Zu Gott!

[63] 1884.


Wie über sturmgejagten,

Nachtwirren Wassern

Einsam der Mond wandelt,

Durch Wolken verdeckt,

So über den Welten

Schreitet Gott dahin.


Unser Auge schaut dich nicht,

Denn blind von den Lüsten

Des staubgeborenen

Sündigen Leibes

Hängt es am Boden.

Ueber uns wallt, dicht wie Bergnebel,

Nur Dampf und Rauch,

Aufqualmend vom Blute,

Das die Sünde vergossen,
[63]

Wallt zwischen dir und uns,

Daß höhnische Lippen murren:

Es ist kein Gott!


Denn alle Liebe, die du erschaust

Unter den Menschenkindern,

Ist Gemeinheit, Ekel,

Des Weibes, des Mannes Gluth

Verlöschen im Schlamm der Lüste,

Und keine Freude ist,

Die nicht in Thränen geboren,

In Thränen erstirbt.


Ich aber erkannte dich

In dunkler Thränennacht,

Als Sehnsucht in mir schwoll,

Und mild wie ein Thautropfen

In dürres Laub,

Fiel in meine Seele

Dein Erkennen.


Ich bin entbrannt in Liebe zu dir,

Ich lodre wie die Sonne,

Ich glühe wie ein Schwert

In sausenden Feuern.


Empor, empor durch den Dampf,

Der Lüfte finstern Graus!

Flügel! Flügel!


Der du dein schönes heiliges Antlitz

Verbirgst uns schmerzbeladenen,

Mühsal-Leidenden

Unseligen Menschen,

Willst Du in Qualen uns lassen,

Ewig verschließen für uns dein Herz,

Nur allein trinken

Vom Borne deiner Liebe,

Wie eine kalte schöne Geliebte

Dich berauschen an dir selber?
[64]

Aber ich will dringen zu dir,

Ueber die Welten hinaus,

Und an den morgigen Thoren,

Wo der Leib zerfällt

In mürben Staub,

Soll meine Seele umfluthet

Von strahlenden Aetherfeuern

Mit dir ringen, Hüft' an Hüfte,

Aug' in Auge gluthend,

Nicht lassen von dir,

Bis du mich gesegnet!


Daß ich niedersteige

Ein besserer Prometheus,

In beiden Händen

Schwertragend eine feuerglühende

Dampfende Opferschale,

Gefüllt mit den krystallreinen

Leuchtenden Wellen deiner Liebe.


Daß ich sie ausgieße

Ueber die dürstende Erde,

Ueber die armen und elenden

Leiderfüllten Menschen,

Daß aufgehe aus dem feurigen Samen

Der Gottesliebe

Goldstrahlend, sonnenumgluthet

Der Baum ewiger Freude.


Niederzwingen will ich dich, Gott,

Kämpfen um deine Liebe,

Oder in mein Hirn

Falle mit fressendem Roste

Der Wahnsinn,

Wie ein Blitzstrahl ausbrennend,

Feuer gegen Feuer,

Die Gluth der Gedanken.

Quelle:
Wilhelm Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig 1885, S. 63-65.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Das Leiden eines Knaben

Das Leiden eines Knaben

Julian, ein schöner Knabe ohne Geist, wird nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater in eine Jesuitenschule geschickt, wo er den Demütigungen des Pater Le Tellier hilflos ausgeliefert ist und schließlich an den Folgen unmäßiger Körperstrafen zugrunde geht.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon