Nähere Beziehungen zu Kummerfeld.

[248] Billig muß ich nun auch, ehe ich mich ganz von Hamburg entferne, etwas zuverlässiger von Herrn Kummerfeld reden, diesem Mann, der so vielen Anteil an meinem ganzen nachherigen Leben nimmt. Er hieß Diederich Wilhelm Kummerfeld, war in Hamburg geboren den 2. Dezember 1723, ein Mann von dem besten Herzen, wahrer Gottesfurcht, die er mehr in seinen Handlungen als scheinender Frömmigkeit zeigte. Kein Säufer, kein Spieler. Ordnung war in seinem ganzen Haus. Kein Verschwender, und doch auch nicht geizig. Nicht gelehrt, aber einen hellen, gesunden Menschenverstand. Geehrt von jedem, der ihn kannte. So lernte ich ihn kennen, so hatte ich ein ganzes Jahr mit ihm Umgang, und wenn ich in dem ganzen Jahr nur einen Schein von Fehler an dem Mann bemerkt hätte, würde ich eine Lüge sagen. Sein edler Charakter, sein über alle Maßen tugendhaftes Betragen gab ihm meine ganze Freundschaft und Hochachtung. Ich verehrte ihn wie eine Gottheit. Nie dachte ich, daß noch ein Mensch in der Welt sein könnte, der ihm gleiche. Er hatte mein ganzes Zutrauen. Ohne Scheu, ohne Furcht war ich oft halbe Tage, ja, bis spät in der Nacht in seinem Haus, er in dem meinen, und ohne von Liebe zu reden, ohne zu küssen, zu schäkern, wunderten wir uns oft, wie schnell die Stunden vergangen. Täglich sahen wir uns, er mußte denn etwa zu einem Freund in den Garten gebeten worden sein, wo er ein oder zwei Nächte außer seinem Hause schlief. Er war ebenso ein Freund vom Lesen wie ich. Auch mochte er mich gerne lesen hören. Nun las ich, auch spielten wir, wenn das Lesen zu stark meine Brust angriff, Piket. Dann schwatzten wir, hielten dann eine kleine Mahlzeit zusammen, und so war ein Tag wie der andere, ohne zu wissen, was das sagen will: »einförmig oder langweilig.« Ganz natürlich war es, daß unser täglicher Umgang in der Stadt Geschwätz hervorbrachte, als ob wir ein paar ineinander verliebte Leute wären. Mich kümmerte es wenig, hatte in Hamburg zu viel Unangenehmes erlebt, als daß ich eines albernen Geschwätzes wegen einen Umgang hätte aufgeben sollen, der so ganz nach meinem Geschmack[249] war. Eines Abends, der uns auch so schnell hinschwand, und wir beide sehr ernsthaft waren, denn ich hatte das Buch »Die Sitten« eben beendigt, sagte ich zu Herrn Kummerfeld: »Wie glücklich lieber Kummerfeld, könnten die Menschen in der Welt sein, wenn sie's nur wollten. Wenn mehr Menschen in der Welt wären wie wir, wenn sie lebten, dächten, handelten wie wir, wie Sie gegen mich – ich gegen Sie, welch eine Welt wäre dann das!« »Sie haben recht, liebe Mademoiselle Schulze. Sie wissen, ich bin kein Freund von Gesellschaft, doch so die Tage, wo ich mit Ihnen meine Stunden verbringe, versichere ich Sie auf Ehre, sind mir noch die angenehmsten gewesen, die ich von jeher gehabt habe. Ich schwöre es Ihnen zu, ich kann gar nicht an den Abschied gedenken, weiß nicht, wie ich mich in Ihre Entfernung werde schicken können.« »Lassen Sie uns nicht traurig machen. Trennen müssen wir uns; doch wollen wir uns oft schreiben.« »Gut, also wie oft?« »Wird auf Sie ankommen.« »Einmal?« »Oh, das ist zu wenig!« »Also zwei Briefe?« »Ja, zweimal. Kummerfeld, ich muß noch lachen über die zwei Mädchen, die dachten, uns recht zu überraschen und unangemeldet durch zwei Türen zugleich eintraten. Wenn ich nun reise, wird alles Geschwätz mit einem Male vorbei sein. Ist's nicht entsetzlich, daß nicht zwei Personen von verschiedenem Geschlecht miteinander umgehen können, ohne daß die Leute glauben und sagen: Da geht was Böses vor, oder, sie sind ein Brautpaar?! Wie lächerlich: Sie mich, ich Sie heiraten!« So machten wir uns beide über ein Gerücht lustig, wovon wir nie dachten, daß je etwas daraus werden könnte.

Einen Ring, den Kummerfeld ihr schenken will, nimmt sie nicht an. Andenken dürfen nie äußerlich wertvoll sein. In Zeiten der Not könnte man in Versuchung kommen, sie wegzugeben. Dagegen möchte sie in solchen Zeiten an ihm einen Freund haben, an den sie sich um ein paar hundert Taler wenden könnte. Da er freudig damit einverstanden ist, hat sie die Erfüllung eines seit Jahren gehegten Herzenswunsches erreicht.

Den 6. März war die letzte Komödie. Den 14. reiste ich mit meinem Bruder ab. Kummerfeld, Herzog und seine Frau und Herr Steinfeld gaben uns das Geleit. Wir blieben in Bergedorf bis den 16. des Morgens.[250]

Sie begleiteten uns noch bis nach dem Zollenspieker und dann noch bis über die Elbe auf den Hobt. Der Abschied war sehr traurig.

Quelle:
Schulze-Kummerfeld, Karoline: Lebenserinnerungen. Berlin 1915, S. 248-251.
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