Erstes Capitel.

Von der Beobachtung und Beschreibung.

[195] §. 1. Die vorhergehenden Betrachtungen haben uns zu einer befriedigenden Lösung der Hauptaufgabe der Logik, nach der Vorstellung, welche ich mir von der Wissenschaft gebildet habe, geführt. Wir haben gefunden, dass der geistige Process, womit sich die Logik beschäftigt, dass die Erforschung von Wahrheiten immer und auch dann noch ein inductives Verfahren ist, wenn der Schein auf eine andere Theorie deutet. Wir haben die verschiedenen Arten der Induction gesondert, und eine klare Einsicht in die Principien erlangt, wonach sie sich richten muss, wenn sie zu zuverlässigen Resultaten führen soll.

Die Betrachtungen über die Induction sind indessen mit der Feststellung der Regeln für die Ausübung derselben nicht beendigt. Wir müssen noch Einiges von den anderen Verstandesoperationen sagen, welche bei einer jeden Induction entweder nothwendig vorausgesetzt werden, oder welche den schwierigeren und verwickelteren inductiven Processen behülflich sind. Der Betrachtung dieser Hülfsoperationen, und besonders derjenigen, welche als unentbehrliche Präliminarien einer jeden Induction unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, soll dieser Theil unseres Werkes gewidmet sein.

Da Induction nur die Ausdehnung von Etwas, was in gewissen einzelnen Fällen als wahr beobachtet wurde, auf eine Classe von Fällen ist, so nimmt von allen Hülfsoperationen der Induction die Beobachtung den ersten Platz in Anspruch. Es ist indessen hier nicht der Ort, Regeln, anzugeben, um gute Beobachter zu[195] bilden, dies gehört nicht in ein Werk über Logik, sondern steht der Erziehungskunst zu. Wir werden uns mit der Beobachtung nur in soweit beschäftigen, als sie im Zusammenhang steht mit der entsprechenden logischen Aufgabe, der Würdigung des Beweises. Wir haben nicht zu betrachten, wie oder was zu beobachten ist, sondern unter welchen Bedingungen die Beobachtung zuverlässig ist; was nöthig ist, damit die Thatsache, die als beobachtet vorausgesetzt wird, als wahr angenommen werden könne.

§. 2. Die Antwort auf die obige Frage ist sehr einfach, wenigstens beim ersten Anblick. Die erste Bedingung ist, dass das, was als beobachtet angenommen wird, wirklich beobachtet worden sei; dass es wirklich eine Beobachtung und keine Folgerung sei; denn fast in einem jeden Acte unseres Wahrnehmungsvermögens sind Beobachtung und Folgerung innig vermischt. Was wir glauben beobachtet zu haben, ist gewöhnlich ein zusammengesetztes Resultat, wovon ein Zehntel beobachtet und die übrigen neun Zehntel gefolgert sein können.

Ich behaupte z.B., ich höre die Stimme eines Menschen. In gewöhnlicher Sprache würde dies als eine directe Wahrnehmung gelten. Die wirkliche Wahrnehmung besteht indessen hier nur darin, dass ich einen Ton höre. Dass der Ton eine Stimme, und dass die Stimme die Stimme eines Menschen ist, dies sind keine Beobachtungen, sondern Schlüsse. Ich behaupte ferner, dass ich diesen Morgen zu einer bestimmten Stunde meinen Bruder sah. Wenn man von einem Urtheil, das eine Thatsache ausspricht, im gewöhnlichen Sinne sagen kann, es sei durch das directe Zeugniss der Sinne erkannt, so ist es dieses. Die Wahrheit ist indessen ganz anders. Ich sah nur eine gewisse farbige Fläche, oder vielmehr, ich hatte die Art von Gesichtsempfindungen, welche gewöhnlich von farbigen Flächen hervorgebracht werden; und aus diesen, durch vorausgängige Erfahrung erkannten Merkmalen schliesse ich, dass ich meinen Bruder gesehen habe. Ich könnte ganz ähnliche Sensationen gehabt haben, ohne dass mein Bruder da gewesen wäre. Ich konnte einen Anderen gesehen haben, der ihm so sehr glich, dass ich ihn bei der Entfernung und bei der Aufmerksamkeit, womit ich ihn betrachtete, für meinen Bruder ansah. Ich konnte im Schlafe gewesen sein und geträumt haben, ich sähe[196] ihn; oder meine Nerven konnten in einem krankhaften Zustande gewesen sein, so dass mir in wachendem Zustande sein Bild in einer Hallucination vorschwebte. Viele Menschen sind in allen diesen Modi zu dem Glauben verleitet worden, sie hätten wohlbekannte Personen gesehen, welche gestorben oder weit entfernt waren. Wenn von diesen Voraussetzungen eine wahr gewesen, wäre, so wäre die Behauptung, dass ich meinen Bruder gesehen habe, eine irrthümliche gewesen; was aber ein Gegenstand der directen Wahrnehmung war, nämlich die Sensationen des Auges, diese wären wirklich wahr gewesen. Nur die Folgerung wäre schlecht begründet gewesen, ich hätte diese Sensationen einer unrichtigen Ursache zugeschrieben.

Man könnte von dem, was man gewöhnlich Sinnestäuschungen nennt, unzählige Beispiele anführen und in derselben Weise analysiren. Keine derselben ist indessen eigentlich eine Täuschung der Sinne, sondern es sind irrthümliche Folgerungen aus den Sinneseindrücken. Wenn ich durch ein Vervielfältigungsglas nach einem Lichte blickte, so scheint es mir, als sähe ich ein ganzes Dutzend Lichter statt eines, und wenn die wirklichen Umstände dieses Falles geschickt verborgen gehalten würden, so dürfte ich wohl annehmen, dass diese Anzahl von Lichtern wirklich vorhanden wäre; es wäre dies eine sogenannte optische Täuschung. Bei dem Kaleidoskop ist diese Täuschung wirklich vorhanden. Wenn man durch dieses Instrument sieht, so sieht man anscheinend statt dessen, was wirklich darin ist, nämlich statt einer zufälligen Anordnung gefärbter Glasstückchen, dieselbe Combination mehrmals um einen Punkt symmetrisch gruppirt. Die Täuschung wird natürlicherweise dadurch hervorgebracht, dass dieselbe Sensation in mir erregt wird, welche ich haben würde, wenn mir eine solche symmetrische Anordnung in Wirklichkeit vor die Augen gebracht würde. Wenn man den Zeigefinger und Mittelfinger kreuzt und einen kleinen Gegenstand, eine kleine Brotkugel etwa, dazwischen, d.h. in Berührung mit Stellen der Finger bringt, welche gewöhnlich nicht gleichzeitig berührt werden, und wenn man dann die Augen schliesst, so wird man sich kaum des Glaubens erwehren können, man habe zwei Kügelchen zwischen den Fingern. Aber in dem letzten Falle wird nicht mein Gefühl, und in dem ersteren nicht mein Gesicht getäuscht; die Täuschung, mag sie anhaltend oder nur momentan[197] sein, liegt in meinem Urtheil. Von den Sinnen habe ich nur die Sensationen, und diese sind ächt und wahr. Gewohnt, diese oder ähnliche Sensationen zu haben, wenn, und nur wenn eine gewisse Anordnung der äusseren Gegenstände meinen Organen gegenwärtig ist, bin ich geneigt, sogleich auf die Existenz dieses Zustandes der äusseren Gegen stände zu schliessen, wenn ich die Sensationen habe. Diese Gewohnheit ist so mächtig geworden, dass die mit der Eile und der Gewissheit eines Instinctes gemachte Folgerung mit der intuitiven Wahrnehmung verwechselt wird. Ist sie richtig, so bleibt es mir unbewusst, dass sie jemals des Beweises bedurfte; auch wenn ich weiss, dass sie unrichtig ist, kann ich mich nur mit grosser Anstrengung enthalten, sie zu machen. Um zu gewahren, dass sie nicht aus Instinct gemacht ist, sondern aus einer erlangten Gewohnheit hervorgeht, bin ich gezwungen, über den langsamen Process nachzudenken, durch welchen ich lernte, über viele Dinge vermittelst des Gesichts zu urtheilen, welche ich nun durch den Anblick direct wahrzunehmen glaube; so wie auch über die umgekehrte Operation, welche von denjenigen befolgt wird, die zeichnen lernen und die sich nur schwierig und mit grosser Mühe und Arbeit von ihren erlangten Perceptionen frei machen, und von Neuem lernen, zu sehen, wie die Dinge dem Auge erscheinen.

Es würde unnöthig wenn auch leicht sein, diese Bemerkungen über einen in vielen populären Werken erläuterten Gegenstand noch weiter auszudehnen. Aus den angeführten Thatsachen kann man hinlänglich ersehen, dass die individuellen Thatsachen, aus denen wir unsere inductiven Generalisationen herleiten, gewöhnlich nicht durch die Beobachtung allein gewonnen werden. Die Beobachtung erstreckt sich nur auf die Sensationen, durch welche wir die Gegenstände erkennen, aber die Urtheile, von denen wir in der Wissenschaft oder dem gemeinen Leben Gebrauch machen, beziehen sich meistens auf die Gegenstände selbst. In einem jeden Acte der sogenannten Beobachtung liegt wenigstens eine Folgerung – aus den Sensationen auf die Gegenwart des Gegenstandes, aus den Merkmalen oder der Diagnose auf das ganze Phänomen. Und hieraus folgt unter Anderem das scheinbare Paradoxon, dass ein allgemeines aus Particularitäten abgeleitetes Urtheil oft gewisser wahr ist, als ein jedes der besonderen Urtheilen, aus denen es durch Induction gefolgert wurde. Denn ein jedes von diesen[198] besonderen Urtheilen schloss eine Folgerung aus dem Sinneseindrucke auf die Thatsache ein, welche diesen Eindruck verursachte, und diese Folgerung kann in irgend einem Falle irrig gewesen sein, sie kann aber nicht wohl in allen irrig gewesen sein, vorausgesetzt, dass die Anzahl der Fälle gross genug war, um den Zufall zu eliminiren. Der Schluss, d.i. das allgemeine Urtheil, kann daher grösseres Vertrauen verdienen, als man ohne Gefahr den inductiven Prämissen zugestehen dürfte.

Die Logik der Beobachtung besteht daher einzig in einer genauen und richtigen Unterscheidung zwischen dem, was in einem Resultate einer Beobachtung wirklich wahrgenommen worden ist, und dem, was eine Folgerung aus der Wahrnehmung ist. Derjenige Theil, welcher der Folgerung angehört, ist auf die bereits abgehandelten Regeln der Induction zurückführbar und braucht hier nicht weiter berührt zu werden; es handelt sich hier nur darum, dass wir wissen was bleibt, wenn Alles hinweggenommen wird, was Folgerung ist. Es bleiben vorerst des Geistes eigene Gefühle oder Zustände des Bewusstseins, nämlich seine äusserlichen Gefühle oder Sensationen und seine innerlichen Gefühle – seine Gedanken, seine Emotionen, sein Wollen. Ob noch etwas Anderes bleibt, oder ob alles Andere Folgerung daraus ist; ob der Geist fähig ist, irgend Etwas ausser den Zuständen seines eigenen Bewusstseins wahrzunehmen oder zu erfassen – dies ist die besondere, hier nicht weiter zu erörternde Aufgabe der Metaphysik. Wenn wir aber alle metaphysischen Streitfragen hier ausschliessen, so bleibt es wahr, dass für die meisten Zwecke die praktisch von uns auszuführende Unterscheidung eine Unterscheidung zwischen Sensationen oder anderen Gefühlen unserer selbst oder Anderer und den daraus gezogenen Folgerungen ist. Dies ist Alles, was hier über die Theorie der Beobachtung zu sagen nöthig war.

§. 3. Wenn in der einfachsten Beobachtung, oder in dem, was dafür gilt, sehr viel nicht Beobachtung, sondern etwas Anderes ist, so ist in der einfachsten Beschreibung einer Beobachtung immer mehr behauptet und muss es immer sein, als in der Wahrnehmung selbst enthalten ist. Wir können eine Thatsache nicht beschreiben ohne mehr zu folgern, als die Thatsache enthält. Die Perception ist nur die eines individuellen Dinges; aber dasselbe[199] beschreiben heisst den Zusammenhang zwischen ihm und einem jeden andern Dinge, welches durch einen der gebrauchten Ausdrücke bezeichnet oder mitbezeichnet wird, behaupten. Ein Beispiel wird dies am deutlichsten machen. Ich habe eine Gesichtsempfindung und versuche dieselbe zu beschreiben, indem ich sage, dass ich etwas Weisses sehe. Indem ich dies sage, affirmire ich nicht allein meine Empfindung, sondern ich classificire sie auch. Ich behaupte eine Aehnlichkeit zwischen dem Dinge, das ich sehe, und allen Dingen, die ich und Andere gewohnt sind, weiss zu nennen. Ich behaupte, dass es ihnen in dem Umstande gleicht, in welchem sie sich alle einander gleichen, in dem Umstande, welcher der Grund ist, dass sie weiss genannt werden. Dies ist aber in der That nicht eine Art und Weise, sondern es ist die einzige Art und Weise, eine Beobachtung zu beschreiben. Ich mag aber meine Beobachtungen zu eigenem künftigen Gebrauche verzeichnen oder sie zum Nutzen Anderer bekannt machen wollen, immer muss ich eine Aehnlichkeit zwischen der Thatsache, welche ich beobachtet habe, und etwas Anderem behaupten. Es ist der Beschreibung inhärent, dass sie die Angabe einer Aehnlichkeit oder einer Unähnlichkeit ist.

Wir sehen so, dass es nicht möglich ist, ein Resultat der Beobachtung in Worten auszudrücken ohne einen Act zu begehen, der das besitzt, was Dr. Whewell für das die Induction Charakterisierende hält. Immer wird etwas eingeführt, was nicht in der Beobachtung lag; eine Conception, die dem Phänomen mit anderen Phänomenen, womit es verglichen wird, gemein ist. Eine Beobachtung kann in der Sprache nicht ausgedrückt werden, ohne dass mehr als eine Beobachtung behauptet wird; ohne dass sie mit anderen schon beobachteten Phänomenen verglichen und damit classificirt wird. Aber diese Identification eines Gegenstandes – diese Erkennung desselben als eines Gegenstands, der gewisse bekannte Kennzeichen besitzt – ist niemals mit Induction verwechselt worden. Sie ist eine Operation, die aller Induction vorausgeht und diese mit ihrem Material versieht. Es ist eine durch Vergleichung erhaltene Wahrnehmung von Aehnlichkeiten.

Diese Aehnlichkeiten werden nicht immer direct dadurch wahrgenommen, dass wir bloss den beobachteten Gegenstand mit einem andern gegenwärtigen Gegenstande oder mit unserer Erinnerung an einen abwesenden Gegenstande vergleichen. Sie werden häufig[200] durch intermediäre Merkmale, d.h. deductiv bestimmt. Man nehme an, dass ich bei der Beschreibung einer neuen Thierart sage, das Thier sei vom Kopfe bis zum Ende des Schwanzes zehn Fuss lang. Ich habe dies nicht mit dem unbewaffneten Auge bestimmt. Ich hatte einen Maassstab von zwei Fuss, welchen ich an den Gegenstand legte und womit ich ihn, wie man zu sagen pflegt, maass; eine Operation, die nicht bloss meine Hand vollbrachte, sondern die zum Theil eine mathematische war, und die zwei Behauptungen einschliesst: fünfmal zwei ist zehn; und Dinge, welche einem und demselben Dinge gleich sind, sind unter einander selbst gleich. Es ist daher die Thatsache, dass das Thier zehn Fuss lang ist, nicht eine directe Wahrnehmung, sondern ein Schluss, wovon nur die eine Prämisse aus der Beobachtung des Gegenstandes gewonnen wurde. Dies hindert aber nicht, sie mit Recht eine Beschreibung des Thieres zu nennen.

Um von einem sehr einfachen zu einem sehr complicirten Beispiele überzugehen: ich behaupte, die Erde sei rund. Diese Behauptung ist nicht auf directe Wahrnehmung gegründet, denn die Gestalt der Erde kann nicht direct von uns wahrgenommen werden; die Behauptung könnte sich jedoch nicht als wahr erweisen, wenn nicht Umstände vorausgesetzt werden könnten, unter welchen ihre Richtigkeit wahrzunehmen ist. Dass die Gestalt der Erde kugelförmig ist, wird aus gewissen Merkmalen gefolgert, daraus z.B., dass der Schatten, welchen sie auf den Mond wirft, rund ist; oder daraus, dass unser Horizont auf der See oder in einer grossen Ebene immer kreisförmig ist; von allen diesen Merkmalen ist keines mit einer andern als kugelförmigen Gestalt vereinbar. Ich behaupte ferner, dass die Erde jene besondere Art Kugel ist, welche man ein abgeplattetes Sphäroid nennt, weil durch Messung in der Richtung eines Meridians gefunden wird, dass die Länge auf der Erdoberfläche, welche einen gegebenen Winkel am Mittelpunkte einschliesst, abnimmt, je mehr wir uns vom Aequator entfernen und den Polen nähern. Aber die Urtheile, dass die Erde kugelförmig und dass sie ein Sphäroid ist, behaupten beide eine individuelle Thatsache, die ihrer Natur nach fähig ist, von den Sinnen wahrgenommen zu werden, wenn die nöthigen Organe und die erforderliche Stellung vorausgesetzt werden, und die bloss deshalb nicht wirklich wahrgenommen werden, weil diese Organe und diese[201] Stellung uns fehlen. Diese Identification der Erde, erstens als einer Kugel und sodann als eines abgeplatteten Sphäroids, welche eine Beschreibung der Gestalt der Erde genannt worden wäre, wenn man die Thatsache hätte sehen können, kann füglich auch noch so genannt werden, wenn man die Thatsache, statt sie zu sehen, gefolgert hat. Es wäre jedoch unangemessen, die eine oder die andere dieser Behauptungen eine Induction aus Thatsachen in Beziehung auf die Erde zu nennen. Es sind keine allgemeinen, aus besondern Thatsachen erschlossenen Urtheile, sondern aus allgemeinen Urtheilen abgeleitete besondere Thatsachen. Es sind deductiv erhaltene Schlüsse aus Prämissen, die ihre Entstehung der Induction verdanken, aber von diesen Prämissen sind einige nicht durch Beobachtung der Erde erhalten, und standen auch in keiner besondern Beziehung zu ihr.

Wenn daher die Wahrheit in Beziehung auf die Gestalt der Erde keine Induction ist, warum sollte es die Wahrheit in Beziehung auf die Gestalt der Erdbahn sein? Die zwei Fälle unterscheiden sich nur darin, dass die Form der Erdbahn nicht, wie die Gestalt der Erde selbst, durch Folgerung aus Thatsachen abgeleitet wurde, welche Merkmale der Ellipticität waren, sondern dass man dazu gelangte, indem man die kühne Vermuthung hegte, dass ihr Weg eine Ellipse sei, und bei der Prüfung hernach fand, dass die Beobachtungen mit der Hypothese in Uebereinstimmung stehen. Nach Herrn Whewell ist dieser Process des Vermuthens und der Bestätigung unserer Vermuthung nicht allein Induction, sondern es ist das Ganze der Induction; nach ihm kann diese logische Operation nicht anders ausgelegt werden. Dass er in Beziehung auf die letzte Behauptung Unrecht hat, ist, wie ich hoffe, in der ganzen vorhergehenden Abtheilung hinlänglich bewiesen worden, und dass auch die erste der zwei Behauptungen viel Irrthümliches und nur sehr wenig Wahres enthält, ist in dem zweiten Capitel derselben Abtheilung zu zeigen versucht worden.150 Wir sind indessen jetzt vorbereitet, um tiefer in die Frage einzugehen, als in jener früheren Periode unserer Untersuchung, und ich glaube, dass einige Worte hinreichen werden, ein jedes zurückgebliebene Dunkel zu beseitigen.

[202] §. 4. Wir haben in dem zweiten Capitel bemerkt, dass das Urtheil »die Erde bewegt sich in einer Ellipse«, so lange es zur Colligation oder Verknüpfung von Thatsachen dient (d.h. soweit es bloss behauptet, dass die verschiedenen Stellungen der Erde genau durch eben so viele Punkte in dem Umfange einer imaginären Ellipse dargestellt werden können), nicht eine Induction, sondern eine Beschreibung ist; es ist nur dann eine Induction, wenn es affirmirt, dass man von den Zwischenstellungen, wovon keine directen Beobachtungen vorliegen, finden würde, dass sie den übrigen Punkten in demselben elliptischen Umfange entsprechen. Obgleich nun diese wirkliche Induction ein Ding und die Beschreibung ein anderes Ding ist, so sind wir doch bezüglich der zu machenden Induction in einer anderen Lage bevor wir die Beschreibung haben, als nach ihr. Denn insofern die Beschreibung, gleich allen anderen Beschreibungen, die Behauptung der Aehnlichkeit zwischen dem beschriebenen Phänomen und etwas Anderem enthält, so giebt sie, indem sie Etwas angiebt, dem die Reihe der beobachteten Orte des Planeten gleicht, zugleich Etwas an, worin die verschiedenen Orte selbst übereinstimmen. Wenn die Reihe der Orte eben so vielen Punkten einer Ellipse entspricht, so stimmen die Orte selbst darin überein, dass sie in dieser Ellipse gelegen sind. Wir haben daher durch denselben Process, der uns die Beschreibung gab, die Erfordernisse erhalten, um eine Induction nach der Methode der Uebereinstimmung machen zu können. Indem die aufeinanderfolgenden verschiedenen Orte der Erde als Wirkungen und ihre Bewegung als die Ursache betrachtet wird, so finden wir, dass jene Wirkungen, d.h. jene Orte in dem Umstande übereinstimmen, dass sie einer Ellipse angehören. Wir schliessen nun, dass die übrigen Wirkungen, die Orte, welche nicht beobachtet worden sind, in demselben Umstande übereinstimmen, und dass das Gesetz der Bewegung der Erde Bewegung in einer Ellipse ist.

Die Verbindung von Thatsachen vermittelst der Hypothesen, oder, wie Herr Whewell zu sagen vorzieht, vermittelst Conceptionen, nimmt daher, anstatt selbst Induction zu sein, wie er annimmt, ihren eigentlichen Platz unter den Hülfsoperationen der Induction. Eine jede Induction setzt voraus, dass wir vorher die erforderliche Anzahl von einzelnen Fällen verglichen und bestimmt haben, in welchem Umstande sie übereinstimmen; die Verbindung der[203] Thatsachen ist nichts als diese vorläufige Operation. Als Kepler, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, die beobachteten Orte eines Planeten durch verschiedene Hypothesen einer Kreisbewegung zu verbinden, zuletzt die Hypothese einer Ellipse versuchte und fand, dass sie den Erscheinungen entsprach: so war die Entdeckung des Umstandes, in welchem die beobachteten Stellungen des Planeten übereinstimmten, wirklich das, was er zuerst erfolglos und zuletzt mit Erfolg versuchte. Und als er in gleicher Weise eine andere Reihe von beobachteten Thatsachen, die periodischen Zeiten der verschiedenen Planeten durch das Urtheil verband, dass die Quadrate der Zeiten den Cuben der Entfernungen proportional sind, so bestimmte er einfach die Eigenschaft, in welcher die periodischen Zeiten der verschiedenen Planeten übereinstimmen.

Da also Alles, was wahr ist, und zu dem Zwecke von Herrn Whewell's Lehre von Conceptionen vollständig durch das bekanntere Wort Hypothese ausgedrückt werden könnte, und da seine Colligation von Thatsachen vermittelst angemessener Conceptionen nur das gewöhnliche Verfahren ist, durch Vergleichung von Naturerscheinungen zu finden, worin ihre Uebereinstimmung oder Aehnlichkeit besteht: so würde ich mich gern auf jene besser verstandenen Ausdrücke beschränkt, und bis zuletzt in derselben bisher beobachteten Enthaltung von allen ideologischen Erörterungen beharrt haben, indem ich den Mechanismus unserer Gedanken als einen Gegenstand betrachte, der von den Grundsätzen und Regeln, nach welchen die Verlässlichkeit der Resultate des Denkens zu schätzen ist, verschieden und für dieselben nicht von Bedeutung ist. Da indessen ein Werk von so grossen Ansprüchen und, kann man sagen, von so grossem Verdienste, die ganze Theorie der Induction auf solche ideologische Betrachtungen gegründet hat: so scheint es für die Nochfolgenden nöthig, für sich und ihre Lehren die ihnen auf demselben metaphysischen Grunde zukommende Stellung in Anspruch zu nehmen. Und dies ist der Gegenstand des nächsten Capitels.[204]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 195-205.
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