LI.

[91] Wer Heimlichkeit nicht kann bewahren

Und jeden Plan muß offenbaren,

Dem muß wol Schaden widerfahren.


Delila schneidet dem in ihrem Schooß ruhenden Simson, dem die Narrenkappe vom Haupte gesunken ist, listigen Blickes das Haar ab.


Heimlichkeit verschweigen.

Das ist ein Narr, wer offenbart

Der Frau, was er geheim bewahrt,

Der starke Simson büßte ein

Dadurch die Haar' und Augen sein.

Es ward auch ebenso verrathen

Der Seher Amphiaráus mit Schaden.

Die Schrift schon sagt, daß man den Frauen

Nicht Heimlichkeit soll anvertrauen;

Wer Heimliches nicht kann verschweigen,

Wer Blendwerk ausübt und dergleichen

Und krümmt die Lippen wie ein Thor,

Da hüt' ein Weiser sich davor!

Gar Mancher rühmt sich großer Sache,

Wo er des Nachts auf Buhlschaft wache,

Will man sein Wort dann recht ergründen,

Wird man ihn auf dem Mist oft finden;

Daraus gar oft ersieht man auch[91]

Und merket, wo er ätzt den Gauch.

Willst du, daß ich etwas nicht sage,

So schweig, weil solches leicht ich trage;

Kannst du nicht Heimlichkeit bewahren,

Die du mir mußtest offenbaren,

Was forderst Schweigen du von mir,

Da du's nicht halten kannst bei dir?

Hätt' Ahab nicht der Jezabel

Vertrauet sein Geheimniß schnell,

Hätt' er verschwiegen Naboths Wort,

Es wär' geschehen nicht ein Mord.

Wer etwas will im Herzen tragen,

Der hüte sich, es auszusagen,

Dann ist er sicher, daß man nicht

Es inne wird und davon spricht.

Jesajas sprach: »Nicht allgemein,

Nein, mein soll das Geheimniß sein!«

Quelle:
Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Leipzig [1877], S. 91-92.
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