Täuschungen.

Es kann als ein allgemeiner Grundsatz angesehen werden, dass alle Inductionen, ob streng oder schwach, welche durch einen Syllogismus mit einander verbunden werden können, sich einander bestätigen, während andere, welche zu unverträglichen Consequenzen führen, sich gegenseitig einander prüfen und zeigen, dass die eine oder die andere aufgegeben, oder doch vorsichtiger ausgedrückt werden muss. In dem Falle, dass sich Inductionen gegenseitig bestätigen, erhebt sich diejenige, welche zum Schlusse eines Syllogismus wird, wenigstens zu dem Grade von Gewissheit der schwächsten der Inductionen, von welchen sie abgeleitet ist, während im allgemeinen alle an Gewissheit zunehmen. So unterstützte das Torricellische Experiment, obgleich nur ein allgemeiner Fall von drei allgemeineren Gesetzen, nicht allein bedeutend den Beweis, auf welche dieselben gegründet waren, sondern es verwandelte sogar das eine derselben (das von dem Gewicht der Luft) aus einer zweifelhaften Generalisation in eine vollständig begründete Lehre.[380]

Wenn daher eine Prüfung der Gleichförmigkeiten, welche als in der Natur vorhanden erforscht wurden, einige andeuten würde, welche, soweit menschliche Zwecke Gewissheit verlangen, als absolut gewiss und allgemein betrachtet werden können: so könnten wir vermittelst dieser Gleichförmigkeiten eine Menge von anderen Inductionen auf dieselbe Stufe der Gewissheit erheben. Denn wenn wir in Beziehung auf irgend eine Induction zeigen können, dass sie entweder wahr sein, oder dass eine dieser gewissen und allgemeinen Inductionen eine Ausnahme zulassen muss: so wird die erstere Generalisation dieselbe absolute Gewissheit und Unverbrüchlichkeit innerhalb der ihr angewiesene Grenzen erreichen, welche die Attribute der letzteren sind. Es wird von ihr bewiesen sein, dass sie ein Gesetz ist, und wenn nicht das Resultat von anderen und einfacheren Gesetzen, so wird sie ein Naturgesetz sein.

Es giebt solche gewisse und allgemeine Inductionen, und weil es solche giebt, ist eine inductive Logik möglich.[381]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 1, Braunschweig 31868, S. 372-382.
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