Siebentes Kapitel

[53] Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich,

So treffend, weil es rund und weich –

Wer wäre wohl so kaltbedächtig,

So herzlos, hart und niederträchtig,

Daß es ihm nicht, wenn er es liest,

Sanftschauernd durch die Seele fließt? –


Das Dörflein ruht im Mondenschimmer,

Die Bauern schnarchen fest, wie immer.

Es ruhn die Ochsen und die Stuten,

Und nur der Wächter muß noch tuten,

Weil ihn sein Amt dazu verpflichtet,


Siebentes Kapitel

Der Dichter aber schwärmt und dichtet.


Siebentes Kapitel

[53] Was ist da drüben für ein Wink?

Ist das nicht Rieke Mistelfink?

Ja, wie es scheint, hat sie bereut

Die rücksichtslose Sprödigkeit.

Der Dichter fühlt sein Herz erweichen.

Er folgt dem liebevollen Zeichen.


Siebentes Kapitel

Er drängt sich, nicht ganz ohne Qual,

In ein beschränktes Stallokal.


Siebentes Kapitel

[54] Mit einem Mäh! mit einem langen

Sieht er sich unverhofft empfangen.


Siebentes Kapitel

Doch nur ein kurzes Meck begleitet

Den Seitenstich, der Schmerz bereitet.


Siebentes Kapitel

[55] Ein Stoß grad in die Magengegend

Ist aber auch sehr schmerzerregend.


Siebentes Kapitel

Daß selbst ein Korb in solcher Lage

Erwünscht erscheint, ist keine Frage.


Siebentes Kapitel

[56] Bedeckung findet sich gar leicht;

Es fragt sich nur, wie weit sie reicht. –


Siebentes Kapitel

Und grade kommt die Rieke hier,

Der Krischan emsig hinter ihr;

Sie mit vergnügtem Mienenspiel,

Er mit dem langen Besenstiel.


Siebentes Kapitel

[57] Er schiebt ihn durch des Korbes Henkel

Und zwischen Bählamm seine Schenkel.

Nachdem er sicher eingesackt,

Wird er gelupft und aufgepackt.


Siebentes Kapitel

Er strampelt sehr, denn schwer im Sinn

Liegt ihm die Frage: Ach, wohin?[58]

Ein Wasser, mondbeglänzt und kühl,

Ist das erstrebte Reiseziel,


Siebentes Kapitel

Und angelangt bei diesem Punkt

Wird fleißig auf und ab getunkt;


Siebentes Kapitel

Worauf, nachdem der Korb geleert,

Das Liebespaar nach Hause kehrt.
[59]

Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 4, Hamburg 1959, S. 53-60.
Lizenz:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon