Eilfter Auftritt


[228] Garten mit der Statue; die beiden Mädchen sitzen auf der Bank des Piedestals.

Melanie, Isidora.


ISIDORA. Es ist eine mißverstandene Freiheit, die man uns giebt.

MELANIE. Wir dürfen sie ja nur verstehen, die Tante meint es sicher gut.

ISIDORA. Was sie Mildtätigkeit nennt, nimmt beinahe den Charakter der Vertraulichkeit an.

MELANIE. Ich tat, was ich konnte, aber er küßte mich doch.

ISIDORA. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß mich ein Fremder küßte.

MELANIE. Den Gedanken? Ich denke nicht an den Gedanken, aber den Kuß mußte ich nehmen.

ISIDORA. Ich begreife die beiden Leute nicht – Flandrische Pilger, und sprechen so gut kastilisch.

MELANIE. Ich möchte sie wohl flandrisch sprechen hören, es sind vielleicht vornehme Pilger.

ISIDORA. Die wurden nicht ohne Bedeckung gereist sein; allerdings ist etwas Edles in ihrem Betragen, und ich kann darum gar nicht begreifen, wie der eine sagen konnte, er habe in meinen Armen gelegen.

MELANIE. Das war sicher im Fieber.

ISIDORA. So küßte dich der andere auch wohl im Fieber – ich möchte ihr Gelübde kennen.

MELANIE. Vielleicht hat deiner eine unglückliche Liebe gehabt, und meiner begleitet ihn; sie reisen vielleicht, um sich zu zerstreuen.

ISIDORA. Meiner? und deiner? Du sprichst von ihnen wie von Sachen.

MELANIE. Ich weiß ja nicht, wie sie heißen.[228]

ISIDORA. Ich wollte, sie wären wieder weg, und doch habe ich Mitleid mit meinem.

MELANIE. Sieh da! Sieh da! – Deiner? Da sagst du ja auch wie ich.

ISIDORA. Ich versprach mich, wir wollen ihnen Namen geben; welcher Name ist dir am liebsten?

MELANIE. So lustig mir die Benennung »meiner« klingt, so soll meiner doch Juan heißen.

ISIDORA. Und jener, den du meinen nanntest – heiße Carlos.

MELANIE. So können wir dann ohne Störung von ihnen reden.

ISIDORA. Carlos, glaubst du also, habe eine unglückliche Liebe gehabt; ach! dann ist er sehr unglücklich, er ist so gerührt in seinem Wesen.

MELANIE. Du gleichst vielleicht seiner Geliebten.


Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 4, München [1963–1968], S. 228-229.
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