Bremen.

[201] Die Fasten war bereits da, wo nicht gespielt wurde. Mein Bruder wurde krank und lag sehr gefährlich. Das viele Schwärmen mochte wohl die größte Ursache seiner Krankheit sein. Auf einmal kam die fröhliche Nachricht, daß wir von Hamburg fort nach Bremen reisen sollten. Wer war nun glücklicher als ich? Freilich wußte ich zum voraus, daß wir würden wieder zurückkommen. Denn Herr Ackermann wurde Bürger in Hamburg, und der Grundstein zum neuen Komödienhaus, das er auf seine Kosten wollte bauen lassen, war bereits gelegt. Mir war's Trost, doch nur auf einige Monate fortzukommen. Und wer weiß, wann das Haus fertig wird, dachte ich. Dazu geht wohl ein Jahr hin. Meine Mutter blieb bei meinem Bruder in Hamburg, und ob es gleich das erstemal war, daß ich beide zugleich verlassen mußte, da mein Bruder noch nicht aus aller Gefahr und meine Mutter selbst schwächlich war, so würde ich lügen, wenn ich sagte: Ich hab'[201] viel geweint, ich war untröstlich. Konnte es nicht sein. Die Freude, Hamburg endlich verlassen zu können war zu groß und die sechs Monate, die ich da war, waren mir die längsten meines Lebens geworden.

Um 10 Uhr, an einem Dienstag des Morgens, stiegen wir in ein Schiff und wollten zu Wasser bis Buxtehude und von da weiter mit Extrapost bis Bremen rollen. Wie gesagt, halb 10 fuhren wir auf der Elbe fort und kanten des Nachts halb 11 nach Altona. Wer nicht weiß, wie weit das voneinander liegt, dem sage ich, daß ich in Zeit von drei Viertelstunden mit der größten Bequemlichkeit vom Hamburger Tor bis ans Altonaer zu Fuß gehen konnte. Alle Tage wurden wir von unserm Wirtshaus aufs Schiff geholt, ein-, auch wohl zweimal. Mit jeder Ebbe, mit jeder Flut sollte fortgesegelt werden, aber der Wind war und blieb konträr. Auch war es so richtig wie was, sobald wir von dem Wirtshaus auf dem Schiff waren, regnete es und regnete fort, bis wir wieder ins Wirtshaus kamen, da wurde gut Wetter. So foppte uns das Wetter bis des Sonnabends, wo wir endlich unter dem heftigsten Sturm und Regenwetter in derselben Nacht gegen 10 Uhr ankamen.

Vor Freude und Vergnügen sah und fühlte ich nichts von aller Gefahr, in der wir uns befanden. Wie ich lustig sein und essen konnte, war jedem unbegreiflich. Mir nicht. Erstens reiste ich von dem fatalen Hamburg, und zweitens freute ich mich, daß meine Mutter und Bruder nichts von all der Unbequemlichkeit fühlten. Welche Angst würde meine Mutter ausstehen, die ohnedies bei Wasserfahrten so ängstlich ist! Ich bin es nicht. Gott ist mit mir und in meinem nun zufriedenen Herzen.

So wie wir in Buxtehude in das Posthaus kamen, ward nun alles mit fröhlich. Wir wollten Punsch machen und es uns wohl sein lassen. Und wie ich so im besten Arbeiten bin, tritt der Postmeister mit einer sehr traurigen Miene zu uns ins Zimmer: »Danken Sie Gott insgesamt, daß Sie da sind! Eben kommt die Nachricht, daß der Postewer mit 17 Personen vom Sturm umgeschlagen worden. Nur der Schaffner ist gerettet, 16 haben ertrinken müssen.« Still[202] legte ich Zitronen und Messer weg und frug: »Herr Postmeister, wann geht die reitende Post nach Hamburg?« »Morgen früh.« »Gut, alles, was zum Briefschreiben gehört, lassen Sie mir doch gleich auf mein Zimmer setzen!« Das geschah. »Kinder, nun macht euren Punsch selber und trinkt! Ich werde wohl ein Glas noch übrig finden.« Fand alles zum Schreiben vor und fing so an: »Liebe Mama! Wenn ich mit der Gesellschaft ersoffen wär', könnte ich ohnmöglich schreiben. Nur einem Mißverstand auszuweichen, den Postewer traf das Unglück. Wir kamen mit dem unsrigen gesund und glücklich in Buxtehude an« usw. Den Brief gab ich mit der besten Rekommandation meinem Herrn Postmeister, fand noch Punsch, aßen und tranken und wurden fröhlich. Den Morgen darauf war Palmsonntag. Es regnete die Tage nur einmal, und das, bis wir nach Bremen kamen, den Mittwoch früh; denn des Nachts hatten wir immer still gelegen und lange Mittage gemacht.

Wohnung und Kost fand sie bei freundlichen Leuten, einem sogenannten Herrendiener Kirchhoff. Die Leute nahmen sogar mit Fastenspeisen Rücksicht auf ihren katholischen Glauben, obgleich sie in diesem Punkte nicht skrupulös war.

Nun befand ich mich außerordentlich wohl. In Bremen schöpfte ich eine ganz andere Luft. Die Einwohner sahen uns auch für Menschen an, und es war eine Lust, über die Straßen zu gehen; denn man sah lauter freundliche und leutselige Gesichter.

Als die Ihrigen aus Hamburg eingetroffen, erfahren sie von Kirchhoffs die größte Gastfreiheit, wofür man sich mit Freibilletts erkenntlich zeigt.

Manche von der Gesellschaft trafen es ebenso und gaben die Woche nicht einen Groschen von ihrer Gage aus.

Eine Weinhändlersfrau, Mad. Docen, überbietet sich in Liebenswürdigkeit und führt Karoline und ihre Mutter im Wagen in und um Bremen zu allem Sehenswerten.

Mein Bruder bekam vortreffliche Informationen und wurde sehr resonabel bezahlt. Das war ein Unterschied wieder von Hamburg, wo er zwar Informationen anfänglich annahm, die aber sich nur auf etliche Judenhäuser erstreckten.[203] Und da die nicht hinreichend waren und er mehr an Schuhen abriß, als sie einbrachten, war er gezwungen, aufzuhören; denn von Stadtleuten konnte er keine bekommen. Nun hieß es wieder: zurück nach Hamburg, und bei dem Gedanken schauderte mich. Nun kam der letzte Sonntag, den ich noch dort zu leben hatte; denn noch zwei oder drei Komödie sollten gegeben werden.

Doch sollte sie erst noch durch folgenden Brief erfreut werden:


Mademoiselle. Es ist mir von einigen Freunden des Theaters, von einigen Ihrer Bewunderer der beneidenswerte Auftrag geschehen, Ihnen in derselben Namen die heißesten Versicherungen von Hochachtung und Dankbarkeit zu geben. Wie sehr unzufrieden bin ich nicht mit mir selbst, daß ich solches nicht mit aller der Stärke, mit dem Nachdruck verrichten kann, den diese schöne Pflicht verdient. Wie gerne schriebe ich jetzo so schön, so schön! (verzeihen Sie, wann ich Ihre Sittsamkeit beleidige), als Sie selbst sind. Allein, was könnte ich bei dieser Gelegenheit Außerordentliches sagen? Nichts, nichts, als was ein jeder, der das Glück hat, Sie zu sehen, Sie zu kennen, empfinden und sagen muß. Es gibt Verdienste, welche zu erhaben, Vorwürfe, welche zu groß sind, als daß ein Lob dieselben erhöhen sollte. Die Welt ist so gerecht gegen Sie, Madem., daß sie Ihre vorzüglichen Verdienste vollkommen erkennet, der allgemeine Beifall bezeuget solches sattsam. Wie reizend wird die Tugend, wenn sie von einem schönen Munde gelehret wird. Welcher große Gedanke: Eine schöne Schauspielerin, eine Anbeterin, eine Lehrerin und eine Ausüberin der Tugend! Wie oft haben Sie uns über uns selbst erhöhet und unsere Seelen in die erhabenste Denkungsart versetzt! Wie oft hat durch Ihre Kunst sich eine angenehme Schwermut unserer Herzen bemeistert, welches unsere dankbaren Thränen bezeuget haben, und wie oft haben Sie die schwarze Traurigkeit von unserem Gesichte verjaget! Welches Stück haben Sie nicht verschönt, und wie viele matte Stellen sind in Ihrem Munde stark und rührend geworden. – Die göttliche Tugend bedecke Sie mit ihrem Schirm, der Himmel stärke Ihren Fuß auf der schlüpfrigen Bahn dieses menschlichen Lebens! Möchte doch Ihr Glück[204] Ihrem Verdienste gemäß, möchte es so schön, so reizend, so heiter, als Ihre schönen Augen sein! – Empfangen Sie mit der einnehmenden Freundlichkeit, die Sie so schön macht, die Opfer, die Ihnen gebühren, die Erkenntlichkeit unserer Herzen, unserer Hochachtung und unserer wahren Ergebenheit. Wie glücklich würden wir uns schätzen, wann beigefügte Kleinigkeit nicht unwürdig geschätzet wird, von Ihnen geneigt aufgenommen zu werden! Und wenn Sie derselben so viel Wert beilegen, daß solche auch abwesend die Erinnerung geben darf, daß hierselbst einige Kenner nicht blind oder taub gegen Verdienste gewesen sind. Ich habe die Ehre vollkommen zu sein


Bremen, d. 13. Juli 1765.

Mademoiselle Dero

gehorsamer Diener.


Die sogenannte beigefügte Kleinigkeit war eine vortrefflich ausgearbeitete, ziemlich schwere, silberne Tabaksdose, und in derselben lagen 18 Stück Dukaten. Daß ich mich sehr gefreut, wer kann es mir verdenken? Solche gute Menschen findet man nicht allerorten. Und, was meine Freude noch verdoppelte, war, als ich zur Probe kam, da ich hörte, daß Herrn Ekhof auch ein Brief mit 18, dem alten Herrn Schröter mit 12 und Herrn Boeck mit seiner Frau 10 Stück Dukaten zugesandt worden mit Briefen von derselben Art. Erst wie ich schon ein ziemlich Teilchen in Hamburg war, schrieb mir Mad. Docen, daß sie nun vernommen, von wem uns diese Geschenke zugeschickt. Die Ersten von der Stadt bringen einige Erholungsstunden nach ihrer Arbeit in dem Ratsweinkeller zu. Bald nach unserm Hinkommen sagten die Herren untereinander: Wenn die Leute so gut bleiben in ihrer Arbeit und Aufführung, so sollen sie ein Andenken von Bremen mitnehmen, wenn sie einst fortreisen. Bei jeder Zusammenkunft wurde zugelegt, bis zu unserer Abreise in den wenigen Wochen die Summe von 58 Dukaten ohne die Dose, die ich erhielt, beisammen war, eingeteilt und uns vieren zugeschickt wurde. Und das ging so geheimnisvoll zu, daß es auch keinem von uns im Schlafe eingefallen wäre.

Mit schwerem Herzen verließ ich Bremen. Meine liebe Docen war untröstlich, und ich zweifle, ob je eine Mannesperson[205] gegen seine Geliebte so viele zärtliche Aufmerksamkeiten haben konnte, wie die Gute gegen mich. Wie dankbar ihr mein Herz war, wie oft ich mich ihrer noch erinnerte nach Jahren, weiß sie und weiß der Allwissende noch mehr. – Als wir dann endlich wieder in das berühmte Hamburg gekommen waren, wollten wir nicht wieder in unsere alte Wohnung, weil sie zu weit vom Theater war. Herr Goßler, der Apotheker, wo wir unsere Medizin nahmen und was wir sonst brauchten, hatte uns eine bei einem Schuhmacher auf der Kleinen Drehbahn gemietet.

Quelle:
Schulze-Kummerfeld, Karoline: Lebenserinnerungen. Berlin 1915, S. 201-206.
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