Sehnsucht nach den Bergen

[138] Auf den Gipfeln erhabener Berge

Dünken die Sorgen der Erde mir Zwerge,

Wenn sie im Thale als Riesen mir drohn.

Dort erheben die ernsten Gedanken

Sich über des Schicksals drückende Schranken,

Muthig dem Dunstkreis der Tiefe entflohn.


O Ihr geliebten, Ihr herrlichen Höhen,

Werd' ich im Schmerz des Verlangens vergehen,

Ehe mein Auge Euch wieder begrüsst? –

Wenn ich auf öder und formloser Haide

Einsam die Qualen der Sehnsucht erleide,

Wird es mir nimmer durch Hoffnung versüsst?
[138]

Möchte auf Bergen, näher den Sternen,

Näher des Mondes ewigen Fernen,

Nahe dem prächtigen Himmelsgezelt,

Einst mir erscheinen die lächelnde Hore,

Die mir eröffnet die goldenen Thore

Einer zweiten, besseren Welt.
[139]

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Gedichte von Natalie. Berlin 1808, S. 138-140.
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