Grenadiere

[346] Grenadiere sind zuerst im dreissigjährigen Kriege aufgekommen; sie sollten die sonst aus dem Geschütz geschleuderten Granaten oder Grenaten mit der Hand werfen und dadurch das Feuer der Infanterie zumal gegen Kavallerie bei dem Kampfe um Örtlichkeiten und vorzüglich im Festungskriege unterstützen. Das Werfen der eisernen Granaten erforderte bedeutende Körperkräfte und die dazu bestimmten Leute wurden deshalb aus den grössten und kräftigsten Mannschaften ausgewählt. Da ihre Bewaffnung es ausserdem mit sich brachte, dass sie den Feind nahe heran kommen lassen, sich exponieren, in nächster Nähe der Gefahr ins Auge sehen mussten, so wurden die Grenadiere von selbst eine Elite-Infanterie. Später, als die Grenadiere als solche verschwanden, behielt man den Namen für eine auserlesene Infanterie bei, welcher man als besonderes Abzeichen eine springende Granate, an der Kopfbedeckung oder dem Lederzeuge getragen, verlieh. Anfangs befanden sich die Grenadiere von der übrigen Mannschaft in Bewaffnung, Ausrüstung und Bekleidung nicht unterschieden, untermischt unter den Pikenieren und Musketieren; als besondere Waffengattung wurden sie von Ludwig XIV. zuerst im Jahre 1667 eingeführt Flemming schildert in dem »Vollkommenen deutschen Soldaten«, Leipzig 1726, den Grenadier folgendermassen: »Ein Grenadier ist gleichfalls (wieder Musketier) ein gemeiner Soldat, doch hat er vor einem Mousquetirer darinnen den Vorzug, dass man ihn bei Sturmlaufen und bei denen gefährlichsten Actionen gebraucht, um Granaten zu werfen und muss dabei Ober- und Untergewehr tragen. Man erwehlt hierzu die ansehnlichsten, stärksten, dauerhaftesten und ramassirten Leute und sucht gemeiniglich aus jeder Compagnie ein 8–10 Mann aus, nachdem die Compagnie stark ist. Anstatt des Huts tragen sie eine grosse Grenadier-Mütze, in der grossen Patrontasche führen sie drei eiserne, gefüllte, fertige, mit Blasen verbundene Granaten. Bei dem Exercieren werden nur hölzerne oder gepappte Granaten gebraucht, die eisernen aber in der scharfen Action vor dem Feinde und inzwischen bei dem Stabe verwahrt und aufgehoben. Forne auf dem Riemen an der Brust ist ein blecherner Luntenverberger befestigt, um die glimmende Lunte vor Regen, Nebel und Feuchtigkeit wohl zu verwahren.

Wird ein Regiment zur Musterung, Campirung, zum Exerciren und dergleichen zusammengestellt, so werden die Grenadiere von allen Compagnien auf den rechten Flügel sich zu stellen commandiret und nach der Endigung gehet ein jeder zu seiner Compagnie. Dieses geschieht bei einem regulairen Feldregimente. Man hat auch ganze Regimenter und Bataillon's formirter Corps von Granadirern, als gleichsam Gardes von hohen Potentaten, die von sonderbarer Grösse und Ansehen sind, zusammengeschafft. Doch solche sind grösstenteils bloss zur Parade und werden in die Residentzen verlegt. Die Feldregimenter aber sind verbunden Dienste zu thun.

Ein Granadier muss nicht weibisch aussehen, sondern furchtbar, von schwarzbraunem Angesicht,[346] schwartzen Haaren mit einem starken Knebelbarth, nicht leicht lachen oder freundlich thun. Vor alten Zeiten hat man von denen Grenadiers nicht viel gewusst. In Deutschland und sonderlich in Sachsen sind sie erst anno 1683 aufgekommen, bei dem glücklichen Entsatz der Kayserlichen Residentz-Stadt Wien, als Ihro Churfürstliche Durchlauchtigkeit von Sachsen Johann Georg III. Höchstseligen Angedenkens sich ihrer zum ersten Male mit grossem Nutzen und mit Verlust der Türken bediente.« Breyding, Artikel Grenadier in Ersch u. Gruber.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 346-347.
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