Etwa

[1977] Êtwa, Êtwann, ein Nebenwort, welches einen unbestimmten Umstand des Ortes, der Zeit und der Sache bezeichnet. 1. * Des Ortes, für irgend wo, an einem unbestimmten Orte; in welchem Verstande dieses Wort aus etwo entstanden ist, und schon in dem Schwabenspiegel etuua, etsuua lautet. Etuua ist geuuonhait, daz u.s.f. irgend wo, an einigen Orten, Kap. 3, V. 2. Wir müssen doch endlich etwa hinkommen. Mache doch, daß ich etwa einen Herren finde. Meinest du nicht, daß etwann ein Eisen sey, welches könnte das Eisen und Erz von Mitternacht zerschlagen? Jer. 15, 12. Die so im Lande umher gehen und etwa eines Menschen Bein sehen, Ezech. 39, 15. Daß du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest, Luc. 4, 11. In dieser Bedeutung ist es im Hochdeutschen veraltet.

2. Der Zeit.

1) Eigentlich. (a) Zu irgend einer Zeit, zu einer unbestimmten Zeit. Wenn sie auch etwa einen guten Einfall hatte. Es ist kein Mensch, der nicht etwa fehlen sollte.


O möchte die Freundschaft

Hier mein Grab mit Blumen bestreuen, und etwan die Thräne

Einer Geliebten mich hier in einsamen Stunden beweinen!

Zachar.


(b) * Zuweilen, dann und wann, bey dem Willeram etesuuanne, unte eteswanne, bey den Schwäb. Dichtern etesuuenne, im Buche der Natur 1483 etwa, bey dem Bluntschli etwan; eine im Hochdeutschen veraltete, im Oberdeutschen aber noch gangbare Bedeutung. Er kommt etwa hierher. (c) * Von einer unbestimmten vergangenen Zeit, für vor diesem, ehedem, im Nieders. ichteswanne, ickeswenne. Ich lebte etwa ohne Gesetz, Röm. 7, 9. Die Wächter in Israel hielten sich etwa an meinen Gott, aber nun sind sie Propheten, Hos. 9, 8. Das ist der, welchen wir etwa für einen Spott hatten, Weish. 5, 3. Die etwa nicht glaubten, da Gott einsmahls harrete, 1 Petr.[1977] 3, 20. Auch diese Bedeutung ist im Hochdeutschen veraltet.

(d) * Von einer unbestimmten künftigen Zeit, endlich einmahl, künftig einmahl, bey dem Kero edderuuenne, bey dem Ottfried ettesuuanne; ein im Hochdeutschen gleichfalls unbekannter Gebrauch. Es wird je des Finstern etwa ein Ende, Hiob 28, 3.

2) Figürlich. (a) Für vielleicht, bey dem Ottfried odo, bey dem Notker odeuuano, bey dem Tatian odowan, in den spätern Zeiten ichte, ichtewann. Wenn es etwa nöthig seyn sollte. Wenn sich etwa jemand verwundert. Er könnte etwa krank werden. Wenn etwa jemand kommen sollte. Sie werden ihn doch nicht etwa schon hohlen wollen? Wenn er nur nicht etwa auf der Reise stirbt, Gell. Besonders in Fragen, wenn sie eine ungewisse Muthmaßung begleiten. Hast du ihn etwa gesehen? Kommen sie etwa darum her? Etwann erst dann, wenn ich nicht mehr am Leben bin? Ist er etwann gar todt? Wollen sie mir etwa sagen, was mir meine Schwester Neues erzählen will? Gell. Habe ich dich etwa beleidiget? Bist du etwa darüber unwillig? Bringen sie mir etwa eine gute Nachricht? (b) Ungefähr. Es ist etwa eine halbe Stunde her. Das beste wird seyn, daß sie die Verlobung etwa noch acht Tage anstehen lassen, Gell. Es waren ihrer etwa acht. Aber nicht bloß bey Zahlen. Die Moral soll etwa diese seyn, Gell. Wir wollen es etwa so machen.

3. Der Sache. 1) * Der Sache selbst, ein unbestimmtes Ding auszudrucken, für etwas; eine nur noch im Oberdeutschen übliche Bedeutung. Es kann noch zu etwa dienen. Ich habe noch nie etwa anders gesehen. 2) * Ihrer Beschaffenheit, auf eine unbestimmte Art, auf irgend eine Art, bey dem Ottfried etesuuio. Ein im Hochdeutschen gleichfalls veralteter Gebrauch. Wie er doch möcht dem teuren Mann Etwo legen einen spott an, Theuerd. Kap. 37. Wie kann er an dem Allmächtigen Lust haben und Gott etwa anrufen? Hiob 27, 10.

Anm. Dieses unser Hochdeutsches etwa und etwann scheinet aus den drey unbestimmten Partikeln etwo, etwann und etwie entstanden zu seyn, davon das erste eigentlich einen unbestimmten Ort, das zweyte eine unbestimmte Zeit, und das dritte eine unbestimmte Beschaffenheit bezeichnete. Allein schon die Alten verwechselten sie häufig mit einander, und in den neuern Zeiten hat der Unterschied fast gänzlich aufgehöret. Etwann fängt sogar im Hochdeutschen an zu veralten, indem dafür fast durchgängig etwa üblich ist. Wenn man es ja behält, so sollte man es wenigstens nicht um sein eines n bringen, und es nicht etwan schreiben, weil die Partikel wann das nn nicht entbehren kann, ohne dadurch ein langes a zu bekommen. Die unbestimmte Bedeutung dieses Wortes lieget in der Sylbe et, für welche auch icht üblich war und zum Theil noch ist. S. Etlich, Es und Icht. Für etwa und etwas findet man im Oberdeutschen der mittlern Zeiten auch neißwa, neißwann, neyßwas, und für irgend jemand, ehedem etwer, auch neyßwer. Das von etwann gebildete Oberdeutsche Adjectiv etwannig, die etwannige Nachahmung der Natur, welche auf irgend eine oder die andere Art geschiehet, ist im Hochdeutschen unbekannt.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1977-1978.
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