38 [37] Brief an August Macke

München, 28.12.1910


Lieber August, vielen Dank für Deinen lieben Brief. Zunächst muß ich etwas schimpfen, den Handel mit Hirsch betreffend. Es ist eine große Unklugheit, daß Ihr Euch partout aufs ›Handeln‹ verlegt. Glaubt mir; ich bin ja mehrere Jahre ziemlich stark im Kunst-Antiquarhandel gestanden und sag es aus wirklicher Erfahrung. Sobald ein (nur einigermaßen anständiger) Händler merkt, daß sein Kunde die Gewohnheit hat zu ›handeln‹, erhöht er in Zukunft stets prozentual seinen für sein Geschäft kalkulierten Normalpreis, um nachher seinem Käufer die ›Freude‹ machen zu können, vom Preis ›abzulassen‹. Der betreffende Käufer fährt aber dabei fast ausnahmlos schlechter, als wenn er prinzipiell nicht handelt und dies seinem Händler von vorne herein zu verstehen gibt. Glaub mir, es ist so. Die Preise bei Händlern wie Hirsch sind teils rein rechnerisch nach dem Einkaufspreis limitiert, teils richten sie sich nach den auf maßgebenden Auktionen gezahlten Geboten. Auktionskataloge bilden ja die eigentliche Geschäftsbibliothek aller Kunsthändler und vor allem der Buch- und Kupferstichhändler.

Hirsch wird Dir bereits geantwortet haben. 175 die beiden; er bat mich dabei selber, Dir obigen Gedan kengang nahezulegen; wenn Ihr klug seid, befolgt ihn! Zur Ansicht gesendete Sachen zurückgehen zu lassen, verschlägt dem Händler gar nichts; und ein Konto kannst Du oder Dein Schwager ja jederzeit bei ihm aufstellen. Sei mir nicht bös, daß ich das geschrieben habe. Bei Proheretzky besorge ich es gern; wenn er momentan nichts haben sollte, dürfen wir Dein Guthaben doch stehenlassen, bis ich was Gutes finde?

Was Du über die ›Vereinigung‹ sagst, ist sicher richtig und vor allem dies: ›Die Ausdrucksmittel sind zu groß‹ ganz famos formuliert; ob es in diesen Jahren der großen Umwertung in Deutschland praktisch nützlich gedacht ist, bezweifle ich zwar. Wir müssen diese mächtigen Ausdrucksmittel suchen und lernen, um aus dem Sumpf und Stumpfsinn zu kommen; es gibt gewiß keinen anderen Weg. Kanoldts[37] letzte Sachen, die ich neulich hier sah, haben auch bereits diese großen Mittel, – reiner Kubismus. Ich erschrak anfangs ordentlich, und dann freute ich mich über den Mut und die fabelhafte Konsequenz dieser Leute. Betreff Nauens großem Bild habe ich denselben Gedankengang. Betreff meiner Aktversuche hast Du natürlich ganz recht, – aber nötig waren und sind sie mir doch. Wir müssen die Mittel erst kennenlernen, alle Mittel, formal wie farbig, – dann können wir erst wieder schlicht und ›wir selber‹ werden; meinst Du nicht? Ich hab mir hier Bücher über Farbenlehre ver schafft, die ich eifrig studiere. Das wenig Brauchbare daraus (und Näheres über die Ausgaben selber) schreibe ich Dir nächstens. Überrascht bin ich vor allem über die unglaublichen theoretischen Widersprüche, die über diese paar Spektralfarben unter den Gelehrten herrschen. Aber ich hab interessante Dinge gefunden. – Thorn-Prikkers Kompositionsschema ist sicher fein, aber eben wesentlich für alte Italiener. Uns ›wirklich Neuen‹ kann es keinesfalls viel geben. Wenn wir heute nochmals mit Renaissance anfangen wollen, das wäre doch zum Verzweifeln. Versuch das Schema einmal an Gauguin oder Matisse, – die weichen diesen Punkten direkt aus, – versuch's mal! Nun adio, ein andermal mehr; seid beide herzlich gegrüßt von

Eurem Fz. M.

Quelle:
Franz Marc: Briefe, Schriften, Aufzeichnungen. Leipzig: Gustav Kiepenheuer, 1989, S. 37-38.
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