Achtes Capitel.

Von der geometrischen oder abstracten. Methode.

[502] §. 1. Der in dem vorhergehenden Capitel erörterte Irrthum wird, wie gesagt, hauptsächlich von denjenigen begangen, welche an wissenschaftliche Forschung nicht sehr gewöhnt sind; von Praktikern in der Politik, welche lieber die Gemeinplätze der Philosophie gebrauchen, um ihre Praxis zu rechtfertigen, als dass sie suchten, dieselbe durch philosophische Principien zu leiten; oder von unvollkommen unterrichteten Personen, welche aus Unbekanntschaft mit einer sorgfältigen Auswahl und Vergleichung von Fällen, wie sie für die Aufstellung einer gesunden Theorie erforderlich sind, versuchen, eine solche auf einige wenige Coincidenzen zu gründen, welche sie zufällig beobachtet haben.

Die irrige Methode, von welcher wir nun handeln werden, ist im Gegentheil denkenden und der Wissenschaft obliegenden Geistern eigen. Sie kann nur bei Personen vorkommen, die mit der Natur der wissenschaftlichen Forschung einigermaassen vertraut sind; welche – da sie die Unmöglichkeit kennen, durch zufällige Beobachtung oder directes Experimentiren eine wahre Theorie von so vereinzelten Sequenzen aufzustellen, wie die socialen Erscheinungen – ihre Zuflucht zu einfacheren, bei diesen Erscheinungen unmittelbar thätigen Gesetzen nehmen, zu Gesetzen, die keine anderen sind, als die Gesetze der Natur der dabei betheiligten menschlichen Wesen. Diese Denker sehen (was die Anhänger der chemischen oder experimentellen Theorie nicht sehen), dass die Gesellschaftswissenschaft nothwendig deductiv sein muss. Aber wegen einer ungenügenden Erwägung der specifischen Natur des Gegenstandes, und häufig weil (da ihre eigene wissenschaftliche Erziehung in einem zu frühen Stadium stehen geblieben[502] ist) die Geometrie ihrem Geiste als der Typus aller Deduction vorschwebt, vergleichen sie unbewusst die deductive Gesellschaftswissenschaft mit der Geometrie und nicht mit der Astronomie oder mit der Physik.

Von den Unterschieden zwischen der Geometrie (einer Wissenschaft von coexistirenden, von den Gesetzen der Succession von Erscheinungen gänzlich unabhängigen Thatsachen) und denjenigen physikalischen Wissenschaften von der Verursachung, welche man zu deductiven gemacht hat, ist der folgende einer der sichtbarsten, der Unterschied nämlich: dass die Geometrie für das keinen Raum hat, was in der Mechanik und deren Anwendungen so beständig vorkommt, für den Fall nämlich von widerstreitenden Kräften, von Ursachen, welche einander aufheben oder modificiren. In der Mechanik finden wir fortwährend, dass zwei oder mehr bewegende Kräfte nicht Bewegung, sondern Ruhe erzeugen, oder auch Bewegung in einer Richtung, die verschieden ist von der Richtung, welche die eine oder die andere der wirkenden Kräfte allein hervorgebracht haben würde. Es ist wahr, die Wirkung der vereinigten und gleichzeitig wirkenden Kräfte ist dieselbe, als wenn diese Kräfte nach einander oder abwechselnd gewirkt hätten, und gerade hierin besteht der Unterschied zwischen mechanischen und chemischen Gesetzen. Aber dennoch heben die Wirkungen, sie mögen durch successive oder durch gleichzeitige Thätigkeit erzeugt sein, ganz oder theilweise einander auf; was die eine Kraft vollbringt, vernichtet die andere theilweise oder gänzlich. In der Geometrie giebt es keinen solchen Zustand der Dinge. Das Resultat, welches aus einem geometrischen Princip folgt, enthält nichts, was einem aus einem andern Princip folgenden Resultat widerspräche. Was von einem geometrischen Lehrsatz als wahr bewiesen ist; was wahr sein würde, wenn keine anderen geometrischen Principien existirten, kann nicht auf Grund eines andern Princips geändert oder unwahr gemacht werden. Was einmal als wahr bewiesen ist, ist wahr in allen Fällen, welche Voraussetzung man auch in Betreff eines jeden Gegenstandes machen möge.

Es scheint nun aber, dass sich eine der letzteren ähnliche Vorstellung von der socialen Wissenschaft in dem Geiste derjenigen bildete, welche diese Wissenschaft zuerst durch die deductive Methode zu fördern suchten. Die Mechanik würde eine der Geometrie sehr[503] ähnliche Wissenschaft sein, wenn eine jede Bewegung das Resultat von nur einer einzigen Kraft und nicht von einander widerstrebenden Kräften wäre. In der geometrischen Theorie der Gesellschaft scheint man anzunehmen, dies sei bei den socialen Erscheinungen wirklich der Fall, eine jede Erscheinung gehe immer nur aus einer einzigen Kraft, aus einer einzigen Eigenschaft der menschlichen Natur hervor.

Bei dem Punkte, den wir nun erreicht haben, ist es unnöthig, etwas als Beweis oder zur Erläuterung der Behauptung zu sagen, dass dieses nicht der wahre Charakter der socialen Erscheinungen ist. Es giebt unter diesen höchst verwickelten und (aus diesem Grunde) höchst veränderlichen Erscheinungen keine einzige, auf die nicht unzählige Kräfte einen Einfluss ausübten, welche nicht von einer Verbindung von sehr vielen Ursachen abhängig wäre. Wir haben nicht zu beweisen, dass die fragliche Vorstellung ein Irrthum ist, sondern wir müssen beweisen, dass der Irrthum begangen worden ist; dass eine so irrige Vorstellung von dem Modus, nach welchem die gesellschaftlichen Erscheinungen erzeugt werden, wirklich gehegt worden ist.

§. 2. Eine zahlreiche Classe von den Denkern, welche die socialen Thatsachen nach der geometrischen Methode behandelt haben, muss hier vorläufig ganz ausser Acht gelassen werden, da dieselbe keine Modification des einen Gesetzes durch das andere zugiebt. Bei diesen Denkern ist jener Irrthum mit einem andern Irrthum verflochten, wovon er die Wirkung ist und wovon wir bereits Notiz genommen haben, um ihn, ehe wir schliessen, etwas ausführlicher abzuhandeln. Ich spreche von den Denkern, welche politische Schlüsse nicht aus Naturgesetzen, nicht aus realen oder imaginären Sequenzen der Erscheinungen, sondern aus starren practischen Maximen ableiten. Der Art sind z.B. alle Denker, welche ihre Theorie der Politik auf das sogenannte abstracte Recht, d.h. auf allgemeine Vorschriften gründen, eine Prätension, deren chimärische Natur wir bereits ersehen haben. Der Art sind auch diejenigen, welche einen Gesellschaftsvertrag, oder eine andere Art von ursprünglicher Verpflichtung annehmen und durch blosse Interpretation auf den besonderen Fall anwenden. Aber der Grundirrthum hierin ist der Versuch, eine Kunst wie eine Wissenschaft zu[504] behandeln, eine deductive Kunst haben zu wollen; das Unvernünftige hiervon wird in einem späteren Capitel gezeigt werden, unsere Beispiele für die Erläuterungen der geometrischen Methode werden wir besser unter jenen Denkern wählen, welche diesen neuen Irrthum vermieden und soweit eine richtigere Idee von der Natur der politischen Forschung haben.

Wir können zuvörderst diejenigen Denker anführen, welche als Grundlage ihrer politischen Philosophie annehmen, die Regierungsgewalt sei auf Furcht gegründet; die Furcht des einen vor dem andern sei das Motiv, welches menschliche Wesen ursprünglich zu einem gesellschaftlichen Zustande vereinigt habe und sie noch darin zusammenhalte. Einige der früheren wissenschaftlichen Forscher in der Politik, besonders Hobbes, nahmen diesen Satz nicht stillschweigend, sondern ganz rückhaltslos als die Grundlage ihrer Lehre an und suchten eine vollständige Philosophie der Politik darauf zu gründen. Hobbes fand in Wahrheit diese einzige Maxime nicht genügend, um zu seinem Ziele zu gelangen, und sah sich gezwungen, sie durch das doppelte Sophisma von einem ursprünglichen Gesellschaftsvertrag zu ergänzen. Ich nenne sie ein doppeltes Sophisma; erstens, weil sie eine Erfindung für eine Thatsache giebt, und zweitens, weil sie ein praktisches Princip oder eine Vorschrift als Basis einer Theorie nimmt; was petitio principii ist, da (wie wir bei dem Abhandeln dieses Fehlschlusses bemerkten) eine jede praktische Regel, wenn sie auch so bindend wäre, wie ein Versprechen, selbst auf die Theorie des Gegenstandes gegründet sein muss, und daher nicht umgekehrt die Theorie auf die Regel gegründet werden kann.

§. 3. Indem ich über weniger wichtige Fälle hinweggehe, wende ich mich direct zu dem merkwürdigsten Beispiele, das unsere eigene Zeit von der Anwendung der geometrischen Methode in der Politik darbietet, und das von Personen herrührt, die den Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst wohl kennen und wissen, dass praktische Regeln der Bestimmung von Naturgesetzen nicht vorausgehen dürfen, sondern dass sie ihr folgen müssen, und dass nicht die ersteren, sondern die lezteren das legitime Feld für die Anwendung der deductiven Methode sind. Ich meine damit die Interessen-Philosophie der Schule von Bentham.[505]

Die tiefen und originellen Denker, welche unter dieser Bezeichnung bekannt sind, gründeten ihre allgemeine Theorie der Staatskunst auf eine umfassende Prämisse, auf die Prämisse nämlich, dass die Handlungen der Menschen auf ihr Interesse gegründet sind. In dem letzten Ausdruck liegt eine Zweideutigkeit; denn da diese Philosophen, besonders Bentham, den Namen Interesse allem gaben, woran Jemand Gefallen findet, so kann man den Satz auch so verstehen, als wolle er nur sagen, dass die Handlungen der Menschen immer durch ihre Wünsche bestimmt werden. In diesem Sinne würde er aber keine der Consequenzen, welche jene Schriftsteller daraus zogen, stützen; es muss daher das Wort in ihren politischen Raisonnements so verstanden werden, als bedeute es (welches auch die Erklärung ist, welche sie bei dergleichen Gelegenheiten von ihm gaben) das, was gewöhnlich Privatinteresse, oder weltliches Interesse genannt wird.

Wenn wir demnach die Lehre in diesem Sinne nehmen, so bietet sich gleich in limine ein Einwurf dar, den man für verhängnissvoll halten dürfte, der Einwurf nämlich, dass ein so weitgreifender Satz weit entfernt ist, allgemein wahr zu sein. Die Menschen werden nicht bei allen ihren Handlungen durch ihre weltlichen Interessen geleitet. Dies ist indessen kein so beweiskräftiger Einwurf, als es auf den ersten Blick scheinen dürfte, weil wir es in der Politik meistentheils mit der Handlungsweise nicht von Individuen, sondern entweder einer Reihe von Personen (wie eine Succession von Königen), oder einer Gesellschaft oder einer Masse von Menschen, wie eine Nation, eine Aristokratie oder eine repräsentative Versammlung, zu thun haben. Und alles, was von einer grossen Mehrheit von Menschen wahr ist, kann ohne grossen Irrthum von einer jeden als ein Ganzes betrachteten Reihenfolge von Personen, oder von einer jeden Masse von Menschen, in welcher die Handlung der Majorität zur Handlung der ganzen Gesellschaft wird, für wahr gehalten werden. Obgleich sich daher der Grundsatz zuweilen in unnöthig paradoxer Weise ausgedrückt findet, so werden die daraus gezogenen Consequenzen dennoch gültig sein, wenn derselbe in folgender Weise beschränkt wird: – Eine jede Succession von Personen, oder die Mehrheit einer jeden Gesellschaft von Personen wird bei ihrer Handlungsweise im Durchschnitt von ihrem persönlichen Interesse geleitet werden. Wir sind verbunden,[506] jener Schule von Denkern den Vortheil dieser rationelleren Fassung ihres fundamentalen Grundsatzes zuzugestehen, um so mehr, da sie in voller Uebereinstimmung mit den Erklärungen steht, welche sie selbst gelegentlich gegeben hat.

Die Theorie folgert nun weiter, dass, wenn die Handlungen der Menschen der Hauptsache nach durch ihre selbstischen Interessen bestimmt werden, die einzigen Regierenden, die im Interesse der Regierten regieren werden, diejenigen sein werden, welche ein mit diesem Interesse übereinstimmendes Interesse haben. Hierzu kommt noch als ein dritter Satz, dass das Interesse der Regierenden mit dem der Regierten nicht identisch ist, wenn es nicht durch Verantwortlichkeit, d.h. durch Abhängigkeit von dem Willen der Regierten identisch gemacht wird. Mit anderen Worten (und als das Resultat des Ganzen), dass der Wunsch, die Macht zu erhalten, und die Furcht, dieselbe zu verlieren, und was hieraus folgt, das einzige verlässliche Motiv ist, um von Seite der Regierenden eine Handlungsweise hervorrzurufen, die in Uebereinstimmung mit dem allgemeinen Interesse ist.

Wir haben so einen fundamentalen Lehrsatz der politischen Wissenschaft, einen Lehrsatz, der aus drei Syllogismen besteht und hauptsächlich von zwei allgemeinen Prämissen abhängig ist, in denen eine gewisse Wirkung als nur von einer einzigen Ursache und nicht von einem Zusammenwirken von Ursachen bestimmt angesehen wird. In der einen dieser Prämissen wird angenommen, die Handlungen der Regierenden seien durchschnittlich nur durch eigenes Interesse bestimmt; in der anderen, das Gefühl der Identität der Interessen mit den Regierten sei durch keine andere Ursache, als durch Verantwortlichkeit, erzeugt oder erzeugbar.

Die beiden Sätze sind keineswegs wahr; der letztere ist sogar sehr weit von der Wahrheit entfernt. Es ist nicht wahr, dass die Handlungen der Regierenden gänzlich oder auch nur nahezu gänzlich durch ihr persönliches Interesse, oder auch nur durch ihre eigene Ansicht von ihrem persönlichen Interesse bestimmt werden. Ich spreche nicht von dem Einflüsse des Pflichtgefühls, von philanthropischen Gefühlen, von Motiven also, auf welche man sich im Ganzen niemals verlassen kann, obgleich (mit Ausnahme von Ländern oder Zeiten von grosser moralischer Erniedrigung) sie bis zu[507] einem gewissen Grade alle Regierenden, und manche von ihnen in hohem Grade beeinflussen. Ich bestehe bloss auf dem, was von allen Regierenden wahr ist, auf dem nämlich: dass der Charakter und der Gang ihrer Handlungen (abgesehen von persönlicher Berechnung) sowohl durch die gewohnten Gedanken und Gefühle, durch die allgemeine Denk- und Handlungsweise bedeutend beeinflusst werden, welche in dem Gemeinwesen, wovon sie Mitglieder sind, vorherrschen, als auch durch die Gefühle, die Gewohnheiten und die Denkweise, welche die besondere Classe des Gemeinwesens, der sie selbst angehören, charakterisiren. Und niemand wird das praktische System derselben verstehen oder entziffern können, der diese Dinge nicht sämmtlich in Anschlag bringt. Auch werden sie durch die Maximen und die Traditionen stark beeinflusst, welche ihre Vorgänger im Regieren ihnen vererbt haben, durch Maximen und Traditionen, von denen bekannt ist, dass sie lange Perioden hindurch, sogar im Gegensatz zu den Privatinteressen der jezeitig Regierenden, eine Gewalt über dieselben behauptet haben. Den Einfluss von anderen, weniger allgemeinen Ursachen übergehe ich. Obgleich daher das Privatinteresse der Herrscher oder der herrschenden Classe eine sehr bedeutende Kraft ist, eine Kraft, die beständig in Thätigkeit ist und den wichtigsten Einfluss auf ihre Handlungsweise ausübt, so liegt doch in dem, was sie thun, vieles, was durch das Privatinteresse keineswegs hinreichend erklärt wird; und sogar die einzelnen Umstände, welche die Güte oder die Schlechtigkeit ihrer Regierung ausmachen, werden nicht in geringem Grade gerade durch den auf sie wirkenden Theil jener Umstände beeinflusst, der in dem Worte Eigeninteresse nicht füglich inbegriffen sein kann.

Wenden wir uns nun zum andern Satze, zu dem Satze, dass die Verantwortlichkeit den Regierten gegenüber die einzige Ursache ist, die in den Regierenden das Gefühl der Identität ihrer Interessen mit denen des Gemeinwesens erzeugen kann. Ich spreche nicht von vollkommener Identität der Interessen, was eine unausführbare Chimäre ist und welche die Verantwortlichkeit dem Volke gegenüber sicherlich nicht giebt; ich spreche von der Identität in den Hauptsachen, und die Hauptsachen sind verschieden, je nachdem Zeit und Ort verschieden sind. Es giebt eine grosse Anzahl von Fällen, in denen die Dinge, welche die Regierenden im allgemeinen[508] Interesse thun sollten, auch diejenigen sind, welche zu thun ihr stärkstes persönliches Interesse, die Befestigung ihrer Macht, sie antreibt, z.B. die Unterdrückung der Anarchie und des Widerstandes gegen das Gesetz – die vollständige Begründung der Autorität der Centralregierung in einem gesellschaftlichen Zustande, wie der Europas im Mittelalter war – ist eines der stärksten Interessen des Volkes und auch der Regierenden, einfach weil sie die Regierenden sind. Ihre Verantwortlichkeit könnte die Motive, welche sie zur Verfolgung dieses Zieles antreiben, nicht stärken, wohl aber auf verschiedene denkbare Weisen schwächen. Während des grösseren Theils der Regierung der Königin Elisabeth und vieler anderer nennbarer Monarchen war das Gefühl der Identität der Interessen des Souverains und der Mehrheit des Volks wahrscheinlich stärker, als es bei einer Repräsentativregierung zu sein pflegt; alles, was dem Volke am Herzen lag, lag auch dem Monarchen am Herzen. Hatte Peter der Grosse oder die rauhen Barbaren, welche er zu civilisiren begann, die wahrste Neigung zu den Dingen, welche im wahren Interesse jener Wilden lagen?

Ich versuche hier weder, eine Staatslehre aufzustellen, noch fühle ich mich berufen, das proportionale Gewicht zu bestimmen, das sowohl den Umständen beizulegen wäre, welche diese Schule von geometrischen Politikern aus ihrem System ausgelassen hat, als auch denjenigen, welche sie darin aufgenommen hat; es ist nur meine Sache, zu zeigen, dass ihre Methode unwissenschaftlich war, nicht aber, die Grösse des Irrthums zu messen, womit ihre praktischen Schlüsse etwa behaftet sein konnten.

Um gegen sie gerecht zu sein, muss indessen bemerkt werden, dass ihr Irrthum nicht sowohl in der Sache, als in der Form lag; er bestand darin, dass sie das in einer systematischen Form und als die wissenschaftliche Behandlung einer grossen philosophischen Frage gaben, was nur für das hätte gegeben werden sollen, was es war, nämlich für die Polemik des Tages. Obgleich die Handlungen der Regierenden keineswegs gänzlich durch ihre selbstischen Interessen bestimmt werden, so sind doch constitutionelle Beschränkungen hauptsächlich als eine Sicherheit gegen diese selbstischen Interessen erforderlich, und aus diesem Grunde kann man solche Beschränkungen in England und bei anderen Nationen des modernen Europas in keiner Weise entbehren. Auch ist es wahr,[509] dass bei denselben Nationen und in der gegenwärtigen Zeit die Verantwortlichkeit den Regierten gegenüber das einzige praktisch verwerthbare Mittel ist, um ein Gefühl der Identität der Interessen da hervorzurufen, wo es noch nicht hinreichend vorhanden ist. Gegen alles dieses und gegen die Schlüsse, welche man zu Gunsten von Maassregeln für die Verbesserung unseres Repräsentativsystems auf diese Wahrheiten gründen könnte, habe ich nichts einzuwenden; ich gestehe aber, dass ich bedaure, dass das geringe, obgleich höchst wichtige Maass von Staatsphilosophie, das für den unmittelbaren Zweck, für den Zweck nämlich, der Sache der Parlamentsreform zu dienen, erforderlich war, von so hervorragenden Denkern als eine vollständige Theorie ausgegeben worden ist.

Man kann es nicht für möglich halten und es ist auch factisch nicht wahr, dass diese Philosophen die wenigen Prämissen ihrer Theorie so angesehen haben, als schlössen sie alles ein, was für die Erklärung socialer Erscheinungen und für die Bestimmung der Wahl der Regierungsform und der Maassregeln der Gesetzgebung und Verwaltung erforderlich ist. Sie waren zu sehr unterrichtet, von einem zu umfassenden Verstande, und einige unter ihnen von einem zu nüchternen und praktischen Charakter, um einen solchen Irrthum zu begehen. Sie würden ihre Principien unter zahllosen Zugeständnissen und Einräumungen angewendet haben und wendeten sie auch wirklich so an. Aber nicht der Einräumungen bedarf es. Man hat nur wenig Aussicht, den Mangel an genügender Breite in den Fundamenten einer Theorie in dem Baue selbst ersetzen zu können. Es ist unphilosophisch, aus einigen wenigen von den Agentien, durch welche die Phänomene bestimmt werden, eine Wissenschaft aufzubauen, und das Uebrige der Routine, der Praxis und dem Scharfsinn der Conjectur zu überlassen. Entweder sollten wir die wissenschaftliche Form nicht beanspruchen, oder wir sollten alle bestimmenden Einwirkungen in gleicher Weise studiren und sie, so weit als thunlich, alle in den Bereich der Wissenschaft zu bringen suchen. Wir werden sonst unfehlbar eine unverhältnissmässig grosse Aufmerksamkeit denjenigen Einflüssen zuwenden, welche unsere Theorie in Rechnung zieht, während wir uns in den übrigen verrechnen und ihre Wichtigkeit wahrscheinlich unterschätzen. Es wäre auch dann noch wünschenswerth, dass die Deductionen aus[510] dem Ganzen und nicht aus nur einem Theile der in Betracht kommenden Naturgesetze gezogen werden, wenn die vernachlässigten Gesetze im Vergleich zu den anderen so unbedeutend sind, dass sie für die meisten Zwecke und bei den meisten Gelegenheiten aus der Rechnung hinweggelassen werden könnten. In den socialen Wissenschaften ist dies aber weit entfernt, der Fall zu sein. Die gesellschaftlichen Erscheinungen hängen der Hauptsache nach nicht von irgend einem Agens oder einem Gesetz der menschlichen Natur bei nur unbedeutenden Modificationen durch andere Gesetze ab. Diese Erscheinungen werden von dem Ganzen der Eigenschaften der menschlichen Natur beeinflusst, und es giebt keine Eigenschaft, wodurch sie nur im geringen Grade beeinflusst würden. Es giebt keine, wovon die Beseitigung oder eine bedeutende Veränderung das ganze Ansehen der Gesellschaft nicht wesentlich modificiren und die Sequenzen der socialen Erscheinungen im allgemeinen nicht mehr oder weniger ändern würde.

Die Theorie, welche der Gegenstand dieser Bemerkungen war, ist in England wenigstens zur Zeit das Hauptbeispiel von dem, was ich die geometrische Methode, über die sociale Wissenschaft zu philosophiren, genannt habe, und die Prüfung derselben war aus diesem Grunde umständlicher, als es sonst für ein Werk dieser Art angemessen gewesen wäre. Nachdem wir nun aber die zwei irrigen Methoden genügend erläutert haben, werden wir ohne weiteres zu der wahren Methode übergehen, zur Methode, welche (in Uebereinstimmung mit dem Brauch in den verwickelteren physikalischen Wissenschaften) deductiv verfährt, aber durch Deduction aus vielen, nicht aus einer oder wenigen ursprünglichen Prämissen fortschreitet, indem sie eine jede Wirkung als ein Durchschnittsresultat (was sie wirklich ist) von vielen Ursachen betrachtet, die manchmal durch dieselben, manchmal durch verschiedene geistige Thätigkeiten oder Gesetze der menschlichen Natur wirken.[511]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 502-512.
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