Vorrede.

Die Arzneykunst, welche in den ersten Zeiten von den Dienern der Altäre ausgeübet wurde, ist die Schule des Zweifels; Wer sich nicht entschliessen kann zu zweifeln, darf nur solche lernen. Diese so nothwendige Kunst, welche der Menschlichkeit so vortheilhaft seyn könnte, ist noch immer eine dunkle Kunst, die aller angewandten äussersten Bemühungen nur spottet, und den Stolz der kühnen Vernunft, welche uns erleuchtet, niederschläget. Nichts ist in selbiger gewisser, als die Ungewisheit ihrer Vorschriften. Sie gleichet den sumpfigten Erdreichen, in welchen ein kluger Mensch sich nicht unterstehet einen Schritt zu thun, ohne zu befürchten, daß er versinken möge. Man müste, wenn man eine Geschicklichkeit darinnen erlangen wollte, das Spiel, die Triebfedern, den Lauf, ja selbst die eigensinnigen Einfälle der Natur vollkommen kennen lernen, wovon wir doch gleichwohl gar nichts wissen; man müste eine Kenntniß von dem Verhältniß der Wesen haben, welche sie regieret; man müste die Regeln beobachten, welche sie in ihrer Art und Weise zu handeln und zu wirken befolget; ihre Absichten bemerken, und so gar in den Abgrund ihrer Anschläge eindringen können, und alles dieses ist uns doch verborgen. Alles giebt uns zu erkennen, daß wir uns vergebens bemühen, diesen unauflöslichen Zweifel zu überwinden, welcher das Wissen der Menschen beständig fort quälet.

Wir können also auf keine andere Art jemals hoffen, einige ihrer Geheimnisse zu errathen, als wenn wir der Natur, der unergründlichen Natur nachforschen; sie bisweilen in einigen ihrer Versehen überfallen, oder ihr bey ihren Umwegen genau nachzuspüren suchen. Die Zufälle sind das einzige, wodurch das schwache Licht, welches die Aerzte erleuchtet, einigen grösseren Schein erlanget. Ich habe die Fälle, welche in diesem Werk vorkommen, nur für diejenigen Aerzte gesammelt, welche denken können, keinesweges aber für verwegene und von ihren vermeintlichen eigenen Einsichten eingenommene Leute. Ich habe solche zu dem Ende angeführet, um sie zu überzeugen, und mich zu versichern, daß nichts unbeständigeres, als die Natur, welche man unveränderlich nennet, und nichts leerer und unfruchtbarer als unser Wissen seye.

Soll man aber deswegen von der Erlernung und Nachforschung der Arzneykunst abstehen? Das wolle GOtt nicht, daß mein Herz nur daran denke, noch daß ich jemals die Wohlthaten eines Boerhave, Senac, Lieutaud, Poissonnier, Lorry, Quesnoy etc. solchergestalt verkleinern sollte, daß ich jemand zu bereden suchte, von dieser Kunst gänzlich abzustehen. Wir wollen deswegen, weil wir keine neuen Wege in dem Luftraum entdecken können, die sicheren Mittel, die wir haben, auf dem Meer zu seegeln, nicht vernachlässigen.

Wir wollen uns das Wenige, was uns zugestanden worden ist, zu Nutze zu machen suchen, aber auch dieses Wenige in aller seiner Mittelmässigkeit erkennen: wir wollen uns bemühen, solches zu erweitern; wir wollen die Fälle untersuchen; der Erfahrung folgen; und die Einwendungen, womit man solche laugnen will, vernichten. Die Erfahrung hat die Arzneykunst gezeuget, sie muß solche auch befördern; sie hat wenigstens allein das Recht unsere Schritte zu leiten, und unsere Unternehmungen zu entscheiden. Man soll nicht eher schreiben, bevor sie ihre Vorschriften an die Hand giebet, und nicht eher zu Werke gehen, bis sie vorhero die erforderlichen Maasregeln angezeiget hat.

Sollte man vielleicht finden, daß ich bey dieser Sammlung der seltsamsten Fälle, und sonderbarsten Begebenheiten mehr vergnügt als unterrichtet hätte, so bitte ich zu bedenken, was ein geschickter Schriftsteller hievon saget; daß die verständigen Practici aus allen diesen Bemerkungen gewisse Absichten zu ziehen wissen, welche in den Augen derer, die sich von ihrer Bahn zu entfernen befürchten, blos für seltsam geachtet werden.

Quelle:
[Dumonchaux, Pierre-Joseph-Antoine] : Medicinische Anecdoten. 1. Theil, Frankfurt und Leipzig 1767 [Nachdruck München o. J.].
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