Guter billiger Rat

[259] Man soll für seine guten Augen ja nichts ersparen wollen: eine Art Selbstmord im lebendigen Leben bereits selbst, Vorstufe Deines Todes. Was hast Du eigentlich von diesem belanglosen und beschwerlichen Dasein (essen, verdauen, sich rein halten müssen, Geldausgaben, unnötiges Rauchen, noch unnötigeres Lieben, Wäschewechseln, schlafen, erwachen), wenn Du nicht wenigstens stets rund um Dich herum klar blicken kannst die Dir erreichbaren Dinge, z.B. den Rathauspark im Vorfrühling, im Herbste usw. usw.?!? Ich werde 9./3. 1919 sechzig Jahre alt, trage seit meinem 19. Lebensjahre stets dieselbe Nummer des Zwickerglases, nach der alten Berechnung Nr. 18! Nun trage ich große ganz runde, konkav geschliffene Menisken-Gläser, die ich jedem Kurzsichtigen leidenschaftlich-menschenfreundlichst dringendst empfehle!

Seine Dankbarkeit ist bereits in mir vorhanden, während ich Dieses schreibe, und weiß, daß es in einigen Monaten (Dezember, Weihnachten 1918) gedruckt sein wird, in ungefähr 4000 Exemplaren! Jede Menschenfreundlichkeit belohnt sich irgendeinmal ganz von selbst durch das Bewußt sein, Anderen selbstlos geholfen zu haben, in den vielen Erlebnissen, die man selbst aus Unkenntnis im Laufe der[259] schrecklichen 60 Jahre erlitten hatte! Ich halte seit jeher »körperliche Regeneration« für tausendmal wichtiger für den modernen Menschen als geistig-seelische, die dann doch nur eine selbstverständliche naturgemäße Konsequenz ist!

Quelle:
Altenberg, Peter: Mein Lebensabend. Berlin 1–81919, S. 259-260.
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Mein Lebensabend: [Reprint der Originalausgabe von 1919]