Grote, Gustav

[338] Grote, G. 1659 wird als Gründungsjahr der G. Groteschen Verlagsbuchhandlung in Berlin genannt. In diesem Jahre legte Buchdrucker Bernd Wolfard, Bürger und erster Buchtrucker in Hamm, eine Druckerei an und hat als »illustris Gymnasii typographus« allerlei Werke, Reden und Streitschriften der Professoren gedruckt. Seit 1690 befand sich das Geschäft im Besitze von Anton Jakob Utz und wurde von 1740 ab von dessen Sohn Friedrich Wilhelm Utz fortgeführt. Durch Erbschaft fiel es 1785 an H. J. Grote, dem 1820 Heinrich F. Grote (gest. 1845) folgte. Dieser errichtete im gleichen Jahre eine Buchdruckerei in Arnsberg, die später von seinem Neffen Heinrich Grote geleitet wurde und 1875 an Hofbuchdrucker F. W. Becker (gest. 1894) überging, von diesem unter seinem Namen fortgeführt wurde und sich zur Zeit im Besitze von dessen Erben befindet.

Im August 1849 verband Heinrich Grote in seiner Vaterstadt Hamm mit dem Verlage eine Buchhandlung, die dann 1850 sein Bruder Gustav Grote (gest. 1856) übernahm und unter seinem Namen fortführte. Dieser hatte seine buchhändlerische Lehre bei Bädeker in Essen durchgemacht, war drei Jahre Geschäftsführer der Buchhandlung Amberger in Mülheim, ging dann nach Bonn, um endlich das eigene Geschäft zu übernehmen. (1855 eröffnete er in Dortmund ein Zweiggeschäft, das seine Witwe 1856 an W. Joedicke abtrat.) Sein Nachfolger war Carl Müller-Grote (geb. 31. 10. 1833), der das Hammer Geschäft am 7. 3. 1859 käuflich erwarb. Müller-Grote, den seine Wanderjahre nach Minden, Kassel[338] und Stuttgart geführt hatten, war bereits 11/2 Jahre im Geschäfte seines Vorgängers thätig gewesen, als er es übernahm. Neben dem Sortiment, für das er G. Grotesche Buchhandlung (C. Müller) firmierte, begann er auch den Verlag zu pflegen. 1862 erwarb er die Rich. Neumeistersche Verlagshandlung in Leipzig, die 1858 durch Ankauf eines Teiles des Verlages von Otto Spamer gegründet worden war. Ein Jahr später erwarb Müller-Grote den Verlag von Max Hirsch in Berlin, der 1861 durch Ankauf eines Teiles der in Konkurs geratenen Firma Meidinger Sohn & Co. in Frankfurt a. M. ins Leben gerufen worden war.

Bei der wachsenden Ausdehnung seines Verlages war eine Trennung vom Sortiment geboten, die auch 1865 erfolgte und zwar in der Weise, daß Müller-Grote die Druckerei und 1878 auch das Sortiment an Julius Griebsch überließ, er selbst aber mit seinem Verlage nach Berlin übersiedelte. Am 11. Mai 1896 trat Dr. Gustav Müller-Grote in das Berliner Geschäft als Teilhaber ein. –

Julius Griebsch war am 5. Juni 1820 in Breslau geboren; er starb am 2. Januar 1890 in Hamm. Seine Schulbildung erhielt er auf dem Gymnasium Magdaleneum seiner Vaterstadt, worauf er mit dem fünfzehnten Jahre in die W. G. Kornsche Offizin daselbst eintrat. Nach bestandener fünfjähriger Lehrzeit verließ er mit dem Felleisen auf dem Rücken Breslau, um seine erste Kondition in der Franz Gastlschen Buchdruckerei in Brünn anzunehmen. Nach fast zwiejährigem Wirken ergriff ihn jedoch die Wanderlust; per pedes apostolorum durchmaß er fast ganz Italien, bis ihn sein Weg nach Ulm führte, wo er zunächst in der G. Sellmerschen Buchdruckerei als Schriftsetzer eintrat, später in der Walterschen Offizin die Faktorstelle erhielt. Hier wurde ihm eine Stelle in der Hofbuchdruckerei von Creuzbauer & Hasper in Karlsruhe angeboten; doch nach halbjährigem Verbleiben verließ er auch diese Stadt, um ein Angebot aus Hamm i. W. anzunehmen, welches ihm die selbständige Leitung der Groteschen Buchdruckerei antrug.

Durch unermüdliches Streben hatte er sich das Vertrauen seines Chefs erworben, und als letzterer am 16. Januar 1856 starb, führte Griebsch namens der Witwe die Buchdruckerei, nach abgelegtem Buchhändlerexamen 1857 auch die Buchhandlung als Disponent fort und wurde nach Eintritt Müller-Grotes in das Geschäft als Teilhaber in den Verlag des Westfälischen Anzeigers und die Grotesche Buchdruckerei aufgenommen, welche letztere von da ab die Firma Grotesche Buchdruckerei (Griebsch & Müller) führte.[339] Das Sortiment ging 1892 an Emil Griebsch über, der es unter seinem Namen fortführte. –

Die Grotesche Verlagsbuchhandlung ist von ihren Besitzern in planvoller Arbeit zu einem der umfangreichsten und vornehmsten Berliner Verlagsgeschäfte ausgebaut worden. Mit dem Jahre 1868 begann sie mit großem Erfolge den Verlag illustrierter – der ersten – Klassiker-Ausgaben (Schiller, Goethe, Chamisso, Körner, Lessing, Shakespeares dramatische Werke), die auch in nichtillustrierten Ausgaben aufgelegt wurden und denen sich anschlossen die von Grabbe, Grün, Kopisch, Bürger, Hauff, Hebel sowie Scotts Romane. Naturgemäß fehlt auch eine umfangreiche Sammlung der Einzeldichtungen in prächtiger Ausstattung nicht. – 1875 erschien der erste Band der jetzt bis zum 77. gediehenen »Groteschen Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller« mit Werken von Wilhelm Raabe, Julius Wolff, Fr. Bodenstedt, An. Grün, Herm. Lingg, Jul. Grosse, Theodor Fontane, Wilh. Jordan, Ernst Eckstein, Anton Springer, Ant. Ohorn, Gräfin Haugwitz, Ludw. Ganghofer, M. Janitschek, K. Telmann, Gustav Frenssen, H. Steinhausen u. a. Gustav Frenssens heute so bekannter Roman »Jörn Uhl« hat bereits nach 14 Monaten eine Verbreitung von über 80000 Exemplaren gefunden, die Jul. Wolffschen Dichtungen sind in über 570000 Exemplaren verbreitet u.s.w. – Unter den Anthologien nimmt das Bodenstedtsche »Album deutscher Kunst und Dichtung«, 1. Aufl. 1867, die erste Stelle ein. Ihm schließen sich an G. Scherers Liederborn, Hebbels Gedankengold, Ritterhaus' Spruchperlen, Des Knaben Wunderhorn etc. Etwas ganz neues führte Grote seiner Zeit mit seinen billigen Prachtwerken auf den Markt: Chamisso, Frauen-Liebe und Leben; Fouqué, Undine; Goethe, Faust, erster Teil; Hermann und Dorothea; Heine, Buch der Lieder; Hiddemanns Illustrationen zu Fritz Reuter; Horns Buch von der Königin Luise; Pauwels und Thumann, Lutherbilder auf der Wartburg; Schillers Gedichte; Shakespeare-Galerie; Tegners Frithjofs-Sage; Tennysons Enoch Arden; Voß, Luise; Wolff-Album etc. – Das Gebiet der Kunstgeschichte verzeichnet hervorragende Tafelwerke und Kunsthistorik von W. Bode, R. Dohme, F. X. Kraus, Fr. Lippmann, Ant. Springer, H. Thode u. a. Hierher gehört auch das bekannte »Jahrbuch der Königl. Preuß. Kunstsammlungen«, das seit 1880 erscheint. – Ziemlich umfangreich ist auch der Schulbücherverlag, unter denen die Namen Hopf, Paulsiek, Meidinger, Reidt und Wendt wohl am bekanntesten sind. – 1900 wurde von der Firma die 1879 gegründete Verlagsbuchhandlung[340] von Freund & Jeckel in Berlin, angekauft und ihr dadurch u. a. zugeführt die Werke von Julius Stinde, Wildenbruch, Paul Lindau u.s.w. –

Im Debit der G. Groteschen Verlagsbuchhandlung wurde 1877 von Hofrat Max Baumgärtel, (geboren am 28. 4. 1852 in Halle als Sohn des Buchhändlers Eduard Baumgärtel) der bekannte Verlag historischer Werke begründet. Baumgärtel, einer unserer hervorragendsten Buchhändler aus der alten guten Schule, war bereits seit Mitte der siebziger Jahre stiller Teilhaber der Groteschen Firma. Ueber die weltbekannte große Onckensche »Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen« wird im Nachwort zum letzten Bande Folgendes ausgeführt: »Die »Allgemeine Geschichte in Einzeldarstellungen« ist entsprungen dem frischen Strome des neuen kraftvollen Geisteslebens, das in den ersten Jahren nach der Errichtung des neuen Reiches auf den verschiedensten Gebieten anbrach. Jene große Zeit gab die Grundbedingungen für Erzeugung und Durchführung eines solchen Werkes: geistigen Schwung, Kräfte und Mittel zur Ausführung, Empfänglichkeit für die Aufnahme. Die Idee eines großen illustrierten universalhistorischen Werkes, die von Max Baumgärtel ausging und von ihm 1874 bearbeitet wurde, fand ihre erste Erörterung zwischen ihm und Professor Dr. Wilhelm Oncken im Juni 1875 in Gießen und damit zugleich die Anfänge ihrer Ausgestaltung zur »Allgemeinen Geschichte in Einzeldarstellungen«. Im unmittelbaren Anschluß daran wurden die Grundzüge des Arbeitsplanes entworfen und auf Grund derselben alsbald die ersten Verträge mit den Mitarbeitern geschlossen. Im Herbste 1878 begann das Werk zu erscheinen und nach fünfzehn Jahren und einigen Monaten hat es in 45 starken Bänden seinen programmmäßigen Abschluß gefunden«. – Das monumentale Werk, von dem eine Reihe von Bänden bereits in zweiter Auflage vorliegen, behandelt die Weltgeschichte vom grauen Altertum bis in unsere Tage. Einen besonderen Vorzug besitzen diese Werke in dem reichen Schatze ihrer nach wissenschaftlichen Grundsätzen angelegten und ausgeführten authentischen Illustration. Das Gesamtwerk, das einen Ladenpreis von 795 Mk. 40 Pfg. hat, zählt zu seinen Mitarbeitern die klangvollsten Namen der historischen Forschung: Felix Bamberg, F. v. Bezold, Alex. Brückner, Const. Bulle, Felix Dahn, G. Droysen, Joh. Dümichen, Bernh. Erdmannsdörffer, Th. Flathe, Ludw. Geiger, Gust. Hertzberg, O. Holtzmann, F. Hommel, E. O. Hoppe, Frd. Justi, B. v. Kugler, S. Lefmann, Ed. Meyer, A. Müller, W. Oncken, M. Philippson,[341] K. Pietschmann, H. Prutz, S. Ruge, Th. Schiemann, B. Stade, A. Stern, Ed. Winkelmann, Georg Winter, Adam Wolf und H. v. Zwiedineck-Südenhorst. Weitere wertvolle Geschichtswerke, ebenfalls Baumgärtels Initiative entsprungen und von ihm in eigener Arbeit vorbildlich illustriert, schlossen sich diesem an: die zwölfbändige »Allgemeine Weltgeschichte« von Th. Flathe, G. F. Hertzberg, F. Justi, M. Philippson und H. Prutz (1884-92), überreich ausgestattet mit 81 historischen Karten, 622 Tafeln und Beilagen, zum Teil in Farbendruck, 68 Kärtchen und 2962 Textabbildungen und Porträts im Text, alles authentische Abbildungen nach den Kunstwerken und Dokumenten ihrer Zeit; die »Geschichte der deutschen Kunst«, 1887-91, (Baukunst, Plastik, Malerei, Kupferstich, Holzschnitt, Kunstgewerbe) von Dohme, Bode, Janitschek, Lützow, Falke, ebenfalls illustriert, mit 826 Illustrationen im Text und 257 Tafeln und Beilagen (Ladenpreis 107 Mark); die »Kulturgeschichte des deutschen Volkes« (2. Aufl. 1892) von Dr. Otto Henne am Rhyn; die »Allgemeine Geschichte der Litteratur« von Dr. G. Karpeles (neue Ausgabe in 3 Bänden 1901); die »Allgemeine Geschichte der bildenden Künste« wird nach ihrer Vollendung die reichst illustrierte Kunstgeschichte der Gegenwart sein. Vom Mai 1892 bis Dezember 1896 wurde der historische Verlag unter der Firma G. Grotesche Verlagsbuchhandlung Separat-Konto (Müller-Grote u. Baumgärtel) geführt, dann von der Stammfirma ganz abgezweigt und durch M. Baumgärtel allein weitergeführt unter der neu angenommenen Firma Historischer Verlag Baumgärtel.

Quellen: Verlagskatalog 1899; Zeitschrift für Vaterländische Geschichte und Altertumskunde 42. Bd., Münster 1884; vergl. Brockhaus Konversations-Lexikon 14. Auflage, VIII. Band.

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 2. Berlin/Eberswalde 1903, S. 338-342.
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