Kreta, Kafti, Javones

[372] 245


Die Überschätzung von Knossos und Phaistos hat dazu geführt, daß das Bild der großen Hafenplätze im Osten ganz undeutlich bleibt. Und doch lag da der Schwerpunkt in diesen zwei Jahrhunderten. Es fällt auf, wie verschieden die vornehmen Gräber der Herren von den Massengrüften der Hörigen – also der Sklaven, Unterworfenen, Söldner, Handwerker – gewesen sind. Ebenso das Wohnen: Überall die winzigen aneinandergeklebten Löcher wie in Gurnia. Aber wie haben die Herren gewohnt? In der Kamareszeit lag nur an Stelle der großen Kaftistadt Palaikastro eine Burg, diese war doch wohl der Sitz eines unabhängigen Häuptlings, der auf eigne Faust Seefahrt und Seeraub trieb. Nach 1400 sind die Achäersitze im Osten: die Burg in Vrokastro, die andre auf dem Schutt der verbrannten Kaftistadt von Palaikastro. Es muß viel mehr und viel bedeutendere gegeben haben. Hier bleibt noch sehr viel zu tun. Wohin gehören die Grabtempel, das sogenannte Königsgrab von Isopata bei Knossos? Stammen sie überhaupt noch aus dem Ende der Kaftizeit? Waren hier Oberpriester oder Reliquien beigesetzt?


246


Danaos und Aigyptos (Kafti) bezieht sich auf die Zeit vor 1400. Nach 1400 sind die Ruinen von Knossos das ›Labyrinth‹, in dem der sagenhafte Minos haust, als Minotauros (wahrscheinlich Stier auf einem Wandbilde). Wenn die Theseussage von Kretern spricht, so sind die Kereti-Peleseti gemeint. Der Minos der antiken Sage ist nicht aus den Ruinen und aus dem Kaftireich hervorgegangen. Totenrichter Minos – danach ist Minos vielleicht der Titel oder Name des Priesterkönigs von Knossos – oder einer Osirisgestalt? Die Sage vom Stieropfer hat sich erst aus den Ruinen entwickelt? Heilige Stiere, denen Menschenopfer gebracht wurden? Apis (1600–1400)? Andre ›kretische‹[373] Numina besaßen wohl erst die Kereti, noch nicht die Kafti. Kafti ist entweder der Name der Insel oder der Herrenschicht oder der Unterschicht. Beide sind von sehr verschiedener Rasse, Sprache und Kultur. (Libyer über Kleinasiaten oder umgekehrt?) Die Tempelpriesterschaft machte Geschäfte, trieb Handel – wie in Ägypten, Delphi, Milet, Pessinus, bei den katholischen Orden.


247


Um ein Bild zu bekommen, muß man eine Vorstellung von der Zahl haben. Sonst setzt man, ohne es zu wollen, augenblickliche Verhältnisse voraus, wo große Städte hunderttausend Einwohner haben, fünftausend wenig sind etc. Kreta, Cypern, Sizilien – wieviel Einwohner damals? War Knossos, Ugarit etc. überhaupt ›Stadt‹? Oder ein heiliger Bezirk mit einer großen Messe (Bazar, Stapelplatz, Markt)? ›Palast‹ – das kann ein Tempel mit Priesterschaft sein, oder ›Stahlhof‹, oder Burg des Herrschers mit Unterkunft für die Söldnertrupps. Das Wort ›Palast‹ weckt falsche Vorstellungen.


248


Seit wann [gibt es das] ›Königreich Alaschia‹? [Es ist] erst nach 1400 möglich. In den staatlichen Urkunden in Chatti und Ägypten werden nur wirkliche politische Einheiten genannt, also fehlt Kafti bei den Hethitern (Archiv 14/13. Jahrhundert).


249


Der alte Name der Insel oder der Bewohner, der in ›Alaschia‹ üblich geblieben war und also drüben in Kanaan (das nicht Palästina, sondern ganz Syrien ist, auch die Phöniker nannten sich so, übrigens kein semitisches Wort), war Kaftor. Die Philister brachten seit 1200 den neuen Namen Kreta mit, der auch für die Hellenen die einzige Bezeichnung blieb. Viel älter aber ist die Form Japhet, die nördlich[374] von ›Kanaan‹ in einer andren Sprache oder Aussprache gilt, also in Kilikien etwa, Mitanni etc. Dort ist sie in die alten Sagen eingedrungen, wie der Berg Ararat. Die israelitischen Schriftsteller haben nicht geahnt, daß Japhet und Kaitor dasselbe sind. Das eine war eine Sagengestalt vom Norden, das andre eine Insel im Westen.


250


Didymaion, Dithyrambus, Tityros. Kekroper, Titanen, Sisyphos, Tantalos (Talos), Daidalos, Leleger.


251


Die Insel wurde von den Joniern Kreta genannt nach der Ostspitze, wo die Kreter Herren waren. Die Eroberer der Argolis haben sie vielleicht längere Zeit Aigyptos genannt, nach dem Namen, der an Knossos und Phaistos haftete.


252


Ich wage noch eine andre Frage – nicht mehr! – zu stellen: Auf Kypros ist, erst in phönizischen Sagen, aber vielleicht doch älter, der Name Dido überliefert (Dido und Elissa) (Gruppe). Das hat vielleicht dazu geführt, daß Genesis 10 Dodaner statt Rodaner geschrieben steht. Wenn Elissa und Dido einen Zusammenhang bilden von unbekannter Art, war dann Didymaion ein Kaftiwort? Ein Göttername? Gruppe: Auf Kypros ein Vorgebirge Dades. Daidala Stadt in Lykien, Karien, Kreta. Daidalos. Göttermutter. Dindymene. Dindymon bei Kyzikos.


253


Möglich ist folgendes: Das Wort Kafti könnte mit Kpt (Koptos: Min-Minos) als hamitisch zusammenhängen. Dann wäre es möglich, daß Ai-gyptos ursprünglich den Kaftinamen meint (Ai-thiops, Ai = E[375] als ›Volk‹, libysch) und in der Danunasprache den Kampf der Danaer gegen Knossos 1400 enthält. Später mit Ägypten identifiziert, das man auf Kreta ahnen lernte (Indien – Indianer [ist ein] geographischer Irrtum!).


254


Barre Sizilien. Karer: Diese verkehrspolitische, nicht nur geographische Schranke bestand in der Tatsache, daß im westlichen Mittelmeer auf Inseln und an Küsten seefahrende Stämme und Stammesgruppen saßen, die jedes Eindringen durch die beiden Straßen sinnlos machten. Das galt noch zur Kaftizeit. Erst die Seevölkerstürme haben, wie ich glaube, im Westen dasselbe organisiert wie im Osten. Jedenfalls ist Sardinien damit aus seiner herrschenden Stellung [verdrängt] worden, Malta auch, so daß nun versucht werden konnte, durch die Straßen von Tunis und Messina ins Unbekannte vorzudringen. Umlagerung der politischen Machtverhältnisse daraus: die Turscha-Schwärme halten die Küste besetzt, an der ihr Name haften blieb. Die Karer [blieben] an der Westspitze Siziliens. [Dies ist] um 1000 der wichtigste Punkt der mittelitalischen und tunesischen Küste.


255


Der Name Tart- blieb übrig in Tyrus und Kypros als Bezeichnung des fernen Westens, zuerst der Gegend von Karthago, Malta; später Spanien. In Griechen land wie zu Kreta, Argos lebten noch Bevölkerungsteile, in deren Sprache Tartaros und Tart- Dunkel und Öde bedeutete, das Wort Tart-essos. Niemand habe es gesehen. Es sollte weit im Westen liegen – ein Dorado, zu dem man bald Züge, Namen [er]fand.

Säulen des Herakles. Atlas. Immer weiter nach Westen gerückt. Tart-essos. Wer weiß, vielleicht einmal = Utika, Syrakus, Gades. Die ›Dorer‹ [waren] der Schiffahrt offenbar abgeneigt, Gutsbesitzer mit Hörigen. Kreta scheidet für Seefahrt und Kolonisation aus, auch Sparta, Argos. [Wurde] Tarent von vordorischen Formationen[376] gegründet? [In] Rhodos [schlägt] das vordorische Element wieder durch (Verteilung des jonischen Dialekts). Deshalb war für die Jonier das Feld nach Westen frei. Es gab im dorischen Gebiet keine Konkurrenz. Sowohl die Javones wie die Karer mußten den Sinn von ›Tart‹ = Westen noch gekannt haben (wie [wir] Orient [resp. Okzident]).


256


Vorgriechische Kolonisation der Karer etc., welche die Jonier nur okkupiert haben – Fortsetzung also vorantiker Bewegungen in alten Bahnen. Auch die Namen Odessos und Salmydessos, Tartessos (karische Gründung also!), Daskylion (Schwarzes Meer, Daskylos Vater des Gyges). (F. Bilabel, Jonische Kolonien S. 60 ff, 1920). Folglich hatten schon die Karer-Lyder während ihrer Seeherrschaft im 2. Jahrtausend (nach Trojas Fall?) das Schwarze Meer, die Adria und Spanien, vielleicht auch Algier erschlossen (wo ihnen die Sidonier folgten!). Zum Teil ist es die Umkehrung der libyschen Expansion. Absolute Neugründungen griechischer Städte gab es beinahe gar nicht. Okkupation alter Verkehrspunkte. Die karische Siedlung am Schwarzen Meer, an der Mündung der südrussischen Ströme, zeigt die alte Warägerbahn der Seevölker!


257


Tartessos: In Westsizilien -essos. Die Bevölkerung nannte die Karer Elymer [oder] Solymer nach einem ähnlich klingenden Namen in Kleinasien. Hier in der Nähe, [in] Tunis, mag Tartessos gelegen haben. Von dieser Welt des Seeverkehrs nach dem Ende der Kaftizeit hat sich die Sage von der lydisch-karischen Seeherrschaft ›zur Zeit des Trojanischen Krieges‹ entwickelt. Und deren Erbe traten die Jonier (Milet) und Sidonier (Tyrus) an. Die hellenischen Seefahrer seit dem 8. Jahrhundert haben nichts getan als den Versuch [unternommen], die uralte Verbindung wiederherzustellen, die zum Teil von[377] denselben Küstenplätzen ausgegangen war. Der Weg nach Odessos [wurde] gesperrt durch die Seeräuberburg Troja, die in dieser Zeit überfallen und zerstört wurde.


258


Diese ›karisch-lydische‹ Seeherrschaft, von der die jonischen Griechen – die einzigen, die davon etwas wissen konnten und mußten – aus Feindseligkeit vielleicht geschwiegen haben. Wenn in der Ilias und Odyssee etwas fehlt, so hat nicht ›Homer nichts gewußt‹, sondern die Rhapsoden haben es in ihren Gesängen nicht genannt, weil das bei den Herren, für die sie dichteten, als anstößig galt. Das ist vielleicht der Grund, weshalb der Joniername nicht vorkommt. Hat er damals noch als Name einer etwas um ihre Seestellung gebrachten Patrizierschicht nichtgriechischer Herkunft Anstoß erregte Diese ›Karer‹ oder wie sie hießen – darüber wird später geredet werden – haben von dem Seewege der Kafti noch viel gewußt, mehr als später die Hellenen. Sie haben offenbar die Sitte der Silbenschrift, dann die Alphabetschrift(?) übernommen, den Schiffbau und Schiffstyp der Kafti, den dann die Griechen von ihnen lernten.


259


Der Name muß von Leuten geprägt sein, die den Sinn ›Westen‹ zum mindesten noch heraushörten, auch falls sie die Phrase nicht mehr verstanden haben sollten – wie bei uns Leute von Orient und Levante sprechen und als Titel verwenden, die weder Latein noch Italienisch können. Hier handelt es sich um Seefahrer, also Leute mit Wissen und weitem Blick. Sie wußten, was seit Jahrtausenden ›Tartessos‹ war. Die Endung -essos ist nur für Siedlungen und Flüsse bezeugt oder vielleicht, da es sich um Flußmündungen handelt, die damals ›Häfen‹ waren, nur um Siedlungen. Also war Tartessos die Bezeichnung eines Umschlagplatzes oder Landungsortes im fernen Westen – fern für die Karer –, aber damit ist nicht gesagt, daß immer derselbe gemeint war. Mit dem ›Hafen des Westens‹ war ein Ziel[378] gemeint. Es wird Beiname gewesen sein. Es könnte heute von einem Platz in Westsizilien, weniger in Tunis, [gesprochen] werden. Diese Unbestimmtheit charakterisiert ja gerade die Lage von Tartessos.


260


In dieser Endung der Stammform, die bei den Griechen seit der Seehandelszeit des 8. Jahrhunderts allein gebräuchlich war, liegt das Problem, das hier nur angedeutet werden soll. Gleichviel ob der Name eine Richtung, ein Land, einen Markt bedeutete, für die Griechen, die nie da waren, bedeutete er ein mythisches Dorado. Will man aber das angebliche Geheimnis [enthüllen], dann hätte man beweisen sollen, daß Tartessos nicht allein steht. Es ist im Westen der äußerste Punkt mit -essos. Im Norden aber entspricht ihm [Odessos]. Das war später ›jonische Kolonie‹, aber die Endung beweist, und das ist das Wichtigste, daß zwischen der Kaftizeit und der Jonierseefahrt, zwischen 1400 und 800 also, noch eine Zeit der Seemächte gewesen sein muß, mit Piratenzügen, Emporien – etwa die, in welcher es die Sprache an allen Küsten gibt, der die -essosendung angehört.


261


Die -essoshäfen liegen anders als die Ziele der Kaftifahrten: Donau und Westsizilien. Entfernter kann Tartessos nicht gewesen sein. Die Karer-Lyder kannten also Byblos nicht; für sie war der Westen wichtiger als der Osten: Kalabrien, Apulien. In der Alaschiawelt war also eine andre Seemacht herrschend: Kypros. Nach Jahrhunderten die alten Landeplätze wieder aufsuchen, wo die Hütten zerfallen, die Befestigungen zerstört waren, die Menschen verwildert.


262


Auch die südliche Troas: Marpessos, Lyrnessos. Da saßen also karische Seefahrer, nachdem Ilios zerstört war und die Straße nach[379] Odessos frei. Diese Namen sind die Wegmarken der ›karisch-lydischen‹ Seefahrer.

Westsizilien (›Elymer‹, Solymer – einheimische Namen): Flüsse Telmessos, Krimissos, Herbessos, also Namen der Landungsplätze an Flußmündungen. Der Fluß erhielt seinen Namen von der Siedlung.

Venus von Eryx = Mater Idaea: die westkleinasiatische Mutter, ursprünglich libysch! Später haben sich die tyrisch-kretischen Kaufleute gegen die griechischen (jonischen?) auf diese Kaufleute gestützt: die alte Feindschaft von Asien her. 8. Jahrhundert. Also nicht die Eingeborenen spanischer Herkunft (Elymer), sondern die Seeleute. Seit dem 8. Jahrhundert dringen die Griechen vor.

Wenn die Seeräuberburg Troja VI (hieß sie wirklich Ilios?) von achäischen Piraten gehalten wurde, so ergibt sich vielleicht eine Verwandtschaft mit Sizilien – Afrika. Aphrodite von Eryx (Tempelprostitution, Tauben wie in Westkleinasien), Kypros, Karthago, also ›minoisch‹, atlantisch. Erst die Griechen (seit dem 8. Jahrhundert war Sizilien: um 600 Stesichoros) haben das Westland (Hespera = tarschisch) mit Aeneas in Verbindung gebracht, dem Gegner der Jonier und Aeoliensü Sie empfanden da verwandt Ungriechisches: Göttin von Eryx, Seevölkerbezeichnungen, -essos aber ist älter. Seevölker und ihre Sagen.

Schmidt, Stähelin: Stesichoros (viel Wichtiges) um 600, vor Abschluß der Odyssee und Argonauten, daher der Versuch, Aeneas und Odysseus zu Helden einer neuen Westmythologie zu machen. Wo hat Vilusa gelegen? Deshalb [läßt] Stesichoros den Aeneas vom Ida zum Eryx ziehen. Der reale Zusammenhang ist also karisch ›-essos‹ zwischen Hesperia und Anatolien.


263


Es ist aber noch eins zu erwägen: In der griechischen Welt hat sich der Name Tartessos erhalten, im Unterschied vom Sprachgebrauch an der syrischen Küste, wo man für den fernen Westen Tarschisch sagte. Die Endung ist wichtig. Hier gewinnt plötzlich die halbverschollene Angabe frühgriechischer Überlieferung Wert, wonach es eine[380] ›karisch-lydische‹ Seeherrschaft gegeben habe, die noch zwischen der Kaftizeit und der griechischen Jonierzeit gelegen habe. Und tatsächlich gehört die Endung -essos zu einer Sprache, die hier ihren Sitz hatte. Vor allem Odessos, Westsizilien. Ein Beweis für die Tatsächlichkeit dieser karischen Seegeltung und ihrer Ausdehnung nach dem Fall von Troja VI.

Also 12. Jahrhundert Seevölkerzeit, vielleicht Seevölkersiedlung, -essos bezeichnet aber [eine] Siedlung. Also war Tartessos der Stadtname. Nur ist damit nicht gesagt, daß das der Name einer einzelnen und immer derselben Stadt war. Es kann auch einmal [eine] Siedlung in Sizilien, Tunis gewesen sein, einmal vielleicht Karthago oder Utika.


264


Niedergang der karisch-lydischen Seegeltung seit der dorischen Eroberung der Handelsplätze. Seitdem kommt das Übergewicht zu den Joniern. Dabei ist es sehr wohl möglich, daß der Name Kar-, Ker- der Name der Gegend war, diesseits oder jenseits der Straßen von Rhodos, vielleicht von einem sehr viel älteren Namen herrührend aus den Jahrhunderten der Hethiterzeit, so daß die Kereti ihn angenommen haben, wie die Normannen Wilhelms des Eroberers den Namen der unterworfenen Angeln, der [zum] Landnamen geworden war. War die Seefahrt der Rhodier der letzte Rest der alten karischen, die dann auch deshalb in gewissem Gegensatz zur jonischen stand, und nicht nur, weil die dorischen Herren es taten, die selbst zumeist nicht Seefahrer waren?


265


Die Heiligtümer: [In] Pessinus (Stähelin 54) ein Mensch neben der Göttin. Die Priester [sind] erblich [und tragen stets] dieselben Namen Attis und Battakos. Ebenso in Olbe.

Das Heiligtum von Didymaion bei Milet ist ohne Zweifel eine Kaftigründung. Macht der Priesterschaft auf Kypros (Gruppe). Also [bedeutet] Minos Gott und den erblichen Priesternamen? War der[381] Oberpriester die Inkarnation der Gottheit nach ägyptischem Vorbild, so daß man in seinem Namen richtete, wahrsagte, entschied? In dieser Richtung muß der Schlüssel zum Verständ[nis] gesucht werden – die Bauernreligion war anders.

Die Javones von Milet, ihr Heiligtum Didymaion. Dort die Sitzbilder im ägyptischen Stil!! Erst als die griechischen Kaufleute in ihren Emporien die mächtigen wurden, gründeten sie ihr [Heiligtum] des Poseidon, der hier und also auch bei Homer Meergott wurde.


266


Die Kafti – Javones [waren] Seeherren von Milet. Von da war der Name für die Häfen der mittleren Westküste überhaupt geläufig geworden – so lernten ihn die griechisch sprechenden Seefahrer von Mittelgriechenland kennen. Das Land hieß aber Maionien, Asia etc., das Volk Karer. Ein Durcheinander von Sprachen und Rassen wie in jedem Handelsgebiet. Bis endlich politisch die hellenischen Kaufleute von den meisten (nicht allen!) Städten das Übergewicht erhielten und die nichthellenischen in andre Phylen herabdrückten.


267


Auch ›Karer‹ [ist] ein Gattungsname, wie ›Etrusker‹ und ›Pelasger‹. Sie wurden überall angesetzt, wo man von Urbevölkerung sprach.


268


Zur atlantisch-homerischen Geographie:

Tartaros – Tartessos = West

Elysium – Alaschia – Elisa (Änäis) = Ost

Dido – Dodanim (Genesis) = Vorkarthago

Giganten – Gyges – Ogygia – Igigi = Zyg (Tsig-) in Tunis?

Reduplikation: Sisyphos, Tartaros, Gigas, Ta(n)talos, Dido, Dodona, Didyma.[382]


269


Jonier, Enak: Wenn Madduwattas/Goliath/Alyattes um 1200 Namen sind, ist dann

1. die lydische Dynastie der Mermnaden ein Tyrrhenergeschlecht? Dann könnten ihre Grabbauten atlantisch-westlich sein.

2. Dann könnte, wie Enak, auch Madduwattas ein Philister sein.

3. Die ›lydische Seeherrschaft‹ wäre dann pelasgisch-tyrrhenisch.

4. Die lydische Sprache [wäre] entweder pelasgisch oder sapardisch oder [eine] alte Sprache aus der Hethiterzeit.

Dann würden sich die Zusammenhänge von Etrurien und Lydien zwanglos erklären. Die Tyrrhener hätten dann einen Hafen, etwa Ephesus, besetzt gehabt und wie in Kanaan das Hinterland zu erobern versucht. Stammt der Name Lyder von ihnen? Der Name Karer/Kreter [stammt] sicher von den Pelasgern. Die alten Namen sind Assuwa, Lukki, Mäonen, Javones, Myser.


270


Kafti, Kreti: Es müßte sonderbar zugegangen sein, wenn der Name eines so mächtigen politischen Gebildes verschwunden wäre, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Hunnen haben ihren Namen in Hüne und Hünengrab, die Goten in gotischer Baukunst hinterlassen, an Stellen, wo sie nie gewesen sind. Und in der Tat: der Kaftiname hat sich erhalten, ohne daß man es bis jetzt erkannt hätte. In der Sage von Danaos und Aigyptos liegen Kämpfe um Kreta zugrunde, aber niemand hat gesehen, daß der Name Aigyptos die Kafti darstellt. Und ebenso der Name Javones. Nimmt man Japhet, Kaftor, Japetos hinzu, so wird es wahrscheinlich, daß die Kafti sich mit a sprachen.


271


Wenn Leleger – Lyker, dann [sind] Kekerer – Karer: Gergithen, Gegarener, Kekroper, Gerginen. Kreti und Pleti = Kekroper und Pelasger. Gerg-ithen wie Lap-ithen.[383]


272


Karische Seeherrschaft: Vorläufig haben wir keine eigene [Kenntnis] davon. Wir besitzen nur die hellenische späte Überlieferung: Genauso wie wir von den Kämpfen der Philister nur die jüdische haben. Aber es ist möglich, daß bei Ausgrabungen auch einmal Philisterdokumente, Tontafeln aufgefunden werden, welche die Absicht Sauls von seiten der andren Partei [darstellen], und ebenso könnte einmal in karischer Sprache etwas über Tartessos gefunden werden.


273


Die Federkappen der ›Lykier‹ sind natürlich kretisch (›Sarpedon‹). Der Name der Kreter haftet an dem Teil, der dort sitzen blieb, Pelasger waren die zur See schweifenden Teile. Als griechische Stämme die Insel betraten (1400 oder 1200?), waren ihre gefährlichsten Feinde die Kreter. Deshalb hieß die Insel ›Insel der Kreter‹. Bei den Danaern hieß sie noch Aigyptos.

Von der karischen Sprache wissen wir nichts. Die paar Glossen können Lehnworte sein. Die ›lykischen‹ Inschriften können von der Herrenschicht herrühren (Vaterrecht, während die Lyker Mutterrecht hatten). Es zeigt sich hier wieder, wie verhängnisvoll es ist, wenn man die Sprache von Inschriften nach dem Landnamen bezeichnet, diesen mit einem ›Volk‹ identifiziert und so eine Sprache und einen Stamm zusammenlegt, die nichts miteinander zu tun haben. Wüßten wir nichts von den Phrygern, so würden wir die Inschriften von Phrygien ›galatisch‹, also keltisch nennen.


274


Die Kunst der Kafti war nach dem Geschmack einer Handelswelt – wie später Jonier und Etrusker –: viel gekaufte fremde Sachen, viel Nachahmung exotischer Stile, keine eignen schöpferischen Züge. Als bewunderte Vorbilder kamen in Betracht: Syrien (Mitanni), klein-asiatische[384] Küste, Troja?, Schardana (was wissen wir von deren Kunst? Nichts!), Tunis, Libyen, Ägypten, vor allem die Hafenstädte des Delta, von denen wir ebenfalls nichts wissen. Die archaische jonische Kunst zeigt, was öfters festgestellt worden ist, einen leisen Nachhall kretischen Geschmacks, ebenso die ›etruskische‹ und ›phönikische‹.


275


Die Völkertafel [ist] ihrer Grundlage nach keine Arbeit eines Gelehrten; sinnlos, wenn heutige Professoren versuchen, nach moderner Einteilung von Völkern nach Sprachen (Indogermanisch, Semitisch) die Absicht des Verfassers herauszubekommen. Damals ordnete man Völker nach aktuellen politischen Lagen oder nach Sitte und Tracht oder geographisch oder nach dem eignen Verhältnis in Freund und Feind oder nach ›Berufen‹: Krieger – Seefahrer – Großmächte, Javan, Kittim, Rodanim waren ›Seemächte‹. Wie die Javan als die weitaus häufigsten im Hafen von Tyrus für die seltenen Schiffe andrer Griechenstädte mit standen – welche sollten das gewesen sein? Rhodos zählt nach der Zahl seiner Schiffe für sich –, so stand Sidon, später Tyrus, für alle Häfen der später phönikisch genannten Küste.


276


Es muß aber einem Teil der Kaftiherren gelungen sein, sich zu Schiff zu retten vor dem Sengen und Morden. Und zwar glaube ich, daß sie nach der kleinasiatischen Küste geflüchtet sind, vielleicht weil es die einzige Möglichkeit war, vielleicht weil sie dort schon Stützpunkte hatten. Ursprünglich hat [Javones] die Seeherren bezeichnet, war also nicht Name eines ›Volkes‹ oder Landes, sondern einer Gemeinschaft von reichen Herren. Dann wird er von den griechischen Seefahrern übernommen, zunächst als Berufstitel, dann als Küstenname, endlich als Name der Küstenstädte und ihrer Bewohner überhaupt.[385]


277


Javones: Als um 1400 die politische Katastrophe hereinbrach – – Selbstverständlich [war sie], wie die Archäologen feststellen, kein ›Bruch‹ oder ›Wechsel‹. Diese museums- und ausgrabungstechnischen Ausdrücke haben mit Geschichte nichts zu tun. Aber die Heiligtümer wurden zerstört, die Städte niedergebrannt. Neue staatliche Mächte setzten sich an die Stelle der politischen Gebilde der Kaftizeit, machten den Seehandel von sich abhängig – er ging ruhig weiter. Der Schwerpunkt [lag] in der Argolis, wo man die kunstfertigen Töpfer massenhaft als Sklaven zusammenschleppte. Damals sind viele der reichen Seeherren nach Kleinasien geflohen, wo es Märkte und Häfen gegeben haben muß, obgleich bis jetzt nichts gefunden worden ist. Hier hatten sie wohl schon ihre Liegeplätze und Kontore. Und hier ist – das ist meine Überzeugung – ihr Name haften geblieben, zunächst als Bezeichnung für die Kaufherren, dann für die Oberschicht der Siedlungen, dann für die Städte selbst. Javones von Kafti. Die griechisch sprechenden Eroberer fanden den Namen vor.


278


Kolonisation, Javonien: Diese Ausdehnung im Stil der Hansazeit geht in Handelsstädten vor. Nicht ›hellenisch‹, sondern von einem großenteils unhellenischen Patriziat. Die vorhergehende ›Kolonisation‹ ist Seeraub. Stützpunkte, nicht Städte. Ackerbau ist nur zur Stützung der Handelsstädte wichtig. Phöniker und Etrusker gehören seit 300 dazu.


279


Eine ›griechische‹ Kolonisation hat es eigentlich gar nicht gegeben. Die ostpeloponnesische Festsetzung in Kreta, Rhodos, Pamphylien, Kilikien, Kypros – die alte Alaschiarichtung –, die die arkadisch-kyprische Mundart verbreitete, erfolgte unter dem Namen Achäer, der seit 1500 am Peloponnes haftete. Die Sprache mag von Stämmen[386] mitgebracht sein, die sich Peloper oder Danaer nannten. Aber die Seefahrer selbst – etwa von Asine, Amyklai her, waren vermutlich Kafti. Und ebenso die Kolonisation des 8. Jahrhunderts. Attika [und] Korinth [beteiligten sich] nicht. Nur Chalkis, Eretria (das alte Orchomenosgebiet, Aulis!), Milet, Lakonien – alte Kaftigebiete?


280


Der Stützpunkt dieser Kaf-ones war Milet, daneben ein paar andre Handelshäfen. Hier ist auch von den Handelsherren des 10./9. Jahrhunderts, deren Beziehungen nach Cypern, Kilikien, Sizilien etc. reichten, die Buchstabenschrift der syrischen Handelsplätze angenommen und für das Griechische und andre Sprachen, die man kennen mußte, angepaßt worden. In dieser javonischen Schrift wurden auch Dichtungen der Rhapsoden zuerst aufgezeichnet – so gingen rhapsodische Gesänge in die epische Literatur über.

Das Alphabet kam dann zu den Handelsplätzen im Westen: Korinth, Thera, Kreta, wo überall auch die Priester es lernten und anwandten, nicht der Adel. Denn der Handel in diesen Zeiten hatte seinen vertraglichen Mittelpunkt in Heiligtümern, wie einst bei den Kafti. Das ›etruskische‹ Alphabet (mehrere), d.h. die Handelsschrift der Orte am Tyrrhenischen Meer, stammt nach meiner Ansicht vom korinthischen Golf – oder ist es umgekehrt? Haben die Etrusker hier einen Markt errichtet? Wo sie mit den jonischen Kaufleuten zusammenkamen? – Die Beziehungen sind eng: Tarquinius Heirat, Schatzhaus der Caeriten in Delphi. Jedenfalls fiel es diesen Handelsherren nicht ein, die fremdsprachigen Leute als Barbaren zu betrachten. Das tat der kriegerische Adel – in Hellas wie in Italien.


281


Die Luggaländer [Lykien]: hethitischer Sprachgebrauch für den Südwesten. In griechischer Zeit hat sich der Name nur für das Termilenland erhalten. Die Griechen nennen den Rest Karien (dorisch) nach der neuen Herrenschicht der Kereti. Hierher gehört Tavaglavas![387]


282


W. Aly, Delphinios, Klio IX, 1 ff.: Die kretische Kolonisation seit 1000 (Milatos): eine lange Kette südlich Ephesus bis Cypern und Palästina einschließlich Lykien, offenbar systematisch. Häfen ohne Landbefestigung. Später haben die Jonier diese Erbschaft angetreten. Ego: Also ist die ›griechische‹ Kolonisation auf alten Bahnen erfolgt ebenso wie die phönikische. Zwischen beide Perioden fällt die Wanderung von Stämmen zu Lande um 1200. Den Philistern sind die Achäer nach Cypern gefolgt, ebenso folgt der von Herodot erzählten Westwanderung nach Sizilien die griechische, ebenso muß es in Kyrene gewesen sein. Burgen haben erst die Griechen angelegt, erst in späterer Zeit sehr hohe wie Akrokorinth, Orchomenos. Das beweist, daß hier kein feindliches Seefahrerelement in Betracht kam. Der tempellose Delphinios in den beiden Milet und in Athen [ist] eine chthonische Gottheit. Die vorgriechische Küste kannte Meergötter, teils Greise, teils fischgestaltig: Triton, Proteus, Osogo, Zenoposeidon, Elitos, Nereus, Phorkys, die schützend in Buchten hausen, delphingestaltig oft, aber nicht identisch mit Delphinios, S. 16. Ego: der Name ist durch Volksetymologie ähnlich geworden, ursprünglich etwa Telibinus. Malten und Aly verraten, daß Delph-, Tilph-, Telph-, Thelph- ungriechisch ist.


283


Wenn meine Vermutung richtig ist – –: Man muß klare Vorstellungen haben. Eine verschwommene Abstraktion wie ›die Kreter‹ ›wanderten‹ nach Lydien aus – ist wertlos. Wer und wie? Es waren Handelsherren, die [nachmals] in Seehäfen um die Hermus- und Mäandermündung saßen und die ihren Namen stolz wahrten, als die Welt hinter ihnen verwüstet war. Vielleicht [waren] auch Priester dabei – was wissen wir von [den] Branchiden, Didyma, der Mater von Ephesus? Es wäre dann [Javones, Jonien] kein Landname, sondern die Bezeichnung der herrschenden Schicht einer Anzahl von Städten gewesen.[388]

Samurna, Aphasu (Ephesus), Milet. Später, als ein Stamm mit einer ›hellenischen‹ Sprache, vielleicht vom Hellespont her, sich da festsetzte – die Lyder? Denn die lydische Sprache wird älter sein als die Bezeichnung –, kommen von drüben zahlreiche Siedler zu ihnen. Madduwattaszeit?


284


Die wichtigste Gegend ist das Mündungsgebiet der Täler des Mäander und Hermos. Da endete die Kaftifahrt und der Binnenverkehr von Hatti. Da sind infolgedessen die Völkerveränderungen am intensivsten gewesen. Das Hethiterreich versucht dahin zu kommen: Sipylos. Die Könige haben Namen von ›lydischem‹ Gepräge. Die Äoler vielleicht dahin, die Dorer auch. Mochlos, Pseira!

Das ›Jonische‹ ist als Handelssprache in die herrschende Gesellschaft gekommen, als die minoischen Handelsbahnen durch die Seevölker zerstört waren und neue Seefahrer von Attika usw. aus hinkamen. Aber jonisch war nur die Sprache der reichen Gesellschaft, der Regierung, des Handels, des feineren Umgangs (Dichtung). Diese Kaufleute sind durch Barbaren (Thessalier etc.) aus Hellas vertrieben worden.


285


Die Doppelaxt: ein phallisches Symbol (Phallus mit Hoden, Thors Hammer bei der Hochzeit), als Zeugungssymbol im Mittelmeer. Weiblich ist das steatopyge Idol (Willendorf), Kreta, Astarte. Auch der minoische Stier ist Fruchtbarkeitssymbol.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 372-389.
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