Calypso

[616] CALYPSO, us, oder ónis, Gr. Καλυψὼ, οῦς, ( Tab. III.) des Oceans und der Tethys, Hesiod. Theog. v. 659. oder, nach andern, des Nereus und der Doris, Apollod. lib. I. c. 2. §. 7. und, nach den dritten, des Atlas Tochter, Hom. Od. Η. 245. Tibull. lib. IV. Eleg. I. v. 77. wofern solche nicht alle besondere Personen gewesen. Sie hatte ihren, Aufenthalt in der Insel Ogygia, Hom. Od. Η. 254. & Μ, 448. wiewohl andere solchen in die Insel Aeäa, nicht weit von Sicilien setzen. Hygin. Fab. 125. & Pomp. Mela lib. II. c. 7. lin. 192. Sie scheinen sie aber dadurch mit der Circe zu vermengen, welche daselbst ihr Wesen hatte. Hom. Od. Κ. 135. Ihre Wohnung war eine ungemein lustige Höhle, indem dieselbe ein grünender Wald von Erlen, Pappeln und wohlriechenden Cypressen, die voller Vögel waren, ingleichen ein großer Weinstock voller Trauben, nebst vier Brunnen und den angenehmsten Wiesen voller Violen und andern Blumen umgab, die Höhle aber selbst von dem verbrannten Cederholze und Weihrauche einen Geruch gab, der sich durch die ganze Insel ausbreitete. Hier hatte sie ihr goldenes Weberzeug, womit sie sich die Zeit bey untermengtem Singen vertrieb. So vergnügt sie indessen dabey war, so war sie doch noch zufriedener, als Ulysses auf seinem Rückwege von Troja in solche ihre Insel gerieth. Sie suchte ihn auch auf alle Art stets bey sich zu behalten, und versprach ihm daher die Unsterblichkeit, und was sie nur konnte. Weil sich aber dieser auf keine Art dazu entschließen wollte, und gleichwohl von der Kalypso nicht fortgelassen wurde: [616] so schickte endlich Jupiter, auf der Minerva Betrieb, an sie, mit Befehle, ihn nicht länger aufzuhalten. Sie sperrete sich ziemlich dawider, mußte sich aber, aus Furcht vor Jupiters Zorne endlich dazu bequemen. Sie gab ihm daher selbst Werkzeuge, und wies ihm zugleich Bäume an, woraus er sich ein Fahrzeug machen, und also wieder davon fahren konnte. Id. ib. Ε, 57. Inzwischen hatten sie doch ein ganzes Jahr, Hygin. l. c. oder vielmehr gar sieben Jahre, Homer. Od. Η. v. 259. mit einander gehauset, und sich dabey so wohl betragen, daß die Kalypso nicht nur den Auso, Festus lib. I. p. 1130. oder, nach andern, auch den Nausithous und Nausinous von ihm zurück behielt, Hesiod. Theog. v. 1016. sondern endlich aus Verdrusse über dessen Verlust sich noch selbst umbrachte. Sie wird aber nicht unwahrscheinlich für eine Königinn einer kleinen Insel gehalten, Dictys Cret. lib. VI. c. 5. zu welcher Ulysses durch Schiffbruch gerathen, und dabey für des Oceans und der Tethys Tochter angegeben, weil ihr wahres Herkommen nicht bekannt gewesen. Banier Entret. XVII. ou P. II. p. 263. So wird auch nicht angezeiget, wo die Insel Ogygia eigentlich gelegen habe, Anna Fabra ad Dict. l. c. Wiewohl sie doch einige an die Küste von Italien setzen, die an Großgriechenland gränzet. Plin. H. N. L. III. c. 10. Man hat daher diese ganze Erzählung für eine bloße Erdichtung gehalten. Die Insel Ogygia soll die bewohnbare Erde unserer ganzen Halbkugel vorstellen, von welcher die Alten geglaubet, daß sie mit dem Oceane auf allen Seiten umgeben sey. Daher setzet sie Homer in die Mitte desselben, oder dahin, wo der Nabel des Meeres ist, und läßt sie von einer Tochter des Atlas bewohnen, welcher den Grund des Meeres kennet, und auf ungeheuren Säulen die Last des Himmels und der Erde unterstützet. Odyss. Α. 50. Dieß soll die Natur selbst seyn, so wie sie sich in unserer Halbkugel zeige, und weil sie viele Dinge hat, welche sie verbirgt, so hat die Bewohnerinn dieses Eylandes von [617] καλύπτειν, verbergen, den Namen erhalten. Banier Erl. der Götterl. V B. 271 S. Andere haben aus der hier angegebenen Kenntniß des Atlas die Wissenschaft eines Staatsmannes gemacht. Weil nun die erste Frucht und der vornehmste Theil einer so hohen, so gründlichen und so tiefen Wissenschaft, die Verbergung seiner Anschläge und Absichten ist: so führet dessen Tochter einen Namen, welcher die Heimlichkeit und Verstellung anzeiget. Ulysses bleibt sieben Jahre bey ihr versteckt, anzudeuten, daß ein großer Staatsmann nicht anders volkommen werde, als durch eine lange Uebung in der Verschwiegenheit und Verstellung. Bossu Traité du Poeme Epiq. L. IV. c. 9. p. 363. Daß ihm Kalypso die Unsterblichkeit versprochen, soll nichts weiter bedeuten, als daß er herrlich und wohl bey ihr gelebet habe. Heraclit. de incredib. c. 30.

Quelle:
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 616-618.
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