Gudrun oder Guthrun

[68] Gudrun oder Guthrun, die Heldin der isländischen Edda, Giuki's Tochter und Brynhildur's Schwägerin. Nach dem Tode Sigur's, ihres geliebten Gemahls, der während des Schlafes in ihren Armen ermordet wurde, floh sie nach Dänemark und webte dort während 7 langer Jahre die Thaten der Helden in ein großes Gewebe. Durch ihre Mutter Grimhildur (Grimhilde) mit ihren Brüdern versöhnt, ward sie dem König Atli vermählt. Diese Ehe war nicht glücklich. Verfolgt von mancherlei Unglück stürzt sie sich[68] endlich verzweiflungsvoll in die See, wird von einer Welle unversehrt zu der Burg des Königs Jonakur getragen und findet in diesem ihren dritten Gemahl. Namenähnlichkeit und gleiches Unglück läßt sie, vielleicht nicht mit Unrecht, oft mit Chriemhilden verwechseln, der bewunderten Heldin des Nibelungenliedes. Diese, Tochter des König Dankrat's und Frau Uten zu Worms, überstrahlte an Schönheit alle königlichen Jungfrauen. Alle Freier verschmähend, ward sie endlich durch Siegfried überwunden, dessen Gemahlin, und als dieser durch ihre eigene Unbesonnenheit den Tod fand, seine Rächerin. Auf ihre Hochzeit lud sie die Heunen und Amelungen zu Wettkämpfen in ihren Rosengarten nach Worms. Im Zank verrieth sie Brunhilden, ihres Bruders, des Königs der Nibelungen, Ehegenossin, die einzige verwundbare Stelle ihres Siegfried's. Hagen ermordete ihn und raubte ihr alle Schätze. Jahre lang Witwe, vermählt sie sich dem Etzel (Attila), König der Heunen (Hunnen) und bekriegt die Nibelungen. Als aber ihr mit Etzel erzeugter Sohn von Hagen erschlagen, ihr blutend in den Schoos sinkt und der Mörder ihren Händen übergeben wird, laßt sie ihrem Bruder, welcher an Hagen ihr gegen Brunhilden entschlüpftes Geheimniß verrathen hatte, enthaupten, halt diesem das Haupt vor, und als er sich weigert, die entwendeten Schätze anzuzeigen, haut sie ihn mit Siegfried's Racheschwert nieder. Sie fällt unter Hildebrand's zürnenden Streichen, der Wiedervereinigung mit ihrem Geliebten gedenkend. Als königliche Heldenwitwe erscheint sie im alterthümlichen Liede mit Trauerschleier und Purpurgewand, die tiefste Wehmuth und heiligen Ernst im erhabenen Antlitz, mit unauslöschlichem Leid über den ihr entrissenen Ewiggeliebten.

J.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 5. [o.O.] 1835, S. 68-69.
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