Binden

[1022] Binden, verb. irreg. act. Imperf. ich band, Supin. gebunden.

1. In der eigentlichsten Bedeutung, biegen, krümmen, besonders einen langen schmalen biegsamen Körper um die Oberfläche eines andern biegen und daselbst befestigen. Ein Tuch um den Kopf binden. Einen Strick um ein Faß, einen Faden um den Finger binden. In dieser Bedeutung kommt binden größten Theils mit dem verwandten Verbo winden überein, welches auch in andern Fällen dieser Bedeutung gebräuchlich ist.

2. In weiterer Bedeutung. 1) Vermittelst eines Bandes, d.i. eines langen, dünnen, biegsamen Körpers an etwas befestigen. Den Baum an einen Pfahl, das Pferd an die Thüre, den Kahn an das Schiff binden. Einem die Hände auf den Rücken binden. * Einem etwas auf die Nase binden, in der niedrigsten Sprechart, so wohl es ihm entdecken, als auch ihn einer Unwahrheit überreden. * Einen Verlust an das Bein binden, ihn verschmerzen. 2) Mit Banden belegen, durch Anlegung der Bande seiner Freyheit berauben. Einen Übelthäter binden. Einem die Hände binden, auch figürlich, ihn hindern, nach seinem freyen Willen zu handeln. Die Hände sind mir gebunden. Ich werde mir die Hände nicht binden lassen. Nichts als deine eigene Wohlfahrt bindet mir die Hände, wenn ich deine Wünsche nicht erfülle, Dusch. Auf eine etwas uneigentliche Art sagt man auch, mit Ketten binden, ungeachtet fesseln in diesem Falle angemessener wäre. 3) Zusammen binden und dadurch verfertigen. Garben binden, durch das Zusammenbinden vieler Halme Garben hervor bringen. So auch, Besen binden, Bürsten binden, Kränze binden, Ballen binden, Fässer binden u.s.f. Ein Buch binden, oder einbinden, die einzelnen Bogen zusammen häften und das daraus entstandene Buch mit einem Bande versehen. 4) Ein Clavier heißt gebunden, wenn Eine Saite zwey Töne ausdrücken muß. S. Bundfrey.[1022]

3. Figürlich. 1) Ohne Band befestigen. So sagt man z.B. von dem Leime, daß er binde, wenn er anfängt zu erkalten, und die zusammen geleimten Körper zu verbinden. Sich binden, wird auf eben diese Art von dem Sande, Thone u.s.f. gesagt, wenn sie angefeuchtet worden, und nunmehr eine Art von Festigkeit bekommen, so daß ihre Theile zusammen halten und sie sich ballen lassen. Der Kalk bindet sehr gut, wenn er die Steine gehörig befestiget. 2) Die freye Bewegung eines Körpers hemmen. So wird der Flugsand gebunden, wenn man ihn durch allerley Mittel zum Stehen bringt, so daß er die benachbarten Gegenden nicht überschwemmen kann. Ein innerlicher Kampf band meine Zunge, benahm mir die Sprache. Ingleichen, einschränken. Die gebundene Rede, deren Gang in ein gewisses Sylbenmaß eingeschränket ist; im Gegensatze der ungebundenen oder prosaischen Rede. So auch die gebundene Schreibart in der Musik, welche alle Regeln der Harmonie genau beobachtet; zum Unterschiede von der freyen. Die gebundene Zeit, in der Römischen Kirche, die siebenzig Tage von dem Sonntage Septuagesima an, da kein Halleluja in der Kirche gesungen wird, und auch keine Hochzeit gemacht werden darf. 3) In noch weiterer Bedeutung, die Freyheit eines vernünftigen Geschöpfes hemmen. Ich bin gebunden, ich kann nicht so handeln wie ich will. Ich bin an die Stadt gebunden, bin verpflichtet, in der Stadt zu bleiben. Er lässet sich durch nichts binden. Da ihn kein Gesetz weiter band. Sich an etwas binden, sich dadurch hindern lassen das Gegentheil zu thun. Er will sich an sein Versprechen nicht binden. Ich werde mich daran nicht binden. Sie sind ja nicht an ihr Wort gebunden, nicht verpflichtet, ihr Wort zu halten.


Ein Schäfer pflegt sich nicht stets an sein Wort zu binden,

Gell.


4) Von etwas abhängig machen, mit dem Vorworte an. Der Himmel hat deine Glückseligkeit nicht an Schätze gebunden, welche der Betrieger öfter besitzet, als der Redliche, Dusch.


Zufriedenheit ist nicht an Geld und Gut gebunden,

Can.


Es ist das wahre Glück an keinen Stand gebunden,

Haged.


5) Im Kirchenstyle ist binden, die kirchliche Vergebung der Sünde versagen, und dadurch von der Kirchengemeinschaft ausschließen; im Gegensatze des lösen. S. Bindeschlüssel.

Daher die Bindung, von der Handlung des Bindens, obgleich selten, und auch hier nur in den eigentlichen und weitern Bedeutungen. In der Musik wird die Verbindung zweyer Noten durch einen halben Zirkel eine Bindung genannt, wie denn auch wohl solche zusammen gehängte Noten selbst Bindungen heißen.

Anm. Binden, bey dem Ulphilas bindan, bey dem Kero pintan, bey dem Ottfried bintan, im Angels. bindan, im Engl. to bind und to band, im Dänischen binde, im Schwed. binda, ist mit winden genau verwandt, obgleich das letztere mehr die eigentlichste Bedeutung aufbehalten hat. Das Latein. vincire, und vielleicht auch das Griech. σφιγγω sind mit demselben vermuthlich aus Einer Quelle hergeflossen. S. auch Binde, Band und Bund, ingleichen Spannen, Winden und Fahne.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1022-1023.
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