Der Vogel Pirol

[271] Noch ist es Nacht im Prater. Nun wird es grau. Eindringlich duften die Weiden und Birken, sanftölig.

Der Vogel Pirol beginnt Réveille zu blasen, Réveille der Natur! In kurzen Absätzen bläst er Réveille. Gleichsam die Wirkung abwartend auf Schläfer. Alles, alles ist noch still und grau, Birken und Weiden duften eindringlich und der Vogel Pirol bläst in kurzen Zwischenräumen Réveille. Unablässig.

Die Dame sagte einmal: »Oh, ich möchte das Leben kennen lernen. Ich kann ihm nicht nahekommen, es nicht ergründen – – –«

Da sagte der Herr: »Haben Sie schon den Vogel Pirol in den Praterauen Réveille blasen gehört im Morgendämmern?!?«

»Muss man das thun, um das Leben ergründen zu können?!?«

»Ja, das, das muss man. Von solchen versteckten Winkeln aus, gleichsam aus dem Hinterhalte, kann man dem Leben beikommen! Da, da beginnt die mysteriöse Schönheit und der Werth der Welt!«

»Wie sieht er denn aus, der Vogel Pirol?!«

»Niemand sieht ihn. Irgendwo in alten, alten[271] Birken hockt er und bläst Réveille und weckt zum Tage. Immer lichter und lichter wird es und die weiten Auen werden ganz sichtbar. Am Ufer sind schwarze riesige Schleppschiffe, Tagesthätigkeit erwartend mit ihren geräumigen Kräften.«

»Gehen wir zum Vogel Pirol – – –« sagte die Dame.[272]

Quelle:
Peter Altenberg: Wie ich es sehe. Berlin 8–91914, S. 271-273.
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