Betrèten

[943] Betrèten, verb irreg. act. S. Treten. 1. Auf, oder in etwas treten. 1) Ein Land, einen Ort betreten, in das Land, in den Ort kommen. Ich werde sein Haus nie wieder betreten. Ich[943] verwunderte mich, daß ich diesen Garten so oft betreten hatte, ohne alle seine Pracht zu bemerken. Die raubsüchtigste Buhlerinn, welche jemahls die Erde betreten hat, Dusch. 2) Zur Fortpflanzung besteigen, von dem Federviehe, besonders bey den Jägern. So betritt der Auerhahn die Auerhenne, und der Fasan sein Weibchen.

2. An etwas treten, doch nur in verschiedenen figürlichen Bedeutungen. 1) * Jemanden betreten, ihn bittend anreden, bittend vor ihn treten.


Mit Heulen muß ich dich (Gott) betreten,

Opitz Ps. 55.


Gnade, Herr, du siehst mein Bethen

Dich den ganzen Tag betreten,

Opitz. Ps. 86.


Diese Bedeutung ist im Hochdeutschen ganz unbekannt. S. Antreten, welches üblicher ist. 2) * Widerfahren, begegnen, von unangenehmen Dingen. Du weißt alle die Mühe, die uns betreten hat, 4 Mos. 20, 14. Hat mich nicht dieß Übel alles betreten? 5 Mos. 31, 17. Und wenn sie denn viel Unglück und Angst betreten wird, ebend. V. 21. Hab ich mich erhaben, daß ihn Unglück betreten hatte? Hiob 31, 29. Es hat euch noch keine denn menschliche Versuchung betreten, 1 Cor. 10, 13. Auch diese Bedeutung ist im Hochdeutschen veraltet. 3) Antreffen. Laß dich nicht wieder auf meinem Grunde und Boden betreten. In dieser weitern Bedeutung wird es nur im Infinitiv mit dem Zeitworte lassen gebraucht. Besonders, in Begehung einer unerlaubten Handlung antreffen, für das niedrige ertappen, erwischen. Einen auf frischer That betreten. Er ist im Diebstahle, im Ehebruche betreten worden. So mann eynen an warer übelthat betritt, in Kaiser Carls des Fünften peinl. Halsgerichtsordnung Art. 16. Von dieser Bedeutung, welche im Hochdeutschen noch gänge und gebe ist, stammet vermuthlich auch, 4) der Gebrauch des Participii betreten her, da es, wie betroffen, oft als ein Adverbium, für bestürzt, verwirrt, in Verlegenheit gesetzt, stehet, so wie jemand, der in einer unwürdigen Handlung betreten wird. Da diese Rede höreten der Hohepriester – wurden sie über ihnen betreten, was doch das werden sollte, Apostelg. 5, 24. Er schien über meinen Antrag ganz betreten zu seyn. Du hättest sehen sollen, wie betreten er ward, als er mich sahe. Man hat diesen Gebrauch tadeln wollen, allein ich weiß nicht warum. Er ist im Hochdeutschen bekannt genug, und die Metapher ist auch nicht seltsamer, als in betroffen und bestürzt, welche doch in ähnlicher Bedeutung gebraucht werden. Indessen scheinet dieses Participium in Oberdeutschland fremd zu seyn. In der Baselschen Ausgabe des neuen Testamentes von 1523 stehet betreten unter den unbekannten Wörtern durch rathschlagen, unterreden, erkläret. Allein in diesem Verstande kommt es weder in der Deutschen Bibel, noch bey einem andern Schriftsteller vor. Vermuthlich wird auf die vorhin angeführte Stelle aus der Apostelgeschichte gezielet, wo man aber den wahren Verstand verfehlet hat. Im Angels. bedeutet ondraeden erschrocken seyn.

Daher die Betretung. Im Betretungsfalle, im Falle, da sich jemand betreten, oder irgend wo antreffen lässet; ein Ausdruck, der in allen Steckbriefen gewöhnlich ist.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 943-944.
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