Atle's Tod.

[62] Halgjerde's Oheim Svan von dem Bärenfjord war vor längerer Zeit gestorben. Einst war er im Frühjahr zum Fischen auf das Meer hinausgerudert; da überfiel ihn ein schweres Unwetter, welches sein Boot auf eine Klippe warf, so daß es zersplitterte. Einige Fischer, welche in der Nähe waren, versicherten, sie hätten Svan in den Felsen hineingehen sehen, woselbst die Berggeister ihn mit Freuden empfangen hätten. Andre sagten, es sei an dem Gerede kein wahres Wort; aber soviel war gewiß, daß man später niemals etwas von ihm gehört noch gesehen hat. Er hatte einen unehelichen Sohn hinterlassen, namens Brynjolf Roste, der ein böser Mann und zu jeder Uebelthat bereit war. Diesen[62] ließ Halgjerde holen, nachdem Kol getödtet war, damit er ihr als Werkführer diene. Gunnar war das nicht angenehm, aber er wollte keinem von Halgjerde's Sippe die Thür weisen. Er gestattete also dem Brynjolf den Aufenthalt auf Hlidarende, vermied es aber mit ihm zu reden, wenn er ihn auch sonst nicht schlecht behandelte. Nial wünschte dagegen, Atle möge sich von Bergthorshvol entfernen, und als der Frühling nahte, bat er ihn, er möge wieder nach den Ostfjorden zurückkehren; »Halgjerde wird Dir sonst nach dem Leben stehen,« fügte er hinzu. »Davor fürchte ich mich nicht,« antwortete Atle, »was mich angeht, so bleibe ich lieber.« Nial hielt es nicht für räthlich, aber Atle bat ihn darum, daß er bleiben dürfe. »Nur eins möchte ich mir ausbitten,« setzte er hinzu, »daß, wenn ich getödtet werde, keine Sklavenbuße für mich gezahlt werden möge.« »Es soll Buße für Dich gezahlt werden wie für einen freien und selbständigen Mann,« sprach Nial, »und außerdem wird Bergthora Dir ein Versprechen geben, das sie auch halten wird, nämlich daß Mannesrache sich um Deinetwillen erheben soll.« So blieb denn Atle auf Bergthorshvol, und die Zeit des Altings kam heran. Gunnar ritt zum Ting mit seinem Bruder Kulskjäg, und auch Nial zog dahin mit seinen Söhnen und nichts störte das gute Verhältniß zwischen ihm und Gunnar. Bergthora sandte Atle nach Thorolfsfjeld hinauf, um dort eine Woche hindurch zu bleiben und im Walde Kohlen zu brennen. Das geschah ganz heimlich, aber Halgjerde erfuhr es dennoch. Sie befahl nun Brynjolf, er solle dahin reiten und Atle tödten; aber Brynjolf machte Ausflüchte. »Wäre doch Thjostolf nur noch am Leben,« rief Halgjerde aus, »der würde nicht feige zurückschrecken.« »Du brauchst mich nicht feige zu schelten,« entgegnete Brynjolf, holte seine Waffen und sein Pferd und ritt nach Thorolfsfjeld. Dort sah er ostwärts vom Hofe einen dicken Rauch aufsteigen; er ritt auf denselben zu, sprang vom Pferde, band es fest und schritt der Stelle zu, wo der dichteste Rauch war. Er erblickte einen Mann am Kohlenmeiler, der seinen Speer neben sich in die Erde gepflanzt hatte. Er schlich nun vorwärts vom Rauche gedeckt; Atle aber war so[63] eifrig mit seiner Arbeit beschäftigt, daß er ihn nicht kommen sah. Da hieb ihn Brynjolf mit der Axt auf den Kopf, Atle aber that einen so gewaltigen Sprung, daß Brynjolf die Axt fahren lassen mußte. Atle ergriff seinen Speer und schleuderte denselben nach ihm, jedoch Brynjolf warf sich platt auf den Boden, so daß der Speer über ihn hinsauste. »Es war Dein Glück,« sprach Atle, »daß ich Deines Angriffs nicht gewärtig war. Komm, hole jetzt Deine Axt, ihre Pflicht hat sie redlich gethan, und gehe dann heim, Halgjerde zu melden, daß ich todt bin. Es ist mir ein Trost, daß Du bald dasselbe Ende nehmen wirst.« Brynjolf antwortete nicht und holte auch nicht seine Axt, ehe Atle ausgeathmet hatte. Darauf ritt er nach Hlidarende und verkündete Halgjerde, daß er nun vollendet habe, was sie ihm aufgetragen. Sie sandte zuerst einen Boten nach Bergthorshvol und ließ Bergthora ansagen, jetzt sei Kol's Tod gerächt, und darnach sandte sie einen Mann zu Gunnar auf das Ting und ließ ihn benachrichtigen. Gunnar und Kulskjäg begaben sich sogleich zu Nial. Ersterer erzählte ihm, was vorgegangen sei und bat ihn, selbst darüber zu entscheiden. Nial sprach: »Es ist ja unser Vorsatz, daß kein Zwist je uns trennen soll; aber Atle halte ich für mehr als der Sklavenbuße werth.« Gunnar erklärte sich einverstanden, er reichte Nial die Hand und der Vergleich wurde geschlossen. Skarphedin versetzte: »Halgjerde läßt unsre Sklaven nicht an Altersschwäche sterben.« »Auch Deine Mutter thut das ihrige, daß zwischen unsren Höfen Schlag auf Schlag folgt,« erwiderte Gunnar. »So ist es in der That,« fiel Nial ein, und darauf schätzte er die Buße auf ein Hundert in Silber oder auf drei Mark (etwa 36 Thaler), welche Gunnar ihm sogleich auszahlte. Viele von den Umstehenden meinten, es sei zu viel. Gunnar aber zürnte ob der Rede und sagte, es sei die volle Buße für manchen Mann gezahlt, der nicht tüchtiger gewesen sei als Atle. Darauf ritten sie heim vom Ting. »Jetzt hast Du Dein an Atle gegebenes Wort eingelöst,« sagte Bergthora, als Nial ihr das Geld zeigte, »aber ich habe das meinige noch nicht gehalten.« »Dessen bedarf es auch nicht,« versetzte Nial. »Früher warst Du andrer Meinung,« entgegnete[64] sie, »und es soll auch so geschehen.« Halgjerde aber fragte Gunnar, ob er für Atle als für einen unabhängigen Mann Buße erlegt habe. »Er war ein unabhängiger Mann,« sagte Gunnar, »und niemals werde ich Nial's Mannen ungebüßt lassen.« »Ihr gleicht einander, ihr beide,« erwiderte sie, »denn feig seid ihr beide.« »Das wird sich zeigen,« sprach Gunnar, und war seitdem lange wortkarg gegen sie, bis sie sich ihm wieder näherte. Der Winter aber verfloß wie gewöhnlich ruhig.

Quelle:
Die Njalssaga. Leipzig 1878, S. 62-65.
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