Siebente Scene.


[288] Vorige. Thomas, Doktor Hammer.


THOMAS in freudiger Aufregung eintretend. Küss' d'Hand, Frau Mutter!

ALTE HAMMER. No, hast doch amal z' Haus g'funden? Ja, dein' Mutter z' sein, das is schon a Freud'! Du bist die Angst gar nit wert, dö mer um dich aussteht. Und wie er daherkommt, er dürft's beste Gewissen von der Welt haben! 's Nachtschwärmen, das is dir grad noch ab'gangen zu all' dö andern Tugenden, dö dir fehl'n!

FRAU XANDL. Und Damen im Kaffeehaus sitzen lassen, is auch schön!

ALTE HAMMER. Reden Sie da nix drein!

FRAU XANDL. Freilich, ich werd' mi von Ihnen beleidigen und von ihm zurücksetzen lassen, fallt mer ein!

THOMAS für sich. D'Frau Xandl, die kommt g'leg'n wie d'Katz' bein Fleischschneid'n.

ALTE HAMMER. I hab' nie g'hofft, aus dir was Besonders z' ziehen und im guten auch nur wenig g'richt't, drum hast du als Bub' mehr Schlag' wie z' essen 'kriegt und ich hab's seither niemal an der g'hörigen Strengen fehlen lassen, und wie die notwendig war, das zeigt sich heut wieder, wo sich herausstellt, daß s' gar nix g'nutzt hat.

FRAU XANDL. Wieviel Melanschen ich aus Zeitlang g'trunken hab', das denken S' auch nit.[289]

THOMAS. Ich zahl' s' alle samt dö Bröder.

FRAU XANDL. Als ob ich drauf anstund'!

THOMAS. Frau Mutter – Frau Xandl!

ALTE HAMMER. Neun mich nit in ein' Atem mit der!

FRAU XANDL. Dö G'fälligkeit wollt' ich mir grad auch ausbitten.

ALTE HAMMER. Nur das sag' ich dir noch, daß ich dich aufgib; denn jed's Wort weiter wär' doch z' viel g'red't für ein' Menschen, der sich seine Liederlichkeiten auf so a Zeit aufspart uud seiner Mutter a Aufführung, wie dein' heutige, als Christkindl vermeint.

THOMAS. Aber, Frau Mutter – Er streckt den Arm nach ihr aus.

ALTE HAMMER zurückweichend. Du, rühr mich nit an!

THOMAS. I will ja nur, daß S' Ihnen den Herrn anschau'n, den ich mitgebracht hab', dann verschlagt's Ihnen g'wiß die Red' und das is der einzige Effekt, der mir gegenwärtig notthut.

HAMMER tritt hervor. Mutter!

ALTE HAMMER. Jesses, das is doch nit gar –?

THOMAS. Der Arthur – unser Arthur!


[290] Rasch aufeinander.

FRAU XANDL. Dös is der Herr Doktor?

FLORIAN. Unser besserer Herr Sohn!

ALTE HAMMER ist auf Hammer zugegangen. Mein Gott! Bald hätt' ich 'n nimmer kennt. Kommst endlich doch einmal? Grad vorhin hab' ich davon g'red't, daß d' dich aber auch gar nie hast anschau'n lassen, und wie wenig Zeit wohl mehr dazu wär' – und da is er jetzt! Faßt ihn an der Hand. Na, grüß dich Gott!

THOMAS für sich. Der kommt billig draus. Er war d'Jahr lang weg und mir macht s' weg'n einer einzigen Nacht so ein' Spektakel.

ALTE HAMMER. Na und wie geht's dir denn? Ausschauen thust gut.


Sie tritt einen Schritt zurück und mustert ihn mit wohlgefälligem Kopfnicken.


THOMAS für sich. Zum Glück hat s' d'Brillen nit auf.

ALTE HAMMER. Und was macht denn d'Familie? Alle wohlauf und alles im Rechten? Gelt? I denk' mer's eh'! Aber leg ab, mach dir's kommod'! Du wirst mir doch nit etwa gar gleich wieder davonlaufen woll'n? Da denk nit dran, das gibt's nit. Du lieber Himmel, wie's da heut bei uns noch ausschaut. Sie tritt an den Tisch. Na, wart a bissel, gleich is da wegg'räumt, dann setzst dich nieder. Sammelt Tüten und Pakete in ihre Schürze und nimmt dann die Tasse mit dem Kaffeegeschirr in die Hand.

THOMAS. Florian, räumen S' Ihnen auch aus'n Weg, machen S', da S' auf die Post kommen. Er ist ihm behilflich, den Pack auf den Rücken zu heben.[291]

ALTE HAMMER indem sie das Zusammengeraffte nach dem Schubkasten im Hintergrunde trägt und dort ablegt. Eigentlich sollt' ich recht bös' sein. Endlich, wo's ihm doch einmal einfallt, sucht er sich ein' Tag aus, wo mer alle Hand' voll z' thun hat und nit weiß, was mer z'erst angreifen soll. Aber freilich, sonst kannst halt eb'n gar nit abkommen!

FLORIAN halblaut zu Frau Xandl. Gehen S' mit?

FRAU XANDL sich abwendend, schnippisch. Mit Ihnen?

FLORIAN. Mit mir, der es Ihnen gern ersparet, Frau Xandl, daß man Sie auch hinausschafft. Wendet sich zum Gehen. Muß das sein? – 'pfehl mich Geht ab.

THOMAS. Adjes, Florian!


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 10, Stuttgart 31898, S. 288-292.
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