Siebentes Capitel.

Von der chemischen, oder experimentellen Methode in der socialen Wissenschaft.

[491] §. 1. Die Gesetze der Phänomene der Gesellschaft sind und können nur die Gesetze der Handlungen und der Leidenschaften menschlicher Wesen sein, die zu einem socialen Zustande vereinigt sind. Menschen in einem gesellschaftlichen Zustande sind indessen immer noch Menschen; ihre Handlungen und Leidenschaften gehorchen den Gesetzen der individuellen Menschennatur. Die Menschen werden durch Vereinigung nicht zu einer anderen Art von Substanz mit verschiedenen Eigenschaften, wie Wasserstoff und Sauerstoff vom Wasser verschieden sind, oder wie Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff sich von Nerven, Muskeln und Sehnen unterscheiden. Menschliche Wesen haben in der Gesellschaft keine anderen Eigenschaften, als sich von den Gesetzen des individuellen Menschen ableiten und sich in dieselben auflösen lassen. Bei den socialen Erscheinungen ist die Zusammensetzung der Ursachen das universale Gesetz.

Die Methode des Philosophirens, welche man die chemische nennen kann, übersieht nun diese Thatsache und verfährt so, als ob die individuelle Menschennatur gar nicht oder nur in geringem Grade bei den Operationen vergesellschafteter menschlicher Wesen betheiligt wäre. Einem jeden auf die Principien der menschlichen Natur gegründeten Schliessen in der Politik oder den socialen Angelegenheiten wird von derartigen Denkern der Vorwurf »abstracter Theorien« gemacht. Als Richtschnur für ihre Meinungen und ihre Praxis versichern sie in allen Fällen ohne Ausnahme nur die specifische Erfahrung zu nehmen.

Diese Denkweise findet sich nicht nur allgemein bei den[491] Praktikern in der Politik und bei jener zahlreichen Classe, welche vorgiebt (in Betreff eines Gegenstandes, über den sich auch der Unwissendste zu urtheilen für competent hält), sich lieber nach dem gemeinen Menschenverstand, als nach der Wissenschaft zu richten, sondern sie wird auch häufig von Personen vertheidigt, welche höhere Ansprüche auf Bildung machen. Es glauben nämlich Personen, welche mit Büchern und den gangbaren Ideen hinlänglich bekannt sind, um gehört zu haben, dass Bacon die Menschen gelehrt hat, der Erfahrung zu folgen und ihre Schlüsse auf Thatsachen anstatt auf metaphysische Dogmen zu gründen, dass wenn sie politische Thatsachen nach einer ebenso directen experimentellen Methode behandeln, wie chemische Thatsachen, sie sich als wahre Baconianer erweisen und von ihren Gegnern beweisen, dass dieselben blosse Syllogistiker und Scholastiker sind. Da indessen die Vorstellung von der Anwendbarkeit der experimentellen Methode auf die politische Philosophie mit keiner richtigen Vorstellung von dieser Methode selbst bestehen kann, so ist die Art von Schlüssen aus der Erfahrung, welche die chemische Theorie als ihre Frucht ans Licht bringt (und welche besonders in diesem Lande das Wesen der parlamentarischen Beredtsamkeit und der Beredtsamkeit des Wahlgerüstes bildet), so beschaffen, dass sie zu keiner Zeit seit Bacon in der Chemie selbst oder in einem anderen Zweige der experimentellen Wissenschaft als gültig zugelassen worden wäre. Diese Schlüsse sind von einer Natur, wie die folgenden: das Verbot fremder Waaren muss zu nationalem Reichthum führen, weil England bei diesem Verbote gedieh, oder weil im allgemeinen die Länder, die es angenommen hatten, geblüht haben; unsere Gesetze, unsere innere Verwaltung, oder unsere Constitution sind eines ähnlichen Grundes wegen vortrefflich; und so die ewigen auf historische Beispiele, auf Athen oder Rom, auf die Feuer von Smithfield oder die französische Revolution gegründeten Argumente.

Ich will keine Zeit vergeuden, um gegen Schlussweisen zu streiten, zu denen sich Niemand, der die geringste Uebung in der Beurtheilung des Beweises hat, möglicherweise verleiten lassen könnte; gegen Schlussweisen, welche Schlüsse von allgemeiner Anwendbarkeit aus einem einzigen analysirten Fall ziehen, oder die willkürlich und ohne ein Eliminationsverfahren oder eine Vergleichung von Fällen[492] eine Wirkung auf irgend eines von ihren Antecendentien beziehen. Es ist eine Regel sowohl der Gerechtigkeit, als auch des gesunden Menschenverstandes, nicht gegen die absurdeste, sondern gegen die vernünftigste Form einer solchen Ansicht zu streiten. Wir wollen annehmen, unser Forscher sei mit den wahren Bedingungen der experimentellen Forschung bekannt und sei, so weit es erlangte Fähigkeiten betrifft, competent, dieselben so weit zu realisiren, als sie zu realisiren sind. Er soll so viel von den historischen Thatsachen wissen, als blosse Gelehrsamkeit lehren kann – so viel, als durch Zeugniss bewiesen werden kann; und wenn diese blossen Thatsachen, gehörig verglichen, die Bedingungen einer wirklichen Induction erfüllen können, so soll er für die Aufgabe qualificirt sein.

Dass ein solcher Versuch nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben kann, wurde in dem zehnten Capitel des dritten Buches hinreichend gezeigt. Wir prüften daselbst, ob Wirkungen, welche von einer Complication von Ursachen abhängen, durch Beobachtung und Experiment zum Gegenstand einer wahren Induction gemacht werden können, und schlossen auf die überzeugendsten Gründe hin, dass dies nicht sein kann. Da von allen Wirkungen keine von einer so grossen Complication von Ursachen abhängig ist, wie die gesellschaftlichen Phänomene, so könnten wir mit aller Ruhe den Fall jener Auseinandersetzung überlassen. Aber ein logisches Princip, das der gewöhnlichen Art von Denkern noch so wenig geläufig ist, muss, um den gehörigen Eindruck zu machen, mehr als einmal besprochen werden, und da es durch den vorliegenden Fall am allerbesten erläutert wird, so wird es vortheilhaft sein, die Gründe der allgemeinen Maxime in ihrer Anwendung auf die Specialitäten der in Frage stehenden Classe von Untersuchungen nochmals anzugeben.

§. 2. Die erste Schwierigkeit, der wir bei dem Versuch, die experimentelle Methode auf die Ermittlung der Gesetze der socialen Erscheinungen anzuwenden, begegnen, besteht darin, dass wir ohne Mittel sind, künstliche Experimente zu machen. Wenn wir aber auch mit aller Musse Experimente erdenken und sie unbeschränkt ausführen könnten, so würden wir doch dabei sehr im Nachtheile stehen; sowohl der Unmöglichkeit wegen, alle Thatsachen eines jeden Falles zu beachten, als auch weil (da diese[493] Thatsachen in einem fortwährenden Zustande von Veränderung sind) irgend ein wesentlicher Umstand nicht mehr derselbe sein würde, wenn die für die Bestimmung des Resultates erforderliche Zeit schon verflossen ist. Aber es ist unnöthig, die logischen Einwürfe gegen die Beweiskraft unserer Experimente zu betrachten, da wir offenbar niemals die Macht besitzen können, dieselben anzustellen. Wir können nur die Experimente abpassen, welche die Natur oder irgend eine andere Ursache erzeugt. Wir können unsere logischen Mittel nicht unseren Bedürfnissen dadurch anpassen, dass wir die Umstände so verändern, wie es für die Elimination erforderlich ist. Wenn die spontanen Fälle, welche durch gleichzeitige Begebenheiten und durch die Successionen der in der Geschichte verzeichneten Phänomene gebildet werden, eine hinreichende Veränderung von Umständen darbieten, so wird eine Induction aus specifischer Erfahrung zu erlangen sein, anders nicht Die zu lösende Frage ist daher, ob die Erfordernisse für eine Induction in Betreff der Ursachen politischer Wirkungen oder der Eigenschaften politischer Agentien in der Geschichte zu finden sind? unter dem Worte Geschichte die Zeitgeschichte mit inbegriffen. Um unseren Begriffen Stetigkeit zu geben, wird es rathsam sein vorauszusetzen, es sei diese Frage in Beziehung auf einen speciellen Gegenstand der politischen Untersuchung oder Controverse gestellt, etwa in Beziehung auf einen in dem gegenwärtigen Jahrhundert häufigen Gegenstand der Debatte, in Beziehung auf die Wirkung restrictiver und prohibitiver Handelsgesetze auf den Nationalreichthum. Es sei dies also eine durch specifische Erfahrung zu untersuchende wissenschaftliche Frage.

§. 3. Um die vollkommenste der Methoden der experimentellen Forschung, um die Differenzmethode auf den Fall anwenden zu können, bedürfen wir zweier Fälle, die mit Ausnahme des den Gegenstand der Untersuchung bildenden Umstandes in allen anderen Umständen übereinstimmen. Wenn wir zwei Nationen finden können, welche sich in allen natürlichen Vortheilen und Nachtheilen gleichen; deren Glieder sich in jeder physischen und moralischen, spontanen und erlangten Eigenschaft ähnlich sind; deren Gewohnheiten, Gebräuche, Meinungen, Gesetze und Institutionen in allen Beziehungen dieselben sind, nur dass die eine einen[494] stärkeren Schutztarif hat oder in anderen Beziehungen der Freiheit der Industrie mehr Eintrag thut; wenn wir finden, dass die eine dieser Nationen reich und die andere arm ist, oder dass die eine reicher ist als die andere: so wird dies ein experimentum crucis sein, ein wirklicher Beweis durch die Erfahrung, dass das eine dieser Systeme dem Nationalreichthum günstiger ist. Aber die Voraussetzung, es seien wirklich zwei derartige Fälle zu finden, ist offenbar absurd. Eine solche Uebereinstimmung ist nicht einmal in abstracto möglich. Zwei Nationen, welche mit Ausnahme ihrer Handelspolitik in Allem übereinstimmen, würden auch in dieser übereinstimmen. Unterschiede in der Gesetzgebung sind nicht inhärente und letzte Verschiedenheiten, sie sind nicht Eigenschaften der Arten, sondern Wirkungen präexistirender Ursachen. Wenn sich zwei Nationen in diesem Theile ihrer Institutionen unterscheiden, so ist dies einer Verschiedenheit ihrer Lage und daher ihrer augenscheinlichen Interessen oder des einen oder des andern Theiles ihrer Ansichten, Gewohnheiten und Bestreben wegen, was eine Aussicht auf weitere Verschiedenheiten ohne angebbare Grenze eröffnet, auf Verschiedenheiten, die sowohl auf das Gedeihen ihrer Industrie, als auch auf jeden anderen Zug ihrer Lage in mehr Weisen wirken dürften, als aufgezählt oder erdacht werden können. Es ist daher die nachweisbare Unmöglichkeit vorhanden, in den Untersuchungen der socialen Wissenschaft die erforderlichen Bedingungen für die beweiskräftigste Form der Untersuchung durch specifische Erfahrung zu erlangen.

Bei der Unzulässigkeit der directen Methode könnten wir, wie bei anderen Fällen, das früher als Indirecte Differenzmethode bezeichnete supplementäre Hülfsmittel gebrauchen, welches, anstatt von zwei Fällen, die sich in nichts unterscheiden, als in der Gegenwart oder Abwesenheit eines gegebenen Umstandes, zwei Classen von Fällen vergleicht, die beziehungsweise in nichts übereinstimmen, als in der Anwesenheit eines Umstandes auf der einen Seite und seiner Abwesenheit auf der anderen. Um den erdenklich vortheilhaftesten Fall zu wählen (einen Fall, der zu vortheilhaft ist, um je erhalten zu werden), wollen wir annehmen, wir verglichen eine Nation, welche ein restrictive Politik hat, mit zwei oder mehr Nationen, die in nichts anderem übereinstimmen, als dass sie den Freihandel erlauben. Wir brauchen nun nicht anzu-anzunehmen,[495] dass eine von diesen Nationen mit der ersteren in allen Umständen übereinstimme; die eine mag mit ihr in dem einen ihrer Umstände und die andere in den übrigen übereinstimmen. Es kann nun geschlossen werden, dass wenn diese Nationen ärmer bleiben, als die restrictive Nation, es weder wegen Mangels an der ersten, noch wegen Mangels an der zweiten Reihe von Umständen sein kann, sondern dass es wegen Mangels an einem Schutzsystem sein muss. Wenn (so könnten wir sagen) die restrictive Nation durch die eine Reihe von Ursachen zu Wohlstand gelangt wäre, so würde die erste der Freihandelsnationen ebenfalls zu Wohlstand gelangt sein; wenn die restrictive Nation durch die andere Reihe von Ursachen zu Wohlstand gelangt wäre, so würde die zweite Freihandelsnation dazu gelangt sein. Aber keine der beiden gedieh, der Wohlstand ging daher aus den Restrictionen hervor. Man wird dies für eine sehr günstige Probe eines auf specifische Erfahrung gestützten Arguments in der Politik halten, und wenn dieses nicht beweiskräftig sein sollte, so würde es nicht leicht sein ein anderes ihm vorzuziehendes zu finden.

Dass dasselbe nicht beweiskräftig ist, braucht indessen kaum nachgewiesen zu werden. Warum muss die wohlhabende Nation ausschliesslich durch eine einzige Ursache zu Wohlstand gelangt sein? Der nationale Wohlstand ist immer das Gesammtresultat einer Menge von günstigen Umständen, und von diesen kann die restrictive Nation eine grössere Anzahl bei sich vereinigen, als die bei den anderen, obgleich sie diese Umstände sämmtlich entweder mit der einen oder mit der anderen Freihandelsnation gemein haben kann. Ihr Wohlstand kann zum Theil von Umständen herrühren die sie mit der einen dieser Nationen, und zum Theil von Umständen, welche sie mit der anderen gemein hat, während diese beiden Nationen, da eine jede von ihnen nur die halbe Anzahl von günstigen Umständen besitzt, ihr nachstehen. Die treueste Nachahmung einer legitimen Induction aus der directen Erfahrung welche in der Gesellschaftswissenschaft gemacht werden kann, besitzt also nur einen werthlosen Schein von Beweiskraft.

§. 4. Da die Differenzmethode in ihren beiden Formen gänzlich ausser Frage kommt, so bleibt noch die Methode der Uebereinstimmung. Wir wissen aber bereits, von welchem geringen[496] Werth diese Methode in Fällen ist, welche eine Vielfachheit von Ursachen zulassen; und sociale Erscheinungen sind gerade diejenigen, in denen die Vielfachheit der Ursachen bis zur möglichst weiten Ausdehnung stattfindet.

Nehmen wir an, der Beobachter träfe den glücklichsten Fall, welchen eine denkbare Combination von Zufällen geben kann; er fände zwei Nationen, welche in keinem andern Umstande übereinstimmen, als dass sie ein Restrictivsystem haben und sich im Wohlstand befinden; oder er fände eine Anzahl von wohlhabenden Nationen, welche keine anderen vorausgängigen Umstände gemein haben, als dass sie eine restrictive Politik haben. Es ist unnöthig, in die Betrachtung der Unmöglichkeit einzugehen, aus der Geschichte, oder auch durch contemporäre Beobachtung zu bestimmen, dass sich dies wirklich so verhält, dass die Nationen in keinem anderen Umstände, der einen Einfluss auf den Fall ausüben kann, übereinstimmen. Wir wollen annehmen, diese Unmöglichkeit sei überwunden und es sei die Thatsache ermittelt, dass sie nur in einem Restrictivsystem als Antecedens und in industriellem Gedeihen als Consequens übereinstimmen. Welche Präsumtion wird hierdurch er regt, dass das Restrictivsystem den Wohlstand verursacht habe? So gut wie keine. Dass irgend ein Antecedens die Ursache einer gegebenen Wirkung ist, weil man von allen anderen Antecedentien gefunden hat, dass sie eliminirt werden können, ist nur dann eine richtige Folgerung, wenn die Wirkung nur eine einzige Ursache gehabt haben kann. Lässt sie mehrere Ursachen zu, so ist nichts natürlicher, als dass eine jede derselben der Elimination zugängig sein sollte. Bei politischen Erscheinungen ist nun aber die Voraussetzung einer Einheit der Ursache nicht bloss weit entfernt wahr zu sein, sondern sie ist auch in einer unermesslichen Entfernung von der Wahrheit. Die Ursachen einer jeden socialen Erscheinung, welche für uns von besonderem Interesse ist, wie Sicherheit, Reichthum, Freiheit, gute Regierung, öffentliche Tugend, öffentliche Intelligenz, oder deren, Gegentheil, sind unendlich zahlreich, besonders die äusseren oder entfernten Ursachen, welche der directen Beobachtung meistentheils allein zugängig sind. Keine Ursache ist allein hinreichend, um eine dieser Erscheinungen hervorzubringen, während unzählige Ursachen existiren, die einen Einfluss auf dieselben haben und bei ihrer Erzeugung oder Verhinderung[497] mitwirken können. Wir können daher aus der blossen Thatsache, dass wir im Stande waren, einen Umstand zu eliminiren, keineswegs folgern, dass dieser Umstand nicht gerade in einem der Fälle, aus denen wir ihn eliminirt haben, zu der Wirkung beigetragen habe. Wir können schliessen, dass die Wirkung manchmal ohne ihn hervorgebracht wird, nicht aber, dass er nicht da seinen Theil beitrage, wo er gegenwärtig ist.

Aehnliche Einwürfe lassen sich gegen die Methode der sich begleitenden Veränderungen machen. Wenn die Ursachen, welche auf einen Zustand einer Gesellschaft wirken, Wirkungen erzeugten, die der Art nach verschieden sind; wenn der Reichthum von der einen, der Friede von der anderen Ursache abhinge, eine dritte das Volk tugendhaft, eine vierte es intelligent machte: so könnten wir, wenn wir auch die Ursachen nicht von einander trennen könnten, auf eine jede den Antheil von der Wirkung beziehen, welcher mit ihr wuchs und mit ihr abnahm. Aber ein jedes Attribut des socialen Körpers wird durch unzählige Ursachen beeinflusst; und die gegenseitige Wirkung der coexistirenden Elemente der Gesellschaft ist der Art, dass alles, was eines der wichtigeren dieser Elemente berührte dadurch allein schon die anderen, wenn nicht direct, so doch indirect berührt. Da demnach die Wirkungen verschiedener Agentien nicht der Qualität nach verschieden sind, während die Quantität einer jeden Wirkung das gemischte Resultat aller Agentien ist, so können die Verschiedenheiten des Aggregats nicht in einem gleichförmigen Verhältniss zu den Veränderungen irgend eines seiner Bestandtheile stehen.

§. 5. Es bleibt nun noch die Methode der Rückstände, die beim ersten Anblick dieser Art Untersuchung weniger fremd scheinen dürfte, als die drei anderen Methoden, da sie nur verlangt, dass wir von den Umständen irgend eines Landes oder eines Zustandes der Gesellschaft genau Notiz nehmen. Indem man sodann die Wirkung aller Ursachen, deren Bestreben bekannt sind, in Anschlag bringt, kann der Rückstand, den zu erklären diese Ursachen unzulänglich sind, dem Rest der Umstände, von denen man weiss, dass sie in dem Falle existirt haben, zugeschrieben werden. Etwas ähnliches ist die Methode, welche Coleridge,203 wie er[498] selbst mittheilt in seinen politischen Essays in der »Morning Post« befolgt hat. »Bei einem jeden grossen Ereigniss suchte ich in der vergangenen Geschichte die Begebenheit auf, welche demselben am meisten glich. Ich verschaffte mir, so oft es möglich war, die Geschichte, die Memoiren und Pamphlete der betreffenden Zeit. Indem ich alsdann die Punkte, in denen sich die Vorgänge unterschieden, von den Punkten abzog, worin sie sich glichen, muthmaasste ich, dass sie gleich oder verschieden seien, je nachdem der Rest der ersteren oder der letzteren Muthmaassung günstig war, wie z.B. in der Reihe von Essays, welche die Ueberschrift tragen ›Eine Vergleichung von Frankreich unter Napoleon mit Rom unter dem ersten Cäsar‹, so wie auch in den folgenden Essays ›Ueber die wahrscheinliche endliche Restauration der Bourbonen.‹ Denselben Plan verfolgte ich mit gleichem Erfolg beim Beginn der spanischen Revolution, indem ich den Krieg der Vereinigten Provinzen mit Philipp II. als Grundlage für die Vergleichung nahm.« Bei dieser Untersuchung gebrauchte er ganz ohne Zweifel die Methode der Rückstände, denn »indem er die Punkte, in denen sich die Vorgänge unterschieden, von den Punkten abzog, worin sie sich glichen«, war er nicht damit zufrieden, dieselben zu zählen, sondern er wog sie; er nahm ohne Zweifel nur diejenigen Punkte der Uebereinstimmung, von denen er muthmaasste, sie könnten ihrer eigenen Natur nach die Wirkung beeinflussen, und indem er diesen Einfluss in Anschlag brachte, schloss er, dass der Rest des Resultates den Differenzpunkten vorzuziehen wäre.

Welches auch die Brauchbarkeit dieser Methode sein möge, sie ist, wie wir bereits bemerkt haben, keine reine Methode der Beobachtung und des Experiments; sie schliesst nicht aus einer Vergleichung von Fällen, sondern aus der Vergleichung eines Falles mit dem Resultat einer früheren Deduction. Auf sociale Erscheinungen angewendet, setzt sie voraus, die Ursachen, denen die Wirkung zum Theil entspringt, seien bereits bekannt; und da wir gezeigt haben, dass dieselben nicht durch specifische Erfahrung bekannt sein können, so müssen sie durch Deduction aus den Elementen der menschlichen Natur erschlossen worden sein, indem die Erfahrung nur als ein ergänzendes Hülfsmittel angerufen wurde, um die Ursachen zu bestimmen, welche einen unerklärten Rest erzeugen. Wenn man aber für die Begründung[499] einiger politischer Wahrheiten zu den Principien der menschlichen Natur seine Zuflucht nehmen kann, so kann man es für die Begründung aller. Wenn es zulässig ist, zu sagen, England muss durch das Prohibitivsystem zu Wohlstand gelangt sein, weil, wenn alle anderen wirkenden Bestreben in Anschlag gebracht werden, noch immer ein zu erklärender Antheil Wohlstand übrigbleibt: so muss es auch zulässig sein, bezüglich der Wirkung des Prohibitivsystems zu derselben Quelle zu gehen und zu prüfen, welche Erklärung die Gesetze der menschlichen Motive und Handlungen uns von dessen Bestreben zu geben erlauben. Auch wird das experimentelle Argument factisch nur auf die Bestätigung eines aus diesen Gesetzen gezogenen Schlusses hinauslaufen. Denn wir können die Wirkung von einer, zwei, drei oder vier Ursachen abziehen, es wird uns aber niemals gelingen, die Wirkung aller Ursachen ausschliesslich einer abzuziehen; während es ein merkwürdiges Beispiel von den Gefahren einer zu grossen Vorsicht sein würde, wenn, um nicht von einem aprioristischen Schliessen bezüglich der Wirkung einer einzelnen Ursache abhängen zu müssen, wir uns zwängen, von so vielen separaten aprioristischen Schlüssen abzuhängen, als Ursachen vorhanden sind, die mit jener besonderen Ursache in einem gegebenen Falle zusammenwirken.

Wir haben den groben Irrthum, welcher derjenigen Untersuchungsweise politischer Erscheinungen eigen ist, welche ich die chemische Methode genannt habe, hinreichend charakterisirt. Wenn sich die Ansprüche auf eine maassgebende Entscheidung über politische Lehren auf Personen beschränkten, welche einen der höheren Zweige der physikalischen Wissenschaft hinreichend studirt haben, so wäre eine so weitläufige Erörterung nicht nöthig gewesen. Da aber im allgemeinen diejenigen, welche zur grossen Zufriedenheit ihrer selbst und eines mehr oder weniger zahlreichen Kreises von Bewunderern über Gegenstände der Politik urtheilen, von den Methoden der physikalischen Forschung durchaus nichts kennen, was über einige wenige Vorschriften, die sie Bacon fortwährend papageienartig nachsprechen, hinausginge, indem sie gar nicht gewahren, dass Bacon's Auffassung der wissenschaftlichen Forschung ihr Werk gethan hat und dass die Wissenschaft in ein höheres Stadium vorgerückt ist: so werden Bemerkungen wie die vorhergehenden wahrscheinlich Vielen von Nutzen sein. In einer Zeit,[500] wo die Chemie selbst, bei der Untersuchung der verwickelteren chemischen Sequenzen, der Sequenzen des Thier- oder auch des Pflanzenorganismus, es nöthig gefunden hat und ihr auch gelungen ist, eine Deductive Wissenschaft zu werden – ist es nicht zu befürchten, dass Jemand, der wissenschaftliche Gewohnheiten hat und mit dem allgemeinen Fortschritt der Kenntniss der Natur Schritt gehalten hat, in Gefahr kommen könne, die Methoden der elementaren Chemie anzuwenden, um die Sequenzen der verwickeltsten Classe von Erscheinungen zu erforschen, welche man finden kann.[501]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 491-502.
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