Balg, der

[699] Der Balg, des -es, plur. die Bälge, Diminutivum das Bälglein, des -s, plur. ut nom. sing.

1. Eigentlich, überhaupt ein jeder hohler und weicher Körper, in welchem ein anderer enthalten ist. Besonders: a) die Haut an gewissen Früchten und um ihren Samen. Daher die Bälge an den Weinbeeren, Erbsenbälge. In der Kräuterkunde wird auch der Kelch der Grasblumen, gluma, ein Balg, oder Bälglein genannt. Daher im gemeinen Leben das Verbum sich bälgen, die Haut fahren lassen. Die Erbsen bälgen sich. Schon das Angelsächsische Baelga kommt für eine Hülfe vor, und unter den Schwäbischen Kaisern sang Schenk Ulrich von Winterstetten:


Towig rose

Gegen der sunnen diu sich izt neigt us ir belgelin.


b) Die Haut aller derjenigen Thiere, welche ganz abgestreifet wird, ohne vorher aufgeschnitten zu werden. Daher nennen die Jäger und Kürschner alle noch mit Wolle und Haaren versehene Häute der Hasen, Kaninchen, Luchse, Füchse, Wölfe, Marder, Eichhörnchen, Hamster, Iltisse u.s.f. Bälge, weil sie abgestreift werden; ein Umstand, der sie von den Fellen in engerer Bedeutung, welche aufgeschnitten und abgezogen werden, hinlänglich unterscheidet. Um deßwillen werden auch die Häute, welche das Ungeziefer ableget, wenn es sich häutet, Bälge genannt. Daher ein Schlangenbalg.

c) Der Blasebalg, der im gemeinen Leben, besonders bey denjenigen Handwerkern, die ihn nicht entbehren können, ein Balg genannt wird. S. die folgenden Zusammensetzungen. Diese Bedeutung hat auch das Schwedische Baelg, das Angels. Bilig und Blaest-belg, und das Engl. Bellow. Vermuthlich von der ersten und ältesten Bedeutung dieses Wortes, da es einen Sack, Beutel oder Schlauch bedeutete. S. die Anmerkung.

d) Der Bauch, Schmerbauch, welche Bedeutung zwar im Hochdeutschen nicht üblich ist, aber im Niedersächsischen noch häufig vorkommt, wo man auch davon das Verbum balgen, d.i. den Leib aufblähen, hat. Auch das Schwed. Baelg, das Engl. Belly, und Holländ. Balg, bedeuten den Bauch.

2. In weiterer und figürlicher Bedeutung.

a) Was aus dem Balge eines Thieres verfertiget worden. So nennen die Vogelsteller einen ausgestopften Vogel, die Vögel damit zu fangen, einen Balg, und im gemeinen Leben wird eine aus dünnem Leder verfertigte und ausgestopfte Puppe, so lange sie noch unbekleidet ist, gleichfalls mit diesem Nahmen beleget.

b) Ein Kind, doch nur als Verachtung; im Niedersächsischen eine Balge, Bikbalge, und in Westphalen Blage. Schon in[699] der Dorischen Mundart bedeutete παλƞξ ein kleines Kind. S. auch Wechselbalg.

c) Ein liederliches Weibesbild, eine Hure, gleichfalls nur im verächtlichen Verstande. Wachter leitet diese Bedeutung von den vorigen ab; allein seine Erklärung ist nicht allein schmutzig, sondern auch unrichtig. Das Altfranz. Balle, Baille, und das heutige Ital. Baila und Balia, bedeuten eine Magd, oder Säugamme. S. Carpentier v. Balia. Dieses Wort ist alt und kommt mit puella, und in der nachmahligen verächtlichen Bedeutung mit pellex und dem Griech. παλλακƞ überein; daher es in dieser Bedeutung mit dem obigen Balg nichts gemein hat.

Anm. Balg ist ein sehr altes Wort, denn Festus versichert, daß Bulga schon bey den alten Galliern einen ledernen Beutel bedeutet habe. In den folgenden Mundarten, z.B. der Gothischen, Angelsächsischen und Alemannischen kommt es von einem Schlauche vor. S. auch das folgende.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 699-700.
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