Frohschammer, Jakob

[193] Frohschammer, Jakob, geb. 1821, katholischer Priester, Prof. der Theologie, dann der Philosophie in München, gest. 1893.

F. begründet, von Leibniz, Fichte, Schelling u. a. beeinflußt, eine idealistische Metaphysik, welche als das schaffende, gestaltende Prinzip in Natur und Geist die »Phantasie« setzt. Die Metaphysik muß von äußerer und innerer Erfahrung ausgehen, sich auf die Tatsachen der Natur und Geschichte stützen. Die Philosophie erklärt alles aus einem Prinzip, der Phantasie, vermittelst der Gott in der Welt wirkt. In der Natur gibt es eine objektive, unbewußte, schöpferische, gestaltende Weltphantasie, eine »Bildungskraft«, die ursprünglich mit der Materie innig verbunden war. Die ganze Naturentwicklung erfolgt unter ihrem Einfluß, sie ist auch das Lebensprinzip in den Organismen, das Gestaltende im Seelenleben, in dem sie (als subjektive, bewußte Phantasie) zur Erscheinung gelangt. Ebenso ist sie in der Gesellschaft und in der Geschichte wirksam. Der Weltprozeß ist die objektive Imagination Gottes, aus ihm entspringend, aber nicht mit ihm identisch. Ideell sind in ihr alle Formen enthalten, welche naturgesetzlich verwirklicht werden. Durch Veräußerlichung im Weltprozesse kommt die objektive Phantasie zur Selbstrealisierung in immer höheren Gebilden, in immer bewußteren Individualisationen. Überall entfaltet sie sich als Einheit von Stoff, Kraft und Norm. Die Zweckmäßigkeit der Natur beruht auf einer Zielstrebigkeit, auf Ideen, die in den Organismen zur Entfaltung treiben – und als Denk- und Willensziele im menschlichen Geiste wirken.

Im Menschen wird die Phantasie individuell-selbstbewußt. Sie ist das Prinzip auch des seelischen Lebens, durchdringt alle Seelenkräfte und verbindet sie zur Einheit als geistige Organisationskraft und bewußt-zweckvolles Gestaltungsprinzip (das Psychische modifiziert den Organismus). Der Instinkt ist die »lebendig gewordene, und wenn subjektiv noch nicht bewußte, so doch objektiv urteilende sind rational und psychisch-teleologisch wirkende[193] Gestaltungskraft«. Der menschliche Geist ist ein Entwicklungsprodukt der schöpferischen Weltphantasie; die Einzelseele entsteht aus dem Gattungstriebe der Menschheit durch die Generationskraft der Eltern (Generationismus) sie ist ein synthetisches Formprinzip, belebt den Leib und entwickelt sich mit ihm. Die Seele differenziert sich zum selbstbewußten Ich. Psychologisch ist die Phantasie »das Vermögen, das Geistige in sinnliche (oder sinnlich-psychische) innere Formen, Vorstellungen zu bringen«. Sie ist zugleich, durch die Ideen, das Organ der höheren, idealen Wahrheit. Die Anschauungsformen (Raum und Zeit) und Kategorien (Sein, Kausalität, Möglichkeit u. a.) sind nicht angeboren, sondern Formen der gestaltenden Phantasie im Anschauen und Denken. Die Kategorien wohnen dem Geiste insofern inne, als er selbst in seiner Realität und Wirksamkeit deren Realisierung ist. Sie sind »gleichsam die Organe, wodurch das Material der Sinneswahrnehmung in die Einheit des psychischen Organismus aufgenommen werden kann«. Sie sind subjektiv und objektiv zugleich. – Die geschichtlich-soziale Entwicklung dient der Realisierung der Idee der Menschheit, der Humanität.

Anhänger F.s sind Fr. Kirchner, B. Münz u. a.

SCHRIFTEN: Der Ursprung der menschlichen Seele, 1854. – Menschenseele und Physiologie, 1855. – Einleitung in die Philosophie und Grundriß der Metaphysik, 1858. – Über die Aufgabe der Naturphilosophie, 1861. – Über die Freiheit der Wissenschaft, 1861. – Das Christentum und die moderne Naturwissenschaft, 1868. – Das neue Wissen und der neue Glaube, 1873. – Die Phantasie als Grundprinzip des Weltprozesses, 1877. – Monaden und Weltphantasie, 1879 (die beiden Hauptwerke). – – Über die Genesis der Menschheit und deren geistige Entwicklung in Religion, Sittlichkeit und Sprache, 1883. – Die Philosophie als Idealwissenschaft u. System, 1884. – Über die Organisation und Kultur der menschlichen Gesellschaft, 1885. – Die Philosophie des Thomas Ton Aquino, 1889. – Über das Mysterium magnum des Daseins, 1891. – System der Philosophie im Umriß, 1892. – Herausgeber der Zeitschrift »Athenaeum« (1862 ff.). – Vgl. B. MÜNZ, J. F., 1895; Briefe von und über F., 1897.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 193-194.
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