Die Ordnung der Stunden.

[68] Das Fundament des Himmels und der Erde ist das eine Grosse des ruhenden und des bewegenden Princips. Ein Jahr wie das andere geht aus ihnen hervor, ein Monat wie der andere, ein Tag wie der andere, Alles geht aus In und Yâng hervor.

| Die Urkraft des ruhenden und des bewegenden Princips und[68] der fünf Elemente muss nothwendig immer und immer daseyn, dasjenige nämlich, woraus später das Weltgebäude gegründet wird. Die fünf Elemente sind abwechselnd In und Yâng, jedes von ihnen enthält das ruhende und das bewegende Princip.

Die Blüthe der fünf Elemente ist der Mensch; ich sage, die Blüthe der fünf Elemente und nicht des ruhenden und des bewegenden Princips, weil nämlich die Elemente nothwendig vorhanden seyn müssen, wenn der Mensch werden soll, so dass aber In und Yâng in den fünf Elementen enthalten sind. Deshalb sagt Tscheou tse: Das ruhende und das bewegende Princip sind vereinigt mit den fünf Elementen; die fünf Elemente sind das Gehäuse, wovon (In und Yâng) sich nicht trennen können. In und Yâng ist wie Eins und Zwei, so im (Element) Holz Eins Yâng und Zwei In, so im (Element) Feuer Eins Yâng und Zwei In. Das so Beschaffene (die Elemente) kann aber nicht mehr bloss In und Yâng genannt werden; wohl aber sind beide Principe, das ruhende und das bewegende, in ihm. Wenn mich Jemand fragt, ob hier wohl dasselbe eintrete, wie bei den vier Jahreszeiten, die man nicht Kälte und Hitze, sondern Jahreszeiten nenne, so antworte ich: So ist's.1

Im All war das ruhende und das bewegende Princip in der Vereinigung, deshalb sagt auch der Lehrer Tsching: es ist bloss die vereinigte Attractions- und Repulsivkraft (hàn. ing. Klaproth Supplément, S. 76. Lin. 3.), d.h. so viel, als das vereinigte ruhende und bewegende Princip. (Nach dem Heraustreten) ruhen sie aber niemals, sie verhalten sieh wie Ursache und Wirkung: Yâng ist Ursache und | In ist Wirkung. Auch kann man sagen: sie verhalten sich wie rechts und links, links ist Yâng und rechts ist In; man könnte auch sagen, wie oben und unten, das eine Segment ist Yâng und das andere In.

Frage. Der Lehrer (der vorhin genannte Tsching) fragt:[69] Im Iking heisst es, nämlich im Iking des Fohi: In und Yâng sind das Fundament des Todes und des Lebens und der doppelter gegenseitig in nothwendiger Beziehung stehenden Ordnung u.s.w. Verhält sich diess wirklich so?

Antwort. Obgleich In und Yâng zwei Begriffe sind, so sind sie in der That doch weiter Nichts, als der Tod und das Leben der einen Urmaterie; (sie sind) Vorwärtsschreiten und Zurückgehen, Vollenden und Beginnen: Vorwärtsschreiten ist Yâng, Zurückschreiten ist In; Beginnen ist Yâng, Vollenden ist In. Vollenden und Beginnen werden aber aus der einen Urmaterie: sie wirkt heraustretend von den ältesten Zeiten bis jetzt, endlos zwischen Himmel und Erde (im All). Deshalb kann die Thätigkeit des In und Yâng als eine einzige, oder auch als eine doppelte, gegenseitig in nothwendiger Beziehung stehende gefasst werden.

Frage. Nochmals wird gefragt: Ist die Production der Urmaterie Yâng und das Product In, oder ist diess nicht so?

Antwort. So ist's. | Es verhält sich mit der Urmaterie, wie bei dem Aus- und Einathmen der Nase: Ausathmen ist Yâng, Einathmen (oder den Athem an sich halten) ist In. Man könnte auch das Heraus- und Zurückkriechen der Schnecken in ihr Haus als Vergleichung aufstellen. Wird das Eingeathmete ausgestossen, so schadet diess nicht; wird aber ausgestossen, was nicht eingeathmet wurde, so erfolgt der Tod.

Frage. Mit dem Ein- und Ausathmen verhält es sich wohl so: Der Athem vermindert sich wohl mit der Zeit, und hört er ganz auf, so erfolgt der Tod, oder ist diess nicht so?

Antwort. So ist's. Die Zeugung hängt also demnach bloss von der Urmaterie ab.

Als sich das ruhende und das bewegende Princip innerhalb des Alls ordnungslos bewegten, war bloss wechselseitige Reibung und wechselseitiger Kampf innerhalb der Fundamental-Normalurkraft; das ruhende Princip ging unter, nach dem Ausdrucke des Fu king (2396), und diess ist die Norm des Himmels und der Erde. Um die Besiegung Ins durch Yâng auszudrücken, ist das Wort untergehen sehr gut; denn man kann gar nicht denken, dass die Erde im All sich erhebe, ohne den Sieg des bewegenden Princips über das ruhende. Um es mit[70] einem Worte zu sagen: Alles ist durch die doppelte, gegenseitig in nothwendiger Beziehung stehende Ordnung, durch das ruhende und das bewegende Princip. Es verhält sich, wie Beginnen und Vollenden der Dinge: Beginnen der Dinge ist Yâng, | Vollenden In. Es verhält sich, wie Wissen und Handeln: Wissen ist Yâng und Handeln ist In. Das Werk des Tscheou tse2 setzt diese Ansicht klar aus einander. Man kann seine Untersuchungen vergleichen.

Hong khiu sagt: Menschen und Dinge schwammen in der Urmaterie vermischt und vereint durch einander; sie traten aber hervor vermittelst der doppelten, gegenseitig in nothwendiger Beziehung stehenden Ordnung des In und Yâng. Diese Ordnung ist die endlose Umwälzung, das grosse Gesetz des wandellosen Himmels und der Erde: sie flossen nach und nach hervor aus dem Vereinigten. Das ruhende und das bewegende Princip und die fünf Elemente schwingen sich in kreisender Bewegung: sie steigen auf und sinken nieder, gehen und kommen, und dadurch wird das Hervortreten der Menschen und aller Dinge möglich. Diess ist das grosse Gesetz des wandellosen Himmels und der Erde.

Frage. Ist die Einheit Grund (causa efficiens) des Lebens?

Antwort. Hong khiu sagt diess erläuternd sehr gut3: Man kann nicht annehmen, dass das Zwei der Grund des Lebens sey; | denn jedes Ding ist in sich Eins und alle Gegenstände bewegen sich bloss um ihre Mitte (Wesen). Man nennt dieses das Gehen und Kommen des ruhenden und des bewegenden Princips, das Aufsteigen und Niedersinken, das sich Zurückziehen und wiederum sich Ausdehnen. Das Eins bleibt aber immerdar das Fundament, auf dieselbe Weise, wie der Zehner in 100, 1000 und 10,000; das Zwei kann durchaus nicht als dasjenige betrachtet werden, wodurch ein Ding wird, es ist bloss der Grund des Hervortretens. Zur Erläuterung setze ich hinzu: Alle Dinge der Welt sind dem Streben nach aus dem Eins; aber das Eins ist nicht im Stande sie hervorzubringen.[71] Demnach sind In und Yâng das Princip, wodurch alle Dinge hervorgebracht werden, und obgleich sie das Doppelte sind, so ziehen sie doch ihre Thätigkeit aus dem Einen. Diese Auseinandersetzung ist sehr gut und deutlich.

Obgleich Tsching tse die zwei Begriffe: Geist und Schöpfung (Hao, 4196, spontanes Hervortreten), schon erläutert hatte, so war diess doch noch nicht ganz klar. Nur Hong khiu hat das Heraustreten und in sich Verharren (Geist und Schöpfung) gehörig erforscht. Bin anderer Philosoph, Pekong, bemerkt dagegen, dass das Streben, wenn es in Bewegung ist, Hervortretung vom Nichtseyn zum Seyn genannt wird; in sich vereint und zurückgezogen ist es bloss Geist (Schin, 9265). Man könnte auch so sagen: Das Eins ist der Grund des Strebens, das Zwei ist der Grund des Werdens, d.h. das Doppelte, gegenseitig in nothwendiger Beziehung Stehende ist bald in In und bald in Yâng. Ist es In, dann sind | alle Kräfte in In; ist es Yâng, dann sind alle Kräfte in Yâng. Das Werden verfolgt gleichsam das Eins und treibt es gewaltsam verfahrend aus seinem Grunde, einen Tag und noch einen Tag, einen Monat und noch einen Monat, immerdar stossend und drängend, bis das Jahr vollendet ist, und diess ist das Werden. Tschi hiang sagt: Das Eins ist der Lebensgrund, so wie es die Ursache ist der Bewegung und der Ruhe; seine Grenze ist deren Grenze; das Zwei ist die Ursache des Werdens, so wie der vollendeten Bewegung und der darauf folgenden Ruhe, eben so der vollendeten Ruhe und der darauf folgenden Bewegung.

Hong khiu sagt: In ist das Beisammenseyn, Yâng das Trennen; in Wahrheit ist aber bloss das Eins. Hieraus kann man die Natur des In und Yâng erkennen.

Die fünf Elemente sind vereint in dem ruhenden und dem bewegenden Princip; In und Yâng sind vereint in dem Absoluten; Tai ky selbst entspringt aus dem Grenzlosen (Wu ky). Nach dieser Ansicht ist weder In noch Yâng, noch das Absolute (für sich) das eigentliche Fundament in der Zeit. Dass nun aber In und Yâng seyen und abwärts ihre Richtung nehmen, diess ist einzig und allein durch die Urkraft möglich, so dass das Absolute (die Urkraft) sich gar nicht von In und [72] Yâng trennen lässt. Wer tief forscht, wird auch über die Zeit, wo das Absolute durch das ruhende und das bewegende Princip noch nicht zum Fluss gebracht wurde, | deutliche Einsicht erlangen; man wird, obgleich Alles noch vereint ist, es doch erschauen können. Ich erkläre dieses so: Als der Ausfluss aus In und Yâng noch nicht begonnen hatte, so zeigten sich dessen ungeachtet diese zwei Principe als die Quelle alles Werdenden; es fand keine Vermischung Statt zwischen In und Yâng, sondern sie waren getrennt. Aus diesem einen Satze erhellt der in drei Momente zerfallende Grundgedanke4, man möge nur genau darüber nachdenken. Im Tong schu5 heisst es: Dasjenige, welches, wenn es ruht, sich nicht von selbst bewegen, wenn es sich bewegt, nicht von selbst zur Ruhe kommen kann, das ist eine Sache (res); dasjenige aber, welches (nach Lust) sich bewegt und nicht bewegt, ruht und nicht ruht, das ist Geist. Hieraus kann man Beider Natur erkennen.

Frage. Bewegung erzeugt Yâng und Ruhe In, oder (mit andern Worten) das Absolute ist die grosse Quelle; Bewegung und Ruhe sind gleichsam die Räder des Wagens. Das Absolute ist die Urkraft; die Urkraft kann aber nicht anders leben, als durch Bewegung und Ruhe; Bewegung erzeugt das bewegende und Ruhe das ruhende Princip. Die Urkraft wohnt in der Urmaterie und kann nicht seyn ohne Bewegung und Ruhe, ohne die Räder des Wagens. Ich gebrauche das Gleichniss eines Wagens, denn dieser bewegt sich bald, bald ist er in Ruhe; die Urmaterie ist auf dem Wagen; nach vollendeter Bewegung | ruht er und nach vollendeter Ruhe bewegt er sich wiederum. Ist dem also?

Antwort. So ist's.

Frage. Bewegung und Ruhe sind nicht die Norm, In und Yâng sind nicht das Fundament; denn die Bewegung besteht aus der von Oben sich herablassenden Ruhe zur Erzeugung[73] hienieden, und die Ruhe ist die Bewegung, die sich von Oben herabgelassen und (Alles) hervorgebracht hat. Kann man wohl diese Auseinandersetzung annehmen?

Antwort. Sicherlich.

Frage. Das Absolute bewegt sich und erzeugt Yâng, Yâng ist also eher, als die Bewegung. Man könnte sich wohl auch so ausdrücken: Zuerst muss die Kraft vorhanden seyn, ehe man sie gebrauchen kann. Geht diess wohl an?

Antwort. Die Kraft (potentia) war sicherlich das Frühere. Das Zweite nennt man Ruhe und diese erzeugt In. Hiermit will man bloss das wechselseitige, endlose Hervortreiben andeuten.

Um es mit einem Worte zu sagen: In und Yâng sind bloss die doppelte, gegenseitig in nothwendiger Beziehung stehende Ordnung; In selbst zerfällt wiederum in In und Yâng und Yâng ebenfalls in Yâng und In. Der Inbegriff des reinen Himmels ist das vollkommene männliche Princip; der Inbegriff der reinen Erde ist das vollkommene weibliche Princip. Obgleich das männliche dem Princip der Bewegung (Yâng) gleicht, so kann man dessen ungeachtet doch nicht sagen, dass es das Princip der Ruhe nicht ebenfalls in sich enthalte; obgleich das weibliche dem Princip der Ruhe gleicht, so kann man dessen ungeachtet doch nicht sagen, dass es das Princip der Bewegung nicht ebenfalls enthalte. Die Urmaterie des menschlichen Körpers gleicht dem bewegenden Princip, dessen ungeachtet enthält die Urmaterie | beide, In und Yâng; das Blut gleicht dem ruhenden Princip, dessen ungeachtet enthält das Blut In und Yâng.

Frage. Man könnte wohl In und Yâng, Bewegung und Ruhe zusammen, die grosse Kraft (das Urvermögen) nennen, deren Bewegung Yâng ist und Frühling und Sommer erzeugt, deren Ruhe In ist und Herbst und Winter erzeugt; man könnte sie wohl auch die Sonne nennen: der Tag ist Yâng und Bewegung, die Nacht ist In und Ruhe; man könnte sie auch die Zeit im Allgemeinen und jeden Augenblick im Besondern nennen: ohne Zeit weder Bewegung noch Ruhe, ohne Zeit weder In noch Yâng?

Antwort. Als In und Yâng weder Ruhe hatten noch Bewegung,[74] konnte schon Alles, das Schiefe wie das Grade unterschieden werden. Das Schiefe ward links Yâng und rechts In, das Grade ward oben Yâng und unten In; aus dem kraftvollen Streben ward Yâng, aus dem kraftlosen In; das Streben zu seyn ist Yâng, das vollendete Seyn ist In. Im Tsching mong heisst es: Die Urmaterie des ruhenden und des bewegenden Princips hat in umkreisender Bewegung das Gewordene hervorgebracht; alles Trennbare vollendeten sie (diese beiden Principe) wechselseitig, abwechselnd sich unterwerfend und abwechselnd herrschend. Sie rieben sich wechselseitig im Chaos und trieben sich gegenseitig hin und her. Das sehnsüchtige Eins war (für sich) nicht vermögend, deshalb waren die Genannten (In und Yâng) vonnöthen6.

| Frage. Heoutschy fragt: Wenn Yâng das Veränderliche und In das Bleibende ist, was heisst das nun, das Bleibende?

Antwort. Yâng tritt in Thätigkeit und aus ihm erfolgt In. In und Yâng sind aber in wechselseitiger Relation und beleben sich gegenseitig; das bewegende Princip ist gleichsam Osten und das ruhende Westen, Yâng ist gleichsam Süden und In Norden. Und so (bilden beide) ein gegenseitig in Beziehung stehendes Gewebe, wie Tag und Nacht, wie Hitze und Kälte; eins ist das Schiefe und eins ist das Grade. Diess ist das Verhältniss. Itschuan nennt diess die Wandelung, d.h. das wechselseitig correspondirende, umkreisend sich bewegende Fundament des In und des Yâng. Das wechselseitig in Beziehung stehende Gewebe, das noch vereinigte Fundament des In und Yâng kann (nach ihm) nicht Urkraft genannt werden, sondern Wandelung; denn diese umfasse die zwei Willen.

In und Yâng entstehen beide aus der einen Urmaterie: wenn die ruhende Urmaterie in Fluss geräth, entsteht das bewegende Princip; wenn die fliessende Urmaterie in Stockung geräth, entsteht das ruhende Princip. Als diese beiden gegenseitig noch keine Relation hatten, strahlte schon die Urkraft[75] hervor. Tscheou tse nennt sie, in der Tafel des Absoluten, die Mitte an sich.

| Als Form und Urmaterie noch in einander versenkt waren, bildeten In und Yâng vereint die Ordnung oder Norm (Tao). Die fünf Elemente hatten schon, als nämlich alles Uebrige noch nicht war, ihre Form, und zwar die zweite (nach Unten); In und Yâng hatten ebenfalls ihre Formation und ebenfalls nach Unten; indem aber In und Yâng vereint die Urkraft sind, so haben sie auch ihre Formation nach Oben. Die fünf Elemente haben zwar ihre bestimmte Formation nach Unten; indem sie aber ihrer Natur nach aus der Urkraft stammen, so haben sie auch eine Formation nach Oben7.

Frage. Es fragte Tsay tschang und sprach: Hat wohl der Himmel (eigentlich »die Spitze des Himmels«) eine Beziehung zu der Natur ausgezeichneter Menschen; hat wohl der Mond (eigentlich »die Aushöhlung des Mondes«) eine Beziehung zu der Natur gewöhnlicher Menschen? Sind die 36 Kong (6590) in den acht Kua und in den Hiao (3528) des In und Yâng enthalten8? Könnte man die Menschen und Dinge nicht auch nach den zwei Begriffen: gut und schlecht, eintheilen? Nochmals sprach er: Enthalten die 36 Kong die Reize (zum Guten und Bösen) und enthält der Mond auch solche Reizungen (die 36 Umkreisungen sind Frühling, ist deshalb auch der Mond Frühling!?).

Antwort. Das bewegende Princip ist das Gute und das ruhende Princip ist das Böse, wie diess oft genug die Vollkommenen und Weisen gesagt haben; denn aus der aufrecht stehenden absoluten Urkraft erfolgen die zwei Entgegengesetzten, gegenseitig in nothwendiger Beziehung Stehenden, und daraus erfolgt nun Jegliches, | das einem Jeden Eigenthümliche. Kang tsie setzt diess so aus einander. Er setzt nämlich die Urquelle der Dinge und fährt dann fort: Aus der graden Urmaterie[76] entsteht der Mensch, aus der gebrochenen entstehen die Dinge: diess ist die Trennung des ruhenden und des bewegenden Princips; daraus erhellt das Kleinste wie das Grösste, und in der That umfasst dieser eine Satz Alles9.

Frage. Tsay tschang fragte und sprach: Hat der Himmel eine Beziehung zur Natur (indoles) vortrefflicher und der Mond eine zur Natur gewöhnlicher Menschen? Dann heisst es auch: Mit In und Yâng kann man sehr gut (das Gute und Böse) erklären: das Böse entsteht aus In, das Gute aber aus Yâng, und diess ist der Inhalt der Kua des Fohi, dass nämlich aus Yâng das Gute und aus In das Böse entstanden sey. Wie oft haben dieses nicht die Weisen aus einander gesetzt! Aus der graden absoluten Urkraft sind die zwei Entgegengesetzten, nothwendig Correspondirenden hervorgegangen, woraus dann wiederum die Natur eines Jeden. Kann man diesen angeführten Ausspruch bezweifeln? Der Lehrer Kang tsie sagt: Himmel und Mond vereinigt sind das Gebrochene und Grade; (sie bezwecken) dass aus dem Streben das Viele hervorgehe und dass der Geist das Gradstehende sey. Ich weifs nicht, ob diess | sich so verhält oder nicht?

Antwort. Man kann aus einem der Nachwelt überlieferten Buche ersehen, dass das Gute wie das Schlimme aus der Urkraft des Himmels entspringt. Es erfolgt das Schlimme, weil es nun der Natur nach nicht anders möglich ist. Giebt es wohl Wasser, welches keinen Schlamm mit sich führt? Wenn durch den einen Fluss Yâng erfolgt, woraus nämlich die Gerechtigkeit fliesst, so hat es mit dieser Aeusserung der Urkraft noch kein Ende: die Fülle treibt nochmals zur Thätigkeit, und es entsteht das Schlimme, z.B. die Vögel Tschi-hiao und Fotao, so wie die schlimmen giftigen Kräuter und Medicinalpflanzen. Ist diess nicht die Weise des Himmels und der Erde, erzeugt diess nicht die Urmaterie des ruhenden und des bewegenden Princips? Ist's nicht so?

Aus dem vollen All ward alles Gewordene; In und Yâng[77] sind Ende und Anfang, Fülle und Mangel der Urmaterie. Das Princip der Bewegung beginnt im Norden, steigt im Osten und reift im Süden; das Princip der Ruhe beginnt im Süden, erreicht den Mittelstand im Westen und sein Ende im Norden. Deshalb ist das bewegende Princip links und die Kraft des zum Guten Erziehenden und Erhaltenden; es ist dasjenige, woraus das Feste, das Leuchtende, das Starke, das Gerechte (entspringt), mit einem Worte, es ist die Norm des Weisen. Das ruhende Princip | hingegen ist rechts und ist die Kraft barbarischer Verletzungen und traurigen Mordens; es ist dasjenige, woraus das Weiche, das Dunkle, das Schwächliche und Gewinnsüchtige (entspringt), mit einem Worte, die Norm gewöhnlicher Menschen. Der Vollkommene, der das Hitse (zum lking) verfertigte, (Kong tse) sagt: Durch die Linien der Kua sind die Grenzen des Hinzugehens und Wegschreitens, des Endigens und Beginnens gegeben. Mit diesem Satze hat der Vollkommene etwas Tiefes ausgesagt.

In und Yâng gehen aus der Urmaterie hervor; sie sind beständig in gegenseitigem Kampfe, und sie müssen immer im Kampfe seyn; daraus entsteht das Gute und das Böse, daraus der Ursprung des Verschiedenen. Deshalb hiess es oben: Die aus der Urmaterie entstehende Bewegung und Ruhe ist noch nicht die Ordnung (das Naturgesetz); In und Yâng sind nicht der Anfang, sie sind zusammen der Ursprung; sie sind nicht getrennt nach früher und später, sondern in Beziehung auf die Eigenschaft des Guten und Bösen, sie sind nämlich selbst die Formation des Guten und Bösen, und daraus entsteht wiederum die Natur des Menschen. Durch Erziehung kann man bewirken, dass die Neigungen des Menschen einzig und allein gut und nicht schlimm werden; vergebens wird man aber sowohl das Böse als das Gute ganz auszutreiben sich bemühen, indem, wie gesagt, sie sich gegenseitig durchaus nothwendig sind. Es ward aus einander gesetzt, dass In und Yâng die Formationen des Guten wie des Bösen in sich enthalten und dass sie sich gegenseitig nicht entbehren können: daraus folgt nun wiederum nothwendig, dass die Natur gewöhnlicher Menschen | deshalb schlecht ist, weil sie die guten Anlagen nicht ausbilden und hervorrufen; sie haben deren[78] denn durch In wird nothwendig Yâng beurkundet. Könnte man demnach nicht auch sagen: Der Weisen Leben ist gut, weil sie die bösen Neigungen nicht hervorrufen und diese demnach nicht hervortreten, obgleich sie dieselben haben, da durch Yâng nothwendig In beurkundet wird und man weiss, dass der Weise nicht die Urkraft selbst ist? Man kann sich auch so ausdrücken: Die vollendete Besiegung seiner selbst und der Selbstsucht ist die reine Gerechtigkeit und Urkraft, das nicht einander Weichende, sondern die Gradheit des ruhenden und des bewegenden Princips, wo das Gute ohne alle Zuthat des Bösen auf festem Fundamente ruht. Dessen ungeachtet steht fest, was wir oben gesagt haben, dass nämlich das Gute und das Böse sich gegenseitig nothwendig sind. Mit einem Worte, Gerechtigkeit und Vernunft, Reinheit und Maass haben ihre Grenzen; vereint oder getrennt berühren sie sich immerdar; sie wechseln endlos und sind überall nicht weit aus einander. Daher muss man, wenn vom Guten und Bösen, von In und Yâng die Rede ist, sich so ausdrücken: Stehen In und Yâng grade, so ist Alles gut; sind sie schief, so ist Alles böse. Es folgt der Ordnung gemäss aus Yâng das Gute und aus In das Böse, d.h. aus der Bewegung und Ruhe. Die Bewegung ist aber gleichsam nur der Gast, die Ruhe ist der Herr. In der aus einander gesetzten Ordnung erfolgt Alles. Man möge | diese Idee im Geiste verfolgen, um sie ganz zu erfassen. Man kann sie unmöglich in Worte bringen.

In und Yâng sind die Fülle zwischen Himmel und Erde; sie sind Tod und Leben, Enden und Beginnen, Schluss und Anfang aller Dinge. Sie mischten sicherlich (vor der jetzigen Zeit) im Mittelpuncte (des Alls) das Gestaltete mit dem Gestaltlosen; denn ein Nichts war nicht. Endlich nahmen aber die Formen festen Bestand, die im bewegenden und ruhenden Princip verborgenen. Mit einem Worte, ehe noch In und Yâng waren, lagen schon alle Dinge offenkundig da in der Urkraft; sie durchdrangen die Quelle des In und Yâng; da man jedoch die werdenden Dinge noch nicht unterscheiden konnte, so nannte man sie bloss In und Yâng. Man kann aber das ruhende und das bewegende Princip nicht von den Gestaltungen trennen, so dass man sie auch ausserhalb derselben erkennen könnte.

[79] In und Yâng sind in immerwährender Bewegung, ohne Unterlass: sie treiben alle Kräfte der Norm hervor; Nichts wird, als durch diese beide. Es ward schon aus einander gesetzt, dass sich Alles nur durch den wechselseitigen Beistand des ruhenden und des bewegenden Princips entwickeln kann. Diess ist die Ordnung, dass jedes Ding aus dem ruhenden und dem bewegenden Princip hervorgehe; diess neigt sich diesem und jenes neigt sich jenem. In und Yâng ist das Princip (Tuan 11,465), Bewegung und Ruhe ist die Form. | Die äusserste Bewegung wird Ruhe und die äusserste Ruhe wird Bewegung, deshalb ist im ruhenden Princip auch das bewegende und im bewegenden auch das ruhende enthalten; sie können als besondere sich nicht erhalten, und deshalb werden In und Yâng zusammen die Ordnung (Tao, 9945) genannt. Man könnte jetzt auch in Beziehung auf In und Yâng sagen: So lange das ruhende und das bewegende Princip noch nicht vereint wirkten, konnten die Dinge auch nicht werden; es war bloss eine Leere, – Nichts war vorhanden. Man kann diese Leere aber keineswegs ein Nichtseyn nennen und sie dem Tao gleichstellen; denn aus diesem Tao werden die Dinge. Wie nun das Tao an sich ist, kann ich nicht aus einander setzen; ich wollte bloss behaupten, dass es von dem Leeren nicht verschlungen werden kann. Durch scharfes Nachdenken wird man wohl finden, warum dieser Satz so (und nicht anders) aufgestellt wurde.

Die milde und vollkräftige Urmaterie erreicht ihren höchsten Punct im Osten und Süden; die rauhe und eisige Urmaterie erreicht ihren höchsten Punct im Westen und Norden. Die Li kia (Astronomen) sagen, dass Yâng in den Mitternachtsstunden (von 11-1) geworden und dass es in dieser Kua sich auch wiederum erneuet, dass In um die Mittagsstunden (von 11-1) geworden und dass es um diese Kua sich wiederum erneuet. Die Li kia sagen: Das eine Princip regiert mild im Osten und Süden, das andere herrscht gewaltsam im Westen und Norden; sie setzen hinzu, | diess bedeute die Kua. Von den drei Schulen (den Gelehrten, den Anhängern des Lao und des Fo) hat jede ihre Erklärung; aber die der Gelehrten und Astronomen sind so beschaffen, dass sie[80] sich wechselseitig gleichsam durchdringen. Die Worte, dass Etwas werde durch die Kua, oder herrsche durch die Kua, bedeuten dasselbe, und diese zwei Sätze widersprechen sich gar nicht. Es steht nun fest, dass man (beide Ausdrücke), wenn man sie vereinen will, auch vereinen kann und dass ihr Sinn im Grunde genommen derselbe ist. Jener Satz: Osten und Süden gehen durch das ruhende Princip hervor, bedeutet ganz dasselbe, wie: In herrscht mild; jener Satz: Westen und Norden gehen aus dem bewegenden Princip hervor, bedeutet ganz dasselbe, wie: Yâng herrscht kräftig. Daraus folgt, dass die Fülle des bewegenden Princips im Frühling und Sommer herrscht, dass aber Yâng nicht bleiben kann; dass die Fülle des ruhenden Princips im Herbste und Winter herrscht, dass aber In nicht bleiben kann, sondern, zu seinem Anfange zurückkehrend, die fortgehende Zeugung möglich macht. Es heisst: Das ruhende Princip geht aus Osten und Süden hervor, das bewegende aus Westen und Norden. Daraus folgt einerseits, dass In in dem höchsten Süden entspringt, dass seine Herrschaft endet, zu den Mittagsstunden und dass es in Fülle blühet im Osten; andernseits folgt ebenfalls daraus, dass Yâng | im höchsten Norden entspringt, dass seine Herrschaft endet zu den Mitternachtsstunden und dass es in Fülle blühet im Westen. Es wird festgesetzt: In beginnt und ruht im Osten und Süden, aus dessen Erstarkung wird Yâng erzeugt; In ruht hingegen im Westen und Norden. Das ist das Fundament der Kua; sie lehren, wie auf diese Weise die Ordnung und wie aus der gegenseitigen Erkräftigung der Kampf entstanden. Ehe noch In und Yâng begonnen hatten, war Alles, wie oben gelehrt ward, in Unordnung; Kraft und Gegenkraft konnten sich gegenseitig noch nicht durchdringen: die Menschlichkeit war noch nicht durch das feste Yâng geworden, so wie durch das weiche In noch nicht die (strafende) Gerechtigkeit. Es ist klar, dass aus diesen Beiden die Handlungen hervorgehen: Hervorbringen ist Sache der Menschlichkeit und Strafen Sache der Gerechtigkeit. Alle drei Schulen sind hierin einverstanden, Wie Himmel und Erde, obgleich sie Urmaterie enthalten, in Beziehung stehen zu dem weichen In, eben so hat das Strafen eine Beziehung zum Festen.[81]

Man erklärt die zwölf Kua folgendermassen: Yâng begann in den Mitternachtsstunden (von 11-1) und ward vollendet in den Morgenstunden (von 9-11); In begann in den Mittagsstunden (von 11-1) und ward vollendet | in den Abendstunden (von 9-11). In Beziehung auf die Urmaterie der vier Jahreszeiten heisst es: Yâng begann in den Morgenstunden (von 3-5 des Morgens) und ward vollendet in den Nachmittagsstunden (von 1-3 des Nachmittags); In begann in den Abendstunden (von 3-5 des Nachmittags) und ward vollendet in den Morgenstunden (von 1-3 des Morgens)10.

1

Hier habe ich beinahe ein ganzes Blatt des Chinesischen Textes weggelassen, das sich auf die Chinesische Ansicht von der Wandelung der vier Jahreszeiten und auf ihre sonderbare Physik bezieht; mit einer blossen Uebersetzung wäre auch dem Leser gar nicht gedient gewesen. Man muss nothwendig, um diese abgebrochenen Sätze zu verstehen, die sie erläuternden Stellen aus dem Singli gegenwärtig haben.

2

Wahrscheinlich in seiner Erklärung der Tafel des Absoluten.

3

Ich lasse hier zwei Zeilen weg, die eine das Werk Hongkiu's betreffende Bemerkung enthalten.

4

Eins Tai ky, Zwei Ausfluss des In und Yâng aus diesem, Drei Ausfluss aller Dinge vermittelst In und Yâng aus dem Tai ky oder Absoluten.

5

Tong schu (11,422, 9345) kann auch das allgemeine Buch, gleichsam die Bibel heissen; vielleicht ist es ein Kapitel der King.

6

Der Tsching mong, woraus diese Stelle entnommen ist, ist ein Werk des Philosophen Tschang tsai. Dieser lebte unter der Dynastie Song und starb 1077. Hist. gén. de la Chine, VIII. 292.

7

Das Wort Hing (3958), Form, Gestalt, schliesst immer den Begriff des Materiellen in sich, im Gegensatze zu dem Geistigen, dem Formlosen (Wu hing).

8

Diess bezieht sich auf die Eintheilung und die Lehren des Iking. Vergl. Chou king, traduit par Gaubil, S. 406. und meine Abhandlung in den Wiener Jahrbüchern der Literatur, B. 71 (1835). S. 144ff.

9

Diess bezieht sich ebenfalls auf den Iking. Auf den graden und gebrochenen Linien beruht die ganze Lehre dieses Buches; die Kua selbst sind bekanntlich bloss verschiedenartig zusammengesetzte grade und gebrochene Linien.

10

Der Leser wird an diesem sehr consequenten Unsinne schon genug haben, und ich lasse deshalb hier ein Blatt weg. Wenn man nur den Grundgedanken festhält, dass nämlich die Wärme (Yâng, das gute Princip) in der höchsten Kälte beginnt und diese (In, das böse Princip) wiederum in der höchsten Hitze: so wird man die Consequenz der Folgerungen leicht einsehen. Tschu tse setzt übrigens eine genaue Kenntniss des Iking bei seinen Lesern voraus.

Quelle:
Die Natur- und Religionsphilosophie der Chinesen. In: Zeitschrift für die historische Theologie. Neue Folge, Stück 1, Nr. 1, Gotha 1837, S. 68-82.
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