Himmel und Erde.

[55] Im All war anfänglich bloss die Urmaterie des ruhenden und des bewegenden Princips. Diese einzige Urmaterie bewegte sich, sie wirbelte hin und her, rieb sich hier und dort und rieb sich schnell, und schnellte reibend eine Masse Absatz aus. Ruhe ward nicht hieselbst, bis die Erde vollendet war im Mittelpuncte. Das Reinere der Urmaterie ward Himmel, ward Sonne und Mond und die verschiedenen Gattungen der Sterne. Alles sie Umgebende bewegt sich immerdar im Kreise herum; die Erde selbst aber ruht unbeweglich im Mittelpuncte; wäre diess nicht, so fiele sie herab.

Der Himmel bewegt sich rastlos; Tag und Nacht bewegt er sich im Kreise, und deshalb bleibt die Erde fest im Mittelpuncte. Würde der Himmel nur einen Moment ruhen, so würde die Erde alsdann nothwendig herabfallen. Nur durch die Schnelligkeit[55] der kreisenden Himmelsbewegung kann die abgeschleuderte Masse sich im Mittelpuncte ansetzen und verdichten. | Die Welt ist demnach der Niederschlag der Urmaterie; das Leichte und Reine wird der Himmel, das Schwere und Unreine die Erde.

Frage. Hat der Himmel eine feste Form oder nicht?

Antwort. Er ist nur der umkreisende Wind (oder Gesetz, das Wort kann Beides heissen), in ewiger Bewegung. Die Anhänger des Tao nennen ihn Kang fong (den unbiegsamen Wind, oder das unbiegsame Gesetz). Die Schin tschang (wahrscheinlich eine besondere Secte der Buddhisten) sagen, der Himmel habe neun Abtheilungen; wenn sich diese neun Theile trennen würden, so entstünde alles Unheil; so lange diess nicht geschieht, drehen sie sich beständig im Kreise. Abwärts gerichtet ist das Unreine und Dunkle der Urmaterie; das Höchste, aufwärts Gerichtete ist das Reine und Leuchtende.

Das All war Chaos, ehe es sich trennte in der Zeit. Ich halte dafür, dass nur die Zwei vorhanden waren: Wasser und Feuer, – aus dem schlammigen Absatze des Wassers ward die Erde. Jetzt noch, wenn man in die Höhe steigt und um sich blickt, haben Berge und alles Andere das Ansehen der Gewässer, und es scheint, als wenn Wasser oberhalb schwimme. Man nehme an, dass Anfangs das Innere sehr weich war und nach geraumer Zeit es sich erst verdichtete und hart wurde.

| Frage. Kann man wohl das Gleichniss von einherströmenden Wasserfluthen aufstellen, die Sand mit sich führen?

Antwort. So ist es. Aus dem dichtesten Schlamme des Wassers ward die Erde; aus der klarsten Reinheit des Feuers ward der Wind, Donner und Blitz, Sonne und Sterne und dergleichen.

Frage. Da seit dem Weltanfange bis jetzt noch nicht 10 tausend Jahre verflossen sind, wie hat es wohl vor dem ausgesehen?

Antwort. Vor dem war es nothwendig auch einmal so, wie jetzt, das ist klar.

Frage. Sind Himmel und Erde gleich vortrefflich oder nicht?

Antwort. Sie sind nicht gleich vortrefflich, wie sie auch keine gleiche Beziehung auf den Menschen haben. Als das[56] noch vereinigte Chaos sich bewegte, wurden sie in der ersten Ordnung; sie vollendeten alsdann Alles, die Menschen und Sachen.

Frage. Wie ging diess zu, als die Menschen zuerst wurden?

Antwort. Sie wurden durch die Urmaterie. Die heftige Bewegung der zweiten Potenz (Urmaterie), vereint mit den fünf Elementen, bildete die Formen. Die Anhänger des Schakia nennen dieses das spontane Heraustreten vom Nichtseyn ins Seyn. Dieses Heraustreten vom Nichtseyn in das Seyn ist allen Dingen eigen, den grössten, wie den kleinsten.

Als der wässerige Schlamm, als die Urmaterie des ruhenden und des bewegenden Princips sich noch nicht getrennt hatte, war das vereinte Chaos schwarz und dunkel; nach vollendeter Trennung, nachdem im Mittelpuncte freie Bewegung begonnen hatte, | ward der Weltenanfang leuchtend und hell, und die beiden in wechselseitiger Beziehung stehenden Formationen, Himmel und Erde, waren vollendet. Nach Schao kang tsie dauert eine Weltepoche 129,600 Jahre; ist diese Weltperiode von 129,600 Jahren vollendet, so beginnt Alles wiederum von Neuem auf dieselbe Weise. Man bedenke nur immer, was oben festgesetzt ward, dass weder Bewegung noch Ruhe die (ewige) Norm selbst ist, dass In und Yâng nicht das Princip selbst sind: wie sich die Nacht zum Tage verhält, wie das Kleine zum Grossen, so verhalten sich diese zu jenem. Als die fünf Berge, der sogenannte Aushauch der Urmaterie, dem wogenden Gewässer keinen Widerstand mehr leisteten und in der wechselnden Bewegung der Meeresmasse die Berge sich hoben und die Wasser sich senkten, wurden die Menschen und Dinge vernichtet. Aeltere Spuren dieser Vernichtung, d.h. der Jahrhunderte der grossen Leere, die Austerschalen kann man noch auf hohen Bergen sehen. Könnten diese wohl im Stein entstehen? Der Stein ist die Erde der gewesenen ehemaligen Zeiten, die Austern sind Gegenstände der ehemaligen Gewässer. Das Niedere verwandelte sich und ward hoch; das Weiche verwandelte sich und ward hart. Von diesem, dem Tiefsten der Forschung, kann man sich durch Erfahrung überzeugen.

| Frage. Als Himmel und Erde sich noch nicht getrennt hatten in der Zeit, war Alles hienieden schon vollendet oder nicht?

[57] Antwort. Alle Dinge waren in der Urkraft enthalten; aber nur durch Himmel und Erde wurden die Dinge. Mag diess nun 1000 oder 10,000 Jahre gedauert haben, von den ältesten Zeiten bis zu der Zeit (wo nämlich Himmel und Erde wurden): so war doch eine Trennung nicht eher möglich.

Die Erde ist in der That ein leeres Gefäss: der Himmel umgiebt ihre vier Enden, das Obere und das Untere; hier ist keine Leere, der Himmel erfüllt Alles. Die vier Enden der Erde, ihr Fundament hienieden steht dem Himmel gegenüber. Der Himmel ist das Gehäuse der Erde; seine Urmaterie dringt allenthalben durch, so dass, wie ich glaube, die Erde nur als das Unreinere des Himmels betrachtet werden könnte. Denn nur dadurch, dass seine Urmaterie in der Erde erscheint, wird die Erde im Raume sichtbar.

Der Himmel ist das Gehäuse der Erde; die Urmaterie des Himmels hat ein Streben gegen den Mittelpunct der Erde. Deshalb sagt Hong khiu: Die Erde ist die Linie des Himmels, er überschreitet sie nicht.

Frage. Weshalb nennt man den Himmel hoch und die Erde tief?

Antwort. Der Urmaterie des Himmels nicht für sich (sondern in Beziehung auf die Erde betrachtet) gebührt die Eigenschaft hoch. Auch wenn ein Mensch | über der Erde steht, gebührt ihm ebenfalls die Benennung hoch; die Erde ist aber vermöge ihrer Neigung unterhalb des Himmels. Auch könnte man so antworten: Nichts ist schwer ausserhalb der Erde; die Erde allein ist schwer, sie ist der Absatz der Urmaterie und deshalb auch tief.

Himmel und Erde sind eine Production des ruhenden und des bewegenden Princips: die sie erzeugende Urmaterie stützte sich ehemals auf In und Yâng.

Schao kang tsie sagt: Der Himmel stützt sich auf die Form und die Erde auf die Urmaterie, deshalb werden sie das Doppelte genannt. Wenn man die Entstehung des Himmels und der Erde im Geiste auffassen will, so kann man sich nur vorstellen, dass sie durch eine und dieselbe Ausathmung hervorgegangen sind. Als Himmel und Erde noch nicht herausgetreten[58] waren, hatte deren Form1 schon ihre Grenzen; ihre Urmaterie aber hatte noch keine Grenzen. Weil die Urmaterie Alles durchdringt, deshalb bleibt Alles auf der Erde und kann nicht zu Grunde gehen. Die Hervortretung der Urmaterie ist vonnöthen zur Gestaltung der Aussenseite der Körper; die Urmaterie dient dazu, die Erde in Bewegung zu bringen. Wäre auch sonst (ohne die Urmaterie) eine Bewegung vorhanden, so wäre sie doch nicht sichtbar.

| Die Zeiteintheilung, von uran bis jetzt, ist bloss durch den beständigen Fluss des ruhenden und des bewegenden Princips möglich, wie auch nur dadurch die Segmente oder Abschnitte möglich werden. Kang tsie sagt: Der Himmel wird von der Erde getragen und umgekehrt wird die Erde von dem Himmel getragen: Himmel und Erde tragen oder stützen sich wechselsweise. Der Himmel stützt sich auf die Form (Urkraft), die Erde stützt sich auf die Urmaterie, und diess ist die Quelle der Zeitabschnitte.

Frage. Stützt sich die Erde und der Himmel zugleich auf die Urkraft?

Antwort. Wenn man die Dinge bloss äusserlich auffasst, so könnte man wohl sagen, dass des Himmels Thätigkeit erst mit dem Daseyn der Erde begonnen habe.

Des Himmels ewiger Glanz verleiht der Sonne und dem Monde wandelbaren Glanz; ohne Himmelsglanz überfiele schwarze Nacht die Erde und dicke Finsterniss. Nur die Farbe des Himmels allein ist unwandelbar. Der Himmel ist der grosse Erzeuger der Dinge, und dieser grosse Erzeuger ist vonnöthen: er ist die Urquelle (für Alles), wie das Herz für die Eingeweide. Der Himmel, in einem Tage den festen Kreis umlaufend, regt sie alle auf, umrollend, und so ist er das grosse umrollende Fundament der Zeit und ihrer einzelnen Theile. Auf diese Weise entsteht das Frühere und das Spätere.

| Der Himmel drehte sich, ehe noch Aufgang und Niedergang daraus hervorging; er hatte die Neigung sich umzudrehen, ehe er noch umkreisend sich bewegte.

[59] Frage. Kang tsie fragte und sprach: Sind die vier Weltrichtungen äusserlich oder nicht?

Antwort. Von der Urkraft gilt weder innerlich noch äusserlich; die Form der vier Weltrichtungen enthält aber nothwendig Innerliches und Aeusserliches. Die Sonne ist im Frühling in gleichen Grenzen, im Herbst aber auf tieferem Standpuncte; die Sonne ist hell, wenn sie die Grenzen des Frühlings verfolgt, sie spendet dann in Fülle nach Oben und Unten. Dieses würde nicht Statt finden bei einer blossen Innerlichkeit der vier Weltrichtungen. Die Zeitrechnung findet Statt durch die Urmaterie: die Rechnung ist nur möglich durch die wechselnde Bewegung und Ruhe der Sonne, des Mondes und der Sterne; das bloss Innerliche, nämlich das Beharrliche, das nicht heraustritt, kann nicht gezählt werden2.

Frage. Ist die wirkende Kraft des Himmels und der Erde eine sich selbst bewusste oder nicht, ist sie blosse Ausdehnung und hat demnach kein Seyn?

Antwort. Die wirkende Ursache des Himmels und der Erde kann, der Vernunft gemäss, bloss eine sich selbst bewusste seyn; aber nicht auf die Weise, wie das Denken des Menschen, oder das Bewusstseyn der Erde. Itschuan sagt: Himmel und Erde haben keinen Geist, und doch produciren sie; vollkommene Menschen haben Geist, und doch sind sie nicht.

| Frage. Das Herz des Himmels und der Erde ist wohl die Urkraft des Himmels und der Erde, die Urkraft ist wohl die Normalurkraft und das Herz der herrschende, gebietende Fundamentalwille, oder nicht?

Antwort. Das Herz ist sicherlich der herrschende, gebietende Fundamentalwille, und das, welches man das Herrschende und Gebietende nennt, stammt aus der Urkraft. Die Urkraft ist aber; ehe noch das Herz heraustretend sich zertheilt, zertheilt sich die Urkraft heraustretend, dann entsteht das Herz.

Frage. Ist wohl das Wort Herz (in Beziehung auf den Menschen) gleichbedeutend mit dem Worte Ty (9992 Morrison) (in Beziehung auf den Himmel)?

[60] Antwort. Das Wort Mensch verhält sich zu dem Worte Himmel (Thian), wie das Wort Herz zu dem Worte Ty.

Frage. Als Himmel und Erde noch kein Herz hatten, so war wohl die Menschlichkeit das Herz des Himmels und der Erde; als sie aber ein Herz hatten, so mussten sie nothwendig denken und hatten Ueberlegung. Wie könnte es wohl anders seyn, als dass Himmel und Erde denken, da durch beide die vier Jahreszeiten und die Erzeugung aller Dinge auf einander folgen. Wodurch, bald so, bald anders, die ewige Ordnung des Himmels und der Erde besteht, sollte diess nicht denken?

Antwort. So ist es; daher nennt der Iking dieses das Herz des Himmels und der Erde, welches in seiner unwandelbar stehenden Grösse die Bewegung des Himmels und der Erde erzeugt. Wie könnte man nun sagen, | dass diese (Himmel und Erde) kein Herz (keinen nothwendig angebornen Trieb) hätten! Wie wenn z.B. das Thier oder die Frucht kein Herz (kein angebornes Gesetz) hätten, so müsste der Ochs ein Pferd hervorbringen können und der Apfelbaum Pflaumenblüthe tragen; diese weichen aber nicht von ihrer Bestimmung. Tsching tse sagt: Ty bezeichnet (in Beziehung auf den Himmel) das Herrschende, Keng (5006) die sich bewegende reinste Natur oder Seele, und dieser Name bezeichnet trefflich deren Unwandelbarkeit. Das Herz ist der Herrscher, wodurch nämlich Himmel und Erde in der Erzeugung der Dinge ein Herz (eine Norm) beurkunden. Als Himmel und Erde noch in keiner gegenseitigen Beziehung standen, war Unveränderlichkeit die Norm, es war nämlich bloss der Geist zur Erzeugung der Dinge vorhanden. Am Anfange ward die Urmaterie, dann wurden alle Dinge in rastlos umrollendem Ausfluss.

Frage. Tsching tse fragte und sprach: Himmel und Erde haben keinen Geist und können schaffen; die vollkommenen Menschen haben Geist und können doch Nichts schaffen?

Antwort. Wenn man sagt: Himmel und Erde haben keinen Geist, so heisst diess so viel: Himmel und Erde haben nur in so weit Geist, als daraus die vier Jahreszeiten und alle Dinge hervorgehen. Das Erhabenste in dem vollkommenen Menschen besteht aber in dem Gehorsamen der Urkraft und die Vernunft zu erleuchten. Die Norm des Himmels und der Erde ist, | dass[61] sie allenthalben alle Dinge belebe und doch selbst kein Leben enthält; die Norm vollkommener Menschen ist, dass ihren Seelenbewegungen alle Dinge gehorchen, dass sie selbst aber von den Dingen nicht bewegt werden. Diese Erklärung ist vortrefflich.

Frage. Werden nicht alle Dinge allenthalben durch ein vernünftiges, ordnungsgemässes Umrollen oder nicht?

Antwort. Der Geist des Himmels und der Erde dringt allenthalben durch alle Dinge. Sind die Menschen, alsdann ist der Geist der Menschen; sind die Dinge, alsdann ist der Geist der Dinge; entstehen Kräuter und Bäume, Geflügel und vierfüssige Thiere, alsbald erfolgt der Geist der Kräuter und Bäume, der Geflügel und vierfüssigen Thiere. So verhält es sich auch mit dem Geiste des Himmels und der Erde. Man wird jetzt wohl begreifen, was das heisst, wenn man sagt: diess hat Geist; man wird jetzt wohl begreifen, was das heisst, wenn man sagt: diess hat keinen Geist. Man kann diess wohl bestimmt denken, aber nicht aussprechen.

Als Himmel und Erde noch keinen Willen hatten, war das Streben der Dinge zum Werden ein Streben der Kraftlosigkeit; als aber Himmel und Erde Willen hatten, wurden alle Dinge in der umrollenden Schöpfung, wie eine Mühle sich immerwährend und unaufhörlich herumbewegt, (sie wurden) wie eine Mühle ordnungslos bald Grobes bald Feines hervorbringt. Auch könnte man sagen: Himmel und Erde verhalten sich so, wie wenn Jemand | zwei Tassen auf einander hält, die mit Wasser angefüllt sind und vermittelst der Hand sie immer zusammenhält. In diesem Falle bleibt das Wasser darin; zieht er aber die schützende Hand weg, so fliesst das Wasser heraus.

Der Himmel ist in seinen vier Grenzen und die Erde ruht in dessen Mitte. Könnte die Erde um einen Fussbreit vermindert werden, so würde auch die Urmaterie um einen Fussbreit vermindert werden. Menschen werden diess nicht erleben. Als die Formationen noch nicht vollendet waren, strebte schon das Obere nach Oben und das Niedere nach Unten, und aus diesem Grunde wurden alle Formationen vollendet. Wie noch mit den Trebern vermischter Wein, am Feuer gekocht, sich[62] absondert, so ward (sich sondernd) der Absatz aus der Urmaterie und alles Treffliche aus der Urkraft.

Die rastlose Umwälzung des Tages und der Nacht entsteht durch die doppelte, gegenseitig in nothwendiger Beziehung stehende Norm des ruhenden und des bewegenden Princips. Wogt die Urmaterie einher zur Erzeugung der verschiedenen Gattungen der Menschen und Sachen, dann erfolgt freie Herausströmung auf allen vier Seiten. Wie bei einer Mühle unaufhörlich eine freie Herausströmung auf allen Seiten Statt findet, so erzeugt unaufhörlich die endlos umkreisende Urmaterie des Himmels und der Erde | Menschen und Dinge. Aus ihr entsteht das Starke und das Schwache; denn es giebt hinfällige und kräftige Menschen und Dinge.

Das Wort Ty (9992) heisst so viel, als Urkraft (Li 6942) oder als Herrscher (Tschu 1218).

Das blaue Firmament (d.h. der Himmel), sich im Kreise ohne Ende herumdrehend, erzeugt jedes Ding. Wenn man nun sagt: der Himmel enthält den Menschen, so folgt daraus nicht, dass ihm (dem Himmel) auch alle Vergehen und Fehler (des Menschen) zuzuschreiben sind; würde man aber sagen: der Himmel ist nicht der Allgebietende, so geht diess wiederum nicht an. Diess mag nun Jeder, der da will, begreifen.

Frage. Ist der Gebrauch des Wortes Thian (für Himmel) nach den King oder nach den Tschuan | (d.h. nach den kanonischen oder andern Schriften)3?

Antwort. Man kann sich, der klaren Auseinandersetzung wegen, bald der Benennung: blaues Firmament (Tsang tsang, 10497), bedienen, bald der Benennung Gebieter, bald auch, wenn man genau verfahren will, des Wortes Urkraft.

Der Himmel hat eine Relation, oder stützt sich vermittelst der Urmaterie auf die Formation der Erde, und die Erde hat wiederum eine Relation, oder stützt sich vermittelst ihrer Formation auf die Urmaterie des Himmels. Der Himmel ist das Gehäuse der Erde, und die Erde ist bloss ein Gegenstand[63] innerhalb des Himmels. Der Himmel bewegt sich vermittelst der Urmaterie um die äussere Peripherie, und deshalb kann die Erde wie ein Balken | in der Mitte ruhen. Würde der Himmel nur einen Moment in der umkreisenden Bewegung nachlassen, so würde die Erde nothwendig herabstürzen. Man sagt kurz und treffend: So lange die Erde oben ist, ist der Himmel.

Himmel und Erde kennen kein Erbarmen, deshalb gehört ihnen das Opfer Louy (12,257 Basilius. Dieser Character fehlt im Morrison), das Opfer des unerbittlichen Todes.

Frage. Hat der Himmel eine feste Form oder nicht?

Antwort. Er hat keine, sondern die Urmaterie bewegt sich bloss sehr schnell im Kreise, wie der schnellste Wind. In der äussersten Peripherie bewegt sie sich ausserordentlich schnell im Kreise einher, so dass, wenn sie nur ein Wenig nachliesse, die Erde alsdann aus dem Mittelpuncte abweichen und herabstürzen würde.

Es ist eine Behauptung der Anhänger des Tao, dass an einem hohen Orte, 10,000 Li hoch, der Wind deshalb sehr stark sey, weil die Urmaterie (in dieser Höhe) sehr rein und schnell sey; an niedern Orten sey aber die Urmaterie dicht. Man kann sich Berge denken, dass kein Mensch in dieser Höhe aufrecht stehen kann, weil nämlich die Urmaterie zu schnell ist. Es ist ein Satz der Ly sao (11,932, 12,959), dass es neun Himmel gebe; die Tschu kia (4927, 2136) behaupten ebenfalls mit Unrecht, dass es neun Himmel gebe und dass man sie, wenn man streng forsche, auch sehen könne, indem alle neun dicht seyen4. Da nun alle dicht seyen, | so halte man dafür, dass der innere Himmel ebenfalls dicht sey, aber weniger (als die andern); der neunte sey dicht und zwar ganz ausserordentlich, er ist gleichsam die Schale; der innere bewege sich auch schneller.

Das anfängliche Werden der Dinge begann durch die freie Bewegung des ruhenden und des bewegenden Princips; aus beiden ward das bestehende Doppelprincip (das Männliche und das[64] Weibliche) vollendet. Sobald als aus der schaffenden und erzeugenden Urmaterie, gleichsam aus der prasselnden Bewegung, Etwas hervorgegangen war, z.B. eine Laus: so war auch alsbald das Doppelprincip, das Männchen und das Weibchen, vorhanden, und beide pflanzen sich dann, vermittelst des Saamens, reissend schnell fort. Auf diese Weise wird das Heraustreten aller Dinge vom Nichtseyn zum Seyn.

Die Wörter Thian und Ti (10,095, 9955) bezeichnen die Formation (des Himmels und der Erde) nach Unten (d.h. die ihnen eigene gröbere Substanz); die Wörter Kien und Kuen (5006, 6690) bezeichnen die Formation nach Oben (d.h. die dem Himmel und der Erde eigene feine Substanz). Thian und Ti ist die formelle Hülle Kiens und Kuens; Kien und Kuen ist die bewegende Natur Thians und Ti's5.

Des Kien Ruhe ist Selbstbeschauung (Tschuen 2197 B.), dessen Bewegung grades Ausströmen, deshalb heisst er auch der grosse Erzeuger; der Kuen Ruhe ist Versunkenheit in sich selbst, ihre Bewegung Beginnen, Oeffnen, deshalb heisst sie räumliche Erzeugerin. Die Quelle des Rechten (Kong tse) sagt: Kien ist das Eins und zwar das Vollkommene, | deshalb wird er der Ursprung und der Geist genannt; Kuen ist das Zwei und zwar die Leerheit, deshalb wird sie Ausdehnung und Raum genannt.

Ein Schüler verstand diess nicht, bat, fragte und sprach: Die zwei gegenseitig in Beziehung stehenden Abschnitte setzen deutlich das formelle Verhältniss aus einander; denn dadurch, dass man sich den Himmel als das Gehäuse der Erde nach Aussen denkt und die Erde innerhalb des Himmels, erklärt man zugleich, dass der Himmel die fundamentale Grösse ist und dass das Verhältniss der Urkraft zur Urmaterie Statt findet, dass die Erde aus diesem Grunde von dem Himmel bedeckt wird, weil die Urmaterie des Himmels zur Vollendung (nothwendig) in der Erde seyn muss. Die Erde empfängt nämlich dieses von der Urmaterie des Himmels, wodurch sie Raum[65] und Ausdehnung wird; sie ist die absolute Grösse, woraus jegliches Ding wird, die eine absolute Fülle, woraus alle Dinge nach der Reihe hervorgehen und hervorströmen. In diesem Betracht wird wohl Kien das Eins und diess das Inhaltsvolle (oder die Fülle) genannt; die Erde ist aber in der That, obgleich sie dicht ist, das Leere. Weil die Urmaterie des Himmels die Erde umfliesst, weil aus der Erde Alles hervor und wiederum zu ihr zurückströmt, in diesem Betracht wird sie Kuen, d.h. das Zwei und zwar die Leere genannt. Vergleichungsweise zu sprechen, so könnte man sich so ausdrücken; Die Erde als Form ist gleichsam die Lunge; wie das Princip (der Hebel) der Lunge, obgleich ihre Form dicht, die Leerheit ist (so auch bei der Erde). Deshalb | hebt und senkt sich in ihr das Princip der Bewegung, die Urmaterie, und obgleich sie Metall und Stein enthält, so hindert diess doch nicht, dass die Erde nicht durchaus von ihr (der Urmaterie) durchdrungen werde. Die Erde empfängt dasjenige von der Urmaterie, wodurch sie alle Dinge hervorbringt und erhält?

Antwort. So ist es. Der Himmel ist gleichsam die Spange, wodurch das äussere Gefäss zusammengehalten wird; er bedeckt Alles vermittelst der Urmaterie. In Betracht, dass er Anfang und Ende, Oeffnen und Schliessen, Vollenden und Beginnes bwirkt, wird er Kien, das Eins, der Inhalt genannt. Die Erde ist bloss das Vermittelnde: die Urmaterie geht und kommt, hebt und senkt sich in ihr, und weil sie das Leere ist, macht sie das Heben und Senken, das Kommen und Gehen der Urmaterie möglich. Wodurch die Erde bedeckt wird, das wird das grosse Fundament genannt; wodurch die Urmaterie des Himmels gehalten wird, das wird Raum und Ausdehnung genannt. Nicht deshalb kann der Erde Ausdehnung beigelegt werden, weil sie ernährt, sondern weil die ernährende Erde die Urmaterie des Himmels ertragen kann, deshalb nur kann ihr Raum und Ausdehnung beigelegt werden. Könnte nun der Erde Raum beigelegt werden, ehe ihre Form vollendet ist! Nur dadurch, dass die Erde von der Urmaterie des Himmels umfangen wird, kann ihr Raum und Ausdehnung beigelegt werden.

Frage. | Itschuan sagt: Der Himmel heisst Ti, weil[66] er durch sich selbst, weil er das Herrschende ist. Demnach ist also ein Herrscher?

Antwort. Der Himmel ist deshalb der Herrscher, weil sein Wesen ein sehr kräftiges und bewegliches ist, welches sich ohne Unterlass bewegt. Weil diess nun so beschaffen ist, so ist es nothwendig das Herrschende. Man vermag dieses wohl im Geiste zu erschauen, aber in Worte lässt es sich nicht fassen. Deshalb sagt auch Tschuang tse in den zehn Abschnitten (seines Werkes): Es ist einzig und allein die vollkommene Richtschnur; es ist einzig und allein der allenthalben Regierende. Ich aber erkläre: Man kann diess Alles hinlänglich erkennen durch die Urkraft6.

Lie tse sagt: Der Himmel spendet die Urmaterie, Sonne, Mond und Sternbilder; er bewirkt, dass die Urmaterie Licht enthält.

Frage. Werden Himmel und Erde vernichtet werden oder nicht?

Antwort. Da sie Form und Urmaterie haben, wie ist es möglich, dass sie nicht vernichtet würden! Wenn aber Eines vernichtet wird, so wird das Andere (also bloss Metamorphose).

Es ist ein Satz des Kang tsie, dass Himmel und Erde in gegenseitiger Relation stehen, und dieser Satz ist näher erläutert in der Erklärung der Tafel des Absoluten von Tscheou tse7. | Tsching tse sagt: Bewegung und Ruhe sind nicht die Norm, In und Yâng sind nicht das Princip, das Rechte, Eine, Höchste: könnte dieses die Astronomie nicht erschauen?

Antwort. Kang tsie's Wort verhält sich ganz recht, und auch die Forschungen der Astronomen muss man beachten. Man wird alsdann das Feinste und Verborgenste erkennen, wie der Commentar über das Kapitel Youeling im Liky sagt.[67] Eben so muss man die Beobachtungen der Mathematiker unter der Dynastie Tsin beachten.

Frage. Geht das Reine und Unreine zusammen aus der Urmaterie hervor, hat das Harte wie das Weiche, das Schöne wie das Hässliche sein Princip in der Urmaterie, oder steht das Reine und Unreine in Beziehung zum Himmel, das Harte und das Weiche aber, das Schöne und das Hässliche zur Erde?

Antwort. Tschin lao ong sagt: Die Urmaterie des Himmels ist auch das Fundament der Erde. Diess ward schon mehrmals aus einander gesetzt.

Im Himmel und auf der Erde sind die Klassen aller Bildungen; jegliches Ding hat seine Bestimmung. Würde der Himmel oberhalb still stehen, so würde die Erde alsbald herabstürzen und Nichts würde existiren können; denn nur durch dieser Wirken sind die Dinge vorhanden. Deshalb heisst es im Iking: | Die grosse Tugend des Himmels und der Erde ist die Zeugung, und Tsching tse sagt: Durch die Zeugung des Himmels wird die Norm; und ein anderes Mal betrachtet er sie (die Norm) wiederum als das Herz des Himmels und der Erde; auch nennt er sie die Ordnung der Bewegung und, um ganz deutlich zu werden, die Urkraft, so dass nämlich durch die Zeugung die Norm wird; ehe aber noch die Zeugung geworden, war schon Tao. Als Kang tsie dieses hervorbrachte, erwiederte darauf Ju tsiao und sprach: Man behauptet (mit Recht), Himmel und Erde stützen sich gegenseitig, die Form hat Grenzen, die Urmaterie hat aber keine Grenzen und das Höchste ist die Urkraft. Diese Auseinandersetzung ist ganz der Vernunft gemäss, und deshalb erklärt Itschuan dieses auch auf diese Weise.

1

Form (Hing) ist hier und im Folgenden überall gleichbedeutend mit Urkraft (Li).

2

Diese Antwort bezieht sich auf die höchst sonderbare Chinesische Physik. Ich gestehe, den Sinn dieses Satzes nicht ganz begriffen zu haben.

3

Alle Chinesische Werke sind entweder King oder Tschuan: eine Benennung, die ganz unserer herkömmlichen Eintheilung von heiliger und Profanliteratur entspricht. Nur weiss der Chinese Nichts von einer Inspiration. Die Charactere sind abgedruckt in Klaproths Supplément, S. 77.

4

Ich konnte in den mir zugänglichen Chinesischen Werken Nichts, weder über den Ursprung noch über die andern Ansichten dieser Secten Etwas auffinden. Die neun Himmel sind namentlich aufgeführt in Klaproths Supplément, S. 126.

5

Diese Spaltung des Reinen und Unreinen, nicht allein im Himmel und in der Erde, sondern auch in den einzelnen Elementen, findet sich auch im Parsismus und daraus in der Lehre des Mani. Vgl. Neander, Allgem. Gesch. der christl. Religion u. Kirche, I, 2. 828 fg. grössere Ausg.

6

Tschuang tse ist ein bekanntes Haupt der Secte Tao; er erscheint immer in Verbindung mit Lao tse. Histoire gén. de la Chine, VIII. 311. Tschuhi setzt hier dem Unbegreiflichen der Taosecte seine Urkraft entgegen, woher er vermeint Alles erklären zu können.

7

Diese Erklärung der Tafel des Tai ky befindet sich bei vielen Ausgaben des Iking, und ist das bekannteste Werk des berühmten Tscheou lien ky.

Quelle:
Die Natur- und Religionsphilosophie der Chinesen. In: Zeitschrift für die historische Theologie. Neue Folge, Stück 1, Nr. 1, Gotha 1837, S. 55-68.
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