Zweites Capitel.

Von der Abstraction oder der Bildung von Ideen.

[205] §. 1. Die metaphysische Untersuchung über die Natur und Zusammensetzung von dem, was man abstracte Ideen genannt hat, oder, mit anderen Worten, von den Begriffen, welchen in unserm Geiste Classen und Gemeinnamen entsprechen, gehört nicht der Logik, sondern einer andern Wissenschaft an, und unser Zweck verlangt nicht, dass wir hier darauf eingehen. Es geht uns nur die allgemein anerkannte Thatsache an, dass solche allgemeinen Vorstellungen oder Begriffe existiren. Unser Geist kann eine Menge von einzelnen Dingen als eine Vereinigung oder eine Classe denken; und Gemeinnamen erwecken in uns wirklich gewisse Ideen oder geistige Bilder, sonst könnten wir die Namen nicht mit dem Bewusstsein einer Bedeutung gebrauchen. Ob die durch den Gemeinnamen erweckte Idee aus den verschiedenen Umständen zusammengesetzt sei, in welchen alle die durch den Namen bezeichneten Individuen übereinstimmen, und aus keinen anderen (was die Lehre von Locke, Brown und den Conceptualisten ist); oder ob sie die Idee irgend eines dieser Individuen sei, das in seine individualisirende Eigenthümlichkeiten gekleidet ist, aber von der Erkenntniss begleitet, dass die Eigenthümlichkeiten nicht Eigenschaften der Classe sind (was die Lehre von Berkeley, Bailey und den neuem Nominalisten ist); ob (nach der Meinung von Mill) der Begriff der Classe der einer Anhäufung von Individuen sei, die der Classe angehören, oder ob er endlich (was die wahrere Meinung zu sein scheint), je nach den zufälligen Umständen des Falles, das eine oder das andere von allem diesem sei: gewiss ist, dass irgend eine Idee oder geistige Vorstellung (Conception) durch[205] den Gemeinsamen erregt wird, wenn wir ihn hören, oder mit dem Bewusstsein einer Bedeutung gebrauchen. Und dies, was wir nach unserem Gefallen eine allgemeine Idee nennen könnten, repräsentirt in unserm Geiste die ganze Classe von Dingen, worauf der Name angewendet ist. Wenn wir in Beziehung auf die Classe denken oder schliessen, so thun wir dies vermittelst dieser Idee. Und die willkürliche Macht, welche der Geist besitzt, auf einen Theil von dem, was ihm in irgend einem Augenblicke gegenwärtig ist, zu achten und einen andern Theil zu vernachlässigen, setzt uns in den Stand, unsere Schlüsse in Beziehung auf die Classe unberührt von allem in der Idee oder dem geistigen Bilde zu erhalten, was nicht wirklich der ganzen Classe gemein ist, oder von dem wir wenigstens nicht glauben, dass es ihr wirklich gemein sei.

Es giebt also solche Dinge wie allgemeine Vorstellungen, oder Vorstellungen, vermittelst deren wir im allgemeinen denken können; und wenn wir aus einer Reihe von Naturerscheinungen eine Classe bilden, d.h. wenn wir sie mit einander vergleichen, um zu bestimmen, worin sie mit einander übereinstimmen, so ist in dieser geistigen Operation eine allgemeine Vorstellung eingeschlossen. Und in sofern eine solche Vergleichung der Induction nothwendig vorausgehen muss, ist es sehr wahr, dass ohne allgemeine Vorstellungen keine Induction Statt finden kann.

§. 2. Es folgt nun aber nicht, dass diese allgemeinen Vorstellungen vor der Vergleichung in dem Geiste existirt haben müssen. Es ist nicht (wie Herr Whewell anzunehmen scheint) ein Gesetz unseres Geistes, dass, wenn wir Dinge mit einander vergleichen und uns ihre Uebereinstimmung merken, wir nur Etwas, das in unserem Geiste bereits vorhanden war, in der äussern Welt verwirklicht erkennen. Die Vorstellung fand ursprünglich ihren Weg zu uns als das Resultat dieser Vergleichung. Sie wurde erhalten (nach dem metaphysischen Ausdruck) durch Abstraction von einzelnen Dingen. Diese Dinge können Dinge sein, welche wir bei einer früheren Gelegenheit wahrnahmen oder dachten, es können aber auch Dinge sein, welche wir jetzt wahrnehmen oder denken. Als Kepler die beobachteten Orte des Planeten Mars verglich, und fand, dass sie darin übereinstimmten, dass sie Punkte einer Ellipse sind, so wandte er eine allgemeine[206] Vorstellung an, die schon in seinem Geiste, und die aus seiner früheren Erfahrung abgeleitet war. Dies ist aber keineswegs der allgemeine Fall. Wenn wir verschiedene Gegenstände mit einander vergleichen und finden, dass sie darin übereinstimmen, dass sie weiss sind, und wenn wir verschiedene Arten von wiederkäuenden Thieren mit einander vergleichen, und finden, dass sie darin übereinstimmen, dass sie gespaltene Hufe haben, so haben wir eben so gut eine allgemeine Vorstellung in unserem Geiste, als Kepler in dem seinen hatte; wir haben die Vorstellung von »einem weissen Dinge« oder die Vorstellung von »einem Thiere mit gespaltenem Hufe«. Aber Niemand nimmt an, dass wir diese Vorstellungen nothwendig mitbringen und den Thatsachen hinzufügen müssen (um Herrn Whewell's Ausdruck anzunehmen); weil in diesen einfachen Fällen Jedermann sieht, dass der Act der Vergleichung, welcher in unserem Verbinden der Thatsachen vermittelst der Vorstellung endet, die Quelle sein kann, aus der wir die Vorstellung selbst herleiten. Wenn wir vorher niemals einen weissen Gegenstand oder ein Thier mit gespaltenen Hufen gesehen hätten, so wurden wir zu derselben Zeit und durch denselben geistigen Act die Idee erlangen, und sie zur Verbindung der beobachteten Erscheinungen gebrauchen. Kepler hatte im Gegentheil die Idee wirklich mitzubringen und sie den Thatsachen hinzuzufügen, sie ihnen beizulegen; er konnte sie nicht aus ihnen entnehmen, und wenn er nicht schon die Idee gehabt hätte, so wäre er nicht im Stand gewesen, sie durch Vergleichung der Stellungen der Planeten zu erlangen. Aber diese Unfähigkeit war nur zufällig; die Idee einer Ellipse konnte so gut aus den Planetenbahnen gewonnen werden, als aus sonst Etwas wenn die Bahnen nicht zufällig unsichtbar gewesen wären. Wenn der Planet eine sichtbare Spur zurückgelassen hätte, und wenn wir eine Stellung gehabt hätten, um sie in dem geeigneten Winkel zu sehen, so hätten wir unsere ursprüngliche Vorstellung einer Ellipse aus den Planetenbahnen abstrahiren können. Es hätte in der That eine jede Vorstellung, welche zu einem Instrument für die Verbindung einer Reihe von Tatsachen gemacht werden kann, aus diesen Thatsachen selbst gewonnen werden können. Die Vorstellung ist die Vorstellung von Etwas, und das, wovon es die Vorstellung ist, liegt wirklich in den Thatsachen,[207] und hätte unter irgend voraussetzbaren Umständen, und unter einer voraussetzbaren Erweiterung unserer Fähigkeiten wirklich darin entdeckt werden können. Und dies ist immer nicht allein an und für sich möglich, sondern es findet auch wirklich fast in allen Fällen Statt, wo die Erlangung der richtigen Vorstellung mit beträchtlichen Schwierigkeiten verknüpft ist. Denn wenn keine neue Vorstellung nöthig ist, wenn eine den Menschen bereits geläufige Vorstellung dem Zwecke dient, so kann es einem Jeden begegnen, zufällig der Erste zu sein, dem die richtige einfällt; zum wenigsten bei einer Reihe von Erscheinungen, welche die ganze wissenschaftliche Welt sich bemüht zu verbinden. Für Kepler lag die Ehre darin, dass er durch genaue, geduldige und mühsame Berechnungen die Resultate, welche aus seinen verschiedenen Vermuthungen folgten, mit den Beobachtungen von Tycho Brahe verglich; das Verdienst, eine Ellipse zu vermuthen, war aber ein sehr geringes; es ist nur zu verwundern, dass man sie nicht eher vermuthet hat, und man würde sie auch gewiss vermuthet haben, wenn man nicht das hartnäckige aprioristische Vorurtheil gehabt hätte, dass sich die Himmelskörper, wenn nicht in einem Kreis, doch in einer Combination von Kreisen bewegen müssen.

Die wirklich schwierigen Fälle sind diejenigen, in welchen die Vorstellung, d.h. das Schaffen von leicht und Ordnung aus Dunkel und Wirrwarr, in den Naturerscheinungen selbst gesucht werden muss, die sie später zu ordnen dient. Warum konnten, nach Herr Whewell's eigener Ansicht, die Alten die Gesetze der Mechanik, d.h. des Gleichgewichts und der Mittheilung der Bewegung nicht entdecken? Weil sie keine oder wenigstens keine klaren Ideen oder Vorstellungen von Druck und Widerstand, von Moment, von gleichförmiger und beschleunigender Kraft hatten. Und woher hätten sie diese Ideen anders erhalten können, als von den Thatsachen des Gleichgewichts und der Bewegung selbst? Die späte Entwickelung verschiedener Zweige der physikalischen Wissenschaften, z.B. der Optik, der Elektricität, des Magnetismus und der höheren Generalisationen der Chemie, schreibt Hr. Whewell der Thatsache zu, dass die Menschen nicht die Idee der Polarität, d.h. die Idee von entgegengesetzten Eigenschaften in entgegengesetzten Richtungen besassen. Was war aber vorhanden, um eine solche Idee zu erwecken, ehe durch eine besondere Prüfung von einigen[208] dieser verschiedenen Zweige des Wissens gezeigt war, dass die Thatsachen eines jeden derselben in einigen Fällen wenigstens das bemerkenswerthe Phänomen darbieten, entgegengesetzte Eigenschaften in entgegengesetzten Richtungen zu haben? Dem oberflächlichen Blick bot sich das Ding nur in zwei Fällen dar, bei dem Magnet und bei den elektrisirten Körpern; und hier war die Vorstellung behaftet mit dem Umstand von materiellen Polen, oder festen Punkten in dem Körper selbst, welchen Punkten dieser Gegensatz der Eigenschaften inzuwohnen schien. Die erste Vergleichung und Abstraction hatte nur zu dieser Vorstellung von Polen geführt, und wenn etwas dieser Vorstellung Entsprechendes in den Erscheinungen der Chemie oder Optik existirt hätte, so wäre die Schwierigkeit, welche man jetzt mit Recht für so gross ansieht, nur eine höchst geringe gewesen. Das Dunkel entstand aus der Thatsache, dass die Polaritäten in der Chemie und Optik von einer andern Art, obgleich von derselben Gattung waren, als die Polaritäten in dem Magnetismus und der Elektricität, und dass, um diese Phänomene einander zu assimiliren, es nöthig war, eine Polarität ohne Pole, wie z.B. bei der Polarisation des Lichtes, und eine Polarität mit Polen, wie beim Magnet, mit einander zu vergleichen und zu erkennen, dass diese Polaritäten, während sie in verschiedenen anderen Beziehungen verschieden sind, in dem einen Charakter übereinstimmen, der sich in den Ausdruck fassen lässt, verschiedene Eigenschaften in verschiedenen Richtungen. Aus dem Resultate einer solchen Vergleichung bildete der Geist wissenschaftlicher Männer diese neue allgemeine Vorstellung; zwischen ihr und dem ersten verworrenen Gefühle einer Analogie zwischen einigen der Erscheinungen des Lichts und denen der Elektricität und des Magnetismus liegt ein grosser, durch die Arbeiten und die mehr oder weniger scharfsinnigen Meinungen vieler hohen Geister ausgefüllter Zwischenraum.

Die Vorstellungen, welche wir für die Verbindung und methodische Anordnung von Thatsachen gebrauchen, entwickeln sich also nicht innerhalb des Geistes, sondern der Geist erhält den Eindruck derselben von aussen; sie werden niemals anders erhalten, als auf dem Wege der Vergleichung und Abstraction, und in den wichtigsten und zahlreichsten Fällen worden sie durch Abstraction aus den Erscheinungen selbst gewonnen, welche sie zu verbinden dienen[209] sollen. Ich bin weit entfernt damit sagen zu wollen, dass es nicht oft sehr schwierig sei, diesen Process des Abstrahirens wohl zu bewerkstelligen; oder dass der Erfolg einer inductiven Operation nicht in vielen Fällen hauptsächlich von der Geschicklichkeit abhängig wäre, womit wir sie ausführen. Bacon hatte ganz Recht, als eine der Hauptschwierigkeiten einer guten Induction unrichtig gebildete allgemeine Vorstellungen zu bezeichnen, »notiones temere a rebus abstractas;« und Herr Whewell fügt hinzu, dass eine schlechte Abstraction nicht allein eine schlechte Induction macht, sondern dass, um die Induction gut auszuführen, wir auch gut abstrahirt haben müssen, dass unsere allgemeinen Vorstellungen »klar« und dem Gegenstande »angemessen« sein müssen.

§. 3. Indem ich zu zeigen versuche, worin eigentlich die Schwierigkeit dieses Gegenstandes besteht und wie sie zu überwinden ist, muss ich den Leser ein- für allemal bitten, im Auge zu behalten, dass, obgleich ich bei der Besprechung von Ansichten einer andern philosophischen Schule gern die Sprache derselben annehme, und daher von dem Verbinden von Thatsachen vermittelst einer Vorstellung spreche, diese technische Ausdrucksweise nicht mehr und nicht weniger sagen will, als was man gewöhnlich ein Vergleichen von Thatsachen mit einander und ein Bestimmen der Punkte, in welchen sie mit einander übereinstimmen, nennt. Auch hat der technische Ausdruck nicht einmal den Vortheil metaphysisch richtig zu sein. Die Thatsachen sind nicht verbunden, sie bleiben getrennte Thatsachen, wie vorher. Die Ideen von den Thatsachen können verbunden werden, d.h. wir können versucht sein, sie zugleich zu denken, aber eine zufällige Ideenassociation könnte dieselbe Folge haben. Das, was wirklich Statt findet, wird, glaube ich, philosophischer durch das gewöhnliche Wort Vergleichung ausgedrückt, als durch die Worte »verbinden« oder »hinzufügen«. Denn so wie die allgemeine Vorstellung selbst durch Vergleichung Von einzelnen Phänomenen gewonnen wurde, so besteht der Modus ihrer Anwendung, nachdem sie gewonnen worden ist, immer wieder in der Vergleichung. Wir vergleichen Phänomene mit einander, um die Vorstellung zu gewinnen, und dann vergleichen wir diese und andere Phänomene mit der Vorstellung. Wir gewinnen z.B. die Vorstellung (den Begriff) von einem Thiere,[210] indem wir verschiedene Thiere mit einander vergleichen, und wenn wir hernach ein anderes Geschöpf sehen, das einem Thiere ähnlich sieht, so vergleichen wir es mit unserer allgemeinen Vorstellung von einem Thiere; und wenn es mit dieser allgemeinen Vorstellung übereinstimmt, so schliessen wir es in die Classe ein. Die Vorstellung wird zum Typus der Vergleichung.

Wir brauchen nur zu betrachten, was Vergleichung ist, um zu sehen, dass, wenn mehr als zwei Gegenstände vorhanden und mehr noch, wenn ihre Zahl eine unbestimmte ist, ein Typus irgend einer Art eine unerlässliche Bedingung der Vergleichung ist. Wenn wir eine grosse Anzahl von Gegenständen nach ihren Uebereinstimmungen oder nach ihren Unterschieden zu ordnen und zu classificiren haben, so machen wir nicht einen verworrenen Versuch, alle mit allen zu vergleichen. Wir wissen, dass der menschliche Geist mit Leichtigkeit auf nicht mehr als zwei Dinge auf einmal achten kann, wir wählen daher einen der Gegenstände, entweder dem Zufall nach oder je nachdem er in einer besonders auffallenden Weise einen wichtigen Charakter darbietet, und indem wir diesen zum Maassstab nehmen, vergleichen wir damit einen Gegenstand nach dem andern. Wenn wir einen zweiten Gegenstand finden, der eine bemerkenswerthe Uebereinstimmung mit dem ersten darbietet und der uns veranlasst, beide mit einander zu classificiren, so entsteht sogleich die Frage, in welchen Umständen stimmen sie überein? Und von diesen Umständen Kenntniss nehmen ist schon die erste Stufe der Abstraction, indem eine allgemeine Vorstellung dadurch erweckt wird. Wenn wir so weit gekommen sind und alsdann einen dritten Gegenstand vornehmen, so fragen wir uns natürlich nicht bloss, ob dieser dritte Gegenstand mit dem ersten übereinstimmt, sondern auch, ob er in demselben Umstande wie der zweite mit ihm übereinstimmt? Mit anderen Worten, ob er mit der allgemeinen Vorstellung übereinstimmt, welche durch Abstraction von dem ersten und zweiten Gegenstand erhalten worden ist? Wir sehen auf diese Weise die Neigung allgemeiner Vorstellungen, sich, sobald sie gebildet sind, als Typen für alle diejenigen einzelnen Gegenstände, die in unseren Vergleichungen diesen Zweck vorher erfüllten, zu substituiren. Vielleicht finden wir, dass keine beträchtliche Anzahl anderer Gegenstände mit dieser ersten allgemeinen Vorstellung[211] übereinstimmt; dass wir die Vorstellung fallen lassen, mit einem verschiedenen einzelnen Falle wieder anfangen und durch andere Vergleichungen zu einer anderen allgemeinen Vorstellung gelangen müssen. Wir werden aber auch manchmal finden, dass die Vorstellung tauglich wird, wenn man bloss einige von ihren Umständen hinweglässt, und durch diese grössere Anstrengung der Abstraction erhalten wir eine noch allgemeinere Vorstellung, wie wir uns in dem vorhin angeführten Falle von der Vorstellung von Polen zu der allgemeineren Vorstellung von entgegengesetzten Eigenschaften in entgegengesetzten Richtungen erhoben, oder wie jene Südseeländer, deren Vorstellung von einem vierfüssigen Thiere, dem Schweine (dem einzigen Thiere dieser Art, welches sie gesehen hatten) abstrahirt war, und welche, nachdem sie diese Vorstellung mit anderen Vierfüsslern verglichen hatten, einige von den Umständen fallen Hessen und zu der allgemeineren Vorstellung gelangten, welche die Europäer mit dem Worte verbinden.

Diese kurzen Bemerkungen enthalten, glaube ich, Alles, was Wohlbegründetes an der Lehre ist, dass die Vorstellung, die Idee, durch welche der Geist die Erscheinungen ordnet und ihnen Einheit verleiht, durch den Geist selbst geliefert werden muss, und dass wir die richtige Vorstellung durch ein Probiren finden, indem wir erst die eine und dann die andere versuchen, bis wir das Ziel treffen. Die Vorstellung wird nicht vom Geiste geliefert, ehe sie dem Geiste geliefert worden ist; und die Thatsachen, welche sie liefern, sind manchmal ganz andere und fremde Thatsachen, aber öfter noch die Thatsachen selbst, welche wir durch die Vorstellung zu ordnen suchen. Es ist indessen völlig wahr, dass, wenn wir versuchen, die Thatsachen zu ordnen, wir, bei welchem Punkt wir auch anfangen mögen, keine drei Schritte thun können ohne eine mehr oder weniger genaue und deutliche allgemeine Vorstellung zu bilden; und dass diese allgemeine Vorstellung der Leitfaden wird, dem wir für den Rest der Thatsachen zu folgen suchen, oder dass sie vielmehr der Maassstab wird, den wir fortan an sie legen. Wenn wir nicht zufrieden sind mit den Uebereinstimmungen, welche wir unter den Naturerscheinungen dadurch entdecken, dass wir sie mit diesem Typus oder mit einer noch allgemeineren Vorstellung, welche wir durch eine neue Stufe der Abstraction aus dem Typus bilden können,[212] vergleichen, so ändern wir die Richtung und suchen nach anderen Uebereinstimmungen; von einem andern Ausgangspunkte ausgehend, fangen wir die Vergleichung von Neuem an und erzeugen so eine verschiedene Reihe von allgemeinen Vorstellungen. Dies ist das probirende Verfahren, von dem Herr Whewell spricht, und dieses hat auch die Lehre veranlasst, dass die Vorstellung von dem Verstande selbst geliefert wird. Die verschiedenen Vorstellungen, welche der Geist nach einander versucht, besass er bereits aus früherer Erfahrung, oder sie wurden ihm gerade auf der ersten Stufe des entsprechenden Actes der Vergleichung an die Hand gegeben, so dass sich in dem folgenden Theile des Processes die Vorstellung als etwas mit den Erscheinungen Verglichenes, nicht denselben Entnommenes erwies.

§. 4. Wenn das Vorhergehende eine genaue Darstellung der Mitwirkung allgemeiner Vorstellungen bei der Vergleichung ist, welche nothwendig der Induction vorausgeht, so werden wir nun leicht im Stande sein, das in unsere Sprache zu übersetzen, was Hr. Whewell meint, wenn er sagt, dass die Vorstellungen »klar« und »angemessen« sein müssen.

Wenn die Vorstellung, die Idee, einer wirklichen Uebereinstimmung unter den Thatsachen entspricht; wenn die Vergleichung, welche wir von einer Reihe von Gegenständen gemacht haben, uns zu einer Classification derselben nach wirklichen Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten geführt hat: so muss die Vorstellung, die dieses thut, für den einen oder den andern Zweck angemessen sein. Die Frage der Angemessenheit bezieht sich auf den besondern Gegenstand, den wir im Auge haben. Sobald wir durch unsere Vergleichung irgend eine Uebereinstimmung, irgend Etwas, was von einer Anzahl von Gegenständen gemeinsam ausgesagt werden kann, ermittelt haben, haben wir eine Basis erhalten, auf welche ein inductives Verfahren gegründet werden kann. Aber die Uebereinstimmungen, oder die letzten Consequenzen, zu welchen diese Uebereinstimmungen führen, können sehr verschiedene Grade von Wichtigkeit haben. Wenn wir z.B. Thiere nur in Beziehung auf ihre Farbe mit einander vergleichen und diejenigen, welche gleiche Farbe haben, mit einander classificiren, so bilden wir die allgemeinen Begriffe[213] eines weissen Thieres, eines schwarzen Thieres etc. etc., was ganz legitim gebildete Begriffe sind; und wenn eine Induction in Beziehung auf die Ursachen der Farben der Thiere versucht werden sollte, so würde diese Vergleichung die eigentliche und nothwendige Vorbereitung für eine solche Induction sein, sie würde uns aber nicht zur Kenntniss der Gesetze irgend anderer Eigenschaften der Thiere führen: während, wenn wir sie mit Cuvier in Beziehung auf den Bau ihres Skelettes, oder mit Blainville in Beziehung auf die Natur ihrer äusseren Hüllen mit einander vergleichen und classificiren, die Uebereinstimmungen und Verschiedenheiten, welche in dieser Beziehung bemerkbar sind, nicht allein an und für sich von viel grösserer Wichtigkeit, sondern auch Merkmale der Uebereinstimmung und des Unterschieds in verschiedenen sehr wichtigen Einzelheiten des Baues und der Lebensweise des Thieres sind. Wenn daher ihr Bau und ihre Gewohnheiten der Gegenstand unseres Studiums sind, so sind die durch die letzteren Vergleichungen erzeugten Begriffe »angemessener«, als die durch die ersteren erzeugten. Nur dies kann unter Angemessenheit der Conceptionen verstanden sein.

Wenn Herr Whewell sagt, die Alten, die Scholastiker oder irgend neuere Forscher hätten das wahre Gesetz einer Naturerscheinung nicht entdeckt, weil sie eine unangemessene statt einer angemessenen Conception darauf anwandten, so kann er damit nur meinen, dass sie bei dem Vergleichen verschiedener Fälle des Phänomens, um zu bestimmen, in was diese Fälle übereinstimmten, die wichtigen Punkte der Uebereinstimmung verfehlten und sich an solche hielten, die entweder eingebildete oder gar keine Uebereinstimmungen, oder wenn sie Uebereinstimmungen waren, verhältnissmässig sehr geringe waren, und mit der Naturerscheinung, deren Gesetz gesucht wurde, in keinem Zusammenhange standen.

Indem Aristoteles über die Bewegung nachdachte bemerkte er, dass gewisse Bewegungen von selbst Statt finden; dass die Körper auf die Erde fallen, die Flamme in die Höhe steigt, die Luftblasen im Wasser emporsteigen etc.; er nannte dieselben natürliche Bewegungen. Andere Bewegungen hingegen finden nicht allein nicht ohne äussere Anregung Statt, sondern wenn diese Anregung[214] stattgefunden hat, streben sie auch von selbst wieder aufzuhören; diese nannte er, um sie von den ersteren zu unterscheiden, gewaltsame Bewegungen. Indem nun Aristoteles die sogenannten natürlichen Bewegungen mit einander verglich, schien es ihm, dass sie alle in einem Umstande übereinstimmten, darin nämlich, dass der Körper, welcher sich von selbst bewegte (oder zu bewegen schien), sich nach seinem eigenen Orte hin bewegte, indem er darunter den Ort verstand, woher er ursprünglich kam, oder den Ort, wo sich eine grosse Menge von ihm ähnlicher Materie vorfand. Bei der andern Classe von Bewegungen, wie wenn Körper in die Luft geworfen werden, bewegen sich dieselben im Gegentheil von ihrem Orte. Diese Vorstellung oder Idee von einem Körper, der sich nach seinem Orte bewegt, kann nun mit Recht als unangemessen betrachtet werden, weil, obgleich sie einen Umstand ausdrückt, der in einigen der bekanntesten Fälle von anscheinend spontaner Bewegung wirklich Statt findet, es, erstens, doch viele andere Fälle von Bewegung giebt, in denen dieser Umstand abwesend ist, wie bei der Bewegung der Erde und der Planeten; und zweitens würde, selbst wenn er vorhanden wäre, bei genauerer Prüfung die Bewegung oft als eine nicht freiwillige erscheinen, wie wenn Luft in dem Wasser in die Höhe steigt, sie nicht durch ihre eigene Natur in die Höhe steigt, sondern durch das grössere Gewicht des auf sie drückenden Wassers in die Höhe gehoben wird. Und endlich noch giebt es viele Fälle, in denen die freiwillige Bewegung in der entgegengesetzten Richtung gegen das Statt findet, was die Theorie als des Körpers eigenen Ort bezeichnet, wie, wenn von einem See ein Nebel aufsteigt, oder wenn ein Wasser auftrocknet. Die Uebereinstimmung, welche Aristoteles als Princip der Classification wählte, erstreckte sich demnach nicht auf alle Fälle des Phänomens, das er untersuchen wollte, es erstreckte sich nicht auf alle Fälle von spontaner Bewegung; während es Fälle von der Abwesenheit des Phänomens, Fälle von nicht spontaner Bewegung einschloss. Die Vorstellung war daher »unangemessen«. Wir können noch hinzufügen, dass in dem fraglichen Falle keine Vorstellung, keine Idee angemessen sein würde; es giebt keine Uebereinstimmung, welche sich durch alle Fälle von freiwilliger oder anscheinend freiwilliger Bewegung und keine anderen Fälle hindurchzöge; sie können nicht unter ein Gesetz[215] gebracht werden – es ist ein Fall von Vielfachheit der Ursachen.151

§. 5. Soviel in Betreff der ersten von Dr. Whewell's Bedingungen, der nämlich, dass die Ideen angemessen sein müssen; wir wollen nun betrachten, was die zweite derselben, nämlich die, dass die Ideen »klar« sein sollen, sagen will. Wenn die Idee nicht einer wirklichen Uebereinstimmung entspricht, so besitzt sie einen grössern Fehler als den, nicht klar zu sein, sie ist überhaupt gar nicht auf den Fall anwendbar. Unter den Erscheinungen, welche wir vermittelst der Idee zu verbinden suchen, müssen wir daher eine wirkliche Uebereinstimmung voraussetzen, sowie, dass die Idee die Idee von dieser Uebereinstimmung ist. Damit sie also klar sei, ist nur erforderlich, dass wir genau wissen, worin die Uebereinstimmung besteht, dass sie sorgfältig beobachtet worden sei, und dass man sich ihrer genau erinnere. Man sagt, dass wir keine klare Vorstellung von der Aehnlichkeit in einer Reihe von Gegenständen haben, wenn wir nur ein allgemeines Gefühl haben, dass sie einander ähnlich sind,[216] ohne ihre Aehnlichkeit analysirt, ohne wahrgenommen zu haben, worin sie besteht, ohne eine genaue Erinnerung aller dieser Punkte in unserem Gedächtniss fixirt zu haben. Dieser Mangel an Klarheit, oder wie man es noch nennen kann, dieses Schwankende in der allgemeinen Vorstellung oder Idee hat entweder seine Ursache in der ungenauen Kenntniss des Gegenstandes selbst, oder nur darin, dass wir ihn nicht sorgfältig verglichen haben. So kann Jemand eine unklare Idee von einem Schiff haben, weil er niemals ein Schiff gesehen hat, oder weil er sich nur wenig und schwach dessen erinnert, welches er gesehen hat. Oder er kann eine vollkommene Kenntniss und Erinnerung von vielen Schiffen verschiedener Art, von Fregatten und dergleichen haben, aber er hat dabei keine klare, sondern nur eine verworrene Idee von einer Fregatte, weil er nicht hinlänglich verglichen hat, um bemerkt zu haben und sich zu erinnern, in welchem besondern Punkte eine Fregatte sich von einer andern Art von Schiffen unterscheidet.

Um klare Ideen zu haben ist es indessen nicht nöthig, dass wir mit allen gemeinschaftlichen Eigenschaften der Dinge, welche wir mit einander classificiren, bekannt seien. Dies hiesse einen eben so vollständigen als klaren Begriff von der Classe haben. Es ist hinreichend, wenn wir niemals Dinge mit einander classificiren, ohne genau zu wissen, warum, – ohne genau bestimmt zu haben, welche Uebereinstimmungen wir in unsere Conception einzuschliessen im Begriff sind; und wenn, nachdem wir unsere Conception so festgestellt haben, wir niemals davon abgehen, niemals in die Classe Etwas einschliessen, was diese gemeinschaftlichen Eigenschaften nicht besitzt, noch Etwas ausschliessen, was sie besitzt. Eine klare Idee bedeutet eine bestimmte Idee, eine Idee, welche nicht schwankt und heute dies morgen jenes ist, sondern fest und unveränderlich bleibt, ausser wenn wir sie des Fortschrittes unseres Wissens oder der Verbesserung eines Irrthums wegen mit Bewusstsein ändern oder ihr Etwas hinzufügen. Ein Mensch von klaren Ideen ist ein solcher, der immer weiss, kraft welcher Eigenschaften seine Classen aufgestellt sind, welche Attribute durch seine Gemeinnamen mit bezeichnet sind.

Die Haupterfordernisse, um zu klaren Ideen zu gelangen, sind daher: die Gewohnheit einer aufmerksamen Beobachtung,[217] eine ausgedehnte Erfahrung, und ein Gedächtniss, welches ein genaues Bild von dem, was beobachtet ist, aufnimmt und bewahrt und in dem Verhältnisse, als einer die Gewohnheit, genau zu beobachten und sorgfältig zu vergleichen, und ein genaues Gedächtniss für die Resultate der Beobachtung und Vergleichung hat, werden seine Ideen von dieser Classe von Erscheinungen klar sein; vorausgesetzt, dass er die unerlässliche Gewohnheit habe (die indessen natürlicherweise nur aus jenen anderen Gaben hervorgeht), niemals Gemeinnamen ohne genaue Mitbezeichnung zu gebrauchen.

Da die Klarheit unserer Ideen hauptsächlich von der Sorgfältigkeit und Genauigkeit unserer Fähigkeiten zu beobachten und zu vergleichen abhängt, so hängt ihre Angemessenheit, oder vielmehr die Wahrscheinlichkeit, dass wir die angemessene Idee in einem Falle treffen, vorzüglich von der Thätigkeit dieser Fähigkeiten ab. Derjenige, welcher durch eine auf eine natürliche Anlage gegründete Gewohnheit eine Fertigkeit erlangt hat, die Naturerscheinungen genau zu beobachten und zu vergleichen, wird soviel mehr Uebereinstimmungen und wird sie soviel schneller als Andere wahrnehmen, dass die Wahrscheinlichkeit, er werde die Uebereinstimmung, von der die wichtigsten Consequenzen abhängen, in irgend einem Falle wahrnehmen, viel grösser ist.

§. 6. Es ist von so grosser Wichtigkeit, dass der in dem vorhergehenden Capitel erörterte Theil des Verfahrens bei Erforschung der Wahrheit richtig verstanden werde, dass ich es für zweckmässig halte, die gewonnenen Resultate noch einmal in einer verschiedenen Ausdrucksweise wiederzugeben.

Wir können allgemeine, d.h. auf Classen anwendbare Wahrheiten nicht bestimmen, wenn wir die Classen nicht in einer Art gebildet haben, dass allgemeine Wahrheiten von ihnen prädicirt werden können. In der Bildung einer Classe liegt eine Idee von ihr als von einer Classe eingeschlossen, d.h. eine Idee von gewissen Umständen als den Umständen, welche die Classe charakterisiren und die sie zusammensetzenden Gegenstände von allen anderen Gegenständen unterscheiden. Wenn wir genau wissen, was diese Umstände sind, so haben wir eine klare Idee (oder Conception) von der Classe, und von der Bedeutung des Gemeinnamens,[218] welcher sie bezeichnet. Die Hauptbedingung, welche in dem »diese klare Idee haben« eingeschlossen liegt, ist, dass die Classe eine Classe sei, dass sie einer wirklichen Distinction entspreche; dass die darin enthaltenen Dinge wirklich in gewissen Einzelheiten übereinstimmen und sich in denselben Einzelheiten von allen anderen Dingen unterscheiden. Ein Mensch ohne klare Ideen ist ein Mensch, der unter demselben Gemeinnamen Dinge miteinander zu classificiren pflegt, welche keine gemeinsamen Eigenschaften besitzen, oder doch keine, die sich nicht auch bei anderen Dingen fänden; oder welcher, wenn der allgemeine Brauch ihn verhindert, die Dinge wirklich falsch zu classificiren, nicht im Stande ist, sich die gemeinsamen Eigenschaften anzugeben, vermöge deren er dieselben richtig classificirt.

Aber es ist nicht das alleinige Erforderniss der Classification, dass die Classen reale, durch einen rechtmässigen geistigen Process gebildete Classen seien. Sowohl für theoretische als praktische Zwecke ist der eine Classificationsmodus werthvoller als der andere, und unsere Classificationen sind nicht gut ausgeführt, wenn die durch dieselben zusammengebrachten Dinge nicht allein in etwas übereinstimmen, das sie von allen anderen Dingen unterscheidet, sondern wenn sie nicht auch gerade in den Umständen, welche für den (theoretischen oder praktischen) Zweck, den wir im Auge haben und der das vorgesetzte Problem ausmacht, hauptsächlich von Wichtigkeit sind, sowohl mit einander übereinstimmen als auch von anderen Dingen differiren. Mit anderen Worten, unsere Ideen, obgleich sie klar sein mögen, sind unserm Zweck nicht angemessen, wenn die Eigenschaften, welche wir damit umfassen, nicht diejenigen Eigenschaften sind, die uns auf das führen, was wir zu wissen wünschen – d.h. entweder diejenigen, welche am tiefsten in die Natur des Dinges eingehen, wenn unser Zweck ist, diese zu verstehen, oder diejenigen, welche am engsten mit der besondern Eigenschaft, die wir untersuchen wollen, verknüpft sind.

Wir können daher gute allgemeine Conceptionen nicht zum Voraus bilden. Ob die Conception, zu welcher wir gelangt sind, diejenige sei, deren wir bedürfen, können wir erst wissen, nachdem wir das Werk gethan haben, wozu wir ihrer bedurften; wenn wir den allgemeinen Charakter der Erscheinungen, oder die Bedingungen der besondern Eigenschaft, die wir in Betracht nehmen,[219] vollständig verstehen. Allgemeine Ideen, welche ohne diese durchgängige Kenntniss gebildet wurden, sind Bacon's »notiones temere a rebus abstractae.« Aber bei unserm Fortschritt zu etwas besserem müssen wir fortwährend solche unreife Ideen bilden. Nur wenn man beständig bei ihnen verbleibt, sind sie dem Fortschreiten des Wissens ein Hinderniss. Wenn es uns zur Gewohnheit geworden ist, Dinge zu unrichtigen Classen zu gruppiren – zu Gruppen, welche entweder keine wirklichen Classen sind, da sie keine unterscheidende Punkte der Uebereinstimmung haben (Abwesenheit klarer Ideen), oder welche keine Classen sind, von denen etwas für unsern Zweck wichtiges ausgesagt werden kann (Abwesenheit angemessener Ideen); und wenn wir, in dem Glauben, diese schlecht aufgestellten Classen seien die von der Natur sanctionirten, uns weigern, sie gegen andere zu vertauschen, und können oder wollen unsere allgemeinen Ideen nicht aus anderen Elementen bilden: so treffen in einem solchen Fall alle Uebel ein, welche Bacon seinen »notiones temere abstractae« zuschreibt. Dies ist was die Alten in der Physik thaten, und was die Welt im allgemeinen in der Moral und der Politik noch heute thut.

Auf diese Weise wäre es nach meiner Ansicht von der Sache eine ungenaue Ausdrucksweise zu sagen, angemessene Ideen zu erhalten sei eine der Generalisation vorhergehende Bedingung. Durch den ganzen Process der Vergleichung von Erscheinungen mit einander zum Zweck der Generalisation sucht der Geist eine Vorstellung zu bilden, aber die Vorstellung, welche er zu bilden sucht, ist die von dem wirklich wichtigen Punkt der Uebereinstimmung der Erscheinungen. In dem Verhältniss, als wir von den Erscheinungen selbst und von den Bedingungen, von denen ihre wichtigen Eigenschaften abhängen, mehr Kenntniss erhalten, ändern sich naturgemäss unsere Ansichten von dem Gegenstand, und wir gelangen so bei dem Fortschreiten unserer Untersuchungen von einer weniger zu einer mehr »angemessenen« allgemeinen Idee.

Wir dürfen hier nicht vergessen, dass die Uebereinstimmung nicht immer durch blosse Vergleichung des fraglichen Phänomens selbst, ohne Hülfe einer anderswo erlangten Idee entdeckt werden kann, wie in dem so oft angeführten Falle der Planetenbahnen.[220]

Das Suchen nach der Uebereinstimmung einer Reihe von Naturerscheinungen ist in Wahrheit dem Suchen nach einem verlorenen oder verborgenen Gegenstande sehr ähnlich. Wir nehmen zuerst eine gehörige Stellung ein und blicken um uns her, und wenn wir den Gegenstand sehen können, so ist es gut; wenn nicht, so fragen wir uns im Geiste, welches die Orte sein mögen, wo er verborgen ist, damit wir dort nach ihm suchen, und so fort, bis wir auf den Ort fallen, wo er wirklich ist. Und auch hierbei müssen wir eine vorausgängige Idee oder Kenntniss der Orte gehabt haben. Auf eine ähnliche Weise suchen wir bei dem durch diesen familiären Process erläuterten philosophischen Verfahren zuerst den verlorenen Gegenstand zu finden, oder das gemeinschaftliche Attribut zu erkennen, ohne die Hülfe einer vorher erlangten Idee, oder, mit anderen Worten, die Hülfe einer jeden Hypothese vermuthungsweise in Anspruch zu nehmen. Ist uns dies nicht gelungen, so wenden wir uns an unsere Einbildungskraft wegen einer Hypothese in Betreff des möglichen Ortes oder eines möglichen Punktes der Aehnlichkeit, und sehen alsdann, ob die Thatsachen mit der Vermuthung übereinstimmen.

Für solche Fälle ist etwas mehr erforderlich, als ein Geist, der an genaue Beobachtung und Vergleichung gewöhnt ist. Es ist ein Geist erforderlich, der mit allgemeinen Ideen ausgestattet ist, welche vorher erlangt und von der Art sind, dass sie mit dem Gegenstande der Untersuchung eine Verwandtschaft haben. Auch wird viel von der natürlichen Stärke und der erlangten Cultur von dem, was man wissenschaftliche Phantasie nennt, und von der Fähigkeit abhängen, in der Idee bekannte Elemente zu neuen Verbindungen zu ordnen, welche in der Natur zwar noch nicht beobachtet worden, die aber bekannten Gesetzen nicht entgegen sind.

Aber die Mannigfaltigkeit der geistigen Gewohnheiten, die Zwecke, denen sie dienen, und die Modi, in denen sie genährt und cultivirt werden können, sind Betrachtungen, welche in die Erziehungskunst gehören, ein Gegenstand, der weiter geht als die Logik, und den die vorliegende Abhandlung nicht erörtern soll. Es kann daher das gegenwärtige Capitel hier schliessen.[221]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 205-222.
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