2) Der Unverschämte.

[68] Oft nennt man in der Welt Zuversicht oder Dreistigkeit, was wir nicht anders, als mit dem Namen Unverschämtheit oder Dummdreistigkeit bezeichnen können. Deßhalb[68] muß man zwischen der löblichen und der sehr unlöblichen Eigenschaft zu unterscheiden wissen.

Die wahre Zuversicht besteht darin, in der Gesellschaft keinen Zwang, keine Verlegenheit zu empfinden, weil man in der Haltung und an dem Platze zu bleiben weiß, welche sich für unsere Eigenschaften, unsern Rang, unser Verdienst, geziemen. Der Mann von Geist, von Verstand, weiß, was er werth ist und versteht es, sich demgemäß nach seinem wahren Verdienst zu schätzen. Wenn also der Mann von Geist den ihm gebührenden Platz einnimmt, beweis't er Zuversicht; wenn aber der Einfaltspinsel sich an einen Platz drängt, der ihm nicht zukömmt, beweis't er Unverschämtheit. Der Erstere weiß durch Zuversicht seine Fehler und Schwächen zu verdecken, weil er sie kennt und sich davon zu heilen trachtet; der Letztere zeigt die seinigen voll Dummdreistigkeit, weil er sie für löbliche Eigenschaften hält.

Das Selbstbewußtsein, d.h. die Erkenntniß des eigenen Werthes ohne die Uebertreibungen des Stolzes oder der Eitelkeit und eine richtige Würdigung des Werthes Anderer sind die einzigen Ursachen der Zuversicht. Ein Selbstbewußtsein, welches durch Stolz oder Eitelkeit verfälscht ist, täuscht uns über unsern eigenen Werth, hindert uns, das Verdienst der Andern zu erkennen und verleiht uns eine Zuversicht, die, genau genommen, nichts Anderes ist, als Unverschämtheit oder Dummdreistigkeit.

Dieser Fehler, der stets einen Mangel an Lebensart beweis't, rührt gewöhnlich von vernachlässigter Erziehung her, ist aber auch oft ein Zeichen der Dummheit, gepaart mit einem schlechten Herzen. Beinahe immer grenzt er an Grobheit und im Allgemeinen flößt er den Leuten von Welt und Lebensart, welche Zeugen desselben sind, oder darunter leiden, ein Gefühl der Unbehaglichkeit oder der Geringschätzung ein. Gleichwohl kann die Unverschämtheit und die Dummdreistigkeit auch zuweilen unterhalten, wenigstens für kurze Zeit, wenn sie das Gepräge der Originalität trägt.[69]

Bescheidenheit ist dem Verstande eigen, der sich selbst und die ihm gesteckten Grenzen erkennt.

Die Unverschämtheit verletzt und beleidigt den Verstand, die Keuschheit, die Sittsamkeit, die Bescheidenheit und alle anspruchslosen Tugenden. Sie ist eine mit Unmoralität gepaarte Eigenschaft.

Quelle:
Fresne, Baronesse de: Maximen der wahren Eleganz und Noblesse in Haus, Gesellschaft und Welt. Weimar 1859, S. 68-70.
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