Sechstes Capitel.

Allgemeine Betrachtung über die sociale Wissenschaft.

[486] §. 1. Nach der Wissenschaft von dem individuellen Menschen kommt die Wissenschaft von dem Menschen in der Gesellschaft, von den Handlungen ganzer Massen von Menschen und von den verschiedenen Erscheinungen, welche das sociale Leben ausmachen.

Wenn schon die Bildung des individuellen Charakters ein verwickelter Gegenstand des Studiums ist, so muss dieser Gegenstand, wenigstens dem Anschein nach, noch verwickelter sein; weil die Anzahl der zusammenwirkenden Ursachen, die alle mehr oder weniger die Totalwirkung beeinflussen, im Verhältniss grösser ist, als eine Nation oder das Menschengeschlecht überhaupt der Einwirkung von psychologischen und physischen Agentien eine grössere Oberfläche darbietet, als ein einzelnes Individuum. Wenn es nöthig war, einem bestehenden Vorurtheil gegenüber zu beweisen, dass der einfachere dieser zwei Gegenstände fähig ist, ein Gegenstand der Wissenschaft zu werden, so wird das Vorurtheil gegen die Möglichkeit, dem Studium der Politik und der gesellschaftlichen Phänomene einen wissenschaftlichen Charakter zu geben, wahrscheinlich noch stärker sein. Auch existirt die Idee einer politischen oder socialen Wissenschaft, so zu sagen, erst seit gestern, und zwar nur hie und da in dem Geiste eines vereinzelten, für die Verwirklichung dieser Idee gewöhnlich sehr schlecht vorbereiteten Denkers; obgleich dieser Gegenstand die allgemeine Aufmerksamkeit vor allen anderen erregt hat und fast von dem Beginn der Geschichte an ein Thema für interessante und ernste Erörterungen gewesen ist.

Der Zustand der Politik, als eines Zweiges des Wissens, hat kaum in der jüngsten Zeit erst aufgehört das zu sein, was Bacon[486] den natürlichen Zustand der Wissenschaften nennt, so lange deren Pflege den Praktikern überlassen bleibt; so lange sie nicht als ein Zweig des theoretischen Forschens, sondern nur mit Rücksicht auf die Bedürfnisse des täglichen Gebrauchs betrieben werden, und die fructifera experimenta fast mit Ausschluss der lucifera erstrebt werden. Der Art war die medicinische Forschung, ehe die Physiologie und die Naturgeschichte als Zweige des allgemeinen Wissens bearbeitet wurden. Welche Diät gesund ist, oder welche Medicin eine gegebene Krankheit heilen wird, waren die einzigen untersuchten Fragen; keine systematische Untersuchung der Gesetze der Ernährung, der gesunden oder krankhaften Thätigkeiten der verschiedenen Organe, von denen die Gesetze der Wirkung einer jeden Diät oder Medicin offenbar abhängen müssen, ging ihnen voraus. In der Politik waren die Fragen, welche die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, ganz ähnlicher Art. Ist die und die Verfügung, oder die und die Regierungsform im allgemeinen oder für ein besonderes Gemeinwesen wohlthätig oder umgekehrt? Dabei keine Untersuchung der allgemeinen Zustände, der Bedingungen, wodurch die Wirksamkeit legislativer Maassregeln, oder die durch Regierungsformen erzeugten Wirkungen bestimmt werden. Man suchte die Pathologie und Therapie der Gesellschaft zu studiren, ehe man in der Physiologie derselben die nöthige Grundlage gewonnen hatte; man wollte Krankheiten heilen, ohne die Gesetze der Gesundheit zu verstehen. Das Resultat war, wie es sein muss, wenn sonst tüchtige Menschen sich mit den verwickelten Fragen einer Wissenschaft befassen, bevor die einfacheren und elementaren Sätze gewonnen sind.

Es ist nicht zu verwundern, dass die Philosophie der Gesellschaft so wenig vorgeschritten ist, wenn die gesellschaftlichen Phänomene so selten unter dem Gesichtspunkt betrachtet wurden, der die Wissenschaft charakterisirt; dass sie wenig allgemeine Sätze enthält, die so präcis und gewiss sind, dass gewöhnliche Forscher einen wissenschaftlichen Charakter an ihnen erkennen dürften. Es ist daher auch die allgemeine Ansicht, dass ein jeder Versuch, allgemeine Wahrheiten über Politik und die Gesellschaft aufzustellen, Marktschreierei sei; dass in diesen Dingen keine Allgemeinheit und keine Gewissheit zu erlangen sei. Was diese gewöhnliche Vorstellung zum Theil entschuldigt, ist, dass[487] sie in einem gewissen Sinne nicht ohne Grund ist. Viele von denen, welche sich für politische Philosophen hielten, haben versucht, nicht allgemeine Sequenzen zu ermitteln, sondern allgemeine Vorschriften zu geben. Sie dachten irgend eine Regierungsform, oder ein System von Gesetzen aus, das für alle Fälle passen sollte; eine Prätension, die den Hohn, womit sie von den Praktikern behandelt wurde, wohl verdient hat, und die durch die Analogie mit der Kunst, womit der Natur des Gegenstandes nach die Kunst der Politik am nächsten verbunden sein muss, durchaus nicht gestützt wird. Niemand nimmt jetzt an, dass ein Mittel alle Krankheiten oder auch nur dieselbe Krankheit bei allen Constitutionen und Gewohnheiten des Körpers heilen kann.

Es ist auch für die vollkommene Wissenschaft nicht nothwendig, dass die entsprechende Kunst universale oder auch nur allgemeine Regeln besitze. Die gesellschaftlichen Phänomene könnten nicht allein vollständig von bekannten Ursachen abhängig sein, sondern die Wirkungsweise aller dieser Ursachen könnte auch auf Gesetze von grösster Einfachheit zurückführbar sein, und doch dürften vielleicht nicht zwei Fälle in genau derselben Weise behandelt werden. Die Mannigfaltigkeit der Umstände, von denen das Resultat in den verschiedenen Fällen abhängig ist, könnte so gross sein, dass die Kunst keine einzige allgemeine Vorschrift zu geben hätte, als die Umstände des besonderen Falles zu überwachen und unsere Maassregeln den Wirkungen anzupassen, die den Principien der Wissenschaft nach aus diesen Umständen hervorgehen müssen. Aber obgleich es bei einer so verwickelten Classe von Gegenständen unmöglich ist, praktische Grundsätze von universaler Anwendbarkeit aufzustellen, so folgt daraus doch nicht, dass sich die Phänomene nicht nach universalen Gesetzen richten.

§. 2. Alle gesellschaftlichen Erscheinungen sind Phänomene der menschlichen Natur, erzeugt durch die Wirkung äusserer Umstände auf Massen von menschlichen Wesen. Wenn daher die Erscheinungen des menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns festen Gesetzen unterworfen sind, so müssen sich die gesellschaftlichen Erscheinungen nach festen Gesetzen, den Folgen der vorhergehenden Gesetze, richten. Es ist in der That keine Hoffnung,[488] dass diese Gesetze, wenn auch unsere Kenntniss von ihnen so gewiss und vollständig wäre, wie unsere Kenntniss der Gesetze der Astronomie, uns in den Stand setzen würden, die Geschichte der Gesellschaft so voraus zu sagen, wie man die himmlischen Erscheinungen für Tausende von Jahren voraussagen kann. Aber der Unterschied der Gewissheit liegt nicht in den Gesetzen seihst, sondern in den Daten, auf welche diese Gesetze angewendet werden. In der Astronomie giebt es nur wenige das Resultat influirende Ursachen, sie ändern sich wenig und nach bekannten Gesetzen; wir können ermitteln, was sie jetzt sind, und dann bestimmen, was sie in einer jeden künftigen Zeit sein werden. In der Astronomie sind daher die Data ebenso gewiss, als die Gesetze selbst. Die Umstände dagegen, welche den Zustand und den Fortschritt der Gesellschaft beeinflussen, sind unzählig und ändern sich fortwährend; und wenn sie sich auch alle nach Ursachen und folglich nach Gesetzen verändern, so ist doch die Menge dieser Ursachen so gross, dass sie unserem beschränkten Calcül Trotz bietet; nicht zu erwähnen, dass die Unmöglichkeit, genaue Zahlen auf derartige Thatsachen anzuwenden, der Möglichkeit, sie vorauszuberechnen, ein unübersteigliches Hinderniss entgegensetzen würde, wenn auch die Kräfte der menschlichen Intelligenz der Aufgabe im übrigen gewachsen wären.

Aber, wie oben bemerkt, ein für die Voraussagung unzulängliches Wissen kann als ein Wegweiser sehr schätzbar sein. Die Gesellschaftswissenschaft würde eine hohe Vollkommenheit erreicht haben, wenn sie uns in den Stand setzte, bei einem gegebenen Zustand von socialen Angelegenheiten, z.B. bei dem jetzigen Zustand Europas oder irgend eines europäischen Landes zu verstehen, durch welche Ursachen es in einem jeden einzelnen Punkte zu dem gemacht worden ist, was es ist; ob es nach Veränderungen strebt, und nach welchen; welche Wirkungen ein jeder Zug seines bestellenden Zustandes wahrscheinlich in der Zukunft erzeugen wird und durch welche Mittel irgend eine dieser Wirkungen verhindert, modificirt oder beschleunigt, oder auch durch welche Mittel eine andere Classe von Wirkungen herbeigeführt werden könnte. Es liegt nichts Chimärisches in der Hoffnung, dass allgemeine Gesetze ermittelt werden können, die uns in den Stand setzen, diese verschiedenen Fragen für ein Land oder eine Zeit zu beantworten,[489] mit deren individuellen Umständen wir wohl bekannt sind; und dass die anderen Zweige des menschlichen Wissens, welche ein solches Unternehmen voraussetzt, so weit vorgeschritten sind, dass die Zeit reif ist, um damit beginnen zu können. Dies ist der Zweck der socialen Wissenschaft.

Um die Natur von dem, was ich für die wahre Methode der Wissenschaft halte, dadurch fasslicher zu machen, dass ich zuerst zeige, was diese Methode nicht ist, wird es zweckmässig sein, in Kürze zwei radicale Missverständnisse des eigentlichen Modus des Philosophirens über Gesellschaft und Staat zu charakterisiren, von denen das eine und das andere bewusst oder öfter noch unbewusst von fast Allen gehegt worden ist, welche über die Logik der Politik nachgedacht und argumentirt haben, seit die Idee, sie nach strengen Regeln und Baconischen Principien zu behandeln, unter den mehr vorgeschrittenen Denkern in Gang kam. Diese irrigen Methoden, wenn das Wort Methode auf irrige Bestrebungen angewendet werden kann, die aus der Abwesenheit einer jeden hinlänglich klaren Vorstellung von einer Methode hervorgehen, kann man die Experimentelle oder Chemische Untersuchungsweise im Gegensatz zu der Abstracten oder Geometrischen Untersuchungsweise nennen. Wir beginnen mit der ersten.[490]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 486-491.
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