XVII.

[38] Wer Gut hat, sich ergötzt damit

Und theilt es nicht dem Armen mit,

Dem wird versagt die eigne Bitt'.


Das Bild erinnert an die Parabel vom armen Lazarus. Ein armer Pilger mit der Muschel an dem Hute, den Stab in der einen, ein Näpfchen in der andern Hand liegt vor einem Hause. Hunde lecken ihm die Füße. Innen wühlt ein reicher Narr im Golde.


Von unnützem Reichthum.

Die größte Thorheit in der Welt

Ist, daß man ehrt vor Weisheit Geld

Und vorzieht einen reichen Mann,

Der Ohren hat und Schellen dran;

Der muß allein auch in den Rath,

Weil er viel zu verlieren hat.

Einem Jeden glaubt soviel die Welt,

Als er trägt in der Tasche Geld:

»Herr Pfenning!« der muß stets vornan.

Wär' noch am Leben Salomo,

Man ließ ihn in den Rath nicht so,[38]

Wenn er ein armer Weber wär'

Oder ihm stünd' der Seckel leer.

Die Reichen lädt man ein zu Tisch

Und bringt ihnen Wildpret, Vögel, Fisch

Und thut ohn' Ende ihnen hofieren,

Dieweil der Arme vor der Thüren

Im Schweiß steht, daß er möcht' erfrieren.

Zum Reichen spricht man: »Esset, Herr!«

O Pfenning, man thut dir die Ehr';

Du schaffst, daß viel dir günstig sind:

Wer Pfenninge hat, viel Freund' gewinnt,

Den grüßt und schwagert Jedermann.

Hält einer um 'ne Ehfrau an,

Man fragt zuerst: »Was hat er doch?«

Wer fragt nach Ehrbarkeit denn noch

Oder nach Weisheit, Lehre, Vernunft?

Man sucht einen aus der Narrenzunft,

Der in die Milch zu brocken habe,

Ob er auch sei ein Köppelknabe.

Man achtet Kunst, Ehr', Weisheit nicht,

Wo an dem Pfenning es gebricht.

Doch wer sein Ohr vor dem Armen stopft,

Den hört Gott nicht, wenn er auch klopft.

Quelle:
Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Leipzig [1877], S. 38-39.
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