Ajax

Fig. 11: Ajax
Fig. 11: Ajax

[22] Ajax, (Gr. M.). Zwei mächtige Helden dieses Namens bei Homer.

1) A., der Sohn des Oïleus, Königs in Locris, und der Eriopis, oder der Nymphe Rhene, der kleinere von beiden. Als vormaliger Freier der Helena zog er mit vierzig Schiffen nach Troja. Dort zeichnet er sich als einer der vorzüglichsten Helden aus, kämpft in der Schlacht bei den Schiffen in den vordersten Reihen und tödtet auf der Verfolgung die Meisten. Er ist besonders geübt im Speerwurf, und nächst Achilles der beste Läufer im Heere. Nach Späteren soll er nach Eroberung Troja's Cassandra, von der Bildsäule der Minerva, die sie flehend umfasst hatte, gewaltsam weggeschleppt, oder gar die Jungfrau im Tempel entehrt haben. Darum hasste ihn Minerva tief, und auf ihre Vorstellung trieb Neptun sein Schiff bei der Heimfahrt an einen Felsen; doch rettete er sich auf diesen. Die neue Lästerung, dass er, trotz der Götter Zorn, der eigenen Kraft sein Loben verdanke, brachte den Meeresbeherrscher so auf, dass er mit seinem Dreizack den Felsen spaltete, und A. in's Meer sank. Seine Tapferkeit übrigens war sprüchwörtlich geworden, und er ward von seinen Landsleuten zu Locris und deren Abkömmlingen, den Bürgern von Locri in Unteritalien, hoch verehrt; ja in ihren Schlachten liessen sie zwischen dem geschlossenen Heere eine Lücke für den Helden, die er auch jederzeit einzunehmen pflegte; denn als einstmals Autoleon, der Polemarch von Croton, in dieselbe eindringen wollte, ward er dort von dem Schatten des A. unheilbar verwundet.

2) A., der Sohn Telamons, Königs von Salamis, und Enkel des Aeacus, noch berühmter, als der Vorige. Seine Eltern waren lange kinderlos gewesen, und hatte seine Mutter ihn erst auf Hercules' Vorbitte bei den Göttern empfangen. Der Halbgott kam, als eben Telamon opferte, zu ihm, nahm den Knaben A. auf seinen Arm, umhüllte ihn mit seiner Löwenhaut und bat die Götter, ihn so unverwundbar sein zu lassen, wie diese Haut es sei. Die olympischen Herrscher gewährten seine Bitte. A. war ebenfalls unter den Freiern der Helena, folglich auch unter den Belagerern von Troja, wohin er mit zwölf Schiffen zog. Hier zeichnete er sich durch Muth und Edelmuth in gleich hohem Grade aus; er war es, der im Zweikampf dem königlichen Hector gegenüber stand und ihn am Halse verwundete, worauf die Herolde Frieden unter ihnen stifteten, und die beiden Helden sich zur Erinnerung an diese gefahrvolle Stunde beschenkten: Hector den A. mit einem silberverzierten Schwert und Wehrgehäng, A. den Hector mit einem purpurstrahlenden Gürtel. Dem Heldenmuthe dieses A. dankten die Griechen die Erhaltung ihrer Flotte, dankten sie den Leichnam des Patroclus, den er deckte, so wie die Rosse und den Streitwagen des Achilles, welche er den triumphirenden Trojanern wieder abjagte. Dennoch erhielt er nach Achilles Tode nicht die Waffen dieses Helden, wie er ganz gewiss gehofft, sondern der listige Ulysses, worüber er rasend wurde und sich in sein Schwert stürzte, oder, wie Andere wollen, durch Agamemnon und Menelaus, mit Hülfe des Ulysses - heimlich ermordet wurde. Die tiefste Trauer erfasste bei dem Tode dieses Helden alle Griechen; man bestattete ihn mit allem Pomp und brachte seine Asche in einer goldenen Urne späterhin nach dem rhöteischen Vorgebirge. Ulysses freute sich seines Sieges nicht, denn ein Schiffbruch beraubte auf der Heimkehr ihn der Waffen, welche, trotz ihrer Schwere, das Meer durchschwammen und zu dem würdigeren Besitzer an den Fuss des Berges gelangten, auf welchem A.s Aschen - Urne stand. Salamis baute ihm zu Ehren einen Tempel, eines der schönsten Denkmale jener Zeit. Um die Ehre, ihn zum[22] Ahnherrn zu haben, stritten sich die ausgezeichnetsten Männer des Alterthums; auch Alcibiades wollte von einer Geliebten desselben, Tecmessa, abstammen. - Nach der vergeblichen Bewerbung um die schöne Helena vermählte sich A. mit der Glauca, von der er einen Sohn, Ajantides, hatte; vor Troja aber begleitete ihn seine Geliebte, die Tochter des phrygischen Königs Theutras, welchen er besiegt, und welchem er sie als Beute abgenommen. Sie war ein Muster zärtlicher Liebe und gab sich alle Mühe, den A. von dem Selbstmorde abzuhalten. - Die alte Kunst hat sich besonders mit A. dem Telamonier beschäftigt; Auf unserem Bilde scheint Minerva dem A. zum Nachgeben in dem Streit um Achills Waffen zu rathen.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 22-23.
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