Preussisches Lob vnd Danck-Lied, für die erwiesene Wolthaten in diesen Vergangenem Jahre, nach dem 91. Psalm im Lobwasser zu singen

Dieß Alte Jahr hat auch sein Ziel,

Das New' ist angetretten:

Wach auff mein Lob- vnd Seiten-Spiel

Mit Danck vnd mit Gebehten,

Rhüm den allein,

Der alle Pein,

So vns bißher getroffen,

Mit starcker Hand

Hat abgewand,

Vnd heisst vns bessrung hoffen.
[250]

Wer hätte kurtz zuvor gemeint,

Dem Höchsten Lob-zu-singen?

Als Furcht war, daß der wilde Feind

Sucht' vns auch zu verschlingen,

Sein Sebel fraß

Ohn alle Maß

Der Nachbarn Gut vnd Leben,

Wir schryen: Ach

Jetzt wird die Rach

Jetzt über vns auch schweben!


Denn vnsers Hauptes Krohne war

Vns Armen abgefallen,

Daher entspann sich die Gefahr,

Vnd wütet vnter allen,

Am meisten drewt'

Vneinigheit

Auch innerliche Kriege,

Daß überall

Furcht, Angst vnd Fall

Behielten Plätz' vnd Siege.


Wo bleibt der Nahrung Abgang? Wo

Die Armut hin vnd wieder?

Eins klagt sich so, das andre so,

Es weis sein Creutz ein jeder,

So manches Hertz

So mancher Schmertz.

Nun hat es Gott gewendet,

Vnd vnser Leydt

Gleich mit der Zeit

Des Alten Jahrs geendet.


Er hat den Königlichen Stul

Vns wieder auffgerichtet,

Erhalten Rahthauß, Kirch vnd Schul

Vnd manchen Sturm geschlichtet,

Des Creutzes Last

Mit angefasst,

Vns nie zu hart geschlagen,

Vnd stets Gedult

Mit vnsrer Schuld

Nach Vaters Art getragen.


Drumb werd' Er auch von vns erhöht,

Sprecht: Vater, deine Güte,

Die über Erd vnd Himmel geht,

Ist über vns in Blüte.

Wer es ohn Sie,

Wir würden hie,

O Wir Sündhaffte Preussen,

Ein Scheusal, ja

Ein Sodoma

Vnd ein Gomorra heissen.


Du hast dein Rach-Schwerd eingesteckt,

Bist stets bey vns geblieben,

Das Wetter so vns sehr erschreckt,

Hast du gewünscht vertrieben:

Vnd allen Brod,

So viel vns Noht,

Zu richter Zeit bescheret,

Wie wird hiefür

Dir, nach Gebühr,

O Vater, danck gewehret?


Es müssen vmb dein Heiligthum

Viel tausent tausent stehen,

Durch alle Himmel deinen Rhum

Vnd grossen Pracht erhöhen.

Lufft, Erde, See,

Reiff, Hagel, Schnee

Muß', Herr, dir Ehre geben,

Vnd allermeist

Soll vnser Geist

Dich Ewig, Gott, erheben!


O Hilff vns auch dieß Newe Jahr

Mit newem Trost vnd Segen,

Nim vnsrer hohen Herrschafft wahr,

Stifft Eintracht allerwegen,

Treib Sünd vnd Schand'

Aus unserm Land'

Vnd was vns kan verderben,

Kömmt aber dann

Der Todt vns an,

So hilff vns seelig sterben.

Quelle:
Simon Dach: Gedichte, Band 3, Halle a.d.S. 1937, S. 234-235,250-251.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Raabe, Wilhelm

Der Hungerpastor

Der Hungerpastor

In der Nachfolge Jean Pauls schreibt Wilhelm Raabe 1862 seinen bildungskritisch moralisierenden Roman »Der Hungerpastor«. »Vom Hunger will ich in diesem schönen Buche handeln, von dem, was er bedeutet, was er will und was er vermag.«

340 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon