Zwölftes Capitel.

Von der Logik der Praxis oder der Kunst, mit Einschluss der Moral und der Politik.

[574] §. 1. In den vorhergehenden Capiteln haben wir uns bemüht, den gegenwärtigen Zustand derjenigen Zweige der sogenannten geistigen (moralischen) Erkentniss zu charakterisiren, welche in dem einzig richtigen Sinne des Worts Wissenschaften, d.h. welche Forschungen nach dem Gange der Natur sind. Es ist indessen gebräuchlich, in den Ausdruck moralische Erkenntniss und sogar (obgleich unpassenderweise) in den Ausdruck moralische Wissenschaft (Geisteswissenschaft) eine Untersuchung einzubegreifen, deren Resultate sich nicht in dem Indicativ, sondern in dem Imperativ oder ihm äquivalenten Umschreibungen ausdrücken, nämlich die sogenannte Erkenntniss der Pflichten, die praktische Ethik oder Moral.

Der imperative Modus ist nun das Charakteristische der Kunst, das sie von der Wissenschaft Unterscheidende. Was in Kegeln oder Vorschriften spricht, und nicht in der Form von Behauptungen in Beziehung auf Thatsachen, ist Kunst, und die Ethik oder Moral ist eigentlich ein Theil der Kunst, welche der Wissenschaft von der menschlichen Natur und Gesellschaft entspricht.212

Die Methode der Ethik kann daher keine andere sein, als die der Kunst oder der Praxis im allgemeinen, und der noch unvollendete Theil unserer Aufgabe, den wir in dem letzten Buche zu[574] lösen beabsichtigten, ist eine Charakterisirung der allgemeinen Methode der Kunst in ihrer Verschiedenheit von der Wissenschaft.

§. 2. In allen Zweigen der praktischen Geschäfte giebt es Fälle, in denen die Individuen verbunden sind, ihre Praxis nach einer festgestellten Regel zu richten, während es in anderen Fällen ein Theil ihrer Aufgabe ist, die Regel, nach welcher sich ihre Praxis zu richten hat, zu finden und zu construiren. Zu den ersteren Fällen gehört z.B. der Fall eines Richters, der nach einem bestimmten geschriebenen Gesetzbuch zu entscheiden hat. Der Richter ist nicht berufen zu bestimmen, welche Entscheidung in dem besonderen vorliegenden Fall der Natur des Falles nach die beste sein würde, sondern nur, welches Gesetz auf den Fall anwendbar ist; was der Gesetzgeber für die Art des Falles vorgeschrieben hat und was daher muthmasslicherweise in dem individuellen Falle von ihm beabsichtigt worden ist. Die Methode muss hier gänzlich und vollständig in einem Syllogisiren bestehen, und das Verfahren ist augenscheinlich dasjenige, woraus, wie wir in unserer Analyse des Syllogismus gezeigt haben, alles Syllogisiren besteht, nämlich die Auslegung einer Formel.

Um unsere Erläuterung des entgegengesetzten Falles von derselben Classe von Gegenständen, wie die früheren, zu nehmen, wollen wir, im Gegensatz zu der Lage des Richters, die Lage eines Gesetzgebers voraussetzen. Aehnlich wie der Richter Gesetze zur Richtschnur hat, hat der Gesetzgeber Regeln und Grundsätze der Politik; es wäre aber ein offenbarer Irrthum anzunehmen, der Gesetzgeber sei durch diese Grundsätze in derselben Weise gebunden, wie der Richter durch die Gesetze, und er habe nichts anderes zu thun, als von ihnen auf den besonderen Fall zu schliessen, ähnlich wie der Richter aus den Gesetzen schliesst. Der Gesetzgeber ist verpflichtet, die Gründe des Grundsatzes in Betracht zu ziehen; der Richter hat mit den Gründen des Gesetzes nur insofern zu thun, als eine Betrachtung derselben auf die Absichten des Gesetzgebers da Licht zu werfen vermag, wo dessen Worte sie zweifelhaft gelassen haben. Für den Richter ist die einmal bestimmte Regel endgültig; aber der Gesetzgeber, der mehr nach den Regeln als nach ihren Gründen ginge, würde, ähnlich den altmodischen deutschen Taktikern, die von Napoleon gesiegt wurden, oder ähnlich[575] dem Arzte, der seine Patienten lieber nach den Regeln sterben liess, als sie gegen die Regel zuheilen, mit Recht für einen blossen Pedanten und für einen Sclaven seiner Formel gehalten werden.

Es können nun aber die Gründe einer Maxime der Staatskunst oder die einer andern Kunstregel nur in den Lehrsätzen der entsprechenden Wissenschaft gesucht werden.

Das Verhältniss, in dem die Regeln der Kunst zu den Lehren der Wissenschaft stehen, kann auf folgende Weise charakterisirt werden. Die Kunst setzt sich einen Zweck vor, definirt ihn und übergiebt ihn der Wissenschaft. Die Wissenschaft empfängt ihn, betrachtet ihn als ein Phänomen oder als eine Wirkung, die zu studiren ist, und nachdem sie seine Ursachen und Bedingungen untersucht hat, sendet sie ihn der Kunst zurück mit einem Lehrsatz bezüglich der Combination von Ursachen, durch welche dieses Phänomen oder diese Wirkung erzeugt werden kann. Die Kunst prüft sodann diese Combination von Umständen und erklärt, je nachdem dieselben in menschlicher Macht stehen oder nicht, den Zweck für erreichbar oder nicht erreichbar. Die einzige Prämisse, welche die Kunst demnach liefert, ist die ursprüngliche obere Prämisse, welche behauptet, dass die Erreichung des besonderen Zwecks wünschenswerth ist. Die Wissenschaft leiht daher der Kunst das (durch eine Reihe von Inductionen oder von Deductionen erhaltene) Urtheil, dass die Ausübung gewisser Handlungen den Zweck erreichen wird. Aus diesen Prämissen schliesst die Kunst, dass die Ausübung dieser Handlungen wünschenswerth ist, und verwandelt, da sie dies ebenfalls ausführbar findet, den Lehrsatz in eine Regel oder Vorschrift.

§. 3. Es verdient besonders beachtet zu werden, dass der Lehrsatz oder die theoretische Wahrheit nicht eher reif ist, um in eine Vorschrift verwandelt zu würden, als bis das Ganze und nicht bloss ein Theil der Operation, welche der Wissenschaft angehört, ausgeführt worden ist. Angenommen, wir hätten den wissenschaftlichen Process nur bis zu einem gewissen Punkte geführt, wir hätten entdeckt, dass eine besondere Ursache die gewünschte Wirkung hervorbringen wird, wir hätten aber nicht alle negativen Bedingungen bestimmt, welche nothwendig sind, d.h. nicht alle Umstände, welche deren Erzeugung verhindern würden, wenn sie[576] gegenwärtig wären. Wenn wir bei diesem unvollkommenen Zustande der wissenschaftlichen Theorie versuchen, eine Kunstregel aufzustellen, so führen wir diese Operation zu frühe aus. Wenn irgend eine in dem Lehrsatz übersehene entgegenwirkende Ursache vorkommt, so wird die Kegel auf Schwierigkeiten stossen; wir werden die Mittel gebrauchen und den Zweck verfehlen. Kein Argumentiren von der Regel aus oder über die Regel selbst wird uns alsdann über die Schwierigkeit hinweghelfen; es bleibt nichts übrig, als zu dem wissenschaftlichen Process, welcher der Bildung der Regel hätte vorausgehen sollen, zurückzukehren und ihn zu Ende zu führen. Wir müssen die Untersuchung wieder aufnehmen, um den Rest der Bedingungen, von denen die Wirkung abhängig ist, zu erforschen; und erst nachdem wir das Ganze dieser Bedingungen ermittelt haben, sind wir vorbereitet, um das vollständige Gesetz der Wirkung in eine Vorschrift zu verwandeln, in welcher diejenigen Umstände oder Combinationen von Umständen, welche die Wissenschaft als Bedingungen aufweist, als Mittel vorgeschrieben werden.

Es ist wahr, dass der Bequemlichkeit wegen Regeln gebildet werden müssen, welche auf eine etwas weniger ideal vollkommene Theorie gegründet sind; erstlich, weil die Theorie selten ideal vollkommen gemacht werden kann, und zunächst weil, wenn alle entgegenwirkenden Zufälligkeiten, sie mögen häufig oder selten vorkommen, darin eingeschlossen wären, die Regeln zu verworren sein würden, um in den gewöhnlichen Fällen des Lebens von gewöhnlichen Fähigkeiten verstanden und behalten zu werden. Die Regeln der Kunst suchen nicht mehr Bedingungen zu umfassen, als man in den gewöhnlichen Fällen des Lebens beachten kann; sie sind daher immer unvollkommen. In den auf Handfertigkeit beruhenden Künsten, wo die erforderlichen Bedingungen nicht zahlreich sind, und wo die durch die Regeln nicht einzeln aufgeführten Bedingungen entweder im allgemeinen für die gewöhnliche Beobachtung einfach und klar oder durch Uebung leicht zu erlernen sind, können Personen, welche nichts als die Regel kennen, häufig mit aller Sicherheit darnach handeln. Aber in den verwickelteren Geschäften des Lebens und mehr noch in denen der Staaten und Gesellschaften kann man sich auf Regeln nicht verlassen, ohne beständig auf die wissenschaftlichen Gesetze, auf welche sie gegründet sind, zurückzugehen. Zu wissen, welches die Zufälle der Praxis sind,[577] die eine Modification der Regel verlangen, oder welche ganz und gar Ausnahmen von derselben sind, heisst wissen, welche Combinationen von Umständen den Folgen jener Gesetze widerstreiten oder sie gänzlich aufheben würden; dies kann aber nur durch ein Zurückgehen auf die theoretischen Gründe der Regel gelernt werden.

Ein kluger Praktiker wird daher Regeln für die Praxis nur als provisorische Regeln betrachten. Da sie für die zahlreichsten oder die am gewöhnlichsten vorkommenden Fälle gemacht sind, so zeigen sie uns die Art und Weise, in welcher es am wenigsten gefährlich sein wird, da zu handeln, wo Zeit und Mittel fehlen, um die wirklichen Umstände des Falles zu analysiren, oder wo wir bei einer Veranschlagung derselben unserm Urtheil nicht trauen können. Aber sie machen es darum nicht weniger angemessen, durch den wissenschaftlichen Process zu gehen, der für die Aufstellung einer Regel aus den Daten des besonderen vor uns liegenden Falles erforderlich ist. Zu gleicher Zeit kann die gewöhnliche Regel sehr passend als eine Erinnerung daran dienen, dass eine gewisse Handlungsweise von uns selbst und von Anderen für sehr gewöhnlich vorkommende Fälle als passend befunden worden ist, so dass, wenn sie für den vorliegenden Fall nicht passt, die Gründe hierfür wahrscheinlich einem ungewöhnlichen Umstand entspringen werden.

§. 4. Der Irrthum derjenigen, welche eine für besondere Fälle geeignete Verfahrungsweise aus vermeintlichen universalen praktischen Grundsätzen ableiten möchten, ist daher augenscheinlich; sie übersehen die Nothwendigkeit, auch dann beständig auf die Principien der theoretischen Wissenschaft zurückzugehen, wenn man den specifischen Zweck, welchen die Regeln im Auge haben, sicher erreichen will. Wieviel grösser muss daher der Irrthum sein, wenn solche starre Grundsätze nicht bloss als universale Regeln aufgestellt werden, um einen gegebenen Zweck zu erreichen, sondern auch als Regeln für die Praxis im allgemeinen und ohne die Möglichkeit zu berücksichtigen, nicht nur, dass irgend eine modificirende Ursache die Erreichung des Zwecks verhindern kann und zwar durch Mittel, welche die Regel vorschreibt, sondern auch, dass der Erfolg selbst mit irgend einem anderen Zweck, dessen Erreichung möglicherweise wünschenswerther ist, in Widerstreit gerathen kann.[578]

Dies ist der gewöhnliche Irrthum vieler politischer Denker, welche ich als der geometrischen Schule angehörig charakterisirt habe, besonders in Frankreich, wo das von praktischen Regeln ausgehende Syllogisiren den Hauptartikel des Journalismus und der politischen Redekunst bildet; ein Missverstehen der Functionen der Deduction, welches den Geist der Verallgemeinerung, der die Franzosen in so ehrenvoller Weise charakterisirt, in der Meinung anderer Länder in grossen Misscredit gebracht hat. In Frankreich sind die Gemeinplätze der Politik umfassende und weit ausholende praktische Maximen, von welchen aus die Menschen als aus letzten Prämissen auf besondere Anwendungen schliessen, und dies nennen sie logisch und consequent sein. Sie argumentiren z.B. fortwährend, dass die und die Maassregel ergriffen werden sollte, weil sie eine Folge des Princips ist, auf welche die Regierungsform sich gründet, sei es des Princips der Legitimität oder des Princips der Volkssouveränität. Hierauf kann man erwiedern, dass wenn diese Principien wirklich praktisch sind, sie auf theoretischen Gründen beruhen müssen; die Volkssouveränität (zum Beispiel) muss eine richtige Grundlage der Regierungsform sein, weil ein nach ihr constituirter Staat wohlthätige Wirkungen hervorzubringen strebt. Insofern aber keine Regierungsform alle möglichen wohlthätigen Wirkungen hervorbringt, und alle Regierungsformen mit mehr oder weniger Nachtheilen behaftet sind; und da die letzteren gewöhnlich nicht mit Mitteln bekämpft werden können, die denselben Ursachen entnommen sind, welche sie erzeugen: so würde sich eine praktische Einrichtung oft viel stärker dadurch empfehlen, dass sie nicht aus dem sogenannten allgemeinen Staatsprincip folgt. Bei einer auf Legitimität gegründeten Regierung ist die Präsumtion weit eher zu Gunsten von Institutionen von einem volksthümlichen Ursprung, in einer Demokratie zu Gunsten von Einrichtungen, die dem Drange des Volkswillens Einhalt zu thun streben. Die in Frankreich so gewöhnlich für politische Philosophie gehaltene Argumentation geht auf den praktischen Schluss, dass wir die grössten Anstrengungen machen sollten, um die charakteristischen Unvollkommenheiten der Institutionen, die wir vorziehen oder unter denen wir zufällig leben, zu vergrössern anstatt sie zu vermindern.

[579] §. 5. Es sind also die Gründe einer jeden Kunstregel in den Lehrsätzen der Wissenschaft zu finden. Eine Kunst oder ein System der Kunst besteht aus den Kegeln und aus so Vielem von den theoretischen Sätzen, als für die Rechtfertigung dieser Regeln nöthig ist. Die vollständige Kunst enthält eine Auswahl von dem Theile der Wissenschaft, der nöthig ist, um zu zeigen, von welchen Bedingungen die Wirkungen, nach deren Erzeugungen die Kunst strebt, abhängig sind. Die Kunst im allgemeinen besteht aber aus den Wahrheiten der Wissenschaft, und zwar in einer Weise geordnet, die mehr den Bequemlichkeiten der Praxis als denen des Denkens angepasst ist. Die Wissenschaft ordnet und gruppirt ihre Wahrheiten so, dass wir im Stande sind, so viel als möglich von der allgemeinen Ordnung des Weltalls mit einem Blick in uns aufzunehmen. Wenn die Kunst auch dieselben allgemeinen Gesetze annehmen muss, so folgt sie ihnen doch nur in diejenigen ihrer ausführlichen Consequenzen, welche zur Bildung von Regeln für die Praxis geführt haben; aus von einander sehr entferntliegenden Theilen des Gebietes der Wissenschaft trägt sie die Wahrheiten zusammen, die sich auf die Erzeugung der verschiedenen und heterogenen Bedingungen beziehen, welche für eine jede Wirkung, deren Erzeugung für die Bedürfnisse des praktischen Lebens erfordert wird, nothwendig sind.

Da also die Wissenschaft einer Ursache in ihre verschiedenen Wirkungen folgt, während die Kunst einer Wirkung bis zu ihren vielen und verschiedenen Ursachen und Bedingungen nachgeht, so bedarf es einer Reihe von intermediären wissenschaftlichen Wahrheiten, die aus den höheren Generalisationen der Wissenschaft abgeleitet und dazu bestimmt sind, als die Generalia oder ersten Principien der verschiedenen Künste zu dienen. Das wissenschaftliche Verfahren, wonach diese intermediären Principien aufzustellen sind, charakterisirt Hr. Comte als eines der Resultate der Philosophie, die der Zukunft vorbehalten sind. Er weist auf die allgemeine Theorie der Kunst der beschreibenden Geometrie, wie sie von Monge aufgestellt worden ist, als das einzige vollständig verwirklichte Beispiel und als ein Vorbild, das in wichtigeren Dingen nachzuahmen ist. Es ist indessen nicht schwer zu verstehen, welches die Natur der intermediären allgemeinen Principien sein muss. Nachdem der möglichst umfassende Begriff von dem[580] zu erreichenden Zweck, d.h. von der zu erzeugenden Wirkung aufgestellt, und in derselben umfassenden Weise die Reihe von Bedingungen bestimmt worden ist, von denen diese Wirkung abhängt, so bleibt doch eine allgemeine Untersuchung der Hülfsmittel übrig, die uns für die Verwirklichung dieser Reihe von Bedingungen zu Gebote stehen. Wenn das Resultat dieser Untersuchung in die wenigsten und umfassendsten Sätze gefasst worden ist, so werden diese Sätze das zwischen den nutzbaren Mitteln und dem Zweck bestehende allgemeine Verhältniss ausdrücken; sie werden die allgemeine wissenschaftliche Theorie der Kunst ausmachen, und die praktischen Methoden derselben werden als Folgesätze daraus hervorgehen.

§. 6. Aber obgleich die Argumentationen, welche den Zweck und die Absicht einer jeden Kunst mit ihren Mitteln verknüpfen, dem Bereich der Wissenschaft angehören, so gehört doch die Definition des Zweckes selbst ausschliesslich der Kunst an und bildet das besondere Gebiet derselben. Eine jede Kunst hat ein nicht von der Wissenschaft erborgtes erstes Princip oder eine allgemeine obere Prämisse, worin der beabsichtigte Zweck angekündigt und behauptet Wird, dass derselbe wünschenswerth ist. Die Kunst des Baumeisters nimmt an, es sei wünschenswerth Gebäude zu haben; die Architektur (als eine der schönen Künste) nimmt an, es sei wünschenswerth, sie schön oder imposant zu haben. Die Gesundheits- und Arzneikunst nehmen an, die eine, dass die Erhaltung der Gesundheit, die andere, dass die Heilung von Krankheiten angemessene und wünschenswerthe Zwecke sind. Es sind dies keine wissenschaftlichen Urtheile. Die Urtheile der Wissenschaft behaupten eine Thatsache; eine Existenz, eine Coexistenz, eine Succession, oder eine Aehnlichkeit. Die in Rede stehenden Sätze behaupten aber nicht, dass etwas ist, sondern ordnen an und empfehlen, es solle etwas sein. Sie sind eine Classe für sich. Ein Urtheil, dessen Prädicat durch die Worte solle oder sollte sein ausgedrückt wird, ist generisch verschieden von einem Urtheil, dessen Prädicat durch ist oder wird sein ausgedrückt ist. Es ist wahr, dass auch diese Urtheile in dem weitesten Sinne des Wortes etwas als eine Thatsache behaupten. Die in ihnen behauptete Thatsache ist, dass die empfohlene Verfahrungsweise in dem[581] Geiste des Sprechenden ein Gefühl von Beifall erregt. Dies geht indessen nicht auf den Grund des Gegenstandes; denn der Beifall des Sprechenden ist kein genügender Grund für den Beifall Anderer, noch sollte er für ihn selbst ein beweiskräftiger Grund sein. Für die Zwecke der Praxis muss von einem jeden verlangt werden, dass er seinen Beifall rechtfertige, und hierzu bedarf es allgemeiner Prämissen, welche bestimmen, welches die passenden Gegenstände des Beifalls sind, und welches die geeignete Ordnung der Präcedenz zwischen diesen Gegenständen ist.

Diese allgemeinen Prämissen sammt den Hauptschlüssen, welche aus ihnen abgeleitet werden können, bilden (oder vielmehr könnten bilden) ein Lehrgebäude, welches eigentlich die Kunst des Lebens darstellt und drei Abtheilungen zulässt, die Moral, die Politik und die Aesthetik; das Rechte, das Zweckmässige und das Schöne oder Edle in den menschlichen Handlungen und Werken. Dieser Kunst (die leider der Hauptsache nach noch zu schaffen ist) sind alle anderen Künste untergeordnet, da sie im Besitz der Principien ist, welche bestimmen müssen, ob der specielle Zweck einer besonderen Kunst werthvoll und wünschenswerth ist, und welches in der Scala der wünschenswerthen Dinge sein Platz ist. Eine jede Kunst ist auf diese Weise das vereinte Resultat von durch die Wissenschaft enthüllten Naturgesetzen und von den allgemeinen Principien der sogenannten Teleologie oder der Lehre von den Zwecken,213 welche auch in der Sprache der deutschen Metaphysiker nicht unpassend die Grundsätze der praktischen Vernunft genannt werden kann.

Ein wissenschaftlicher Beobachter oder Denker ist als solcher allein kein Rathgeber für die Praxis. Seine Aufgabe besteht nur darin, zu zeigen, dass gewisse Folgen aus gewissen Ursachen hervorgehen, und dass für die Erreichung gewisser Zwecke gewisse Mittel die wirksamsten sind. Ob die Zwecke selbst der Art sind, dass sie zu verfolgen sind, und wenn dies ist, in welchen Fällen und wieweit, kommt ihm als einem Pfleger der Wissenschaft zu entscheiden nicht zu, und die Wissenschaft allein wird ihn auch niemals für die Entscheidung geeignet machen. In den rein physikalischen[582] Wissenschaften liegt keine grosse Versuchung, dieses Amt zu übernehmen, aber die Wissenschaften, welche von der menschlichen Natur und Gesellschaft handeln, nehmen es beständig in Anspruch; sie unternehmen beständig zu sagen, nicht allein, was ist, sondern auch, was sein sollte, um sie hierzu zu berechtigen, ist eine vollständige Theorie der Teleologie unentbehrlich. Eine bloss als ein Theil der Naturordnung betrachtete noch so vollkommene wissenschaftliche Theorie kann in keiner Weise als Ersatz dienen. In dieser Beziehung bieten die untergeordneten Künste eine Irreführende Analogie dar. Bei ihnen ist selten eine sichtbare Nothwendigkeit für die Rechtfertigung des Zwecks vorhanden, da dessen Wünschenswürdigkeit im allgemeinen von Niemand geläugnet wird, und nur wenn die Frage des Vorrangs zwischen diesem und irgend einem anderen Zweck zu entscheiden ist, müssen die allgemeinen Grundsätze der Teleologie herbeigezogen werden; aber ein über Moral und Politik Schreibender bedarf dieser Grundsätze bei jedem Schritte. Die sorgfältigste und wohldurchdachteste Entwickelung der bei geistigen und socialen Erscheinungen stattfindenden Gesetze der Succession und Coexistenz und ihres Verhältnisses zu einander als Ursachen und Wirkungen wird für die Kunst des Lebens oder der Gesellschaft von keinem Nutzen sein, wenn die von dieser Kunst beabsichtigten Zwecke den vagen Eingebungen des intellectus sibi permissus überlassen werden, oder wenn sie ohne Analyse und ohne Zweifel als zugestanden angesehen werden.

§. 7. Es giebt also eine der Kunst eigenthümliche Philosophia Prima, so wie es eine der Wissenschaft angehörige giebt. Es giebt nicht nur erste Principien der Erkenntniss, sondern auch erste Principien der Praxis. Es muss einen Maassstab, eine Richtschnur geben, wonach wir die absolute und relative Güte oder Schlechtigkeit von Zwecken oder Gegenständen des Verlangens bestimmen können. Welcher Art aber dieser Maassstab auch sein möge, so kann es nur einen einzigen geben; denn wenn es mehrere letzte Grundsätze der Praxis gäbe, so könnte dieselbe Praxis von dem einen Grundsatz gutgeheissen und von dem anderen verworfen werden und wir bedürften anderer allgemeiner Grundsätze, um als Schiedsrichter zwischen ihnen zu functioniren.[583]

Es haben demzufolge die über Moralphilosophie Schreibenden meistens die Nothwendigkeit gefühlt, nicht bloss alle Regeln der Praxis und alle lohenden und tadelnden Urtheile auf Principien Zurückzuführen, sondern auch, sie auf irgend ein bestimmtes Princip zurückzuführen; auf irgend eine Regel oder Richtschnur, womit alle anderen praktischen Regeln in Uebereinstimmung stehen müssen und aus der sie alle als die letzte Consequenz abgeleitet werden können. Diejenigen, welche die Annahme einer solchen allgemeinen Richtschnur vernachlässigt haben, konnten dies nur unter der Voraussetzung, dass ein unserer geistigen Constitution inwohnender moralischer Sinn oder Instinct uns sowohl darüber belehrt, welche praktischen Principien wir verbunden sind zu beobachten, sondern auch, in welcher Ordnung dieselben einander untergeordnet werden sollten.

Die Theorie von den Fundamenten der Moral ist ein Gegenstand, dessen Erörterung in einem Werk von dieser Art nicht am Platze sein würde, und den so nebenher abzuhandeln ziemlich nutzlos sein würde. Ich werde mich daher damit begnügen zu sagen, dass wenn die Lehre von intuitiven moralischen Principien auch wahr wäre, so würde sie doch nur für jenen Theil des praktischen Gebietes Vorsorge tragen, der im eigentlichen Sinne der moralische Theil genannt wird. Für den Rest der Praxis des Lebens muss noch irgend ein allgemeines Princip, eine Richtschnur gesucht werden, und wenn dieses Princip richtig gewählt wird, so wird es, meinem Verständniss nach, ebensogut für die letzten Principien der Moral, als für die der Politik oder des Geschmackes dienen.

Ohne hier zu versuchen, meine Meinung zu rechtfertigen oder auch nur die zulässliche Art ihrer Rechtfertigung zu definiren, spreche ich bloss meine Ueberzeugung aus, dass das allgemeine Princip, wonach sich alle Regeln der Praxis richten sollten, und die Probe, nach welcher sie alle zu prüfen sind, in der Förderung des Glückes der Menschen oder vielmehr aller empfindenden Wesen besteht; mit anderen Worten, die Förderung des Glückes ist das letzte Princip der Teleologie.

Ich will nicht behaupten, die Förderung des Glückes sollte selbst der Zweck aller Handlungen oder auch nur aller Regeln des Handelns sein. Sie ist die Rechtfertigung und sollte der[584] Oberaufseher aller Zwecke sein, aber sie ist nicht selbst der einzige Zweck. Es giebt viele tugendhafte Handlungen und sogar tugendhafte Handlungsweisen (obgleich die Fälle, wie ich glaube, weniger häufig sind, als man oft annimmt), durch welche in dem besonderen Falle das Glück geopfert wird, indem sie mehr Schmerz als Vergnügen erzeugen. Aber die Praxis, wovon dieses mit Wahrheit behauptet werden kann, lässt eine Rechtfertigung nur darum zu, weil gezeigt werden kann, dass im Granzen mehr Glück in der Welt sein wird, wenn Gefühle gepflegt werden, welche die Menschen in gewiesen Fällen des Glückes nicht achten lassen. Ich gebe die Wahrheit vollständig zu, dass die Cultivirung eines idealen Adels des Willens und der Praxis für individuelle Menschen ein Zweck sein sollte, dem das specifische Streben nach ihrem eigenen Glücke oder nach dem Glücke anderer (ausgenommen soweit es in dieser Idee inbegriffen ist) in einem jeden collidirenden Fall nachstehen sollte. Ich glaube aber, dass gerade die Frage: was constituirt diese Erhabenheit des Charakters? durch ein Zurückgehen auf das Glück als auf den Maassstab zu entscheiden ist. Für das Individuum sollte der Charakter selbst das oberste Ziel sein, einfach darum, weil die reichliche Existenz dieser idealen Erhabenheit des Charakters oder einer Annäherung an dieselbe mehr als alles andere beitragen würde, das menschliche Leben glücklich zu machen; sowohl in dem vergleichungsweise bescheidenen Sinne von Vergnügen und Befreiung von Schmerz, als auch in der höheren Bedeutung, das Leben nicht zu dem zu machen, was es jetzt fast allgemein ist, nämlich kindisch und bedeutungslos – sondern zu dem, was menschliche Wesen mit höher entwickelten Fähigkeiten zu besitzen den Wunsch haben können.

§. 8. Mit diesen Bemerkungen müssen wir diesen summarischen Ueberblick über die Anwendung der allgemeinen Logik der wissenschaftlichen Forschung auf die moralischen und socialen Zweige schliessen. Ungeachtet der äussersten Allgemeinheit der Principien der Methode, welche ich aufgestellt habe (eine Allgemeinheit, welche, wie ich glaube, in diesem Falle nicht mit Unbestimmtheit synonym ist), habe ich mich der Hoffnung hingegeben, dass diese Bemerkungen einigen von denjenigen, denen die Aufgabe zufallen wird, jene wichtigsten von allen Wissenschaften auf eine Stufe zu[585] erheben, die mehr Befriedigung gewährt, von Nutzen sein werden; sowohl durch Beseitigung der irrigen, als auch durch Aufhellung der wahren Vorstellungen in Betreff der Mittel, durch welche bei so sehr verwickelten Gegenständen die Wahrheit zu erreichen ist. Sollte sich diese Hoffnung verwirklichen, so wird das, was wahrscheinlich dazu bestimmt ist, das grosse geistige Werk der nächsten zwei oder drei Generationen europäischer Denker zu sein, zugleich damit gefördert worden sein.[586]


Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868.
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