Neumann, Julius

[720] Neumann (Neudamm). Wenn auch schon in den Jahren 1575 bis 1603, zur Zeit der Markgräfin Katharina, in Neudamm eine Buchdruckerei bestand, so ließ sich doch erst im Jahre 1847 ein zweiter Drucker daselbst nieder, welcher aber bereits 1849 die Stadt wieder verließ. Erst im Jahre 1868 errichtete der Buchdruckereibesitzer W. Schulz eine neue Druckerei, als ein Zweiggeschäft seines Fürstenwalder Geschäftes.

Am 14. Oktober 1872 wurde diese Druckerei von Julius Neumann käuflich für 600 Thlr. erworben. Die Geschäftsräume der kleinen Druckerei lagen in den oberen Räumlichkeiten des Hauses Cüstrinerstraße Nr. 88, im Besitze des Kaufmanns Emil Löwe, und verblieben zunächst dortselbst bis zum Jahre 1876. Bald konnte mit einer Erweiterung der Geschäftsräume vorgegangen werden, auch wurde eine kleine Papier-, Schreibwaren- und Sortimentsbuchhandlung eröffnet. Das kleine Format des seit 1869 bestehenden Neudammer Wochenblattes (jetzt Tageblatt) vergrößerte sich zum Januar 1874; zu derselben Zeit wurde eine Zweig-Expedition in Fürstenfelde mit der Sonderausgabe »Fürstenfelder Wochenblatt« begründet. Ein halbes Jahr später entstand eine zweite Zweig-Expedition in Vietz[720] mit der Sonderausgabe »Vietzer Anzeiger«. Dieses Zweiggeschäft wurde 1879 an den jetzigen Besitzer Paul Schroeter in Vietz unentgeltlich abgetreten.

Im September 1876 wurde das ganze Geschäft in bedeutend größere Räumlichkeiten am Markte verlegt; die Buchhandlung konnte wesentlich vergrößert und auch eine Leihbibliothek errichtet werden. Bald nach der Aufhebung des Zeitungsstempels und der Kautionspflicht für solche, war der »Allgemeine Landwirtschaftliche Anzeiger für ganz Deutschland« begründet worden, ein Anzeigenblatt, welches an sämtliche größeren Gutsbesitzer Deutschlands in damals 18000, heute in mehr als 25000 Exemplaren umsonst und postfrei versandt wird. Jede Nummer des »Allgemeinen Landwirtschaftlichen Anzeigers« enthält im Durchschnitt 700 Insertions-Aufträge.

Neben den vorhandenen Zeitungen, welche die Druckerei zum größten Teil beschäftigten, wurden im Jahre 1878 einige kleinere Verlagswerke und Kalender gedruckt und verlegt, ebenso entstand damals »J. Neumanns Landwirtschaftliche Buchführung«. Auch der »Evangelisch-Kirchliche Anzeiger« (1877/78) und der »Allgemeine Anzeiger für die Tuch- und Wollwarenbranche« (1879 bis 1883) wurden in dieser Zeit begründet. Die Schaffung eines eigenen Heims erwies sich jetzt als dringendstens Bedürfnis. 1879 wurde ein Grundstück in der Richtstraße 124 erworben und dort die Druckerei, welche heute 30 Schnellpressen, darunter zwei große Doppelmaschinen, beschäftigt, nach und nach bis zu ihrer heutigen Größe ausgebaut.

1881 wurden an neuen Zeitungen begründet der inzwischen eingegangene »Allgemeine Anzeiger für den deutschen Arznei-, Drogen- und Chemikalienhandel«, sowie der heute in einer Auflage von 14500 Exemplaren erscheinende »Zentral-Anzeiger für Deutschlands Leder-Industrie und -Handel«. Im September 1883 wurde die im April jenes Jahres vom Freiherrn von Hirschfeld ins Leben gerufene »Deutsche Jäger-Zeitung« in Verlag genommen. Die Abonnentenzahl dieser Zeitung betrug damals etwa 200, heute mehr als das hundertfache. Als Beilagen der Deutschen Jägerzeitung erscheinen das reichillustrierte Waidwerk in Wort und Bild, Unser Jagdhund, Das Schießwesen, die Vereinszeitung und das Teckele. Die »Deutsche Forstzeitung«, ehemals auch Beilage der Deutschen Jägerzeitung, erscheint schon seit Jahren als selbständiges Blatt mit den eigenen Beilagen »Forstliche Rundschau« und »Försters Feierabende« in einer Auflage von 10000 Exemplaren.

Um eine möglichst schnelle und sichere Versendung der Drucksachen herbeizuführen und den diensttuenden Beamten eine Erleichterung zu schaffen, wurde bereits im Jahre 1883 mit Genehmigung der vorgesetzten Behörde in den oberen Räumlichkeiten der Druckerei[721] eine eigene Post-Abteilung eingerichtet, von welcher die vorschriftsmäßig verpackten, frankierten und abgestempelten Zeitungen durch Postwagen zur Beförderung nach dem Bahnhofe abgeholt wurden. Die ganze Versendungsweise wurde so praktisch und bequem eingerichtet, daß die Sendungen schon bei der Verpackung nach den einzelnen Postkursen geordnet, also gewissermaßen vorsortiert waren, sodaß zwei Postbeamte die Abfertigung von 25000 Kreuzbändern an einem Tage leisten konnten, während für die gleiche Arbeit früher vier Beamte mehrere Tage beschäftigt waren. Die Post ist bei diesem Gebäude geblieben, nur wurde es 1890 vergrößert und eigens als Postgebäude eingerichtet.

1884 wurde eine Apothekergehilfen-Zeitung »Der Pharmaceut« herausgegeben, welche 1892 in den Besitz des Deutschen Pharmaceuten-Vereins zu Berlin überging. 1892 wurde die Drucklegung, 1895 der Verlag des großen bisher im Verlage von W. Pauli Nachfolger-Berlin erschienenen encyklopädischen Sammelwerkes »Der Hausschatz des Wissens« übernommen und 1893 zur Abrundung des bereits vorhandenen Bücherverlages die Verlagsbuchhandlung von Bodo Grundmann in Berlin (gegr. 1872 unter der Firma Adolf Fritze zu Charlottenburg) erworben. Durch diesen Ankauf gingen folgende Zeitschriften in den Besitz der Firma über: »Der Landwirtschaftsbeamte«, »Des Landmanns Sonntagsblatt«, welches als landwirtschaftliche Beilage politischer Zeitungen heute in einer Gesamtauflage von 250000 Exemplaren erscheint, »Monatsschrift für Kakteenkunde« und die »Zeitschrift für Gartenbau und Gartenkunst« (ging 1899 in den Besitz des Vereins deutscher Gartenkünstler über). Im April 1896 wurde ferner die »Illustrierte Wochenschrift für Entomologie« neu begründet, welche im Jahre 1904 an den Herausgeber abgetreten wurde. Übernommen wurde im Jahre 1903 der Verlag des Deutschen Adelsblattes, 1905 der des deutschen Adelskalenders.

Die Firma Neumann beschäftigt heute über 300 Angestellte. Aus ihrem reichen Verlage seien hervorgehoben: Die Sammlung jagdlicher Klassiker, Oberländers Werke und die Schriften von E. Ritter von Dombrowski, Regener, Teuwsen, Ludwig Dach, Kropff, Preuß, Lederstrumpf, Stracke, Schumacher, eine Reihe jagd- und forstrechtlicher Werke und eine umfangreiche Sammlung jagdlicher Unterhaltungsliteratur und die jagdmusikalischen Editionen von Pompecki. Aus dem Gebiete der Kynologie seien genannt Ströse, Hegewald, Gerding, Wörz, Ilgner, Hilfreich, v. Creytz und Oberländers weitbekanntes Buch »Die Dressur und Führung des Gebrauchshundes«, von dem bisher 30000 Exemplare in den Handel gelangten. Die Ornithologie ist vertreten durch Reichenow, Schäff, Lindner, u. a. und auf dem Gebiete des Forstwesens stehen neben der[722] »Deutschen Forstzeitung« Werke von K. Eckstein, E. Hermann, Michalis, Schwappach, F. Mücke, Dengler, Grothe usw. Seit 1898 erscheint die »Fischereizeitung«, um die sich eine reiche fischereiliche Literatur gruppiert hat; hervorzuheben sind daraus die Werke Dr. Emil Walters und die Schriften Max von dem Bornes. Einen großen Umfang haben im Verlage die Schriften über Landwirtschaft angenommen; darunter finden wir als Autoren: Eisbein, Padelt, Nörner, Küster, Hemmerling, Huperz, Dafert, Schirmer-Neuhaus, Schubert, Wagenfeld, Werner u. v. a. Dazu kommen noch Werke über Hauswirtschaft, Gartenbau, Kakteenkunde, Bienenzucht, Belletristik etc. Endlich ediert der rührige Verlag eine große Zahl jagdlicher, forstlicher und landwirtschaftlicher Buchführungsformulare. Auch sehr verbreitete forstliche und landwirtschaftliche Kalender werden bereits im 20. bezw. 15. Jahrgang herausgeben.

Seit dem Jahre 1904 sind die Söhne des Firmengründers, Kommerzienrats Neumann, Johannes und Walter Neumann, Mitinhaber der Firma.

Quellen: 25 Jahre gewerblichen Lebens, 1897; Verlagsverzeichnisse.

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 4. Berlin/Eberswalde 1907, S. 720-723.
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