Oldenbourg, Rudolf

[729] Oldenbourg, R. Der Gründer des großen Verlags- und Druckhauses R. Oldenbourg in München ist aus einer Leipziger[729] Kaufmannsfamilie hervorgegangen: er wurde am 15.12.1811 in Leipzig als siebentes Kind des aus dem Hannöverschen stammenden angesehenen Großhändlers Georg Martin Oldenbourg geboren. Nach mehrjährigem Besuch des Nikolaigymnasiums seiner Vaterstadt trat er 1827 bei Asschenfeld in Lübeck in die buchhändlerische Lehre. Seine erste buchhändlerische Tätigkeit vollzog sich also unter Verhältnissen ähnlich denen, die Friedrich Perthes in seinen Briefen so anmutig zu schildern weiß.

Von entschiedener Bedeutung für seine geistige und sittliche Entwicklung war der darauf folgende Aufenthalt im Frommannschen Hause in Jena. Bei Frommanns, deren Gastfreundschaft weite Kreise einschloß, begegnete Oldenbourg unter anderen auch der Schwiegertochter Goethes, Frau Ottilie von Goethe. Es konnte nicht ausbleiben, daß er unter diesen Umständen auch in Beziehungen zur Familie des großen Dichters trat. Goethe war zwar im Frühjahr vorher gestorben. Seine Persönlichkeit war aber noch überall leibhaftig wie geistig in Erinnerung und übte so auch nach seinem Tode noch eine fast unmittelbare Wirkung aus. Die lebensvollen Eindrücke, die Oldenbourg auf diese Weise im Frommannschen Hause und bei seinen Besuchen in Weimar von Goethes Wesen empfing machen es erklärlich, daß er sein ganzes Leben hindurch von warmer Hingebung an Goethe und die Goethe-Literatur erfüllt blieb. Dann wandte sich Oldenbourg nach London, wo er seine volkswirtschaftlichen Studien, zu denen er schon in Jena durch Lektüre und Besuch akademischer Vorlesungen einen Grund gelegt hatte, nicht unwesentlich gefördert sah. Nach kurzem Aufenthalt bei Schmerber in Frankfurt a. M. kam er dank dessen Unterstützung in die Cottasche Buchhandlung, die ihn im Sommer 1836 zum Geschäftsführer ihres Münchener Zweiggeschäftes, der Literarisch-artistischen Anstalt, ernannte. Man hatte ihm neben den rein buchhändlerischen Angelegenheiten auch die Wahrnehmung der geschäftlichen Interessen der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« anvertraut.

1843 gründete Oldenbourg die Bibelanstalt der Cottaschen Buchhandlung. Zu ihrer Vergrößerung erwarb er zwei Jahre später die Vogelsche Buchhandlung in Landshut, die das Verlagsrecht der einzigen approbierten katholischen Bibelübersetzung besaß. Den neuen Geschäftszweig wußte er dann in kurzer Zeit so zu entwickeln, daß er lange eine Quelle beträchtlichen Gewinns blieb, an dem er übrigens partizipierte, da er mittlerweile für diesen Geschäftszweig Handlungsgesellschafter der Firma geworden war.

1858 eröffnete er ein weiteres Geschäft, das er mit Billigung der übrigen Gesellschafter unter der Firma seines Namens für eigene Rechnung betrieb. Es bildete den Anfang seines später so großen[730] Verlages. Der erste Verlagsartikel, der seine Firma trug, war das heute noch blühende und in hohem Ansehen stehende »Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung«. Der mit diesem Unternehmen eingeschlagenen Richtung ist der Verlag unentwegt treu geblieben. Überhaupt war Oldenbourg dem Aufblühen der technischen Wissenschaften in Deutschland, das etwa um jene Zeit einsetzte, von Anfang an mit feinem Verständnis gefolgt, wie außer der genannten Zeitschrift auch noch andere Unternehmungen technischen Charakters bezeugen, die auf seine Anregung hin entstanden. Die Verdienste, die er sich damit auch um die Technik erwarb, wurden bei seinem Hinscheiden von keinem Geringeren als dem Vorstand des deutschen Vereins von Gas- und Wasserfachmännern mit den Worten gewürdigt: »Wir betrauern in dem Entschlafenen den Begründer unseres Journals, der angeregt durch seine Freunde Pettenkofer, Liebig, Knapp vor 45 Jahren mit weitschauendem Blick das Bedürfnis der jungen aufstrebenden deutschen Gastechnik nach einer Fachzeitschrift erkannte und im Verein mit unserem unvergeßlichen Schilling das Journal für Gasbeleuchtung und damit das erste deutsche technische Fachblatt nebst den polytechnischen Journalen ins Leben rief. Auch die Elektrotechnik verdankt seiner Initiative die erste deutsche Fachzeitschrift. Seine Umsicht und reiche Erfahrung haben nicht nur zum Aufschwung des deutschen Buchhandels, sondern auch zur Förderung deutscher Technik wesentlich beigetragen.«

Als in der Zeit von 1860-68 die Münchener Niederlassungen der Cottaschen Buchhandlung aufgelöst wurden, erwarb Oldenbourg ansehnliche Teile von deren Verlag (Seufferts Archiv für Entscheidungen der obersten Gerichte, Geschichte der Wissenschaften in Deutschland, Historische Zeitschrift usw.) und führte sie seinem eigenen Geschäfte zu, indem er unter völliger Beschränkung seiner Wirksamkeit auf dieses, zugleich endgültig aus der Cottaschen Buchhandlung ausschied.

Durch die Erwerbungen aus dem Cottaschen Verlage vermehrte Oldenbourg die Zahl seiner Unternehmungen so beträchtlich, daß sein Geschäft schon von dem Augenblicke an, wo es allein für sich auftrat, zu den größten seiner Art gezählt werden mußte. Er erwarb 1873 die Pustetsche Buchdruckerei, übernahm das Jahr darauf den bayr. Zentral-Schulbücher-Verlag (vergl. Artikel Pustet) und gründete in den Jahren 1883/84 eine eigene Groß-Buchbinderei.

Hand in Hand mit seinem kaufmännischen Wirken ging seine eigentliche verlegerische Tätigkeit. Ihr waren unter anderem Unternehmungen wie die 30 Bände umfassende naturwissenschaftliche Volksbibliothek »Die Naturkräfte«, die in 62 Bänden erschienenen 3 Sammlungen »Novellenschatz«, Baumeisters Denkmäler des klassischen Altertums[731] und in neuerer Zeit H. v. Sybels siebenbändige Geschichte der Begründung des deutschen Reiches durch Wilhelm I. zu danken.

Zu den geistigen Größen Münchens trat Oldenbourg in rege Beziehungen. Emanuel Geibel, Justus v. Liebig, die Mehrzahl der bedeutenden Männer, die König Max II. um sich vereinigte, Paul Heyse, Leuthold und viele andere waren seine Freunde, ebenso die hervorragenden Gelehrten Martius, Pettenkofer, Sybel und Voit, die ihm auch als Autoren seines Verlages nahe standen.

Oldenbourg starb am 10.10.1903; ihm folgten als Geschäftsinhaber seine Söhne Rudolf Ritter von Oldenbourg, Hans und Paul Oldenbourg.

Der Verlag der Firma umfaßt alle Wissenschaften. Außer den schon erwähnten Verlagswerken nennen wir noch als Autoren, aus dem Gebiete der Rechts- und Staatswissenschaft: Bähr, Bluntschli, Poschinger, Roscher (Nationaloekonomik), Stenglein, Stintzing; aus dem Gebiete der Naturwissenschaften und Verwandtem: Bachmann, Beneke, Carriere, Carus, Fleck, Hartig, Hansen, Hartmann, Kobell, Lorenz, Nägeli, Pettenkoffer, Ratzel, Sachs, Voit und Zittel; aus dem Gebiete der Technologie etc.: Bauer, Camerer-Charlottenburg, Corsepius, Fraas, Joße, Karmarsch, Niethammer, Neumeyer, Reichel, Riedler, Schilling, van T'Hooft Uppenborn u. A. Aus dem übrigen Verlag seien erwähnt Bursian, Schmeller (Bayer. Wörterbuch), Steub, Naumann, Peters (Emin Pascha-Expedition), Wegele, Jähns, Paul Heyse usw. Dazu kommt noch ein umfangreicher Schulbücherverlag, verschiedene Kalender und etwa 20 verschiedene Zeitschriften. –

Der von Oldenbourg übernommene Zentral-Schulbücherverlag in München wurde mittels Privileg vom 12.10.1785 (erneuert 15.4.1808) durch Wilhelm den Frommen errichtet. Es heißt in dem Privileg »daß diese Anstalt alle planmäßigen Schulbücher und andere zur Erziehung und zum Unterricht dienliche Schriften ganz allein zu verlegen, zu drucken, feil zu haben, zu »verkaufen und verkaufen zu lassen das Recht haben solle«, – bei Strafe von 100 Dukaten gegen Zuwiderhandelnde. Ausgedehnt war diese Vergünstigung aber nur auf Elementar-Schulbücher, bis eine königliche Verordnung vom 3.2.1834 bestimmte, daß das Privileg auch auf alle Bücher für Studienklassen und -Anstalten ausgedehnt werden sollte. Im Jahre 1905 sind die sämtlichen noch gangbaren Verlagsartikel der Expedition des königlichen Zentral-Schulbücher-Verlages käuflich an die Firma R. Oldenburg übergegangen, die schon 1886 darauf verzichtet hatte, jene Firma für ihren Schulbücher-Verlag zu führen.

Quellen: Adreßbuch für den deutschen Buchhandel 1905; Verlagskataloge 1871, 1885, 1894.

Quelle:
Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 4. Berlin/Eberswalde 1907, S. 729-732.
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