Enslin, Adolph; Enslin, Theodor Christian Friedrich

[222] Enslin, Ad. und Th. Adolph Enslin wurde am 1. Februar 1826 in Berlin geboren, empfing den ersten Unterricht in der Elementarschule von Kupsch und kam dann auf das Cöllnische Gymnasium, das er bis zur Prima besuchte.

1842 entschied er sich, den Stand seines Vaters Th. Chr. Fr. Enslin zu ergreifen und trat in die buchhändlerische Lehre zu Carl Bädeker in Koblenz. Nach Beendigung der Lehrzeit kehrte er nach Berlin zurück, um seiner Militärpflicht im 2. Garde-Regiment zu Fuß zu genügen und Vorlesungen an der Universität zu hören. Seine Wanderjahre führten ihn vorerst nach Pest, wo er in Heckenasts Buchhandlung bis 1849 verweilte; zuletzt unter erregenden Verhältnissen und Eindrücken in den hochgehenden Wogen der ungarischen Revolution. – Nach kurzem Aufenthalt im Elternhause trat Enslin in das Kommissionsgeschäft von K. F. Köhler in Leipzig für die Dauer eines Jahres ein. »Hier«, sagt W. Hertz in dem Enslin gewidmeten Nachruf, »trat er in einen regen anregenden Verkehr mit gleichgesinnten und gleichstrebenden jungen Buchhändlern, der wie alle von ihm geschlossenen Freundschaften und Bündnisse sich bis in sein späteres Leben hinein als getreu und erfreulich erwies, so mit A. Refelshöfer, Franz Wagner, Carl Voerster, O. Bonde und Adolph[222] Müller in Gotha. Hier trat er ein in die Freundschaft seines Vaters zu Wilhelm Engelmann, einem Zögling der Enslinschen Buchhandlung, der von nun an in Freud und Leid ihm zur Seite stand, bis der gereifte junge Freund die Liebe und die Teilnahme, die er erfahren, in unermüdlichen Erweisungen einer herzlichen Freundschaft vergelten konnte. Das Haus von Teubner, das von Fr. Fleischer, des Jugendfreundes von Th. Enslin, stand ihm offen. Adolph fand durch seinen guten Namen, seinen ernsten, tüchtigen Charakter und Sinn in seiner freundlichen Jugend überall eine bereiteste Aufnahme und Förderung; es entstand in ihm die treue Liebe zu Leipzig, die er später bewies, wenn er Vorurteilen oder oberflächlichen Abneigungen, übereilten, nicht wohl begründeten Bestrebungen, die auf Leipzig zielten, begegnete.« Nach dreimonatlichem Aufenthalt in Paris kehrte Enslin nach Berlin zurück, um am 15. April 1851 ein Sortimentsgeschäft zu begründen, das er in einem kleinen Lokal Unter den Linden eröffnete.

Bereits am 15. November 1851 übernahm Adolph Enslin käuflich das Verlagshaus Theod. Christ. Friedr. Enslin, behielt aber für sein Sortiment die bisherige Firma bei. Theodor Chr. Fr. Enslin war am 13. 11. 1787 als Landpastorssohn zu Klein-Sulz bei Ansbach geboren, doch starb der Vater schon, als Th. Enslin kaum 6 Jahre alt war. Des Vaters Nachfolger im Pfarramte behielt den Knaben und gab ihm eine gute Erziehung. Zum Beruf des Buchhandels gelangte er eigentlich im Postwagen; seine Schwester machte auf der Reise zu seiner Konfirmation, der sie beiwohnte, die Bekanntschaft des Stuttgarter Buchhändlers C. W. Löflund, der sich erbot, den Bruder als Lehrling in seine Handlung aufzunehmen. Enslin kam nach Beendigung seiner Lehrzeit erst nach Leipzig, ging dann nach Göttingen, Berlin, Gießen und endlich wieder nach Berlin zurück, wo er 1817 seinen Verlag begründete.

1824 hatte er in Landsberg a. W. eine Filiale begründet, die 1827 an C. G. Ende verkauft wurde.

Das Sortiment der Enslinschen Buchhandlung wurde an Dr. Moldenhawer, den Besitzer eines 1827 gegründeten Verlags verkauft. Von diesem erwarb es 1832 Ferdinand Müller (gest. 22. 9. 1875). 1843 trennte Müller Sortiment und Verlag, verkaufte ersteres an Ferdinand Geelhaar (seit 1869 unter der Firma Julius Münnichs Buchhandlung fortgeführt) und betrieb seinen Verlag weiter unter der Firma G. W. F. Müller. Der Verlag Müllers besteht hauptsächlich aus Schulbüchern, wie z.B. die bekannten[223] A. Böhmeschen Rechenbücher; ferner verlegte er G. Naumanns Geographie des preußischen Staates; Gesetzsammlung des Norddeutschen Bundes; naturwissenschaftliche und theologische Schriften, dann das große Werk Sammlung der Architekturdenkmale etc., vorzugsweise in Italien vom IV.-XVI. Jahrhundert, 328 Kupfertafeln, in Folio 100 Mk. u. a.

Der Verlag Enslins diente zumeist den Wissenschaften der Medizin und den Naturwissenschaften, ohne die Erzeugnisse anderer Wissenschaften, namentlich Schulbücher, grundsätzlich auszuschließen. Unter den medizinischen erfreuten sich eines besonderen Wertes die Werke von Hecker, des Lehrers der Geschichte der Medizin, der Chirurgen Blasius (Handwörterbuch der gesamten Chirurgie, 4 Bde. 1836-38), Richter, Dieffenbach, Troschel, des Psychiaters Ideler, des Morphologen Schmidt, des Pathologen Sundelin, des Orthopäden Werner, lauter Namen besten Klanges. Was Umfang betrifft, war wohl Rusts Handbuch der Chirurgie in 18 Bänden das bedeutendste Produkt seines Verlags. Aus den Werken anderer Wissenschaften seien erwähnt die Entomologie und die Naturgeschichte (Burmeisters Handbuch der Entomologie 1835-55); die Himmelskunde Diesterwegs; die Lehr- und Schulbücher von Fölsing, Bonnel, Drogan, Hörschelmann; die Schriften des Gefängniskundigen N. H. Julius; der Philologen Bötticher, August Meineke; des Mathematikers Ohm; der Theologen Rheinwald, Marheineke; Fr. Buchholz, Journal von und für Deutschland 1817-35; desselben Geschichte der Europäischen Staaten in 22 Bänden 1814-37; Flaxmanns Umrisse zu Homer; A. G. Kästners poetische Werke und endlich L. Erks Deutscher Liederhort und Liederschatz. Ferner wären die beiden Zeitschriften »Medizinische Zeitung« und die »Zeitschrift für Gymnasialwesen« zu nennen.

Daneben war Theodor Enslin auch selbst litterarisch thätig, er gab neben dem »Berliner litterarischen Anzeiger« 16 wissenschaftliche Fachkataloge heraus, die später von seinem Zögling Wilhelm Engelmann in Leipzig fortgeführt wurden.

Theodor Enslin hat sich um die Geschicke des Buchhändler-Börsenvereins verdient gemacht. Sein Hauptverdienst war die energische, sichere und besonnene Leitung der ganzen Börsenvereinsangelegenheiten, sein Vorsitz bei den Beratungen über die »Vorschläge zur Feststellung der litterarischen Rechtsverhältnisse in Deutschland«, womit die Abschaffung des Nachdrucks im ganzen Umfange des deutschen Bundes mit Erfolg vorbereitet wurde, und seine vorwiegende Teilnahme an der Ausarbeitung der 1838 von der[224] Kgl. Sächsischen Regierung bestätigten Statuten des Börsenvereins, durch welche dieser erst einen gesicherten Bestand gewann. Diese gemeinnützige Thätigkeit trug ihm neben fürstlicher Anerkennung auch das Ehrenbürgerrecht der Stadt Leipzig ein. – Enslin starb am 22. Mai 1851.

Es war für Adolph Enslin nicht leicht, das ausgedehnte Verlagsgeschäft seines Vaters weiterzuführen, doch hat er in den einunddreißig Jahren seiner Thätigkeit eine große Anzahl neue Verlagsartikel hinzugefügt. Er begründete die Zeitschriften: »Annalen des Charité-Krankenhauses«, eine Zeitschrift für die Arbeiterfrage, die »Concordia«. Er verlegte Fröbels gesammelte Schriften; die Schulbücher von Beeskow, Deuschle, Fabrucci, Hollenberg, Küster, Netzlaff, Brennecke u. A. Zu den medizinischen Werken fügte er hinzu die Braunschen Bäderbücher; ferner verlegte er Schriften von Esse, Baer, Starke, Esmarch, Virchow, Gurlt, Brinkmann, Löffler, E. Müller, L. Meyer. Ferner brachte Enslin die Schriften des hervorragendsten Kenners des Urheberrechts, Otto Dambach, die kulturgeschichtlichen und sprachlichen Werke Frischbiers u.a.m. in den Handel.

Aus seiner Feder flossen: eine Abhandlung über internationale Verlagsverträge und eine Sammlung von Liedern und Gedichten aus der Zeit des französischen Krieges, sowie 1880 »Die ersten Theateraufführungen des Goethischen Faust«.

Eifrig widmete auch er sich dem Gemeinwesen des Buchhandels, der Organisation desselben, der Verwaltung der Korporationen, der Herrichtung zweckmäßiger Einrichtungen und den Versuchen zur Verbesserung derselben. Enslin war Mitglied der Heidelberger Konferenz zur Beratung eines internationalen Normalvertrages, er beteiligte sich an den mehrfachen Konferenzen über den Brockhausschen Antrag auf Herausgabe einer Geschichte des Buchhandels in Leipzig, Halle, Koburg, welche unter seiner Leitung stattfanden.

So waren Enslins Verdienste als langjähriges Mitglied des Vorstandes des Börsenvereins während zehn Jahren und der Korporation der Berliner Buchhändler als deren Schatzmeister von der mannigfachsten und wertvollsten Art.

Mit ganz besonderem Ernste und mit großer Neigung betrieb er seine Mitgliedschaft des Litterarischen Sachverständigen-Vereins, daneben widmete er Kraft und Zeit dem Gustav Adolph-Verein und vor allem dem Central-Verein für die Pflege verwundeter Krieger in den Kriegen 1864, 66, 70, 71.[225]

1876 gab Adolph Enslin seine Sortimentsbuchhandlung an Alexander Bath ab, der sie mit der Mittlerschen Sortimentsbuchhandlung vereinigte.

Am 25. Juni 1882 starb Adolph Enslin, seine Witwe trat das Verlagsgeschäft an Richard Schoetz ab. Letzterer hat 1888 einen Teil dieses Verlages an Emil Goldschmidt verkauft, der damit eine neue Firma begründete; ein anderer Teil war schon früher an Rudolf Winkler in Leipzig übergegangen.

Quellen: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 1851, 1882 (W. Hertz).

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 2. Berlin/Eberswalde 1903, S. 222-226.
Lizenz:
Faksimiles:
222 | 223 | 224 | 225 | 226
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Unsühnbar

Unsühnbar

Der 1890 erschienene Roman erzählt die Geschichte der Maria Wolfsberg, deren Vater sie nötigt, einen anderen Mann als den, den sie liebt, zu heiraten. Liebe, Schuld und Wahrheit in Wien gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

140 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon